
Savoy Grand / The Frames
Anti-London / Anti-NME
24.02.2005, 14:06, Text:
Christian Steinbrink,
Christian Steinbrink
\\"London ist eine Illusion. Die Situation der Musiklandschaft dort ist geradezu bizarr: Entweder du bist in diesem System und verhältst dich dementsprechend, oder eben nicht. Dann bist du komplett draußen, für den Großteil der Leute nichts wert.\\" Das sagt Graham Langley, der Sänger von Savoy Grand, ein sonst ausnehmend schüchterner Typ. Als wir beispielsweise nach unserem Interview noch einen Plattenladen in Köln besuchen und ich ihm das neue Kante-Album mit meinen wärmsten Empfehlungen in die Hand drücke, traut er sich kaum, die Folie aufzureißen und den Plattenspieler zu benutzen. Es muss also eine Menge Frust vorhanden sein, damit sich so einer zu solch einer Aussage hinreißen lässt.
Zurück aus der Enge
Graham Langley weiß, wovon er spricht. Er hat lange genug in London gelebt und dort für einen TV-Sender gearbeitet, der \\"much more evil than the BBC\\" sein soll. Genauso wie alle anderen Gründungsmitglieder der Band war er zwischenzeitlich aus der Kleinstadt Nottingham weggezogen, und genau daran ist die alte Besetzung der Band zerbrochen. \\"Der organisatorische Aufwand, die alten Mitglieder immer wieder an einem Ort zu versammeln, war einfach zu groß. Die Koordination von Proben und Aufnahmen blieb immer an mir hängen.\\" Musikalischer und personeller Wendepunkt war 2004 die Veröffentlichung der ›Lost Horizon‹-EP. Graham erzählt: \\"Nach dem Gig beim Haldern Festival 2002 war die Situation, dass wir über Großbritannien verstreut lebten, zu kompliziert geworden. Wir machten uns also Gedanken, in welcher Form es mit der Band weitergehen sollte. Ich bat schließlich meinen Arbeitgeber, meine Stelle um die Hälfte zu kürzen. Ich wollte zurück nach Nottingham ziehen, um von dort aus zu arbeiten und ein neues Album zu machen. Ich wollte mehr Zeit für die Musik haben. In London war es mir unmöglich, mich ernsthaft mit meiner Musik zu beschäftigen. So kam es, dass unser Schlagzeuger Kieran und ich die ›Lost Horizon‹-EP zu zweit produziert haben. Kieran begann, in der Band Klavier zu spielen. Dann stand eine einwöchige Tour durch Deutschland an. Wir mussten also schnell neue Musiker finden und fragten dafür einfach Freunde aus Nottingham, ob sie die Tour mit uns spielen wollen. So fanden wir die Besetzung, die jetzt auch das Album eingespielt hat.\\" Das neue Savoy-Grand-Album, ›People And What They Want‹, manifestiert diesen Werdegang. Und es zeigt auch deutlich auf, dass diese Platte so nie und nimmer in London hätte entstehen können: \\"Man probt dort in dreckigen, engen Proberäumen, und rechts und links von dir üben Punkbands, die lauter als du sind. Sobald du vor die Tür gehst, überfällt dich die Hektik der Straße. Als wir die ›Lost Horizon‹-EP planten, wollten wir schnell eine akustische Platte machen. Wir merkten dann, dass das sehr gut funktionierte und gar nicht so weit von unserem bisherigen Bandsound entfernt war. So nahmen wir diese Arbeitsweise auch für das Album auf, um unsere Musik etwas mehr zu fokussieren.\\"
Eine unmögliche Geschichte
\\"Für uns waren Tourneen durch Großbritannien oft sehr zehrend, denn man bekommt das Gefühl, dass man nichts wert ist, wenn man nicht im NME oder dem Melody Maker steht. Randthemen interessieren die meisten Leute nicht, in ihrer Wahrnehmung müssen solche Acts schlechter sein als die von den großen Magazinen vermittelten. Manchmal denke ich: Ihr seid so billig! Könnt ihr nicht eure eigenen Ohren benutzen, um zu entscheiden, was gut ist?