Sonic Youth

The Makers Of Cool

26.05.2004, 16:50, Text: Martin Büsser

 



Talking about youth. Sonic Youth begleiten mich seit meiner Jugend. Ich habe sie auf dem Schulweg gehört, hin und zurück. ›Sister‹ – zusammen auf einem Tape mit den Butthole Surfers. Der Tonkopf im Walkman so verdreckt, als wäre er mit Ohrenschmalz eingerieben worden, klang die Musik bald nur noch wie ein bedrohlicher Wespenschwarm, ein von allen hohen und tiefen Frequenzen beraubtes Summen. So ausgebleicht wie eine Postkarte, die zu lange in der Sonne gelegen hat. Doch das machte gar nichts. Ich kannte sowieso jeden Ton, jedes Riff, jedes Wort. »I got a catholic block inside my head – do you like to fuck?« Genau das Richtige, um sich auf das bevorstehende Abitur und vor allem das danach anstehende Leben vorzubereiten.

Und um sich abzuschotten gegenüber Mitschülern – danke, I walk alone. Obwohl, das stimmt nicht ganz. Zu jener Zeit war ich sowieso längst der Einzige meiner Stufe, der noch so etwas wie einen Schulweg hatte. Die anderen fuhren längst mit ihren frisch von den Eltern gekauften oder zumindest geliehenen Autos vor.

Talking About Youth


Sonic Youth waren schon immer die ideale Band, um sich abzugrenzen. In den Achtzigern also so etwas wie ausgelatschte Converse statt italienische Slipper. The definition of cool – was die anderen dann entweder für nerdig, asozial, ungepflegt, ewig pubertär oder alles zusammen hielten. Je abgenudelter das Tape wurde, desto näher kam es meiner Vorstellung vom idealen Sonic-Youth-Sound: völlige Verwischung, Klangmatsch. Die Vermeidung von Sauberkeit als Sexappeal. Keine Möglichkeit mehr, Schlagzeugbecken von Gitarrensaiten zu unterscheiden. »I’m wasted in time and I’m looking everywhere – I don’t care where.«
Notgedrungen müssen dann aber doch alle erwachsen werden, Geld verdienen und nach außen hin zumindest halbwegs sozial verträglich wirken. Während dieses Prozesses, an den sich zu gewöhnen lange gedauert hat, haben mich nur noch wenige Bands von damals begleitet. Die Butthole Surfers sind irgendwann zu einer Comedy ihrer selbst geworden, so etwas wie die Osbournes des US-Slacker-Underground, Sonic Youth dagegen sind geblieben. Obwohl selbst zehn bis fünfzehn Jahre älter als ich, heute also in ihren Mitt- bis Endvierzigern, steht ihnen das »Youth« im Bandnamen noch immer gut an. Da wundert es gar nicht, Steve Shelley in seinem Zimmer im Londoner Royal Garden Hotel mit Zahnspange anzutreffen. Die Haare bereits leicht ergraut, wirkt er doch noch immer wie ein Junge, der nicht recht weiß, wohin es im Leben gehen soll. Und der es auch gar nicht so genau wissen will.
Der Schein trügt natürlich. Sonic Youth wissen längst, was sie wollen. Sie haben ihren eigenen Stil schon vor zwanzig Jahren gefunden und beibehalten und sich über ihn hinaus einen Kodex von Coolness erarbeitet, der ihnen ein würdevolles Altern im Schein ewiger Jugend ermöglicht. Auf der einen Seite jonglieren sie mit Freejazz und Neuer Musik, auf der anderen Seite entdecken und fördern sie immer wieder junge Bands, haben in diesem Jahr auf dem Londoner All Tomorrow’s Parties Festival mit Black Dice und Wolf Eyes zwei der derzeit spannendsten amerikanischen Noise-Bands dem europäischen Publikum vorgestellt. Sie umgeben sich mit den gefragtesten Künstlern dieser Tage, mit Raymond Pettibon, Mike Kelley und Richard Prince, und haben immer schon mit den coolsten Filmemachern der jeweiligen Generation zusammengearbeitet, jüngst mit ›Gummo‹-Regisseur Harmony Korine. Alles, was Sonic Youth anfassen, scheint also ein bewusstes, wenn nicht sogar taktisches making things cool zu sein. Im Wissen darum, wie sich das andere Amerika anfühlt, haben sie immer auf der Gegenseite der hässlichen, alten, gottesfürchtigen und kriegerischen Männer gestanden, haben Cage und Stockhausen in ihren Kosmos eingegliedert und so an einem über Altersgrenzen hinausreichenden Konzept von ästhetischem Nonkonformismus gearbeitet. Cool meint in ihrem Fall also: Pubertät als Überlebensstrategie, ständige Suche nach Wegen, sich vom average American abzugrenzen.

