
Sonic Youth
Interview mit Thurston Moore in voller Länge
26.05.2004, 17:04, Text:
Thomas Venker,
Thomas Venker
New York, Murray Street, 22.04.04
Das Gespräch beginnt mit einer kurzen Erläuterung der Idee der aktuellen Intro-Covergeschichte. Reunions auf der einen Seite. Alte (freilich tolle) Säcke, die nie weg waren, auf der anderen. Und Teenager-Nachstell-Bands als Fotomotiv, so in diesem New-Order-Videoclip im ›Crystal‹-Style. Damit aber genug Geplänkel. Rein ins richtige Gespräch.
Ihr archiviert ja all die Mitschnitte eurer Konzerte, ja, es mutet bei einem Blick in die Studioräume gar so an, als ob ihr alles, was mit Sonic Youth zu tun hat, sammelt. Von Verträgen bis zu Postern. Wie wichtig ist der Aspekt der Dokumentation für euch? In Deutschland gab es, bedingt durch die Punk-Ausstellung ›Zurück Zum Beton‹ und die Buchpublikation ›Verschwende Deine Jugend‹, einen sehr kontroversen Diskurs, ob Punk im Museum ankommen soll, ja, darf.
Wir schmeißen halt nie etwas weg.
War das dann ein Moment des Rückblicks?
Wir haben die Sachen einfach nur an der Wand angebracht, nicht chronologisch aufbereitet. Das wollten wir nicht. Aber was das Aufbewahren der Sachen angeht: Ich war schon immer groß im Archivieren. Ich archiviere alles Mögliche, beispielsweise Abertausende von Nachkriegsgedichten, die far away unter dem Radar der Mainstream-Poetry liegen – von 1950 bis heute.
Ist das dann ein rein privates Archiv?
Ja. Aber es ist verbunden mit den Archiven von Büchereien und Schulen. Bei Underground Poetry geht es wie bei Punkrock um eigene Kommunikationsnetze. Ich habe sehr viel über die Kommunikation in der Subkultur durch meine Beschäftigung damit gelernt. Das ist so ähnlich wie das Sammeln alter Noise-Tapes. Ich erinnere mich noch, dass ich vor ein paar Jahren mal einen alten Sonic-Youth-Vertrag wegschmeißen wollte. Doch ein Freund hielt mich damals davon ab und machte mich darauf aufmerksam, dass es wichtig sei, alles aufzuheben, da es ein Indiz für unsere Existenz sei. Es geht nicht um die einzelne Qualität, sondern um die Quantität. Daran zeigt sich unsere Aktivität. Dieter Roth, ein deutscher Künstler, der gerade eine Ausstellung hier in New York hat, sammelt auch immer alles: von der Kaffeetasse bis zum Zigarettenstummel. Das geht bis auf die 60er und 70er zurück und ist die Basis seiner Shows. Seine Ausstellungen sind sozusagen sein eigener Müll. Interessant. Aber sehr extrem.
Auf die Frage nach dem Archiv kam ich, da Sonic Youth ja ein, wenn nicht das Kontinuum in der Indiemusikszene darstellen. Was ein interessanter Kontrastpunkt zu all den derzeit stattfindenden Reunions ist. Lass uns aber erst mal kurz über die Reunions sprechen: Ihr habt mit Iggy & The Stooges getourt – wie war das?
