
H.P. Baxxter liest Thomas Bernhard
Alles ganz einfach?
22.09.2004, 17:55, Text:
Ulrich Kriest,
Ulrich Kriest
[6 Kommentare]
Unsere Geschichte beginnt mit einer klein gedruckten, kommentarlosen VÖ-Notiz in einem Newsletter. Als Auftakt einer neuen Reihe namens ›Reading Stars‹ soll H.P. Baxxter, seines Zeichens Frontmann von Scooter, Thomas Bernhard lesen. Solche Informationen zaubern, je nach Temperament, Runzeln auf die Stirn oder ein Lächeln auf Gesichter. Denkt man sich zumindest. Doch hier war alles anders: Wem immer ich geheimbündlerisch von meinem Fundstück erzählte, es brachen die Menschen in schallendes Gelächter aus, es verschlug ihnen die Sprache, es traf sie der glatte Hirnschlag. »Du willst mich wohl verarschen!« war eine beliebte Reaktion. Oder aber: »Der kann doch gar nicht lesen!«
Scooter, in Großraumdiscos geliebt, haben ein Image-Problem, vergleichbar wohl nur demjenigen von Rammstein, nur eben hier ausgeformt zur Farce denn zur Tragikomödie.
H.P. Baxxter liest Thomas Bernhard – so fantasiert man sich den ultimativen, chuzpegetränkten Übergriff der Popkultur auf die Suhrkamp-Kultur aus. Scooter, ausgestattet mit dem signifikant kraftmeierischen Gröl-Image, vs. Bernhard, den Nicht-Mainstream-Menschenfeind aus den Bergen – das ist, wie man es auch dreht und wendet, die eierlegende Wollmilchsau aller PR-Konzeptionalisten. Chapeau! Man wendet sich mit Grausen und ist doch neugierig, weil man wissen will, wie scheiße das denn wohl geworden ist. Hier kann es eigentlich nur Verlierer geben, oder? Andererseits ist Bernhard far out, kein triviales fishing for compliments und auch keine provokante Verdopplung des Scooter-Images. Sollte H.P. beim Vortrag nicht versagen, hätten seine Fans eine Bestätigung, die sich mit platteren Kombinationen wie H.P. liest Goethe, Kleist, Celine, Genet, Hitler, Houellebecq, Thor Kunkel oder Ernst Jünger nicht einstellte. Der Spur der Kurzinfo nachgehend, lande ich beim Frankfurter Dancefloor-Label Overdose, wo man den Aprilscherz-Verdacht dementiert und stattdessen vom Konzept des ›Reading Stars‹ erzählt. Es gehe ums Neugierigmachen auf Literatur mit einem Star als Vermittler, der allerdings die Literatur vorstelle, die ihn persönlich begeistere. Ob sich der Coup der Kombination Baxxter/Bernhard wiederholen lässt, sollte Thema unzähliger Telefonate werden: Bei Overdose versicherte man, Promis aus dem Rhein-Main-Gebiet in der Pipeline zu haben. »Sage mir, was du liest, und ich sage dir, wer du bist«, lautet das Motto der Reihe, ein Ansatz, der in Popkreisen nicht unbekannt sein dürfte. Obwohl darüber, mit Bourdieu, längst eine Meta-Ebene angenommen werden darf: Sage mir, was du liest, und ich sage dir, was du mich glauben machen willst, wer du bist. H.P. eröffnet mit den Worten: »Hi, Loihde! Hier spricht H.P. Baxxter! Richtig: H.P. von Scooter. Mit den Texten von Thomas Bernhard. Schön, dass ihr zuhört. Auf dieser CD geht es um ein Genie: Thomas Bernhard. [...] ›Warum gerade dieser Thomas Bernhard?‹ werdet ihr euch fragen. Wie passt das denn zu mir, zu H.P.? Geht das überhaupt? Eigentlich ist es ganz einfach ...