\\" Der, der das sagt, ist kein blutiger Anfänger oder ewig Unverstandener. Ganz im Gegenteil. Glen Hansard kam nicht nur als Gitarrist im Film ›Commitments‹ früh zu Schauspieler-Weihen, sondern ist mit seiner Band The Frames in seiner Heimat Irland ein Popstar. Umso erstaunlicher, dass ihnen erst jetzt, bei ihrer siebten langen Veröffentlichung, die verdiente Aufmerksamkeit auch auf dem europäischen Festland zuteil wird. Um das zu erklären, muss Glen etwas weiter ausholen: \\"Wir unterschrieben unseren ersten Plattenvertrag 1991 bei Chris Blackwell für Island Records. Unglücklicherweise war das der letzte Deal, den er einfädelte, bevor er die Firma verkaufte. Wir wussten zwar, dass er nicht mehr für uns zuständig sein würde, waren uns aber über die Konsequenzen nicht im Klaren. Die neuen Verantwortlichen interessierten sich überhaupt nicht für uns. Ein paar Monate später trafen wir den zuständigen A&R, und der warf unsere CD vor unseren Augen an die Wand. Wir bekamen nicht den geringsten Support. Kurz darauf wurden wir gedroppt.\\" Das allein hätte so mancher Band schon jegliche Lust genommen, sich weiter mit der Musikindustrie einzulassen, aber es kam noch dicker: \\"Man sagt, dass es die Definition von Wahnsinn ist, wenn man denselben Fehler zweimal macht und denkt, dass etwas anders wird. Also, wir haben noch mal einen Major-Deal unterzeichnet, bei ZTT. Trevor Horn wurde für die Produktion unseres Albums verpflichtet. Der Höhepunkt dieser Zusammenarbeit war erreicht, als wir ein Demo mit neuen Songs mit ins Studio brachten. Trevor hasste diese Songs, woraufhin ich ihn bat, uns gehen zu lassen. Er sagte: ›Bitte! Eure nächste Platte wird sowieso nichts verkaufen!‹ Auch ZTT ließen uns gehen. Das ist die einzig gute Sache, die ich über das Label sagen kann.\\" Die Band richtete sich immer wieder auf an den vielen bestätigenden Bekanntschaften, die sie im Laufe der Jahre machen durfte. So nahmen sie ihre 2000er-LP ›For The Birds‹ mit Steve Albini in Chicago auf und entdeckten dort ihren neuen Gitarristen Rob Bochnik, der bis dahin in Albinis Studio als Toningenieur arbeitete. Für die neue Platte ›Burn The Maps‹ haben sie endlich ein Label gefunden, mit dem eine langfristige Zusammenarbeit möglich scheint. \\"Der Kontakt mit Anti kam zustande, als sie eine Show von uns in Austin, Texas sahen. Leider brach während dieser Show unsere PA zusammen. Wir mussten einen Teil des Sets akustisch bestreiten. Sie mochten gerade diesen Teil sehr. Das Label war interessiert, und wir merkten gleich, dass sie die Richtigen sind. Sie versprechen dir nicht das Blaue vom Himmel. Außerdem sind Nick Cave und Tom Waits auf diesem Label, und die müssen schließlich wissen, was gut für sie als Musiker ist.\\"
Commitments
Überaus erfolgreicher Film aus dem Jahr 1991 von Alan Parker, nach dem Roman ›Dublin Beat‹ von Roddy Doyle. Es wird der Werdegang einer Soulband aus einem Arbeiterviertel Dublins dargestellt. Der Erfolg steigt der Band zu Kopf, und sie löst sich auf. Glen Hansard spielt den Gitarristen Outspan Foster und sagt über die Zeit: \\"Ich war so jung und schon eine Berühmtheit. Ich konnte damit gar nicht umgehen. Vor allem, weil ich nichts dafür konnte. Film, Roman und Musik waren von ganz anderen Leuten, und ich war nur der Gitarrist!\\"
Chris Blackwell
Legendärer Begründer des Labels Island Records. Ein Labelchef der alten Schule mit einer außergewöhnlich guten Nase für neue Signings. Entdeckte Anfang der 1960er-Jahre das Potenzial von Reggae aus dessen Heimatland Jamaika und brachte ihn nach Europa. Verkaufte in den 1990er-Jahren das Label an Polygram. Startete später mit Palm Pictures ein neues Label.
Achtung, Verlosung! Wir verlosen 5 nicht im Handel erhältliche 'Fake'-Singles inkl. einem bislang unveröffentlichten Track (wer zuvor einfach mal in 'Fake' reinhören möchte, benutze dafür einfach diese e-card ). Wer teilnehmen möchte, schickt einfach eine Mail an verlosung@intro.de.
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