Das war definitiv eine Reunion. Es war fantastisch. Wir haben mit ihnen bei ihrer ersten Reunion-Show gespielt, beim Coachella Festival letztes Jahr im Mai. Ich war von Anfang an involviert. Vor einigen Jahren habe ich Musik zum Film ›Velvet Goldmine‹ beigesteuert, gemeinsam mit Ron Ashton, dem Gitarristen der Stooges, und Mike Watt, der heute Bassist bei den Stooges ist. Steve Shelley saß an den Drums. Don Fleming spielte Gitarre und produzierte. Wir haben damals also die Stooges-Songs gespielt – und Ron hat mir gezeigt, wie er sie spielt. Ich meine, jeder spielt sie, diese drei Akkorde, ist ja nicht so schwer, ›I Wanna Be Your Dog‹ und so, aber dann sah ich, wie er sie spielte, mit diesem ganz speziellen Swing. Das war ein Crashkurs in Rock’n’Roll für mich. Ein Jahr später hat Mike Watt mit J. Mascis und Ron Ashton angefangen, Stooges-Cover zu spielen, da er krank war und das als gute Therapie sah, um seine Muskeln und Energie wiederzukriegen. Sie tourten als Stooges durch Japan und so. Wir luden sie dann ein, auch bei All Tomorrow’s Parties, die wir in Los Angeles kuratierten, zu spielen. Und plötzlich kamen sie auf die Idee, Scott Ashton, den Originalschlagzeuger der Stooges, dazuzuholen – womit sie ganz nah dran waren an den Original-Stooges. Gesungen haben damals Kim, ich, ein Typ von Queens Of The Stone Age und Mike – es gab ja keinen Iggy. Aber der hörte dann davon, rief Ron und Scott an und flog sie nach Florida ein. Und schon stand die Idee, einen gemeinsamen Gig beim Coachella Festival zu geben. Die Frage war dann nur noch, wen sie als Bassisten nehmen konnten, da der Originalbassist ja tot ist. Ron brachte Mike Watt auf, da er ja eh mit ihm spielte. Aber Iggy kannte diesen Working-Class-Typen im Flanellhemd nicht, also rief er ihn an: »Hey Mike, I know that you really like wearing flannel shirts, but maybe if you wear a one colour T-Shirt ...« Und Mike Watt antwortete: »Okay, das mit den Flanellhemden war nicht meine Idee, das habe ich von Creedence Clearwater Revival – ich trag, was immer du willst.« Und dann wollte Iggy noch ein Punkrock-Armband. Als ich Mike dann beim Auftritt sah, hatte er tatsächlich ein T-Shirt mit dem Original-Stooges-Bassisten an und ein Punkrock-Armband. Sehr seltsam.
Das Konzert war toll. Sie haben fast die gesamte ›Funhouse‹-Platte gespielt. Sie fragten uns dann, ob wir in New York und Detroit mit ihnen spielen wollten. Wir wollten damals eigentlich unser Album aufnehmen, haben das aber auf den Herbst verschoben und den Sommer mit ihnen verbracht. Die Stooges waren ein Blueprint für uns. Die beiden Shows waren irre. Der Fakt, dass die Stooges heute mit Mike Watt am Bass bestehen, ist etwas ganz Besonderes für mich. Das war nie vorhersehbar. Sie waren so voller Energie – nicht wie in den 70ern, wo sie immer zerstört waren, richtig schlecht, da sie so fucked up waren.
Hast du MC5 auf einem ihrer Revival-Gigs für Levis gesehen?
Nein.
Und den Film über sie? Ich wollte ihn mir heute Abend anschauen.
Die Doku ist wirklich gut geworden. Ich habe sie leider nur auf Tape gesehen. Unbedingt reingehen.
Was hältst du denn von der Pixies-Reunion?
Weißt du, jede Person hat ihre ganz speziellen Gründe für eine Reunion. Ich bin mir nicht sicher, was die Gründe bei ihnen sind. Normalerweise lösen sich doch Bands auf, da ihre Beziehungen wegen Positions- und Egodebatten nicht mehr funktionieren. Es geht dabei um so Zeug wie »Wer darf mehr Songs schreiben?« – Sonic Youth haben nie solche Probleme gehabt, da wir uns alle das Publishing teilen. Selbst wenn ich mit einem fertigen Song komme, gehört er sozusagen allen.
Das machen ja viele Bands nicht, dabei liegt die de-eskalierende Wirkung auf der Hand. Da es ihnen Angst macht. Warum sollte beispielsweise unser Drummer Steve Geld machen mit den Texten, die ich geschrieben habe? Weil es die Form der Band ist, unsere Art!
