
Mission Of Burma
Stopp ist immer relativ
26.05.2004, 16:44, Text:
Felix Scharlau,
Felix Scharlau
Auch 2004 scheinen die heißen Rockthemen eindeutig in der Vergangenheit verhaftet zu bleiben. Es rollt die nächste Welle der The- und Nicht-The-Bands, die sich aufmacht, so ziemlich jedes Rock-Event seit den 60ern zu entstauben respektive aus den Särgen zu holen. Und in nicht wenigen Fällen dürfte da auch leider wieder einiges entweiht werden. Gleichzeitig bestätigen alte Helden wie Television oder eben die Pixies die ersten Deutschland-Konzerte seit Ewigkeiten. Und jetzt das: Mission Of Burma sind endgültig wieder vereint und veröffentlichen ihren zweiten Longplayer. Sage und schreibe 22 Jahre nach dem Debüt.
On
All Tomorrow’s Parties Festival, Camber Sands, England, April 2002 (vgl.
Rewind
Denn eine kommerzielle Erfolgsgeschichte hatte es in Wahrheit nie gegeben: MOB waren 1979 bis 1983 mit ihrer Mischung aus Melodic-Punk und dem, was später Hardcore hieß, in einer Phase amerikanischen Underground-Rocks aktiv, die noch nicht von deutlich wahrnehmbaren Trends und entsprechender Anteilnahme flankiert gewesen wäre. So wie dies einige Jahre später bei den musikalisch verwandten Hüsker Dü der Fall war. Indie war gerade erst im Entstehen. Eine erste Ausgangsbasis, okay. Aber noch nicht das funktionierende, Identität stiftende und teilweise auch verkaufsstarke Netzwerk, das Bekanntheitsgrade durch das mögliche Subsumieren einzelner Bands unter Richtungen und Stilverwandtschaften in hohem Maße zu steigern im Stande war. Das vermeintliche Erbe von MOB (zwei Singles, eine EP und eben das Album ›Vs.‹) wurde so für viele, gerade in Europa, erst durch den Nachhall bekannt. Über posthume Live- und Demo-Alben. Und über Cover-Versionen wie R.E.M.s ›Academy Fight Song‹ oder Mobys ›That’s When I Reach For My Revolver‹.
On
Warum ein neues Album? Und warum jetzt?
Clint Conley: Der Gedanke an eine Reunion hatte auf mich immer sehr erzwungen und sehr fern gewirkt. Ich persönlich habe ja die ganze Zeit überhaupt keine Musik mehr gespielt, hatte mein ganzes Equipment verkauft. Vor drei Jahren aber habe auch ich meine musikalischen Energien wieder gespürt. Und wurde offener für die Idee einer Reunion. In dem Zusammenhang scheint mir auch ganz wichtig zu betonen, dass ja nie die Idee da war, ein paar Gigs zu spielen, dann Songs zu schreiben, dann eine Platte zu machen usw. Wir wollten ursprünglich einfach nur zwei Gigs spielen und haben dafür ziemlich hart geprobt, weil wir Angst hatten, uns zu blamieren. Diese Shows liefen aber sehr viel besser, als wir jemals hätten erwarten können. Es kamen Anrufe wegen weiterer Gigs. Und so kam eben ein Schritt nach dem nächsten. Wir hatten allerdings einige neue Songs für diese Shows geschrieben, um die Dynamik zu wahren. Auch, weil wir kein nostalgischer Trip, keine Freakshow werden wollten. Es war also mehr ein Nebenprodukt, dass wir plötzlich acht oder neun neue Songs hatten. Und dann haben wir uns eben dazu entschlossen, die Songs aufzunehmen. Ohne irgendeinen Druck.
