The Kills

Eine himmlische Familie

24.02.2005, 16:19, Text: Christian Steinbrink, Christian Steinbrink

\"Unsere Beziehung hat unser Leben verändert. Ich habe mal in den Linernotes einer Led-Zeppelin-Platte gelesen: ›Man hat die Chance von 1:1.000.000, dass solche vier Typen zusammentreffen und miteinander musizieren.‹ Sie waren wie vier Teile, die zusammen ein Ganzes ergaben. Sie hatten die perfekte Dynamik. So ist es auch bei uns: Ich habe noch nie jemanden getroffen, der mir so ähnlich ist, dieselbe Energie hat, dieselben Gefühle, denselben Geschmack, dieselben Ansichten über Kunst und Musik.\" Jamie Hince (a.k.a. Hotel von den Kills) sieht eigentlich gar nicht so aus wie jemand, der zu flammenden Liebeserklärungen neigt. Eher wie der typische stylishe Londoner Bohemian.

Was er da sagt, ist aber grundehrlich gemeint, denn er spielt in einer Band, die einen ganz besonderen Gründungsmythos ihr Eigen nennt.

Rückblende, ans Ende des letzten Jahrtausends: In London trifft Jamie die US-Amerikanerin Alison Mosshart, die gerade mit ihrer Band Discount eine Europatour macht. Er selbst hat gerade seine eigene Band Scarfo aufgelöst und spielt seitdem mit ein paar vagen Solo-Ideen herum. Bevor Alison in ihren Heimatort in Florida zurückkehrt, tauschen die beiden ihre Adressen aus. Ein reger Briefverkehr beginnt und will nicht enden. Ein paar Monate später beschließt Alison, sich ein Flugticket zu kaufen, sagt ihrer Mutter Bescheid und wandert nach London aus. Zu Jamie. Sie nennt sich fortan VV, und die beiden gründen The Kills. Sie erklärt das ganz lapidar: \"Es war eigentlich keine besondere Entscheidung. Ich wusste immer, dass ich irgendwann mein Kaff und den Süden der USA verlassen wollte. Ich habe diese Gegend immer gehasst. Ich war ja schon vorher sieben Jahre in einer Band und ständig auf Tour, deshalb war es nicht so schwer, meine Heimat zu verlassen.\" Und Jamie setzt hinzu: \"Wenn man seine Wurzeln nicht in Jobs, Beziehungen oder Nationalitäten sieht, sondern dir die Kunst am Wichtigsten ist, kommt dir so eine Veränderung nicht so gewaltig vor, wie es vielleicht den Anschein haben muss.\"

Fortan widmen sich die beiden gemeinsam der Kunst, ihrer Kunst. Damit meinen sie nicht allein die Musik, sondern auch Malerei und Fotografie. Alles kulminiert nun in ›No Wow‹, ihrer zweiten Platte. Alison: \"Nach dem Release unserer ersten Platte waren wir lange auf Tour. In dieser Zeit schrieben wir keine Musik, bekamen aber unglaublich viel Input, von Texten, die wir selbst schrieben, bis hin zu Flyern, die wir aus irgendwelchen Restaurants mitnahmen. All die Erfahrungen, die wir in dieser Zeit auf Tour machten, beeinflussten später unsere Musik und wurden zur Grundlage für die neuen Songs.\" Nach der langen Zeit auf Tour reisten die Kills nach Benton Harbour, Michigan und bereiteten ihre neue Platte vor. Sie sichteten dort alles, was sich in den letzten Monaten angesammelt hatte, diskutierten neue Ansätze und versuchten sich darüber klar zu werden, wie ihre neue Platte klingen soll. Jamie: \"Es besteht ein wichtiger Unterschied dazwischen, ob du vor den Aufnahmen über eine Platte nachdenkst und sprichst oder ob du es währenddessen tust. Man neigt nämlich dazu, eine Platte zu überkonzeptionalisieren. Wenn man diesen Fehler im Studio macht, braucht man länger als ein Jahr für die Aufnahmen. Das kann sehr selbstzerstörerisch und darüber hinaus teuer sein. Wir haben also im Vorfeld der Aufnahmen viel über unsere Platte nachgedacht und sie ausdiskutiert. Wir haben darauf hingearbeitet, im Studio eine konkrete Idee zu haben, die wir nur noch umzusetzen brauchten. Selbst wenn es dann misslingt, ist die Arbeit als Produkt deiner Überlegungen noch relevant. Du hast wenigstens das gemacht, was du vorhattest.\"