»Ich war vor kurzem auf einem Neil-Young-Konzert in New Jersey«, erzählt Steve Shelley, »und habe mich wirklich gegruselt. Dass ich selbst beinahe der Jüngste im Publikum gewesen bin, hätte mich gar nicht mal weiter gestört, schlimm war aber, wie die Leute ausgesehen haben. Diese Zöpfe und Bärte. Die sind alle in ihrer Zeit stecken geblieben. Dem gegenüber bin ich froh, dass Sonic Youth nie zu einer Veteranenband geworden sind, sondern dass auch heute noch die Zwanzigjährigen den Hauptteil unseres Publikums bilden.«

Steve Shelley definiert Jugend jedoch nicht über physisches Alter, sondern über eine Haltung. »Punk ist zum Beispiel richtig schnell alt geworden, nämlich berechenbar und innerhalb des eigenen Szene-Kontextes angepasst. Wenn wir uns Stücke von Komponisten wie Pauline Oliveros oder John Cage vornehmen, dann wollen wir den Leuten etwas davon vermitteln, dass diese Musik viel unangepasster ist als das berechenbare Drei-Akkord-Zeug. Es stellt elementare Fragen: Was ist Musik? Wie weit kann man gehen? Das sind die Fragen, die einen jung halten.«


Kontinuität als Fortschritt


Vom Hotelzimmer aus reicht der Blick weit über Kensington Gardens und den Hyde Park. London wirkt von hier aus wie ein geordneter Hofstaat, in dem es keinen uneinsichtigen Winkel gibt. Ähnlich geordnet ist auch die Phase, in der sich Sonic Youth momentan befinden: Alles Pubertäre, alle Slacker-Ästhetik und alle Löcher in den Jeans sind selbstredend Markenzeichen und längst kein Ausdruck von Orientierungslosigkeit mehr. ›Sonic Nurse‹, ihre neue Platte, wirkt milde. Das Songwriting ist zum Teil so schön, so in Melodie versunken, dass selbst die Noise-Partikel wie schmucke Verzierung klingen. Es ist also legitim, im positiven Sinne von einem Alterswerk zu sprechen. Paradox an ihm ist alleine, dass Sonic Youth ausgerechnet zu einer Zeit so entspannt und in ihrer eigenen Historizität ruhend wirken, während der die US-amerikanische Politik in die reaktionärste Phase seit Ronald Reagan getreten ist. »Es mag komisch klingen«, erklärt Steve, »aber in gewisser Weise hat George W. Bush für einen Aufschwung des Underground gesorgt: Die amerikanische Kultur war schon lange nicht mehr so lebendig, so rebellisch. Aber obwohl ich Sonic Youth als politische Band betrachte, finde ich es wichtig, nicht als Agitprop-Band aufzutreten. Wir vermeiden es, zeitgeistige Musik zu schreiben, denn nichts altert so schnell wie Polit-Songs. Unsere Strategie ist eher, die Haltung über andere Dinge zu transportieren, über unsere Website, aber auch, indem wir im Rahmen der ›Bands Against Bush‹-Kampagne auftreten. Außerdem ist unsere Musik ja schon in ästhetischer Hinsicht politisch: Noise, atonale Elemente und der sexuelle Subtext, den viele unserer Nummern haben, sorgen dafür, dass sich kein Redneck so etwas je anhören würde.«

