
S.Y.P.H. / Der Plan
Lebenszeichen nach der verschwendeten Jugend
23.06.2004, 15:29, Text:
Markus von Schwerin,
Markus von Schwerin
S.Y.P.H. und Der Plan, zwei Bands, die Lesern von Jürgen Teipels Buch ›Verschwende Deine Jugend‹ präsent sein dürften als diejenigen, die mit der angewandten Punk-Maxime »Alles ist möglich« die Stilistik einer eigenständigen deutschen New Wave mit am meisten geprägt hatten, aber nicht annähernd die Ernte einfahren konnten wie ihre Weggefährten von DAF und Fehlfarben. Rund zwei Jahre nach der Düsseldorfer Ausstellung ›Zurück zum Beton‹ (benannt nach dem bekanntesten S.Y.P.H.-Stück) und den Blitz-Reunions besagter Kollegen DAF und Fehlfarben geben auch S.Y.P.H. und Der Plan wieder Lebenszeichen von sich.
Während S.Y.P.H. mit der Anthologie ›Ungehörsam – Essential Recordings 1978-2003‹ zu einer 150-minütigen Entdeckungsreise durch ihr größtenteils vergriffenes Werk einladen (Aktuelles soll folgen), legt Der Plan mit ›Die Verschwörung‹ ein Album mit ganz neuem Material vor. Und auch die Band selbst – wie unschwer anhand des Covers zu erkennen – ist zu 2/3 erneuert worden. Und trotzdem knüpft das neue Album dort an, wo sie vor bald fünfundzwanzig Jahren mit dem genialen Dreifachwurf ›Geri Reig‹, ›Normalette Surprise‹ und ›Die Letzte Rache‹ begonnen haben. Was beide Formationen trotz augenfälliger Unterschiede (S.Y.P.H.s Can-inspirierte Improvisationslust auf der einen, die bei Plan-Shows nur als Playback eingesetzte Minimalelektronika auf der anderen Seite) gemein hatten, war die Lust am Albern-Kindlichen, die künstlerische Autonomie, die sie sich durch eigene Labels – Prima Freude bei S.Y.P.H., Ata Tak beim Plan – schufen, und nicht zuletzt das lange Durchhaltevermögen weit übers NDW-Krisenjahr 82 hinaus.
Erst 1993 besiegelte Moritz R das Ende des Plans mit einer etwas unversöhnlich anmutenden Bandbiografie (›Der Plan – Glanz Und Elend Der Neuen Deutschen Welle‹). Bei S.Y.P.H. sollte im gleichen Jahr die Tour zum ›Rot, Geld, Blau‹-Album zum (vorläufigen) Finale werden. S.Y.P.H.-Sänger Harry Rag hielt aber auch nach seinem Umzug nach Ljubljana (wo der Experimentalfilmer seit 1995 mit seiner slowenischen Kollegin Maja Weiss lebt) den Kontakt mit Bassist Jojo Wolter aufrecht und machte 2002 den Vorschlag, an neuen Sachen zu arbeiten. Richtig ins Rollen kam dies aber erst durch die Bekanntschaft mit Chris Eckman von den Walkabouts, die sich über eine Soundtrack-Anfrage ergab: »Chris schrieb in seiner Antwort, dass wir bald Nachbarn sein würden, da er ebenfalls beabsichtige, nach Ljubljana zu ziehen. Wir wurden Freunde, tauschten unsere Musik aus, und irgendwann bot Chris an, sich bei Glitterhouse für eine S.Y.P.H.-Best-of stark zu machen. Er hat mit seinem Enthusiasmus sehr schöne Impulse für unsere neue Arbeit gegeben.« Auf ›Ungehörsam‹ ist davon lediglich eine Kostprobe namens ›Marmelade‹ enthalten, die in ihrer Wortwahl (»Du bist mein Gummibärchen / Ich bin dein Fred Astairchen«) zwar etwas stark auf Harry Rags Nachwuchs zugeschnitten zu sein scheint, andererseits ist ein gewisses Maß an Schrulligkeit – gerne verziert mit dialektalen Einschüben – immer schon das Markenzeichen von S.Y.P.H. gewesen; was wiederum für Leute wie Knarf Rellöm (›Der Bauer Im Parkdeck‹ ist noch immer Bestandteil seines Repertoires) und Blumfeld (siehe ›Schwesterlein‹) nicht von geringem Einfluss war. Zumal S.Y.P.H. – vor allem auf ihrer 85er-Do-LP ›Wieleicht‹ – oft eine Sensibilität an den Tag legen konnten, die bisweilen an die Kinks (›Pamela‹) oder Kevin-Ayers-Balladen (›Nur Ein Tropfen‹) heranreichte.
