Stereo Total

Le Singsang Des Sentiments

24.02.2005, 16:42, Text: Jan Kedves, Jan Kedves

Das Jahr hat für Françoise Cactus mit einer herben Enttäuschung begonnen: \"Wollita\", die Wollpuppe, die sie im letzten Jahr nach einer Sexanzeige aus der B.Z. (\"Scharfe Wollmaus, 18 Jahre jung, immer bereit\") gehäkelt hatte, wurde nicht mit dem \"B.Z.-Kulturpreis 2005\" ausgezeichnet. Cactus hatte sie für die Ausstellung ›When Love Turns To Poison‹ gehäkelt, die sich mit der \"vergifteten Seite von Liebe und Sexualität\" beschäftigte; die Springer-Blätter B.Z. und Bild nahmen die Exponate im Berliner Künstlerhaus Bethanien allerdings zum Anlass, einen absurden Kinderporno-Skandal anzuzetteln. \"Die wollten uns als die neuen Dutroux darstellen!\" empört sich Cactus noch immer.

Als Entschädigung forderte sie den \"B.Z.-Kulturpreis\" für Wollita, unterstützt wurde sie dabei von bekannten Gesichtern aus Kunst und Kultur, u. a. von Diedrich Diederichsen und Andreas Dorau. Pustekuchen: Der Preis ging vor vier Wochen an den Berliner Palast-Orchester-Führer Max Raabe. Wie in einem schlechten Film. Trost findet die Chanteuse und Literatin nun darin, dass sie mit ihrem treuen Begleiter Brezel Göring das mittlerweile sechste und bislang beste Stereo-Total-Album veröffentlicht: ›Do The Bambi‹ zündet wieder ein buntes Feuerwerk der Popmelodien, müsste allerdings - wenn es nach Bild ginge - sofort auf dem Index landen, immerhin singt Cactus darauf über Anorexie, Kannibalismus und Nekrophilie. Einmal quer durchs Alphabet der Perversionen. \"Eigentlich ist es unser düsterstes Album bis jetzt\", meint Cactus, \"aber, bon, wahrscheinlich kommt das doch in der gewöhnlichen guten Laune rüber.\" Auf dem Cover posiert das Duo in Schwarzweiß mit tristen Mienen, aufgehellt nur durch ein Neonbambi mit langen Klimperwimpern. Nichts würde zu Stereo Total besser passen als dieses Kuscheltier: Es propagiert offensive Naivität als Überlebensstrategie in der kaputten Welt, diese \"monde absurde\".

Kulturpolizisten werden ›Do The Bambi‹ - und wohl auch Cactus' gerade erschienenes Hörbuch ›Neurosen Zum Valentinstag‹ - dann wieder zum Anlass nehmen, zu monieren, Cactus kultiviere nach über 20 Jahren wohnhaft in Berlin immer noch ihren Akzent. \"Franzosen haben eben so einen Singsang, damit drücken sie ihre Gefühle aus\", erklärt Cactus. \"Wenn ich anfangen würde, in diesem straighten deutschen Rhythmus zu reden, kapp-kapp-bumm-bumm, hätte ich den Eindruck, ich spiele irgendeine Rolle.\" So trällert sie auf ›Do The Bambi‹ wieder in unterschiedlichen Einfärbungen mal Deutsch, mal Französisch, mal Englisch, und das über quietschigem Elektro-Rock, der - wenn man den Produzenten Cem Oral als \"graue Eminenz im Hintergrund\" mitrechnet - nicht nur aus deutsch-französischer, sondern auch aus türkisch-finnischer Ko-Produktion stammt. Musik, die jegliches Quotendenken ad absurdum führt. Wo bleibt der Kulturpreis?



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aus Intro #125 (März 2005)
 
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