
Essen Mit
Rocko Schamoni
26.05.2004, 15:39, Text:
Pascal Blum,
Pascal Blum
Text: Linus Volkmann
Interview: Thomas Venker / Linus Volkmann
Fotos: Katja Ruge
»Dann war es mal so, dass ein befreundetes Ehepaar meiner Eltern bei denen zu Besuch kam, und der Mann war ein alter Major. Und der sieht mein erstes Buch auf dem Tisch liegen und fängt an, daraus vorzulesen. Weil er denkt, das ist bestimmt lustig. Und er liest diesen Einstieg mit den ganzen Schwulismen, wo aus der Ich-Perspektive der Körper des Vaters beschrieben wird. Was normalerweise für viele schon unangenehm ist. Und das geht dann passagenweise so, wie ich es in der Straßenbahn genieße, auf den weichen Schenkeln meines schmalschultrigen Vaters zu sitzen.
Ach, Humor ist doch immer amüsant, aber mitunter in der Eigene-Eltern-Szene etwas klassischer umgesetzt. Während Rocko Schamoni noch weiter erzählt, dass sein Vater selbst das erste Buch ›Risiko Des Ruhms‹ durchaus zu nehmen wusste, lässt er seinen Cognac zurückgehen, man möge ihm doch bitte gleich einen Doppelten bringen. Verständlich, immerhin liegt ein schweres Bohnenpaste-reiches mexikanisches Essen hinter uns. An das wir allerdings der Rubrik ›Kochen mit‹ zum Trotze keine Hand angelegt haben. Und das kam so: Das im Juni erscheinende, ›Dorfpunks‹ betitelte Buch ist Anlass, ein ›Kochen mit‹ mit der Queen Mum des linken Punk-Entertainment anzufeuern. Rocko Schamoni am Herd. Als er davon hört, ist er hellauf begeistert: »Kenn ich nicht, die Rubrik. Überlese ich wohl immer ... Vielleicht auch, weil’s nicht so interessant ist.« Genau, schöner könnte kein Exposé der Welt unsere D.I.Y.-Kochseiten beschreiben. Okay, Rocko hat dieser Tage auch viel zu tun, denn der Hamburger Pudel-Club braucht ihn – mal wieder. Zusammen mit anderen Szene-Characters hat er die alte Dame übernommen, und es gibt sehr viel zu tun. Rocko deutet mit einem die Luft durchbohrenden Zeigefinger an, wie leicht man in die morschen Dachbalken Löcher machen kann. Aber das Ziel ist das Ziel. Der Pudel soll nicht bloß am Laufen gehalten werden, sondern die Etage über den jetzigen flächenmäßig limitierten Räumen wird urbar gemacht. Auf dass dem Laden tausend Arme und neue Möglichkeiten erwachsen, für die man über ein Jahrzehnt einfach zu mini war. Von Kunst ist übrigens die Rede, nicht von terroristischen Großveranstaltungen auf Alcopop. Großes im Kleinen eben. Gekocht hätte er allerdings trotzdem mit uns. Leider zerbrach in der Woche das Ceranfeld des Schamoni-Herds, und so hocken wir nun beim Mexikaner. Statt dass Rocko mit gefülltem Kalbsfleisch das zaubert, was ihm letztens mal gut gelungen ist. Ein Umstand, den man als Vegetarier gerade noch verschmerzen kann. Und natürlich weinen wir, als Rocko der Fotografin versichert, eigentlich würde er auch lieber tattrigen alten Ziegenbock essen, der friedlich eingeschlafen ist, und dieses Kalbsding sei ja nur eine Idee gewesen, um etwas Besonderes zu präsentieren. Doch was nicht ist, kann niemals sein. Und es gibt nun Enchillada, Taco etc. Näheres und alle Rezepte findet ihr unter google.de, Suchbegriff: »Mexikanisches Essen«.
Jetzt aber: ›Dorfpunks‹. Rocko beschreibt die Jahre 1981 bis 1986 in Schmalenstedt, Schleswig-Holstein, als dort die Nachricht von Punk eingeschlagen war. Und das Dorf in seiner Hochzeit dann bis zu 50 Punks führte. U. a. Ronny Dangerblood. Besser bekannt unter seinem späteren Kampfnamen Rocko Schamoni. Eine Biografie, eine weitere Version einer Jugend in den Achtzigern. Selbstverständlich sprachlich und erzählerisch vom Autoren hochgepitcht und dadurch, wie nicht anders zu erwarten, auch sujet-unabhängig glänzend zu lesen. Wohl aber ganz speziell demjenigen, der Teile seiner Vergangenheit mit Dosenschießen (»Schwedisch Biertrinken«, wie es bei Rocko heißt), dem Herzschlag der besten Musik und vulgär-pc-iger Asexualität verbracht hat.
