Sportfreunde Stiller

Liebe rein ins Life-Design

25.03.2004, 12:27, Text: Christian Wessels, Christian Wessels

Im Video zu ›Siehst Du Das Genauso?‹ stehen die Sportfreunde Stiller vor einer von Palmen dominierten Foto-Tapete. Das vermittelt ein wohliges Gefühl – innere Wärme, die sich in der unwirtlichen Umgebung einer U-Bahn-Station verbreiten soll.

»Ging es nach mir, sollten wir viel mehr aufeinander schauen. Wofür es alles zu geben lohnt, ist ein großer Traum. Ein einziger freundlicher Blick macht manchmal wieder alles gut. Ein guter Freund neuen Mut.« (aus ›Siehst Du Das Genauso?‹)

Was Sänger und Gitarrist Peter Brugger, Schlagzeuger Florian Weber und Bassist Rüdiger »Rüde« Linhof mit dem Text der ersten Single andeuten, ist der rote Faden des neuen Albums ›Burli‹ (xxxLink2xxx), nach ›So Wie Einst Real Madrid‹ (2000) und ›Die Gute Seite‹ (2002) das dritte der Sportfreunde.

Es appelliert an die Menschlichkeit.

»Es sollte für jeden die Maxime sein: Lass die Liebe rein in euer Life-Design. Es sollte leicht von der Hand gehen, damit alle, die am Rand stehen, wieder neues Land sehen.« (aus ›Ein Kleiner Schritt‹)

›Burli‹ ist ein nachdrücklicher Aufruf zur Problemlösung auf der Mikroebene, gelegentlich wird der nachdenkliche Gestus des Albums unterbrochen von Rülpsern und lautem Gelächter. Das nennt man dann Humor.

Die Erwartungshaltung an das neue Album war groß. Ein Demo, auf dem die Band im Mai letzten Jahres unter erheblichem Zeitdruck einige Lieder und Fragmente aufgezeichnet hatte, ließ die Plattenfirma am künstlerischen Vermögen des Trios zweifeln. »Wir dachten, die kennen uns, die fragen mal nach«, sagt Rüde. »Stattdessen gab es Eiergewerfe.« Davon ließen sich die drei Münchener nicht beirren. Sie arbeiteten weiter, schrieben mehr Songs, um die Platte schließlich mit Langzeit-Produzent Uwe Hoffmann im herbstlichen Spanien aufzunehmen. Unterm Strich also keine leichte Geburt: »Das letzte Jahr hat uns sehr auf die Probe gestellt«, so Rüde. »Aber wir sind gestärkt daraus hervorgegangen.« Das Resultat: gewohnter Sporti-Style, in der Mitte etwas ausgedünnt, dafür an den Rändern mit noch rockigerem Rock und noch poppigerem Pop.

