Kelis

Glamour der kleinen Gesten

26.10.2004, 11:38, Text: Aram Lintzel, Aram Lintzel

13.09. – Berlin, C-Halle

»Unter den Brüsten solche Schwitzflecken zu haben, das ist nicht sexy. Auch die Speckschwarten, die an der Seite rausquollen – die Frau braucht einen Stylisten!« so »Katrin, MTV-Angestellte« in der Berliner Stadtzeitung Zitty. High-Fashion-Eleganz oder Cyber-Panzer – ist es das, was heutzutage von Soul/R’n’B-Sängerinnen erwartet wird? Dabei hatte sich Kelis Rogers für ihren Auftritt bestimmt ganz bewusst in ein klassisches Flygirl-Outfit geworfen: In einer sportlichen Stretch-Jeans und einem streeten Adidas-Top kratzte sie an jenem Glamour-Lack, der auch das Layout ihrer aktuellen CD ›Tasty‹ dominiert.

Ihr »I hate you so much right now« richtete sich denn wohl auch an die neoliberalen Körperdesigner: Ich scheiß auf euch, Stylisten dieser Welt!

Zunächst musste man in der halbvollen C-Halle aber einlullendes Gaukelwerk hinter sich bringen: T-Shirt-Gewerfe des lokalen Radiosender Kiss FM und Auftritte der Klingelton-Stars Raptile feat. Valezka. Schließlich feuerte ein mitgebrachter DJ (»I represent Kelis!«) mit einem hysterischen, an Funkmaster Flex erinnernden Mix das Publikum an, dann kam die Band auf die Bühne. Schnell war klar: Wie so oft bei R’n’B-Konzerten sollte die tighte Produktion der Platte zu einem eher lappigen Fusionrock-Set verkocht werden. Kelis gelang es zum Glück trotz heiserer Stimme, die Aufmerksamkeit von gelegentlichen Gitarren-Soli auf sich umzulenken. Ihr einnehmender Habitus changierte zwischen Arroganz und Verausgabung – toll, wie sich dabei eine Art Glamour der kleinen Gesten entfaltete, mit all den wegwerfenden Handbewegungen, zackigen Nackenzuckungen und flüchtigen Beckenumdrehungen. Zum Schluss spielte die Band den Salsoul-Klassiker ›Let No Man Put Asunder‹, die markante Stelle »It’s not over« endlos wiederholend. Der Auftritt war trotzdem vorbei, nach nicht mal einer Stunde. Beeindruckend war er dennoch, allerdings nicht wegen der musikalischen Darbietungen, sondern aufgrund der auratischen Selbstdarstellung der Protagonistin.



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aus Intro #122 (November 2004)
 
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