Play/Pause
Tatsächlich hätte sich Druck auf unterschiedlichsten Ebenen durchaus angeboten. Da ist die lange Abstinenz der Band – in der Zeitrechnung des Rock sind inzwischen immerhin mehrere Zeitalter vergangen – und natürlich der aktuelle Retro-Rock-Hype. Es wäre mit einiger Boshaftigkeit möglich, MOB zu bezichtigen, auf die alten Tage noch etwas reißen zu wollen. Auch wenn ihre Version von Punk noch nicht wieder Disco-kompatibel geworden ist. In Wahrheit ist aber das Gegenteil richtig. Clint Conley zeigt sich zutiefst verwirrt durch die Entwicklungen der letzten Jahre: »Diese ganzen jungen Bands, die sich jetzt auf die frühen 80er, auf Gang Of Four oder Joy Division beziehen – das ist für mich alles etwas rätselhaft. Ich kapiere deren Ansatz einfach nicht. Die Idee hinter einer Band ist doch eigentlich, die eigene Identität, die eigene Stimme zu finden, die eigene Revolution zu machen. Und einige von diesen Bands haben diese Grundidee, glaube ich, aus den Augen verloren.«
Play
Dass MOB diese hier aufgestellte Bandphilosophie tatsächlich leben, macht ›OnOffOn‹ schnell klar. Das Album bricht los, wie das letzte aufhörte. Und bereits bei Minute 0’58’’ sitzt der erste mehrstimmige Mitsing-Refrain, der eine 22-jährige Lücke mit einem Ruck schließt: »Now! I! Live! In-! Side! The! Cir-! cle!« Von Altersmilde oder bedeutenderen Stil-AktualisierungenTape Loops bei – den ehemals avantgardistischen Gimmick der Band.
Play/Repeat
Keine Frage: Reunions können das Schrecklichste sein, was dem Fan einer Band zustoßen kann. Sie können sein wie das Kennenlernen des Schwarms, den man jahrelang so idealisiert hat und der sich dann als unausstehlich entpuppt. Eine gepflegte Emotion, die durch ein paar blöde Phrasen plötzlich zum Horrortrip wird. Das wird auch immer so bleiben. Aber gerade seit Punk und in letzter Zeit im Besonderen gab es vermehrt Fälle, in denen zumindest einige der Akteure offensichtlich ehrlich genug zu sich selbst waren, um zu merken, was sie wann zu tun und was zu lassen hatten. Nicht zu vergessen, wie. Wir freuen uns schon auf den nächsten gelungenen Versuch. Den nächsten Act, dem man wie Clint Conley wirklich glauben will, wenn er trocken sagt: »Es fühlt sich an, als hätten wir zwei Wochen Pause gemacht.« Obwohl es 22 Jahre waren.
Tinnitus
Wahrscheinlich eine der bescheuertsten Krankheiten, die das Schicksal für uns Menschen parat hält. Man hört ständiges Fiepen, Rauschen, Klopfen oder Hämmern in allen erdenklichen Tonlagen. Ursachen können u. a. Stress, Depressionen, laute Musik, Zahnprobleme oder Knalltraumata sein. Wird häufig nach nur wenigen Tagen chronisch. Umstrittenen Theorien zufolge litt van Gogh unter Tinnitus und schnitt sich deshalb das Ohr ab. (www.tinnitus-liga.de)
Das war in der Zwischenzeit ...
Clint Conley (Bass, Gesang): ... ging 1983 wieder studieren. Arbeitet seit 15 Jahren als TV-Produzent. Ist verheiratet, hat zwei Töchter. Erst seit 2001 wieder musikalisch aktiv (v. a. mit Consonant).
Roger Miller (Gitarre, Gesang): Trotz Krankheit musikalisch sehr umtriebig. Neben zahlreichen Bandprojekten schrieb er auch Filmmusik. Mit dem Alloy Orchestra begleitet er USA-weit Stummfilme musikalisch.
Peter Prescott (Schlagzeug, Gesang): ... spielt(e) bei The Volcano Sons, Forcefield, Kustomized, Peer Group. Leitet mehrere Secondhand-Plattenläden.
Martin Swope (Tape Loops): In musikalischer Hinsicht in Rente. Hatte keine Lust auf Reunion. Lebt jetzt auf Hawaii und führt ein »sehr geregeltes Leben«.
Transkript des Interviews mit Clint Conley
Ihr kommt ja gerade von All Tomorrow’s Parties zurück. Wie war’s?
Da sind einfach ganz fantastische Leute unterwegs. Wir haben ja schon vor zwei Jahren dort gespielt, und da war auch schon dieses großartige Publikum – alles sehr, sehr interessierte Musikfans. Alle sind sehr neugierig, die da hingehen. Es war ein großer Spaß.
Ich war vor zwei Jahren auch da. Es war damals einer eurer ersten Auftritte nach der Reunion, richtig?