Genau darum ging es der Indie-Kultur ja immer, einen gesellschaftlichen Gegenentwurf aufzuzeigen und sich eben nicht von den gleichen Mechanismen prägen zu lassen wie die ganzen anderen Deppen. Ich erinnere mich an ein MC5-Interview, in dem sie erzählen, dass sie es bei den ersten beiden Alben so gehalten haben, dass alle Kompositionen der Band gehörten – da sie eine Einheit waren. Ab dem dritten Album gab es separate Credits – und das war signifikant, da begann sich die Band voneinander zu lösen.
Oft dauert es ja auch so lange, bis die Bands die Sache mit den Verlagsrechten kapieren. Aber zurück zu den Pixies. Ich kenne die Band nicht so gut, wie man annehmen könnte. Ich kenne eigentlich nur Kim Deal von unseren Kooperationen – und das war erst nach dem Split. Ich war nie allzu Pixies-enthusiastisch, da ich sie für eine durchschnittliche Light-Pop-Band gehalten habe, die wohl eher die intelligenten Studenten-Kids ansprechen wollte. Ich hingegen war an Whitehouse, Throbbing Gristle, Neubauten und Birthday Party interessiert. Ich mochte später viel von dem neuen Punkzeug: Mudhony, Nirvana – als Nirvana immer erzählten, wie wichtig die Pixies für sie waren, konnte ich das deswegen nie nachvollziehen. Ich dachte, sie scherzen. Aber sie meinten es ernst. Es machte ja auch Sinn, wenn man das Songwriting mit der simplen A-B-C-Struktur, der Laut/leise-Dynamik vergleicht. Beide sind sehr Pop-orientiert und haben auch den Buzz.
Ich weiß, was du meinst. Ich komm auch nicht auf mehr als fünf Pixies-Songs, die ich wirklich mag – und das bei vier Alben. Hoffentlich machen sie keine neue Platte. Es ist schwer vorstellbar, dass sie ähnlich gut würde wie die von Mission Of Burma. Deren neues Album hört sich ja so an, als ob es am Tag nach dem letzten Album eingespielt wurde – und nicht fast 20 Jahre später. Hast du es schon gehört?
Nein, aber ich kann mir das schon gut vorstellen. Hast du sie live gesehen?
Ja, bei All Tomorrow’s Parties.
Da habe ich sie auch gesehen. Sie waren so frisch, als seien sie eine neue Band. Sie sind ja heute genau genommen relevanter als damals. Ich kann mich noch erinnern, dass ich sie damals interessant fand, aber sie haben sich zu früh aufgelöst. Roger Miller kam wie Half Japanese aus dem Detroit-Ann-Arbor-Umfeld, dieser Midwestern-Avantgarde-Szene, deren Ausrichtung sehr spannend war.
Es gibt ja nicht nur diese beiden Reunions, sondern momentan eine ganze Schwemme: Blondie, Television, Wire, Suicide vor einigen Jahren ...
Ich denke, der Mainstream-Erfolg von Punk in den letzten Jahren hat es ausgelöst. Die Bands realisieren, wie viel der heutigen Strukturen und Bands auf ihnen beruhen – und dass es auch ein großes Interesse an ihnen gäbe, wenn es sie denn wieder geben würde. Die Pixies ziehen heute mehr Leute als damals. Ich habe mich mit dem Booker unterhalten. Die Shows waren in fünf Minuten ausverkauft. Sie wussten, dass es gut werden würde, aber nicht so gut. Er könnte sie auch in Arenen spielen lassen. Die Zeiten sind gut dafür.
Welche aktuelle Musik magst du denn?