Wer dagegen vom Plan-Frühwerk geprägt sein dürfte, sind Die Türen. Zumindest auf Platte, denn live haben sie doch eher ein Rock-Ding am Laufen. E-Gitarren waren aber bei Plan-Auftritten stets tabu (und wurden lediglich als gemalte Papp-Requisiten ins Bühnenbild integriert) und sind auch auf dem neuen Werk kaum existent. Während die Ex-Plan-Mitglieder Kurt Dahlke und Frank Fenstermacher heute den Fehlfarben angehören und höchstens im Zugabenteil die ›Alte Pizza‹ hochleben lassen, war Moritz R daran gelegen, die Besonderheit des einstmals Selbst-Kreierten neu zu entdecken. Wie ein bildender Künstler (als solcher hat sich Moritz R ja auch einen Namen gemacht), der nach Jahren ein altes Motiv wieder aufgreift. »Mir ging es darum, diesen revolutionären Experimentiergeist sowohl musikalisch als auch konzeptionell wieder zu erfüllen«, erzählt Moritz R, der für diese Erfahrung neue Partner suchte und sie in Künstler Treu (Ex-Dauerfisch) und dem amerikanischen Entertainer JJ Jones auch fand. »Ich will nicht außen vor lassen, dass meine ehemaligen Kollegen momentan nicht ganz so begeistert von diesem Alleingang sind. Doch ich glaube, den Plan in ihrem Sinn weiterführen zu können, so wie ich es in den Neunzigern auch schon getan habe, als ich viel mit Andreas Dorau zusammenarbeitete.« R gestaltete damals nicht nur dessen komplettes Cover-Artwork, sondern war mit ihm (als Dekorateur und Tanzbär) auch auf Tour, hielt sich aber musikalisch zurück.
Die Lust, wieder selbst Wilhelm-Busch-artige Songtexte zu verfassen und an Synthesizer-Knöpfen zu drehen, hat sich bei ihm erst wieder mit seinem Umzug von München nach Berlin-Kreuzberg eingestellt. Mit dem dort beheimateten Künstler Treu entwickelte sich ein reger Gedankenaustausch, der im Sommer 2003 zu einer zweiwöchigen Session in der Dachwohnung einer verreisten Freundin führte, wo alles versammelt wurde, was der Privatfundus an analogen Synthesizern, Sequencern und Drumcomputern hergab. Vieles, was dort mitgeschnitten wurde, fand auf ›Die Verschwörung‹ nahezu unverändert Verwendung: Beispielsweise ›Chemiebaukasten‹ oder der Vocoder-Singsang ›Herr Mit Bowler-Hut‹. Für das Stück ›Copyright Slavery‹ begaben sie sich in den Berliner Stadtteil Moabit, um dort mit dem Kinderchor der Erlöserkirchengemeinde den Refrain »Software kann man nicht stehlen / Ideen sind frei« einzustudieren. Ein Protestsong gegen juristische Mauern, vorgetragen von der Generation, die es am meisten betreffen wird. »Ich fände es eine schöne Vorstellung, das Fenster aufzumachen und eine Schulklasse vorbeiziehen zu hören, die dieses Lied singt«, meint denn auch Künstler Treu. Als erfrischendes Update zur 84er-pc-Hymne ›Gummitwist‹ (»Papa, schenk mir einen Computer ...«) funktioniert es aber auch so.
Walkabouts
Aus Seattle stammendes Folk-Quintett mit Punk-Wurzeln, benannt nach einem Film von Nicolas Roeg, das seine ersten Platten auf Sub Pop veröffentlichte. Auf dem Cover-Album ›Train Leaves At Eight‹ (1998) zeigte die Band mit Interpretationen von Neu!-, Blumfeld- und Tilman-Rossmy-Stücken bereits ihre Aufgeschlossenheit gegenüber deutscher Popmusik.
Dauerfisch
Bis 1988 in Stuttgart beheimatetes, dann nach Berlin übergesiedeltes Duo, das mit seinem Mix aus Holger Hiller und Prefab Sprout in der internationalen Kassettenszene Kultstatus genießt. 1997 und 1999 erschienen zwei Alben auf Bungalow, die hinsichtlich des Humors gern mit dem Plan verglichen wurden und vor allem im Ausland gute Resonanz erfuhren. Split 2001.
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