Ich glaube, das war unser dritter Auftritt als wieder vereinigte Band und übrigens unser erster in England überhaupt. In den 80ern haben wir nie England oder gar Europa betourt.
Das Platteninfo sagt, Robert »Bob« Weston [Shellac] sei jetzt anstatt Martin Swope der Mann für die Bandmanipulationen. Ist er auch auf Tour dabei?
Ja, er macht die Tape Loops auch, wenn wir live spielen. Martin Swope hat es abgelehnt, an der Reunion teilzuhaben. Er lebt jetzt auf Hawaii und führt da ein sehr geregeltes Leben. Daher hat es für ihn keinen Sinn gemacht, damals vor drei Jahren nach New York und Boston zu kommen, zu den ersten beiden Konzerten, um uns seinen Segen zu geben. Aber wir sind jetzt sehr glücklich mit Bob. Menschlich und technisch.
Also war euer Ziel ursprünglich schon, genauso wie früher zu spielen: diese Instrumente, diese Besetzung?
Ja. Wir waren schon enttäuscht, als Martin nicht konnte. Und haben dann überlegt, ob wir ohne Tape Loops spielen sollen. Aber andererseits war das ja schon ein Element unserer Band – zugegeben kein entscheidendes, aber für uns doch wichtig. Und da bot sich dann Bob Weston einfach an, er ist ja auch ein langjähriger Freund von uns. Er spielte ja schon mit Peter Prescott bei The Volcano Sons. Also passte das.
Kannst du mir mal einen kurzen Abriss geben, was ihr in den letzten 20 Jahre so gemacht habt?
Roger Miller war am ehesten derjenige von uns, der in der Zwischenzeit sein Leben fast durchgängig mit Musik bestritten hat. Er hat Soundtracks geschrieben, ist involviert in das Alloy Orchestra, das Stummfilme musikalisch untermalt und viel in den USA unterwegs ist. Er war also immer ganz nah an der Musik dran. Peter Prescott war teilweise noch Musiker, spielte u. a. bei The Volcano Sons und Kustomized, die ja bei Matador ein paar Platten rausgebracht haben. Gleichzeitig leitete und leitet er ein paar Secondhand-Plattenläden. Ich bin am ehesten derjenige, der aus der Musikszene so ein bisschen rausgebrochen ist. Ich ging zurück auf die Schule, machte meinen Abschluss und bin seit circa 15 Jahren TV-Produzent. Hab in der Zwischenzeit geheiratet, zwei Töchter bekommen. Ein sehr glückliches Leben insgesamt. Die Musik ist, wie gesagt, komplett aus meinem Leben verschwunden gewesen, in Bezug auf Auftritte usw. Es ist sehr seltsam, dass ich vor drei Jahren plötzlich wieder wie ein Verrückter angefangen habe, Musik zu schreiben. Dann habe ich ja mit Consonant auch wieder eine Band gehabt. Zu dieser Zeit, als ich mir wieder vermehrt Gedanken über das Musikschreiben gemacht habe, kam der Gedanke an Mission Of Burma und eine Reunion so langsam auf. Weißt du, die Leute kamen über all die Jahre hinweg hin und wieder auf einen von uns zu und fragten nach einer Reunion, aber das hat sich für mich nie richtig angefühlt. Der Gedanke daran wirkte sehr erzwungen, immerhin habe ich ja die ganze Zeit überhaupt keine Musik mehr gespielt, hatte mein ganzes Equipment verkauft. Vor drei Jahren aber, als ich wieder Songs für Consonant schrieb, habe ich auch meine musikalischen Energien wieder gespürt. Und da wurde ich auch offener für die Idee einer Reunion. Ich meine, ich habe die Musik von Mission Of Burma immer geliebt. Und war auch immer sehr stolz auf das, was wir gemacht haben. Und Peter und Roger habe ich auch geliebt, es war also nicht so, dass ich mich in der Zwischenzeit gedanklich von MOB komplett abgewendet hätte. Ich hatte immer sehr schöne Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit.
Was ich mich immer gefragt habe: Konntet ihr damals eigentlich von MOB leben? Immerhin fielt ihr mit eurem durchaus zukunftsweisenden Stil zeitlich ja ziemlich aus dem Rahmen: zu spät für First Wave Punk und zu früh für Hardcore.
