Rufus Wainwright

Talent kennt keine Gnade

25.02.2005, 12:05, Text: Markus Koch, Markus Koch
[6 Kommentare]

Man stelle sich vor, Elton John wäre jung, schön, begnadet und cool - und schon hat man ein ziemlich treffendes Bild von Rufus Wainwright, einem schwulen Mann am Klavier, der spielt, als gäbe es kein Morgen mehr. Er ist in Montreal und New York, wo er heute lebt, aufgewachsen. Ich kenne Rufus Wainwright von meinem Chef Wolfgang. Weil ich ein ganz gutes Verhältnis zu ihm habe, war er so nett, ihn mir nicht vorzuenthalten. Er spielte mir das Album ›Want One‹ vor, und seitdem bin auch ich Fan. Denn wir sind beide auf der Suche nach Eleganz. "Den Menschen Eleganz und Glamour bringen", führt auch Rufus an, wenn er nach seiner Kernkompetenz gefragt wird.

Ich habe ihn einer Art Test unterzogen, der normalerweise dazu dient, gemeinsam mit Mitgliedern eines Unternehmens dessen Markenkern herauszufinden. Er hat ihn gerne gemacht, denn "... man muss froh sein, wenn sich jemand für einen interessiert". Aber dass mir jetzt bloß keiner denkt, dass ich mich dann so geehrt fühlte und dieser Artikel deshalb so eine total einseitige Presseinfo geworden ist. Ich war wie gesagt schon vorher Fan.

Rufus Wainwright, ein kleiner Ironiker und Schwarzhumorler. Er ist die Art von Mensch, bei dem man immer davon ausgehen kann, dass das, was er sagt, manchmal einfach nur gut klingen soll. Oder interessant. Er ist nämlich nicht nur ein besonders hübsches Kerlchen, sondern auch ein schlagfertiges, wohl wahr. Auf die Frage, wer seine Zielgruppe sei, antwortete er: "Jeder, der nicht tot ist." Was bestimmt auch "nicht geistig tot" heißen soll. Und was macht so einer für Musik? Nun, es ist Musik, die hauptsächlich davon lebt, dass dieser Mann ständig "hier" geschrien hat, als Gott die Talente verteilte. Rufus Wainwright hat Stimmbänder wie eine Nachtigall und zirpt die seltsamsten Texte daher. Und die sind auch gut. Er erzählt mit großem literarischen Geschick Geschichten wie zum Beispiel die von einer einsamen Frau, die in der Ehehölle darbt. So eine wie Marianne Faithfulls ›Lucy Jordan‹. Die jeden Abend den Wecker neben einem langweiligen Karrierehengst stellen muss und nie die Tage vergessen wird, als sie in ihren Kunstlehrer verliebt war. Der Lehrer fragt sie in der Galerie, was ihr liebstes Kunstwerk sei. Sie aber ist zu schüchtern, um einfach und ehrlich zu sagen: "Sie!" So festgehalten in ›Art Teacher‹ auf ›Want Two‹, seiner neuen Platte. Mich als jemand, der gerne Pathos kostet, berührt so was unendlich. ›Want Two‹ und ›Want One‹, der Vorgänger, sind seine Platten drei und vier und echte Meilensteine in der Musik zurzeit. Die Stücke, die Rufus Wainwright schreibt, sind vielschichtig, könnerhaft komponiert und arrangiert, perfekt instrumentiert. Wer Scott Walker oder Brian Wilson mag - der hier ist einer der wenigen, der das Erbe ernsthaft antreten könnte. Das muss auch der alte Beach-Boys-Kumpel und ebenfalls unter Genieverdacht stehende Van Dyke Parks erkannt haben: Er hat das Orchester auf ›Want Two‹ mit arrangiert.

Angefangen hat meine totale Hingabe an diesen jungen Mann eigentlich mit dem Stück ›Oh What A World‹ auf ›Want One‹. Bei ›Oh What A World‹ wird das bekannte Thema aus Ravels ›Bolero‹ eben mal kurz als dramatische Streichereinlage benutzt. Dazu grunzt eine tiefe Tuba den Rhythmus. Rufus ist ein Meister des Arrangements. Wirkt bei anderen Virtuosität oft gönnerhaft, handgemacht und klebrig, gibt er den Mozart, als wäre es die einzige Art, moderne Popmusik zu betreiben. Er hat Musikalität aufgesogen wie einen Virus in der Muttermilch. Und davor mit dem Vatersperma reingespritzt gekriegt. Seine Eltern sind nämlich bekannte Folker. Ich kannte sie allerdings nicht. Sie müssen so eine Art coole Kelly Family sein, denn er hat auch noch musizierende Geschwister. Rufus Wainwright ist ziemlich weit weg von allem, was es in den letzten Jahren so an normaler Indiemusik zu hören gab. Eine Aussage, die er bestätigt: "Ich bin eine echte Alternative, mein Genre heißt nicht nur so. Denn die Musik, die sich so nennt, ist ganz schön einförmig geworden."

