
Max Herre
Soulbruder Nummer Eins
13.08.2004, 15:48, Text:
Eric Leimann,
Eric Leimann
Wer die Entwicklung von HipHop und anderen nach Deutschland transferierten schwarzen Popmodellen wie Soul, R’n’B und Reggae nachvollzieht, kommt um den Namen Max Herre nicht herum. Als »Jesus des deutschen HipHop« hat ihn mal jemand bezeichnet. Weil er »politisch« war und so sanfte Augen hatte. Weil er einen kurzen Vollbart unter den dunklen Locken trug. Weil er nicht grimmig unter dem Base-Cap hervorlugte. Weil er 97 mit dem Freundeskreis Soul und Native-Tongue-HipHop (xxxLink1xxx) in die deutschsprachige Beat-und-Reime-Kultur einführte und damit den Mainstream eroberte. Weil Deutschland Lust auf Haut und Seele hatte. In jenem heißen Sommer 97.
Anna 97
Die Girls im Alter von 19 bis 32 schwitzten in der Hamburger MTV-Zentrale.
Max Herre 2004
Über die Arbeit an deinem neuen Album ›Max Herre‹ sagst du, dass du dich deswegen wieder für HipHop interessiert hast. Was gefällt dir am neuen HipHop?
Die Leichtigkeit. Ich finde gerade bei Leuten wie Jay Z, dass Rap heute sehr natürlich klingt. Dass er viel stärker noch als früher einen gesprochenen, erzählerischen Ansatz hat. Die Leute, die ich jetzt mag, sind Leute, die wirklich erzählen und homogen klingen. Wie in Songs eben. Weil sie sich nicht reinzwängen in Patterns. Auch weil ihre technischen Möglichkeiten auf einem Niveau sind, dass alles natürlich klingt.
Das einzig wirklich Erfolgreiche im deutschen HipHop der letzten Zeit ist Sido. Meinst du, dass diese sehr aggressiven Role-Models die Zukunft des deutschen Rap sind?
Das ist eine Zukunft von deutschem HipHop. Ich glaube, dass deutscher HipHop einfach auch für andere Leute ein Sprachrohr geworden ist. Das finde ich gut. Auch wenn sie mit dieser Ghetto-Romantik kokettieren oder das sogar mystifizieren. Aber dass sie es als eine deutsche Realität aufzeigen, finde ich gut. Ich komme aus einer Zeit, wo die Leute gesagt haben: »Hey, deutscher Rap kann nicht funktionieren. Es gibt doch gar keine Ghettos hier!« Das stimmt einfach nicht. Mal ganz abgesehen davon, dass man nicht aus dem Ghetto kommen muss, um eine Berechtigung zum Rappen zu haben. Das muss man spätestens seit De La Soul und A Tribe Called Quest nicht mehr.
Hast du eine Erklärung dafür, dass gerade das im Moment so erfolgreich ist in Deutschland?
Es gibt halt wenig deutschen Rap insgesamt zur Zeit. Man muss das aber auch als Post-Eminem-Phänomen sehen. Diese »White Trash«-Ästhetik hatte dadurch einen wahnsinnigen Hype. Es gab diese Enttabuisierung der Sprache und des Sexismus – das hat eine starke Anziehungskraft auf Jugendliche. Wenn einfach jemand kommt und alles sagt. Ohne irgendein Schamgefühl oder das Bewusstsein für eine Verantwortung.
Du selbst hast ja das konträre Image zu Sido: der sanfte Max, der Intellektuelle. Geht dir das manchmal auf die Nerven?
Auf jeden Fall. Das hat mir auch nachgehangen und dazu beigetragen, dass ich nach 2000 keine Lust mehr hatte, das zu machen. Das mediale Bild von mir hat sich so verselbständigt. Natürlich habe ich ein Stück weit selbst Schuld dran. Aber als junger Musiker hast du das auch nicht so auf dem Schirm, was man anstößt mit bestimmten Aussagen und Themen, einer bestimmten Ästhetik. Aber es ging mir schon extrem auf den Geist. Abgestempelt zu werden auf das Polit- und Intellektuellen-Image. Das war einfach nur ein Teil unseres musikalischen Selbstverständnis’, dass man eben auch was über Politik macht.
Würdest du daran etwas ändern im Nachhinein, wenn du es könntest?
Ich glaube, dass wir auch wichtig waren für die Entwicklung von deutschem HipHop. Auch in unserer Haltung den Medien gegenüber. Dass wir gesagt haben, wir wollen bestimmte Zeitungen nicht bedienen und die und die Sendungen nicht machen. Wir wollen nicht Playback spielen. Ich denke, dass das auch ein Umdenken bewirkt hat. Deshalb würde ich es nicht rückgängig machen wollen.
Charts-Maxe auf einen Blick Freundeskreis: ›Die Quadratur Des Kreises‹ (1997, höchste Position: No. 12, in den Charts: 21 Wochen, verkaufte Alben: 170.000), ›Esperanto‹ (1999, No. 3, 29, 300.000). Die erfolgreichsten Singles: ›A.N.N.A.‹ (1997, No. 6, 19, 250.000), ›Mit Dir‹ (1999, No. 9, 19, 225.000) FK Allstars: ›En Directo‹ (2000, No. 30, 10, 60.000) Joy Denalane: ›Mamani‹ (2002, No. 8, 23, 130.000)
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