Ja, wir konnten damals tatsächlich davon leben. Aber du hast schon Recht: In gewisser Hinsicht waren wir damals alleine da mit unserer Musik. Wir waren kein früher Punk, wir waren kein Hardcore. Ich meine, wir mochten das alles später – die Energie, die Geschwindigkeit. Und da gibt es ja durchaus Hardcore-Aspekte in unserer Musik. Aber damals waren wir schon irgendwie alleine. Ich meine, klar, wir mochten andere Bands, aber wir waren nie Teil eines Trends oder einer Bewegung. Aber da gab es durchaus andere, ebenfalls etwas isolierte Bands in den USA, die wir mochten. Hüsker Dü kamen ja etwas nach uns, auch mit einem extrem eigenen Sound, The Feelies in New York – all diese etwas seltsamen Bands, die nirgendwo so richtig reinpassten. Aber alle hatten eben ihre eigene Stimme. Aber im Nachhinein war dieses Etwas-einsam-Stehende für uns eine gute Sache. Auch wenn es hart für dich als Musiker ist, weil viele Leute lieber dem nächsten Trend nachjagen wollen. Ich meine, diese ganzen jungen Bands, die sich jetzt auf die frühen 80er, auf Gang Of Four oder Joy Division beziehen – das ist für mich alles etwas rätselhaft. Ich verstehe das irgendwie nicht. Ich kapiere deren Ansatz nicht. Die Idee hinter einer Band ist doch eigentlich, die eigene Identität, die eigene Stimme zu finden, die eigene Revolution zu machen. Und einige von diesen Bands haben diese Grundidee, glaube ich, etwas aus den Augen verloren.
Gerade, weil ihr so lange von der Bildfläche verschwunden wart, so viele Entwicklungen im Rock nur noch als Außenstehende verfolgt habt – war das ein großer Druck im Hinterkopf bei der Arbeit an der neuen Platte, sich auf all das in irgendeiner Form beziehen zu müssen?
Nein, da war überhaupt kein Druck. Es gab auch keine Pläne. Wir waren eher wie Schlafwandler. Wir haben immer den nächsten Schritt gemacht, ohne wirklich nachzudenken. In dem Zusammenhang scheint mir auch ganz wichtig zu betonen, dass da ja nie die Idee war, ein paar Gigs zu spielen, dann Songs zu schreiben, dann eine Platte zu machen usw. Wir wollten ursprünglich einfach nur zwei Gigs spielen – in New York und Boston –, und dafür haben wir geprobt. Ziemlich viel geprobt sogar, weil wir Angst hatten, uns zu blamieren. Und diese Shows liefen eben sehr viel besser, als wir jemals hätten erwarten können. Einfach großartig, und den Leuten hat es sehr gut gefallen. Dann wurden wir gefragt, ob wir ATP spielen wollten, haben dann eine Show in London drangehängt. Dann kamen Anrufe aus San Francisco und L.A. Und so kam eben ein Schritt nach dem nächsten. Es war zu dem Zeitpunkt also gar nicht geplant, ein neues Album zu machen. Was wir gemacht haben, war aber, einige neue Songs für diese Shows zu schreiben, um da eine Dynamik zu wahren, um es interessanter zu machen. Wir wollten einfach kein nostalgischer Trip, keine Freakshow werden. Es war also mehr ein Nebenprodukt, dass wir plötzlich acht oder neun neue Songs hatten. Und dann dachten wir: »Hey, was soll das bedeuten? Heißt das, wir sollten wieder Aufnahmen machen?« Und dann haben wir uns eben dazu entschlossen, die Songs aufzunehmen. Insofern haben wir einfach aufgenommen, was wir hatten, ohne irgendeinen Druck.
Wie ist das denn, nach so ewig langer Zeit wieder zusammen zu spielen? Wirklich wie früher oder eher wie eine neue Band?