« Anschließend liest H.P. einige ›Ereignisse‹, frühe Prosa-Miniaturen Bernhards, die – Kalendergeschichten gleich – um unerhörte Begebenheiten kreisen, deren überzogene Gewaltsamkeit gerne zum »Traum« abgemildert wird. Die ›Ereignisse‹ wurden nicht grundlos erst spät publiziert, die Prosa ist eher bieder als berauschend. Aber H.P. preist das »Genie«, den »überragenden österreichischen Autor«, den »großartigen Schriftsteller« Bernhard, den er schätzt, weil er (auch?) »nie und zu keinem Zeitpunkt ein Blatt vor den Mund genommen hat, dessen Texte wahnsinnig kritisch, aufmüpfig, aber durch ihren Stil wahnsinnig witzig sind, der sein Publikum absichtlich nicht geschont hat und deshalb zeitlos ist.« Man sollte sich solche apodiktischen Äußerungen am besten mit schwer norddeutschem Akzent vorstellen, denn Hans-Peter Geerdes – so H.P.s bürgerlicher Name – stammt aus dem ostfriesischen Leer. Die ausgewählten Prosastücke haben Punkrock-Single-Länge und werden von H.P. unprofessionell, aber mit Anstand gemeistert, wobei auffällt, dass sich bei bestimmten dazu einladenden Worten wie »geschlachtete Schweine« eine Scooter-Martialität einschleicht. Die in späteren Jahren immer avanciertere, zu unübersichtlichen Parataxen neigende Prosa Bernhards, die die CD abrundet, wirft den Vorleser dagegen gerne mal aus der Bahn. Trotzdem: Dies ist der Literaturhype des Herbstes – Spiegel, Stern, Focus, Scobel, Heidenreich, sie sind alle dran an dieser ultramegaokayen, ziemlich unkorrekten Geschichte. »Viel Spaß bei Thomas Bernhard!« (H.P.)
Scooter
›Our Happy Hardcore‹ war der Titel des ersten Albums des Dancefloor-Phänomens Scooter, das 1994 als Single-Projekt mit ›Vallée Des Larmes‹ startete. Legendär sind ihre funktionalen, von jeglichem Charme freien Single-Hits wie ›Hyper Hyper‹, ›I’m Raving‹, ›How Much Is The Fish‹, ›Fuck The Millennium‹ oder auch ›Posse (I Need You On The Floor)‹, die auf stets demselben Blue-Print basieren. Zu einem unendlich trivialen Melodie-Rudiment brüllt H.P. Baxxter mit Kasernenhof-Ton sinnfreie Parolen, bevor die beiden Keyboarder zu hyperaktiven Technoflummis mutieren.
Thomas Bernhard
Im Falle von Thomas Bernhard darf davon ausgegangen werden, dass das öffentliche Image des Provokateurs das Werk des Autors verdeckte. Bernhard liebte es, seine Autobiografie fiktiv zu stilisieren. Interessanterweise erschien 2003 im Hörverlag die CD ›Ereignisse‹, auf der sich (fast) dasselbe Programm wie auf Baxxters CD befindet, vorgetragen von Bernhard selbst, die Musikalität seiner Texte erstaunlich prägnant herausarbeitend.
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Kommentare
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marco fuchs 28.09.2004 | 11:42:30
immer mensch geblieben
wird gekauft.
nicoletta 28.09.2004 | 12:12:06
ich kaufe mit.
Sören 28.09.2004 | 12:47:03
Tiki-Taka-Taliban.
die kurzinfo zu scooter ist hervorragend. funktionale singles, yeah.
@mf und nicoletta: wegen scooter oder bernhard?
unbekannter_introid 05.10.2004 | 10:53:37
der artikel ist super.
was mich nur ankotzt ist die heimlich gestellte frage nach dem "darf der das?".
natürlich darf der das. wenn großraumdiskobesucher endlich mal bernhard statt die bohlen-bio in die hand nehmen, fidne ich das gut. punkt.
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