Rufus Wainwright ist aber trotz seiner für einen Mann diesen Alters ziemlich schrulligen, weil so erwachsenen Musik kein weltfremder Barde. Er ist zwar auch eher etwas für Ernste und Schüchterne, hat aber nicht das Tapsige, Softe zum Beispiel eines Adam Green. Während dieser wirkt, als habe ihn seine Mama nach dem Einkaufen vergessen, ist Rufus trotz seiner jungen Jahre schon ein richtiger Gentleman. Er führt den Hörer in Welten, von denen er theoretisch eigentlich noch gar nicht berichten kann. Viel, was er schreibt, klingt weise. Oder obskur. Aber immer groß. Er ist ein Siegertyp mit ganz viel Selbstvertrauen. Motivationstraining hat er nicht nötig. Er weiß: "Ich bin der Führer einer neuen Klasse: der homosexuellen Klasse." Dabei gibt er für seine Jünger die Parole aus, sich zum Schwulsein zu bekennen: "Ich treffe oft diese Jungs, die auf extrem hart machen, damit niemand merkt, dass sie schwul sind. Das finde ich schade." Er ist auch deshalb in New York zu Hause, weil es dort seiner Meinung nach "... die schönste Erfindung der Welt" gibt: die New Yorker Schwulenszene. Konkurrenten hat er laut eigener Aussage keine: "Ich habe sie alle mal nach Alaska in ein Blockhaus eingeladen, von außen abgeschlossen und es dann in Brand gesteckt." Das Faszinierendste an ihm sind seiner Meinung nach "... mein gottgegebenes gutes Aussehen und mein Talent". Seine Zielgruppe sucht und findet in ihm nach seinen Worten "... die Lösung für ihr Verlangen nach Flucht aus dem grauen und unglamourösen Alltag". Keiner verkauft Glamour im Moment so überzeugend wie dieser junge Emigrant aus Montreal. Sein Versprechen an seine Zielgruppe ist, ihnen "... die Fähigkeit zur Entspannung zu verleihen und in der Musik aufzugehen." Das Ungewöhnlichste an ihm ist, "... dass ich rückwärts altere. Ich wurde mit hundert Jahren geboren und werde jedes Jahr jünger." Auch wenn der kleine Schelm wieder mal gescherzt hat - er ist meiner Meinung nach im Moment einer der wenigen, die wunderbar ungewöhnlich sind. Kein Wunder, dass er, nach seiner wichtigsten Botschaft gefragt, ohne lange zu zögern antwortet: "In the end, the good guys will win and beauty will take over." Danke Wolfgang.

Das Unternehmen
Name: Rufus Wainwright Gegründet: als der Chef anfing, Musik zu machen Mitarbeiter: einer, plus phasenweise freie Mitarbeiter Produkte: extrem langlebige Musik unter den Namen ›Rufus Wainwright‹ (1998), ›Poses‹ (2001), ›Want One‹ (2003) und ›Want Two‹ (2004) Umsatz: geheim Zielgruppe: alle, die nicht tot sind Kernkompetenz: die weltweite Verbreitung von Eleganz

Van Dyke Parks
Legendärer Musiker, der in den späten 60ern in der kalifornischen Folkszene auf den Plan trat. Spielte mit den Byrds und schrieb ›Heroes An Villains‹ - ein legendäres Beach-Boys-Stück - zusammen mit Brian Wilson. Auch beim legendären Album ›Smile‹ war Van Dyke Parks mit von der Partie.

Brian Wilson
Eine der größten Legenden des Musikgeschäfts. Kopf der Beach Boys und in der Musikpresse als eines der größten Pop-Genies aller Zeiten gehandelt. Steht für viele auf einer Stufe mit mindestens den Beatles. Sein melancholisches Spätwerk hat nicht mehr viel mit ›California Girls‹ zu tun. War lange drogen- und psychiaterabhängig.