Es fühlte sich an wie die alte Band. Als habe man zwei Wochen Pause gemacht, ehrlich. Ich meine, die Dynamik, die sich zwischen uns entwickeln kann, hat sich nicht geändert. Eine sehr gute Chemie eben, wir kommen auch menschlich sehr gut miteinander aus. Weißt du, MOB war immer eine sehr intensive Sache für uns. Physisch sehr, sehr anstrengend, für alle Beteiligten. Und wenn wir live spielen, gehen wir ziemlich an unsere Grenzen. Ich weiß nicht, ich sehe nicht mehr so viele Konzerte, aber viele Bands haben live heute so diese Distanziertheit drauf: cooler, leicht gelangweilter Blick, sehr introvertiert. So waren MOB nie. Ich meine, wir springen nicht rum wie diese Rockstars, das finde ich auch etwas dämlich, aber ich habe schon das Gefühl, dass wir live brennen. Die ersten Gigs waren jetzt natürlich noch etwas steif, aber mittlerweile denke ich, wir sind wieder ziemlich drin.
Aber als ihr euch 1983 aufgelöst habt, war doch auch einer der Gründe der chronische Tinnitus von Roger Miller. Ist das denn besser geworden? Immerhin spielt er ja jetzt noch mit diesen überdimensionalen Bauarbeiter-Ohrenschützern.
Ja, das war damals der Grund für ihn, die Band zu verlassen, und der Grund für uns, nicht weiterzumachen. Der Tinnitus ist nicht besser geworden, aber die gute Nachricht ist, dass er auch nicht messbar schlimmer geworden ist. Und in den letzten 20 Jahren hat er wohl so eine Art Pakt mit dem Teufel gemacht. Es hat ihm immer unheimlichen Spaß gemacht, Musik zu machen, und er hat sich dieser Sache voll und ganz verschrieben. Er trifft jetzt schon diese Vorsichtsmaßnahmen – Ohrenschutz, Verstärker und sich vom Schlagzeug wegstellen –, aber wir werden ohnehin nicht mehr diese typische Tour-Rockband sein. Aus diversen Gründen, natürlich auch, weil wir alle noch ein anderes Leben haben. Wir wollen im Prinzip alle paar Monate mal ein Wochenende spielen. Klar werden wir mehr spielen, jetzt, wo die Platte erscheint. Wir sind begeistert, bei Matador erscheinen zu dürfen, und wir wollen natürlich die Platte so gut, wie wir können, promoten. Aber wir werden auf keinen Fall auf eine riesige Tour gehen. Ich meine, ich bin TV-Produzent, habe Frau und zwei Kinder. Mit 48 will man da keine monatelangen Tourneen mehr machen. So, wie es ist, macht es super Spaß. In kleinen Dosen.
Wisst ihr schon, ob ihr endlich mal in Europa spielen werdet?
Wir arbeiten da momentan dran. Frühsommer könnte was werden. Ich hoffe sehr, denn das ist das, was wir uns am meisten wünschen. Ich habe 1983, als wir uns auflösten, nur weniges bedauert. Ich wusste, wir hatten tolle Musik gemacht, war froh, dass wir noch befreundet waren. Es hat mich immer gefreut, wenn uns Bands gecovert und sich die Leute hin und wieder an uns erinnert haben. Aber eins habe ich sehr bedauert: dass wir nie in Europa gespielt haben. Es gab eben damals überhaupt keine Nachfrage. Und nur zwei oder drei Jahre nach unserem Split ging das los, dass viele Bands auch in Europa tourten. Und da war ich schon ziemlich neidisch, wenn ich ehrlich bin. Okay, das war ein langer Weg, um zu sagen: Ich hoffe, wir spielen in absehbarer Zeit in Europa. Das wäre – ohne Scheiß – absolut das Größte für uns. Weißt du, wir hatten damals viele gute Kritiken, aber insgesamt war doch relativ wenig Aufmerksamkeit da, als es uns noch gab. Ich meine, das, was jetzt passiert, ist um so vieles größer. Klar: Verglichen mit großen Rockbands, ist die Aufmerksamkeit, die uns zuteil wird, natürlich lächerlich. Aber für uns ist das sehr, sehr viel.
Reden wir mal über das neue Album. Wie muss man sich das generell vorstellen: Jeder von euch schreibt seine Songs jeweils fertig, stellt die der Band vor und singt sie später? Also ähnlich wie einst bei Hüsker Dü?
Ja, stimmt. Ich und Roger schreiben unsere Songs mehr oder weniger fertig und stellen sie dann der Band vor. Peter schreibt seine Stücke am wenigsten fertig, ganz einfach, weil er weniger als Roger und ich über ein musikalisches Vokabular verfügt.