Und was war das Resultat dieser Überlegungen? Jamie: \"Als wir unsere erste Platte ›Keep On Your Mean Side‹ schrieben, waren wir darauf bedacht, unseren Sound auf das Nötigste zu reduzieren. Wir wollten ihn klingen lassen, als bestände er nur aus Haut und Knochen. Das Problem im Vorfeld der Aufnahmen zur neuen Platte war, dass wir nur drei oder vier Wochen hatten, um die Platte zu schreiben. Zwei Monate wären okay gewesen, aber so befanden wir uns ständig unter Zeitdruck. Wir hatten aber gemerkt, dass wir unsere Lieblingssongs vom ersten Album immer in nicht mehr als zehn Minuten geschrieben haben. Wir haben also in erster Linie auf diese magischen zehn Minuten gewartet, um in die richtige Inspiration für einen Song zu gelangen. Und viele Songs auf dem neuen Album sind wirklich in einer Zeitspanne unter einer halben Stunde entstanden. Die neuen Songs sollten nicht mehr danach klingen, als wären sie nur aus Haut und Knochen. Jeder Song ist für sich genommen ein kleines schlagendes Herz. Jeder von ihnen kam vom Herzen und nicht so sehr aus dem Kopf.\" The Kills sind eine Band mit einem sehr umfassenden theoretisierten Überbau. Sehr untypisch für eine Indieband. Dementsprechend liegen die Vorbilder von Alison und Jamie auch nicht dort, wo man sie im ersten Moment vielleicht vermuten würde: \"Velvet Underground sind ein wichtiger Einfluss für uns. Wenn du ihre Alben vergleichst, zum Beispiel ›Nico‹ mit ›Loaded‹, klingen sie zwar sehr unterschiedlich, aber absolut nach Velvet Underground. Allein schon durch Lou Reeds Stimme. Das wollen wir auch: Wir wollen, dass jede Platte eine Entwicklung darstellt. Wir wollen eine Band sein, die jede Art von Musik spielen kann, aber immer als The Kills identifiziert wird.\"

Ihre Ausdrucksmöglichkeiten nur auf die Musik zu reduzieren ist den Kills zu langweilig. Sie haben selbst die Musik anderer immer ganzheitlich wahrgenommen - und sehen darin auch die Spannung anderer Künstler. Alison: \"Es ist gegenwärtig oft zu beobachten, dass Künstler alles voneinander trennen wollen. Sie wollen, dass ihre Musik isoliert wahrgenommen wird. Ich finde das Gegenteil spannender und eigentlich unabdingbar. Das ganze Erscheinungsbild einer Band bewegt und inspiriert mich. Es sind verschiedene künstlerische Aspekte, die zum Ganzen beitragen und es erst einzigartig machen. Nimm zum Beispiel Mode: Mode war immer wichtig in der Geschichte der Rockmusik. Von den Beatniks bis zum Punk, überall spielte Mode eine große Rolle. Es wäre einfältig, das einfach zu ignorieren.\"

Benton Harbour
Ort \"in the middle of nowhere\", wie Alison sagt. Liegt im Bundesstaat Michigan. Zu 90 % von Afroamerikanern bewohnt. Bekannt geworden durch ein schulpädagogisches Konzept, den \"Benton Harbour Plan\", der in der örtlichen Highschool erstmals ausgearbeitet und -probiert wurde. Kam im Juni 2003 durch Rassenunruhen aufgrund eines Justizskandals in die Schlagzeilen.

Velvet Underground
In der wichtigsten Phase ab Mitte der 1960er-Jahre gehörten Lou Reed, John Cale, Sterling Morrison und Mo Tucker zum Line-up. Der Pop-Art-Künstler Andy Warhol sah sie live, entdeckte sie für sich und gewann prägenden Einfluss. Er drängte die Deutsche Christa Päffgen (a.k.a. Nico) in die Band. Mit ›Velvet Underground & Nico‹ (die sog. \"Bananenplatte\"), ›White Light / White Heat‹, ›The Velvet Underground‹ und ›Loaded‹ lieferten sie wichtige Alben der Rockgeschichte.



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aus Intro #125 (März 2005)
 
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