The Mars Volta
Zwischen Klapse und Kaffeetisch
24.02.2005, 14:31, Text:
Till Stoppenhagen,
Till Stoppenhagen
\"Sie wurde in die Hölle geworfen und stumm gemacht für all die schrecklichen Dinge, die sie gesagt hatte.\" Omar Rodriguez-Lopez kichert leise und blickt listig durch seine riesige Hornbrille, während er sich noch tiefer in das dicke, weiche Sofa sinken lässt. Ein schräges Bibel-Szenario ist das Erste, was dem Mars-Volta-Gitarristen spontan zum Titel des neuen Albums ›Frances The Mute‹ einfällt. Wohlwollend fügt er hinzu: \"Man muss nicht immer so nüchtern sein. Dinge müssen nicht immer eine Bedeutung haben.\" Zumindest keine genau festgelegte oder rationale. Was The Mars Volta viel mehr interessiert als irgendwelches semantisches Versteckspiel, ist die klare, manchmal auch schmerzhafte Intensität der unmittelbaren Gegenwart.
›Frances The Mute‹, das zweite Studio-Album von The Mars Volta, spricht in vielen Zungen. Idiomatisch sind das Spanisch und Englisch, musikalisch unter anderem Progressive Rock, Free Jazz, Salsa, Psychedelic Rock, Punk und noch etwa fünfzig andere Genres. Inhaltlich oszilliert das Werk zwischen alptraumhaften LSD-Fantasien, Dada-Lyrik und freien Wort-Assoziationen wie auf der Analyse-Couch. \"Es spielt auf der dunkleren Seite der Psyche\", orakelt Sänger Cedric Bixler-Zavalas auf der anderen Seite des Sofas und starrt an die Zimmerdecke. Die Hauptinspirationsquelle für den 75-Minuten-Trip war ein Tagebuch, das ihr 2003 verstorbener Soundbastler Jeremy Ward bei seinem Job als Repo Man gefunden hatte. \"Als Repo Man holst du im Auftrag eines Händlers Sachen zurück, die irgendjemand auf Raten gekauft hat und nicht mehr bezahlen kann\", erklärt Cedric. \"Du gehst mit einer schusssicheren Weste in die Häuser anderer Leute und ... na ja, genau genommen stiehlst du die Sachen. Es ist ein harter, gefährlicher Job. So wie in diesem Film ›Repo Man‹. Ich glaube, der Film war auch der Grund, warum Jeremy das machen wollte.\"
Die ungebremste, ungefilterte Intensität des Lebens erfahren, die Realität auf sich einprasseln lassen. Geschichten von den vergessenen Rändern. Von den heruntergekommenen Wohnungen, von den Gescheiterten, denen, die mit ihrer gesperrten Kreditkarte nicht mal mehr als Konsumvieh taugen und nun ihrer letzten Habseligkeiten beraubt werden. \"The life of a repo man is always intense\", lautet eine Dialogzeile aus dem 1984er-Streifen. Irgendwelche moralischen Fragen wird sich der 27-Jährige in seinem brennenden Lebenshunger kaum gestellt haben. \"Repo Men sind wie Cops, sie haben immer Geschäfte unter der Hand am Laufen\", weiß Cedric. Bei seinen Einsätzen fand Jeremy allerlei interessante Dinge wie Nacktfotos oder Drogen. Das Tagebuch, das ihm eines Tages in die Hände fiel, legte er jedoch nicht mehr aus der Hand. Bis zu seinem ungeklärten Tod im August 2003. \"Der Typ, der das geschrieben hatte, war auch ein Repo Man\", erzählt Cedric. \"Und er war auch adoptiert, genau wie Jeremy. Jeremy sah sein Leben in diesem Buch widergespiegelt. Das Ding wurde allmählich zu unserem Coffeetable-Buch, aus dem er ständig vorlas.\"
Einmal hatte Jeremy die Gelegenheit gehabt, seine leiblichen Eltern zu treffen. Er lehnte ab. Diese Art der Vergangenheitsbewältigung war nicht das, was er wollte. Er hatte sich bereits abgenabelt. Die Erkenntnis, dass die Menschen um einen herum, die sich wirklich um einen kümmern, wichtiger sind als zwei Fremde, mit denen man lediglich biologisch verlinkt ist, warf ein völlig neues Licht auf die Funktion der Band: \"Es veränderte unser Selbstverständnis sehr stark\", erinnert sich Omar. Familie Mars Volta. Die Erfahrungen auf der Welttournee 2003 sind ein weiterer zentraler Punkt des neuen Albums. Anders als das thematisch begrenzte