Jahresrückblick 2004

Rock. Techno, Rock!

29.11.2004, 18:00, Text: arno raffeiner, arno raffeiner

Dance to the underground, hieß es Ende 2003 an dieser Stelle. Indiegirls und -boys hatten Disco, Funk und New Wave wieder für sich entdeckt, Rock ging mit Tanz wieder bestens zusammen – und die White Stripes, DFA-Acts und !!! enterten im Sturm die Clubs.

Dort blieb der Krach, die neue Energie, die Lust am Dreck natürlich nicht ohne Folgen: 2004 schlug umgekehrt der Rocker vom Technofl oor zurück. T.Raumschmiere hatte es mit seinem dreckig verzerrten Sound und live geprügelten Schlagwerk vorgemacht, diesen Sommer zog er konsequenterweise mit Band von Festival zu Festival und brachte so (egal, wie gelungen man die Umsetzung oder prinzipiell den Schritt zurück zur Bandformat-Ästhetik finden mag) das Ganze auf die großen Bühnen.

Alter Ego, die Technorocker des Jahres schlechthin, ließen sich hingegen beim Gitarren-Zertrümmern ablichten. Was Sinn machte, denn die werden bei ihnen wirklich kaputtgeschreddert und müssen draußen bleiben. Den Rock schöpfen sie genuin aus den Maschinen, aus kleinsten Industrial-Samplefetzen und aus einer Rückbesinnung auf elementare Techno-Traditionen: Experiment und Rumms statt Sophistication. Ähnliches war selbst bei einigen grandiosen Rock-Electro-Nummern von Underground Resistance zu hören, einem Label, das wegen seines Geschichtsbewusstseins als quasi heilig gilt und nicht in Verdacht gerät, billigen Trends hinterherzulaufen.

Anderswo, z. B. bei Areal, Sender und Konsorten, nannte sich dieser Sound eher Bratz oder Knarz und meinte doch immer dasselbe: kratzige, dreckige Hysterie, in your Fresse wie eine Faust. So wie bei Gringo Grinder, der mit seinem weiteren Alias Sid Le Rock das Programm zum Namen macht, in verschlurfter Lou-Reed- Manier von Whiskey, Zigaretten und Messern singt und einen Violent-Femmes-Song über steady Beats zwingt. Oder wie bei seinem Buddy Jake Fairley, der sich die Ineinanderverzerrung von Synthie und Klampfe zu einem ununterscheidbaren Kreischen zum Sound-Prinzip gemacht hat.

Schlägt also nach bald 20 Jahren Techno eine Indiesozialisierte Generation zurück, die die Faszination für repetitive Beats, mit der sie in den 90ern infi ziert wurde, mit ihrer Vorvergangenheit mischt? 2004 war das Jahr, in dem ProduzentInnen mit Probekeller-Erfahrung durch Feedback-heulende Laptops ihre Vergangenheit in neuer Form auferstehen ließen und Technoheads ihren inneren Schweinehund rausrockten. Mit dem Ergebnis, dass sich Sound und Gefühl im Club komplett verändert haben. Wie schrieb Philipp Sherburne augenzwinkernd zu Jake Fairleys bratzend verrocktem, Whiskey-Duft transpirierendem Album Touch Not The Cat: Rave’s not dead: It’s just rocking and rolling in its grave. Solche Totenfeiern dauern bekanntlich lange...

Der Artikel zu Ada / Jake Fairley / Sid LeRock findet sich in Intro #121 oder hier, jener zu Alter Ego in #116 oder hier

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aus Intro #123 (Dezember 2004 / Januar 2005)
 
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