Ich mag die Yeah Yeah Yeahs. Der Schlagzeuger ist ein Swinging-Drummer, er weiß viel vom Jazz. Und der Gitarrist, er weiß vielleicht nicht so viel von der Birthday Party, aber dafür von Derek Bailey [lacht laut]. Er spielt nicht wie er, aber er weiß um ihn. Ich mag auch die Liars, sie sind sehr radikal – wobei ihr neues Album etwas zu dünn aufgenommen ist im Vergleich zu ihren Konzerten. Bands wie Interpol und die Strokes bedienen sich nur wie so viele andere bei früheren New- und No-Wave-Bands, revitalisieren diese. Aber es gibt diese ganzen tollen Underground-Bands, besonders in New York. Es gibt zwei Fraktionen derzeit: Eine sehr Noise-orientierte, in deren Mittelpunkt die Band Wolf Eyes aus Michigan steht, sie klingen wie Throbbing Gristle, machen improvisierte elektronische Noisemusik. Sehr trashig. Pretty Hardcore. Und dann gibt es diese sehr introvertierte Folk-Drone-Szene mit Bands wie White Magic. Es gibt Festivals in ganz Amerika, bei denen beide Fraktionen zusammen spielen – einige dieser Bands haben wir zu unserem All-Tomorrow’s-Parties-Tag nach England eingeladen.
Wie war es, ATP zu kuratieren? Toll. Gerade wegen solcher Bands. Die hatte zuvor ja kaum jemand gesehen. Und fast alle liebten sie. Vor allem Jackie-O Motherfucker.
Die kennt man ja vom Wire-Cover.
Der Wire hat ja auch diese ›New Weird America‹-Geschichte gemacht, in der all diese Bands, von denen ich hier spreche, gefeaturt wurden.
Um zurückzukommen auf den Kontinuum-Gedanken: Habt ihr jemals Metadiskussionen in der Band geführt über etwas, was ich den Rolling Stones-Effekt nennen will? – Auch wenn ihr, was das Kreative angeht, eher die Beatles-Fraktion wärt. Habt ihr euch Gedanken über den richtigen Moment zum Aufhören gemacht?
Nein. Solche Diskussionen haben wir nie geführt, da wir uns nicht von außen wahrnehmen, unsere Rolle im großen kulturellen Bild reflektieren – die Kultur bewegt sich sowieso, wie sie es will, das kannst du nicht wirklich manipulieren. Gut, als kulturelle Ikone wie Madonna kannst du einwirken.
Nun, in gewisser Weise ist das Nicht-Nachdenken über das Alter ja eine sehr große Manipulation in unserer Gesellschaft, in der es immer um den Punkt geht, wann man zu alt für dies und das ist. Klar. Alle fünf, sechs Jahre sieht man neue Leute, die hinzukommen, und andere, die sich verabschieden. Damit kommen ja auch neue Ideen hinzu – deren Quintessenz man aber erst am Ende der Dekade sieht. Wir haben uns immer gesagt, dass wir uns darüber nicht so den großen Kopf machen wollen. Ein gutes Beispiel: Zur Zeit von ›New York City Ghosts & Flowers‹ meinte ein Plattenfirmen-Angestellter zu uns, wir sollten unbedingt eine Drum’n’Bass-Fusion machen.
So wie David Bowie.
Ja, genau. Damals gab es viel frischen Drum’n’Bass, sehr experimentellen, den ich auch mochte. Aber mit dieser Idee konfrontiert zu werden ... Ich wollte nicht das Bowie-Ding machen, die neue Kultur ausbeuten und in unseren Rahmen einsetzen. Das fühlt sich nicht richtig an.
Das ist ja das Spannende an Sonic Youth. Ihr interessiert euch für so viel Kunst, die selbst subkulturell betrachtet nur am Rand stattfindet, dass sich dies automatisch im Forschungsdrang von Sonic Youth widerspiegelt und gar nicht plakativ integriert werden muss.
Viele Szenen wollen ja auch nichts mit Leuten wie Bowie und uns zu tun haben. Sie wollen nicht ihre Identität beeinflusst sehen.
Das sehe ich anders. Ich denke, sehr viele elektronische Musiker würden alles geben, um mal mit euch zusammen zu arbeiten. Denkst du wirklich? Ich werde manchmal gefragt, das stimmt schon. Meistens lehne ich ab. Ich mag zwar elektronische Musik, aber ich habe das Genre nicht entwickelt.
Viele haben euch vorher gehört, wurden mit euch sozialisiert, und das prägt nun ihre eigenen Produktionen – insofern habt ihr schon Einfluss auf das Genre gehabt.