Debüt ›De-Loused In The Comatorium‹ ist ›Frances The Mute‹ keine komplette Geschichte geworden, kein \"Konzeptalbum\" im engeren Sinne, sondern \"vielmehr eine Sammlung von Gedanken und Gefühlen, eine Art Collage, die sich irgendwie von selbst zu einer Geschichte entfaltet hat\", beschreibt Omar diese zerklüfteten Text- und Soundgebilde. \"Du bist an so vielen Orten, triffst so viele Menschen, die ein völlig anderes Leben führen als du selbst, ganz anders denken und fühlen. Du wirst ununterbrochen mit dir selbst, mit deiner eigenen Kultur konfrontiert. Du nimmst dich selbst ganz anders wahr, hörst dich selbst mit ganz anderen Ohren, wenn du redest, du stellst dich selbst ständig in Frage: Höre ich die Dinge wirklich so, wie sie sind, oder nehme ich sie anders wahr, weil ich aus einem anderen Land komme? Du wirst ständig daran erinnert, dass du ein gewisses Maß an Objektivität brauchst. Du musst dir bewusst machen, wer du selbst bist, um den Rest der Welt zu verstehen.\"
\"Die Figur auf unserem Album ist auf der Suche nach ihren Wurzeln\", fügt Cedric hinzu. Das Thema zieht sich in Geburts-Metaphern von Nabelschnüren, Gebärmüttern und Eingeschlossensein wie ein roter Faden durch ›Frances The Mute‹. \"Es geht um die Herkunft\", erklärt Omar. \"Egal, ob wir nun von einer Nabelschnur oder von unserem motherland sprechen. Durch die Sache mit Jeremy ist uns klar geworden, wie wichtig es ist, seine Wurzeln zu kennen, um zu erkennen, wer man ist.\" Was er meint, ist kein nostalgisches Kramen in alten Erinnerungen. Sondern die aktive Konfrontation mit der eigenen Herkunft in der Gegenwart: \"Wenn ich nach Puerto Rico fahre und sehe, wo ich geboren wurde, verstehe ich vieles an mir besser.\"
Meist bleiben diese Erkenntnisse auf einer unmittelbaren, vorsprachlichen Ebene. Cedrics Methode, Texte zu schreiben, erinnert an Glossolalie, an das wirre Reden im Zustand der Ekstase: \"Manchmal versuche ich, mit Worten Geräusche zu imitieren. Es ist einfach nur gibberish, Kauderwelsch, sonst nichts.\" Omar schreibt seine Songs meist halbbewusst, nach der Methode des automatischen Schreibens, zum Beispiel, wenn er mit der Gitarre vorm Fernseher sitzt und ziellos vor sich hin klimpert. Keine Begrenzungen, keine Regeln, kein rational fassbarer Sinn: Ihre Musik ist ein endloser Sinkflug in den Wahnsinn des Realen, ohne jemals irgendwo aufzuschlagen. \"Musik ist die beste Droge der Welt\", sagt Omar und lächelt. \"Musik bedeutet, sich zu opfern, sich hinzugeben, alles zu geben.\"
De-Loused In The Comatorium
Das Longplay-Debüt von The Mars Volta, erschienen kurz vor Jeremys Tod im Sommer 2003. Angeblich verkaufte sich das Album weltweit über eine halbe Million Mal. Es erzählte die fiktive Geschichte eines Mannes, der ins Koma fällt und schließlich beschließt zu sterben. Vorlage der Figur war ein Freund aus der Künstler-Szene von El Paso, Texas, von wo die Voltas wie auch ihre Vorgänger-Band At The Drive-In stammen.
Drogen
... sind bei The Mars Volta inzwischen abgemeldet, vom Kiffen mal abgesehen. Auch wenn die Band auf ›Frances The Mute‹ alles andere als fahrtüchtig klingt: \"Nüchternheit schreibt die besten Songs\", schließt Cedric aus den Erfahrungen, die die Voltas in den letzten Jahren haben machen müssen. \"Das Leben ist zu wertvoll, um es in einem unklaren Bewusstseinszustand zu verbringen.\"
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Heavy Load heißt die Punkband. Sie bricht alle Regeln, denn sie kennt keine Regeln. +++ Stay Up Late! heißt ihre Kampagne, mit der sie das Recht für Behinderte fordern, nachts so lange ausgehen zu dürfen, wie andere auch. http://stayuplate.org
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http://www.no-limits-festival.de/infos.html#fuenfundzwanzig