Wo andere Bands sich auflösten, ganze Jahrzehnte von der Bildfläche verschwunden sind, haben Sonic Youth durchgehalten und sogar eine schwierige Open-Air-Star-Phase überlebt, um heute an einem Punkt angekommen zu sein, an dem ihr Konzept gefragter denn je ist: Junge Bands orientieren sich wieder an jener Zeit, zu der Sonic Youth begonnen haben – der New Yorker No-Wave-Phase – und kramen alles Mögliche von damals wieder aus, darunter auch Glenn Branca, jenen Komponisten, in dessen Ensemble Lee Ranaldo den speziellen kratzigen Gitarrenstil von Sonic Youth erlernt hat. Und doch mutet es Steve Shelley etwas seltsam an, dass die Zeit ihrer Jugend plötzlich wieder Hochkonjunktur hat. »Die damalige Experimentierfreude war für uns alle ein Befreiungsschlag. Plötzlich existierten keine Grenzen mehr zwischen Punk, Disco, Jazz und Neuer Musik. Ich habe Gang Of Four 1981 live gesehen, zu einer Zeit, als ich noch sehr jung war – und war für den Rest meines Lebens geprägt. Umso befremdlicher finde ich es, wenn heute junge Bands wieder so klingen wollen wie Public Image Limited (PiL) oder Gang Of Four, weil das einfach nicht geht. Geschichte lässt sich nicht wiederholen.«

Vielleicht ist das ja ein Grund, warum sich Sonic Youth nie aufgelöst haben: Jeder Neuanfang hätte den Beigeschmack der Wiederholung mit sich gebracht. So aber altern sie auf würdevolle Weise, klingen immer klarer, geläuterter sozusagen, während auf meinem alten Tape von damals inzwischen fast nur noch die Geräusche von einem Sägewerk zu hören sind.


Sprechen mit dem anderen


Alle auf einmal, das ist nicht immer drin bei so einer Band. Gerade rund um All Tomorrow’s Parties. Doch ungefähr zwei Wochen nach dem Termin mit Shelley steht auch Thurston Moore Intro zur Verfügung. Nicht irgendwo in England, sondern in der New York Murray Street, in jenem Mythen-umwobenen Studio, in dem schon Felix Klopotek sein Interview zum letzten Album führen durfte (Intro #??).

All Tomorrow’s Parties

Im April 2004 von Sonic Youth in London ausgerichtetes Festival, wo in diesem Falle Sonic Youth dem Publikum möglichst viele in Europa noch unbekannte US-Acts nahe bringen wollten. Mit dabei waren Jackie-O Motherfucker, Lightning Bolt, Bardo Pond und die Charalambides. Steve Shelley: »Nie war es so leicht wie in diesem Jahr, für ein Festival jede Menge begabte unkonventionelle Newcomer zu finden.«


Richard Prince

Der in New York lebende Künstler arbeitet sich in seinen Bildern mit Motiven von Rockerbräuten, Zigarettenwerbung-Cowboys und Playboy-Cartoons an der amerikanischen Trash-Kultur ab. Als Sonic Youth ihn fragten, ob er das Cover zu ›Sonic Nurse‹ gestalten wolle, stellte sich heraus, dass Prince ein alter Fan der Band ist und das ganze letzte Jahr über beim Arbeiten ›Murray Street‹ hatte laufen lassen.


No Wave

Der Begriff geht auf den von Brian Eno zusammengestellten Sampler ›No New York‹ von 1979 zurück. Die dort vertretenen Bands wie DNA, Mars und Teenage Jesus & The Jerks (mit Lydia Lunch) spielten Lärmattacken jenseits jeglicher stilistischer Etikettierung. Dieser Mix aus Punk-Attitude und Kunsthochschule, aus Trash und Neuer Musik war für Sonic Youth stilbildend. Auch sie akzeptieren nicht die Trennung zwischen high und low art.

Achtung: Wir verlosen 5 Fan-Pakete mit Album, DVD und Poster! e-Mail mit Stichwort Sonic Fan an verlosung@intro.de



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aus Intro #117 (Juni 2004)
 
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