Schneider TM hat mich vor vier Jahren gebeten, einen Remix für ihn zu machen. Außer mir hat er noch elektronische Musiker wie Terre Thaemlitz gefragt. Also entschloss ich mich, etwas nicht Elektronisches zu machen und habe sein Tape im Studio mit frei improvisierter Jazzmusik verbunden. Ich mochte den Mix sehr, da zwei verschiedene Dinge zusammenkamen. Er mochte ihn auch – und hat ihn am Ende der CD platziert. In jeder Besprechung wurde der Remix als grässlich beschrieben und Schneider TM gefragt, warum er diese Free-Jazz-Hippie-Musik angefragt habe. Jemand anderem habe ich einen sehr dadaistischen Track gegeben, auf dem ich nur reingegrölt habe – und alle elektronischen Schreiber fanden es scheiße. Nur Alec Empire mochte meine Mixe. Ich möchte mit meiner Arbeit nicht die Purität der anderen Künstler zerstören. Normalerweise nehme ich deswegen keine Remixjobs an.
Wie kam es, dass Richard Hell euer Album produziert hat? Es war sein erstes Mal.
Er ist ein sehr alter Freund von uns. Er kam einfach vorbei, also haben wir ihn gefragt, ob er unser Producer sein will. Er meinte, er habe das noch nie getan. Na ja, dann haben wir uns noch ein bisschen unterhalten, und er ist wieder gegangen.
Es ist also nur ein Witz für die Linernotes? Er war nicht wirklich mit euch im Studio am Arbeiten?
Nein. Die Plattenfirma gab uns letztes Jahr eine Liste mit Produzenten, worauf wir antworteten: »Ihr wisst es vielleicht nicht, aber wir haben mit Jim O’Rourke einen der besten Produzenten, die es momentan gibt, in der Band. Warum sollten wir uns also einen holen?« Und dann fragten sie, ob er das als Bandmitglied überhaupt machen wolle – aber er musste es tun. Erstens, da wir keinen anderen externen wollten. Und zweitens, da Jim eh keinen anderen ranlässt. Ich habe sogar später nochmals gefragt, ob er es denn nicht abgeben wolle, da er sehr krank wurde während des Endmixes, eine höllische Grippe hatte. Aber er traut niemand anderem. Ich glaube, er hat gerade wegen der Krankheit ein besseres Album gemacht. Die Halluzinationen haben ihn inspiriert. Das passt ganz gut zum »Nurse« im Album-Titel.
Steht denn ›Sonic Nurse‹ auch für euch als Weltverbesserer? Wovon heilt ihr die Welt denn diesmal?
[lacht] Ich weiß nicht. Der Titel wurde ja vom Artwork bestimmt, für das wir Bilder von Richard Prince verwendet haben. Die Serie heißt ›Nurse‹. Wir mochten seine Sachen schon immer sehr und wollten sie unbedingt benutzen. Aus ›Nurse‹ wurde dann eben ›Sonic Nurse‹.
In dem Song ›Duke Ranch Nurse‹ singt Kim »Let the action begin again ( ...) let’s rehearse, let’s do it again« – das passt natürlich sehr schön zu unserem Gespräch. Trifft es das Coming-back-ins-Studio-Gefühl von Sonic Youth?
Kim hat da wirklich ganz tolle Zeilen geschrieben. Wo stehen wir 24 Jahre später?
Sie betont es ja auch noch durch diesen langsamen, zähflüssigen Gesangsstil. Es klingt wie ein Motor, der erst wieder seinen Takt finden muss.
Und am Ende sagt sie dann: »Nobody knows the shape on him.« Großartig.
Wie hat man sich die Rückkehr zu Sonic Youth nach einer Pause vorzustellen? Fühlt ihr da mittlerweile alle zur gleichen Zeit eine mystische Unruhe – oder gibt es einen Master, der die anderen ins Studio bestellt?