Auffällig angenehm in deinen Erzählungen ist, wie wenig funktionierender Sex und Zweisamkeit ein Thema sind. Liest man Frank Goosen oder auch ›Herr Lehmann‹, merkt man schnell, wie sehr die sich verpflichtet fühlen, zu beschreiben, was alles im Bett ging, dauernd wird gebumst.
Das war aber wirklich so, dass das körperlich nie so eng war bei uns. Mit 17 hatte ich die erste Freundin. Aber das hatte mich vorher auch nie so interessiert, ich hatte viel mehr nach einer neuen Familie gesucht und nicht nach einer Partnerschaft. Meine Energien kamen aus meiner Punkfamilie. Bei uns in der Gang gab es auch keinen einzigen richtigen Ficker. Und zwar auch deswegen, weil das vollkommen unangesagt war. Mit so was zu kokettieren war das Gegenteil von allem, was irgendwie als cool durchging. Wir waren verklemmt, und es gab überhaupt eine Skepsis gegenüber Sex. Der war bürgerlich, der war schon Teil dessen, was man nicht sein wollte. Wir wollten damit nichts zu tun haben.
Ein sehr spezielles, fast tabubrecherisches Motiv ist im Buch auch, dass du deinen Eltern in diversen Punkten nachträglich Recht gibst. Wenn du zum Beispiel einräumst, dass eure Band die Zumutung war, als die sie deine Mutter empfunden haben muss. Du entschuldigst dich bei deinen Eltern mitunter explizit. Das will doch theoretisch bei so Abfahrt-Anekdoten niemand hören.
Meine Mutter ist jetzt seit zwei Jahren tot. Wir hatten uns auch ausgesöhnt und wieder ein tolles Verhältnis, aber ich begreife jetzt halt die andere Seite. Und mir tut es teilweise einfach Leid, was ich ihnen angetan habe. Ich kann und will nichts ungeschehen machen. Deshalb steht hinten auf dem Buch auch »Tschuldigung, ich konnte nicht anders«. Ich bin froh, dass dann ab meinem 25. Lebensjahr eine Aufweichung der Fronten stattfand, und als ich dreißig war, es so eine Aussprache gab. Wir saßen da bei einem Urlaub mit meinem Bruder auf Guatemala, und ich habe ihnen wirklich alles erzählt, jeden Drogenscheiß, jeden Einbruch und so. Und meine Eltern haben dagesessen und gelacht und haben sich echt drüber gefreut. Das war ein geiler Moment.
Rocko Schamoni sagt dir, wo’s langgeht:
Mit seinem goldenen Humor, seinen Seewasser-gegerbten Händen und seinem ganzen aufregenden guten Aussehen. Das war aber auch nicht immer so. Ab seinem Hit ›Der Mond‹ zur Jahrtausendwende wird Rockos Musikschaffen fester Bestandteil des Coolness-Kanons. Das Darben davor scheint vergessen. Als er unverstanden und verätzt mit Alben der grellen Entrücktheit über Land tingelte. Und keiner wusste, wie man sich zu Hyper-Trash à la »Junge Punx / wollen tanzen, wollen träumen / Junge Punx / wollen keine Mark versäumen« im ätherischen Schlagergewand verhalten sollte. Wem dieser ganz große Unsinnsentwurf tatsächlich fehlt, der sei zum Beispiel verwiesen auf die neue Jaques-Palminger-Single ›Deutsche Frau‹.
Rocko geht auf Tour:
Da braucht ihr nicht lachen: Vor der ersten richtigen Lesetour jetzt habe ich echt Angst. Habe ich noch nie gemacht. Immer nur in Verbindung mit Musik.
Und was ist überhaupt mit einer Band-Tournee?
Irgendwie will ich das gerade nicht mehr so. Du stehst in einem Laden und spielst, und das Publikum ist super. Du hast drei Zugabenblöcke, total klasse. Aber wenn ich die Augen zumache, weiß ich nicht: Ist es jetzt 2000, 2004 oder 1996? Es gibt keine Entwicklung, gerade wenn du über Jahre in denselben Läden auftrittst. Ehrlich gesagt, wenn ich auf Tour gehe, bin ich nach drei Tagen depressiv.
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