Artikel kommentieren
  • Share/Bookmark   Auf StudiVZ teilen.
  • drucken Drucken
  • Artikel weiterempfehlen Versenden
aus Intro #125 (März 2005)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Markus Koch, Markus Koch
 
  • TimWAF 10.03.2005 | 14:32:42

    Der Artikel über Rufus Wainwright war ja wohl das Ödeste, was man zu dem in letzter Zeit vielbesprochenen Thema lesen konnte. Anstatt sich an irgendwelchen Marketing-Konzepten abzuarbeiten, hätte sich Markus Koch besser Stunden der Weiterbildung gegönnt. Das Debütalbum und "Dancer with bruised knees" von Kate & Anna McGariggle, "Career Moves" und "Therapy" von Loudon Wainwright III, alles Superplatten! Und die lieben Verwandten haben ihre Spuren im Gesangsstil von R. W. durchaus hinterlassen. Wo doch die Quellen so offen liegen, wieso muss man dann über "eine Art coole Kelly Family" fantasieren. Nebenbei scheinen mir die musikalischen Glanzlichter von Mama und Papa Kelly eher Insidern bekannt zu sein, aber vielleicht weiß Markus Koch da mehr.
    Noch kurz zur beigelegten Konzert-DVD. Ehre, wem Ehre gebührt: Wie man Kunden verärgert, da macht den Profis von Universal keiner was vor. Es ist ja eigentlich erst mal mehr als großzügig, einer normalpreisigen CD eine 90-minütige Konzert-DVD beizulegen. Leider konnte sich Universal-Deutschland wohl zunächst nicht dazu durchringen, das Album selbst zu veröffentlichen und brachte stattdessen die US-Version auf den Markt. Diese aber ist, was auch immer das bei einer Free-DVD soll, mit dem US-Länder-Code versehen. Und so ging es mir wie Christian Wessels, ich konnte das Teil nicht an den Start bringen. Ich wandte mich daraufhin wiederholt an den "Service" von Universal. Nachdem ich mich durch einige dienstleistungsorientierte Floskeln à la "wir freuen uns über Ihr Interesse", "wir bedauern" usw. gequält hatte, kam der freundliche elektronische Helfer in der Standardantwort zu dem Schluss, es müsse sich um ein Defekt der DVD handeln, angeraten sei der Umtausch beim örtlichen Fachhandel. Nun, die Universal-Produktabteilung war dann irgendwann ein Stück weiter und versah bei der zweiten Auslieferung die CD mit einem dicken Sticker, der auf die Länder-Codierung hinwies.
    Bei einem Besuch im "Normal"-Plattenladen machte ich dann eine interessante Entdeckung: Die dort vorrätige kanadische Pressung hat nicht nur 2 Bonus-Tracks, auch die DVD lässt sich problemlos abspielen. Da fragt man sich doch, wieso uns nicht einfach diese Version beschert wurde. Aber bei Universal/Deutschland ist man ja auch nicht auf den Kopf gefallen und Trara/Tusch, 3 Monate später kommt doch noch eine deutsche Fassung. Zwar hat man die Fans ordentlich genervt, aber das "Brigitte"-Special zum "One man guy" reißt es ja vielleicht raus: Rufus, der Täufer für die young urban Hausfrau zum Knuddeln. Derweil können sich Schnäppchen-Jäger schon mal auf die Suche nach verramschten Überresten der Ami-Ausgabe machen. Ich jedenfalls halte es in diesem Fall gerne mit Annette Humpe: Das Wegbrechen des Marktes ist deine gerechte Strafe, ignorante Industrie!

  • User: Bokkus
  • Bokkus 10.03.2005 | 14:52:42

    Wow, ich finde nicht einen Tipp- oder Kommafehler. Hut ab!

  • User: Jarvis Cockers Pulli
  • Jarvis Cockers Pulli 10.03.2005 | 14:58:42

    Wahrscheinlich kopiert.
    Und btw: Rufus Vater Loudon Wainwright III hat mal in drei Folgen von M*A*S*H mitgespielt.

  • felt254 10.03.2005 | 16:36:12

    Den Titel auf der Spex-CD fand ich total schnarchig. Ist das alles so? Dann versteh ich die Aufregung um diesen Herrn nicht.

  • wahr 10.03.2005 | 18:55:29
    Hausmeister TUWP
    ja, gemessen an kriterien wie "fetzig, kickend, hüpfend, smashend, dufte party abgehend" ist rufus wainwright schnarchig. bitte nicht kaufen.

  • MEIST GEKLICKT

  •  
 
  • KAUFEN

  •  
 
Anzeige
 

INTRO-TV

Eurosonic 2010 - Intro TV: Gutes und Neues aus Holland

Eurosonic 2010

Intro TV: Gutes und Neues aus Holland
... mehr

 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.

 

Gruppen


Wir lästern nicht, wir stellen nur fest!!

Wir lästern nicht, wir stellen nur fest!!

guccibrille pradajäckchen uns gehts super!

» Mehr Gruppen