Maximo Park, The Chalets.

The Future Is Retro

24.02.2005, 12:19, Text: Felix Scharlau, Felix Scharlau

23.11. – London, Buffalo Bar

Der Londoner Kellerclub Buffalo Bar, in den ich zusammen mit meiner kleinen Reisegruppe, bestehend aus einem Promoter und insgesamt drei deutschen Pressevertretern, gegen 21 Uhr gepfercht werde, ist nicht gerade der Ort, an dem Großes möglich scheint: Nur eine kleine, voll gestellte Bühne am Ende der von Studenten bevölkerten Bar verkündet die baldige Anwesenheit von Live-Musik. Ansonsten erinnert der mit tragenden Betonpfeilern übersäte Raum eher an den Veranstaltungsort einer selbst organisierten Semester-Abschlussparty Heidelberger Anglisten. Und nicht an das mondäne London mit all seinen Sensationen und zukunftsträchtigen Verheißungen, von denen uns der NME seit unserer Jugend noch in der hintersten Provinz unterrichtet hatte.

Sensation ist übrigens noch das bescheidenste Attribut, mit dem die Band Maximo Park aus Newcastle Upon Tyne im Vorfeld des Konzerts bedacht wurde. Gerade mal eine, zum Zeitpunkt des Konzerts so gut wie ausverkaufte Vinyl-Single (›The Night I Lost My Head‹ / ›The Coast Is Always Changing‹) ist auf dem Markt. Aber England, besser gesagt die A&Rs Großbritanniens, standen schon seit Monaten Kopf. Galt es doch, nicht weniger als die »exakte Mischung aus Franz Ferdinand und The Strokes«, wie es vielfach hieß, zu signen, bevor es die Konkurrenz tat. Die Folge war, wie gemunkelt wird, ein Plattenfirmen-Battle ersten Ranges und – das ist wiederum sicher – ein Sieger namens Warp Records. Spätestens nun an diesem Dienstagabend soll es also via Presse auch der Rest der Welt erfahren, was dieses Jahr in Form eines Debüt-Albums auf uns zurollen wird. Die Vorgruppe The Chalets stellt sich als genau die richtige Band heraus, um der Bestätigung des erst ein paar Wochen alten Maximo-Park-Mythos’ den Weg zu ebnen: Die Zwei-Girls-drei-Boys-Band aus Dublin, deren erste EP namens ›Nightrock‹ gerade via Setanta Records erschien, unterstreicht in ihrem Set eine Liebe zum Indie-Rock amerikanischer Tradition. Die rhythmischen Brechungen und poppigen Spielereien (elektronisches Glockenspiel) erinnern an eine Mischung aus Blonde Redhead und Tegan & Sara – ohne dabei einen dauerhaften Eindruck zu hinterlassen und an die Klasse der Genannten in Sachen Pop-Dekonstruktion beziehungsweise Pop heranzureichen. Im Anschluss an den Gig bekommt der Vertreter von Warp, der bei der Anfahrt zum Club noch vermeintlich übertrieben zur Eile gemahnt hatte, eine späte Rechtfertigung: Vertreter des Q-Magazines und der BBC werden aufgrund ihres zu späten Erscheinens von den resoluten Türstehern nicht mehr zum ausverkauften Konzert zugelassen.

Der Abend in diesem zunächst fragwürdigen Etablissement hat somit endgültig ein herrliches Gefühl von Exklusivität und Spannung aufgebaut. Und das schreit nach Entladung durch den Headliner. Der betritt auch prompt aus einer als »Backstage« betitelten Mauernische heraus die circa 30 Zentimeter hohe Bühne. Fünf Herren, die im Revival des uniformierten Bühnendresses (vgl. Interpol) angenehm antagonistisch wirken in ihrem Anything-goes-Erscheinungsbild. Die herausragenden Charaktere des Quintetts sind ohne Zweifel der Graham-Coxon-Lookalike Duncan Lloyd an der Gitarre, Bassist Archis Tiku (O-Ton Visions-Kollege: »Sieht ein bisschen aus wie Apu Nahasapeemapetilon von den Simpsons.«) und natürlich der gut aussehende Sänger mit dem kantigen Gesicht und dem Allerweltsnamen: Paul Smith. Die nächste gefühlte Dreiviertelstunde hat mehr hitverdächtige Stücke im Gepäck als tatsächlich erwartet. Franz Ferdinand und The Strokes – ja, das kann auch ich nach spätestens drei Stücken unterschreiben –, aber: live ergänzt um den an Geilheit nicht zu unterschätzenden Faktor Punk. Hier in diesen durchweg simplen und kompakten Dreiminütern scheint tatsächlich etwas stattzufinden, das von Dauer sein und 2005 von sich reden machen könnte. Empfindet wohl auch das Klientel aus dem studentischen Milieu, das Paul Smith zunehmend verfällt. Obwohl dieser die meiste Zeit entweder wie ein Derwisch zappelt oder reglos ins Nichts starrt (vgl. Johnny Rotten) und dabei nicht ausschließlich sexy rüberkommt. Als Smith gegen Ende des Sets noch vorgibt, den Text des letzten Songs aus einem roten Büchlein abzulesen, mit dem er der ersten Reihe wie ein verrückt gewordener Prediger vor der Nase herumfuchtelt, ist endgültig alles gelaufen. Der Saal gehört ihm. Bester Zeitpunkt, die Bühne ohne Zugaben zu verlassen. Was auch passiert.

Schnitt. Mehrere Stunden später: Paul Smith sitzt mit seiner Clique am Nebentisch der Hotelbar, in der Rauchen verboten ist. Einer fragt Paul, ob es neue Stücke für eine zweite Platte gebe. Und der fängt an zu singen. Aus dem Stand und ohne Backing-Band. Das war auch schön. Aber wir wollen nicht zu weit vorgreifen. Warten wir erst einmal ab, bis das Debüt in den Läden ist. Dann sehen wir weiter.



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aus Intro #125 (März 2005)
 
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