Unser Leben ist ja sehr ritualisiert: Wir nehmen ein Album auf, bringen es heraus, touren – und dann gibt es immer eine Down-Periode, in der sich die Band voneinander separiert. Wir kehren zurück zur Natur. [lacht] Wir entspannen einfach ein bisschen. In dieser Zeit schreibe ich meistens Songs für ein Soloalbum – und dann kommen wir wieder als Band zusammen, und ich bringe genau diese Solosongs ein, zumindest die Hälfte. So lief es bei/nach den letzten Alben immer automatisch. Wir fühlen da zur gleichen Zeit eine Notwendigkeit.
Was variiert, ist die inhaltliche Herangehensweise. Diesmal wollten wir natürlich wieder anders vorgehen als beim Vorgänger. Mit ›Murray Street‹ haben wir uns ja ganz klar an Popsongs abgearbeitet – nun ja, Sonic-Youth-Popsongs. Die meisten halten uns ja für eine experimentelle Noiseband. Die Idee, Noise in der Musik zu benutzen, erscheint mir aber nicht so experimentell. Es ist so einfach, das zu erforschen. Das Interessante für mich ist die Frage der Struktur: Wie strukturieren wir unsere Musik als Songs? Die Texte sollen der Musik auch eine gewisse Richtung geben. Das Experimentelle an Sonic Youth ist doch, das Traditionelle in das Avantgardistische zu integrieren. Das unterscheidet uns von den normalen Rockbands. Radiohead sind eine Rockband, die experimentelle Ideen mit einbringt. Sonic Youth sind eine Experimentalband, die traditionelle Einflüsse mit reinholt. Wir sind die Opposition.
Ich weiß, dass SY nicht als eine Band existieren könnten, die nur freie, improvisierte White-Noise-Musik macht – darum geht es uns nicht. Wir spielen gerne mit dieser Community, aber bei SY geht es darum, genau diese Impulse mit Songstrukturen zu verbinden.
Drastischer Themenwechsel. Vincent Gallo war in Europa schwer in der Kritik für seine rassistischen Äußerungen in einigen Interviews. Nun weiß ich um eure alte Bekanntschaft, die ja bis auf die New Yorker End-70er-Szene zurückgeht, und dass diese wohl den Ausschlag gegeben hat, ihn für All Tomorrow’s Parties zu buchen, aber widerspricht es nicht dem politischen Anspruch einer Band wie Sonic Youth?
Er ist ein seltsamer Unterstützer der Republikaner. Ich habe sehr viele ernste Diskussionen mit ihm. Er ist ein spannender Künstler, den ich, wie du schon gesagt hast, sehr lange kenne, und er war immer ein character, aber ich hasse seine politischen Einstellungen. They suck. Das sage ich ihm auch immer wieder. Er liegt falsch, ist absolut auf dem falschen Weg, bringt die republikanische Partei mit dem religiösen rechten Flügel in unserem Land durcheinander. Das sind zwei unterschiedliche Sachen. Die republikanische Partei ist bei all ihren Fehlern trotzdem kein Faschismus. Vincent hat konservative Ideen, wie die Welt aussehen sollte, das geht mich auch gar nichts an, das ist seine Wahl, aber er muss wissen, dass die Leute, die er unterstützt, aus der rechten Ecke des Christentums kommen. Sie stehen nicht mehr für Politik, sondern faschistische Manipulation. Sie wollen die Welt nach ihrer gefährlichen Weltsicht verändern. We are in the line of fire right now. Es war noch nie so schlimm. Es ist wie einst bei Hitler. [Kurze Unterbrechung. Thurston ahmt Gallo nach, wie dieser »No, it’s not like Hitler« quäkt. Und weiter geht es.] Vincent polarisiert gerne, indem er extreme Positionen annimmt, aber bei dieser Sache geht es nicht um simple Polarisierung, sondern darum: Was ist recht und was ist schlichtweg falsch und gefährlich? Ich sage ihm immer wieder, dass er das verstehen muss.
Kannst du denn trotzdem seine Kunst als solche goutieren?
Ja. Weißt du, er hört zu. Er hat zwar seine Positionen, aber er nimmt auch langsam wahr, dass Bush ein Irrer ist, er sieht, was da gerade passiert. Er weiß, was nicht gut ist. Ich will nicht seine Kunst nicht respektieren, weil er ...