Ihr habt früher in Bayern aufgenommen, fahrt seit einiger Zeit aber nach Spanien. Wie kam es dazu?
P: Nach viel Herumprobiererei, wir haben u. a. mit Olaf Opal und Mario Thaler gearbeitet, sind wir mit unserem jetzigen Produzenten Uwe Hoffmann [auch Die Ärzte] sehr glücklich. Es geht gar nicht so sehr darum, unbedingt in Spanien aufzunehmen. Das ist zwar eine nette Begleiterscheinung, aber als wir jetzt im Herbst da waren, hat es auch viel geregnet. Wichtig ist für uns, dass wir weg sind von Zuhause und zusammen Musik machen können. Hat ein bisschen was von einem Lagergedanken.
›Burli‹ klingt nachdenklicher als die bisherigen Alben. Themen wie Menschlichkeit und Freundschaft nehmen einen großen Raum ein. Man hört das und denkt: stimmt irgendwie, sollte so sein. Klingt aber manchmal etwas naiv ...
R: ›Siehst Du Das Genauso?‹ ist ein Appell: dass man auf sich achten soll, auf seine nähere Umgebung. Diese persönliche Ebene befremdet vielleicht. Aber wenn ich das Zwischenmenschliche nicht im Griff habe, brauche ich über Systemkritik gar nicht erst zu reden. Es gibt auf ›Burli‹ natürlich auch wieder viele saudumme Momente. Wir sind ja nicht nur nachdenklich.
P: Uns ist es wichtig, ein Gefühl zu vermitteln, nicht so sehr, einem intellektuellen Anspruch gerecht zu werden. Ein Gefühl der Hoffnung, der Verbundenheit. Gerade in einer Zeit, die so negativ geprägt ist. Ich sehe am Horizont immer noch etwas Positives, mir macht das Leben einfach viel zu viel Spaß, als dass es nur negativ sein könnte.
R: Ich habe oft das Gefühl, dass pessimistische Haltungen dem Leben gegenüber in eine selbstmitleidige Richtung gehen. Man beschwert sich nur, macht aber nichts. Aktion kommt aus einer optimistischen Haltung, aus dem Glauben an die Sinnhaftigkeit dessen, was man tut. Optimismus ist wichtig, um Kraft zu schöpfen. Man beschwert sich nur, macht aber nichts. Aktion entsteht aus einer optimistischen Haltung, aus dem Glauben an die Sinnhaftigkeit dessen, was man tut.
Apropos Aktion. Ihr seid auf dem Planet Peace Festival gegen die NATO-Sicherheitskonferenz (06.-08.02. in München) aufgetreten.
R: Ich finde es wichtig, dass man sich politischer Bedeutungen bewusst ist. Man muss dafür nicht unbedingt über Politik oder gesellschaftliche Zusammenhänge singen. Es reicht, wenn man einfach mal was macht, Leuten den Anreiz gibt, auf eine Demo zu gehen und neue Inhalte zu erfahren. Viel steckt fest in so einer Resignation, die gilt es aufzubrechen.
Ihr seid für die Vorausscheidung zum ›Grand Prix‹ angefragt worden, habt aber abgesagt. Warum?
F: Ich konnte mich mit der Idee überhaupt nicht zurechtfinden, da bin ich wohl der größte Idealist in der Band.
R: Idealismus ist ja sehr schnell ein Feigenblatt dafür, dass man auf der guten Seite ist. Ich verstehe Flo absolut, aber ...
P: Ich finde Idealismus in diesem Zusammenhang auch nicht so passend. Weil du beim ›Grand Prix‹ einfach die Möglichkeit hast, dich zu präsentieren.
Und ihr Plattformen ja nutzt ...
R: Das ist immer eine Gratwanderung. Es ist ja nicht so, dass wir automatisch alles machen.
F: Ich bin mit meiner Einstellung das Extrem. Ich will mich der Öffentlichkeit nicht verschließen, möchte aber eigentlich hinter jeder Plattform stehen, die ich nutze.
R: In großen Medien gibt es keine Plattform, hinter der man hundertprozentig stehen kann. Letztendlich müssen wir aber eine gute Mischung finden. Wir werden nicht in der ›Dschungelparade‹ mitspielen und uns nicht in der Bravo ausziehen. Es stimmt, vieles erscheint unlogisch: Wir machen nicht beim ›Grand Prix‹ mit, aber in der McDonalds-Chartshow. Ich finde es aber heuchlerisch, so eine PC-Fahne rauszuhängen, wenn man sich nicht dran halten kann. Wir können es nicht.
F: Von wegen Konsequenz ... Ich will ja nicht, dass man überhaupt nichts macht. Bei einer Chartshow komme ich besser zurecht. In England sind die Charts im Vergleich zu Deutschland großartig. Da sind vorne immer Gitarrenbands mit dabei. So was in Deutschland zu etablieren sollte auch in unserem Sinne sein.
R: Flo, das ging jetzt gar nicht gegen dich. Man kann grundsätzlich nicht konsequent sein. Wäre Intro konsequent, würde es keine Reklame zulassen und jeden Konzern ausloten. Und dann wäre es pleite. Man muss halt irgendwo seine eigenen Grenzen ziehen.

Die Anfänge
Peter: »Flo und ich, wir haben uns 1995 während des Sportstudiums kennen gelernt. Rüde kam elf Monate später dazu. Benannt haben wir uns nach Hans Stiller, unserem Fußballtrainer beim SV Germering. 1996 war das erste Konzert, 1997 mussten wir uns umbenennen: von Stiller in Sportfreunde Stiller, weil eine Hamburger Band gleichen Namens uns verklagen wollte.«

Der Titel ›Burli‹
Flo: »Für uns ist Burli ganz normaler Sprachgebrauch. Ich hatte einen Onkel, der hieß Onkel Burli, mein Bruder sagt zu seinem kleinen Kind Burli. Die Platte ist uns ans Herz gewachsen, eben unser Burli.« Peter: »Die anderen Titel haben sich immer nur eine Nacht gehalten: ›Im Kopf Schon Fertig‹, ›Plattitüden Aus Dem Süden‹, ›Deutschland Ist Weltmeisterin‹ ...«



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aus Intro #115 (April 2004)
 
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