Ihr habt ja jetzt wieder einen Song über Max Ernst [›Max Ernst’s Dream‹]. Was ist für euch das Faszinierende an ihm?
Ja, das ist einer von Rogers Songs. Roger ist extrem fasziniert von Surrealismus. Und, ähm, wenn ich jetzt mal ganz ehrlich bin: Ich weiß gar nicht genau, von was der Song im Einzelnen handelt. Keine Ahnung. Obwohl ich auch ein paar Verse singe.
Der Albumtitel ›OnOffOn‹ deutet ja symbolisch schon sehr stark diese Bewusstheit des Breaks der Band an. War das auch inhaltlich ein Thema für diese Platte?
Ja, das stimmt schon, der Albumtitel reflektiert den Verlauf unserer Bandgeschichte. Aber schon in einer unnostalgischen, unzelebrierten Art. Nichts Dämliches wie ›Mission Of Burma Is BACK!!‹ oder ›Mission Of Burma II‹ oder so. Mehr so: Okay, wir haben gespielt, dann wieder nicht und jetzt eben wieder. Gleichzeitig verweist ›OnOffOn‹ auch auf unsere Live-Sets. Wir haben normalerweise eine Pause in der Mitte. Auch die CD hat ja diese Pause in der Mitte. Das sollte so einen LP-Charakter haben. Also gibt es auch hier dieses ›OnOffOn‹.
Wo siehst du denn die größten Unterschiede zwischen ›Vs.‹ und dem neuen Album?
Mh, ich glaube, die neue Platte ist etwas unaufgeregter als die frühen Veröffentlichungen. Etwas weniger trocken. Aber es gab ja auch schon Unterschiede zwischen ›Vs.‹ und ›Signals, Calls, And Marches‹, der ersten EP. Letztere war weniger hymnisch. Deswegen ist es schwierig, da jetzt irgendwas auf den langen Split zurückzuführen. Wir haben uns eigentlich immer etwas anders angehört von Platte zu Platte. Die neue Platte hat natürlich eine etwas breitere Palette an Sounds. Aber die MOB-DNA ist schon da, denke ich.
Es ist ja schon ungewöhnlich, mit einer Band zu reden, die eine LP gemacht hat, dann zwanzig Jahre pausierte, um dann erst die zweite Platte zu machen. Gab es in der Zwischenzeit eine Phase, wo Rock wieder so geil war, dass du dir gewünscht hättest, wieder mit dabei zu sein, wieder zu spielen?
Eigentlich nicht, was nicht heißt, dass ich mich nicht für Musik begeistert hätte, die seitdem stattgefunden hat. Aber für mich standen beim Hören von heißer, neuer Musik eher so Gedanken im Vordergrund wie »Hey, kaum zu glauben, dass wir auch mal eine Band waren, dass wir auch mal oben standen und vor Leuten gespielt haben.« Das sind wirklich zwei komplett voneinander abgetrennte Lebensabschnitte gewesen. Ich habe aber doch immer wieder gemerkt, was es eigentlich für ein Privileg ist, in einer Band zu spielen. Diese Fähigkeit zu haben, Musik zu machen. Aber es ist schon seltsam. Manchmal sitze ich Donnerstagmittags in meinem Job als TV-Produzent, arbeite gerade an einer Story oder so, und dann fällt mir plötzlich ein: »Hey, ich fliege ja dieses Wochenende nach San Francisco und spiele noch vor Ablauf dieser Woche mit meiner Band vor 2000 Leuten.« Das macht in dem Moment überhaupt keinen Sinn, das ist wirklich grotesk. Zwei unterschiedliche Leben, von denen keins in das andere integriert ist. Aber, um mal deine Frage zu beantworten, den Wunsch, wieder da zu sein mit der Band, um irgendwo mitzumischen, hatte ich eigentlich nicht. Ich hatte nicht das Gefühl, ständig irgendwas zu verpassen. Ich meine, ich war unheimlich angetan, Nirvana so als Außenstehender miterleben zu dürfen. Wirklich fantastisch. Eine richtige Rockband auf Platz eins der Charts, das war von dem aus, was ich erlebt hatte, einfach unglaublich.
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