Nun ja. Die Hardcore-Szene, die für uns beide ja sehr prägend war, stand ja auch immer für eine gewisse Stringenz, was das Ausblenden von sexistischen und rassistischen Künstlern betrifft. Die konnten noch so spannend sein. Die gingen einfach gar nicht okay. Natürlich sind seine Filme gut, ja, sehr gut, aber ...
Ja, natürlich. Weißt du, das Perverse ist: Er weiß, dass all das, was er da von sich gibt, so gar nicht in sein künstlerisches Umfeld passt, aber genau das genießt er.
Er sollte doch alt genug sein, um zu wissen, dass dieses Topic zu heikel für so eine dumme Verhaltensweise ist.
Klar, er drückt seine Knöpfe – und treibt die Leute damit in den Wahnsinn. Aber er ist ja auch wahnsinnig. [lacht schallend] Ich rege mich mehr über all die Leute auf, die aktiv daran glauben, dass Bush Gutes tut.
Sind das denn noch viele hier in den Staaten? Hat nicht der dümmste Hinterwäldler es langsam verstanden?
Das Land ist komplett geteilt. Die eine Hälfte glaubt der Autorität, und die andere hinterfragt sie. Ein Großteil der Amerikaner stellt seine Mama nicht in Frage. Sie sind wie kleine Babys, die nicht glauben wollen, dass Mama etwas Falsches machen könnte.
Die Amerikaner, die man so trifft – und ich meine nicht nur so subkulturelle Typen, sondern reisende Amis generell –, scheinen Mama sehr wohl in ihrer Bösartigkeit zu verstehen. Langsam, aber sicher.
Aber es gibt da noch den Großteil, der das Land nie verlassen hat. Ich rede mit solchen Leuten – ich habe ja auch Verwandtschaft, die zu dieser Gruppe gehört. Diese Gruppe ist übrigens extrem groß: 90% der Amerikaner sind noch nie ins Ausland gereist. Ich frage diese Leute dann immer, ob sie nicht realisieren, dass Bush außerhalb Amerikas für einen Clown gehalten wird. Und sie schauen mich nur irritiert fragend an. Sie sehen ihn als jemanden, der sich nichts gefallen lässt – und denken, so würde er wahrgenommen.
Das liegt am schlechten Status quo der amerikanischen Medien. Außenpolitik scheint mir hier ein Fremdwort zu sein, solange es nicht Kritikreportage bedeutet. Von der Innenpolitik anderer Länder wollen wir lieber gar nicht sprechen ...
Stimmt leider. Die meisten wissen nicht mal, wie Deutschland aussieht. Ja, das ist das Problem, die Leute aus ihrem mentalen Gefängnis zu befreien.
Okay, Zeit für die letzte Frage. Nachdem wir so viel über Reunions gesprochen haben: Gibt es eine Band, die du gerne wieder auf der Bühne sehen würdest?
Ich weiß, dass die New York Dolls wieder zusammenkommen, für die Shows, die Morrissey beim Meltdown in London kuratiert. Wie können sie nur, wo Johnny Thunders doch tot ist. Gut, es kann ja auch klappen: Die Germs sind ja auch mit neuem Sänger zurückgekehrt, einem Schauspieler, der Derby gespielt hat – es muss wider Erwarten fantastisch gewesen sein. Er muss so verrückt ausgesehen haben. Ich würde das gerne sehen. Aber das einzige Comeback, das ich wirklich gern sehen würde, wäre The Pop Group. Ich habe sie einmal gesehen ... Ich wollte sie auch für ATP bekommen, aber das klappte leider nicht ...
Achtung: Wir verlosen 5 Fan-Pakete mit Album, DVD und Poster! e-Mail mit Stichwort Sonic Fan an verlosung@intro.de
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pizza muss gatschig sein - wie bei den turtles!
so siehts nämlich aues!
...knusper knusper, sowas aber auch, da piepts ja wohl!




