George Michael

The Grabbing Hands Grab All They Can ... (& Verlosung)

24.03.2004, 18:16, Text: Phillip Sollmann, Phillip Sollmann

»I’m retiring!« Es ist vorbei. Patience is over. George Michael tritt ab. Nach über 20 Jahren Pop-Biz erklärt er seinen Rücktritt und zieht sich zurück in den Popstar-Ruhestand vor den Rechner. Man könnte auch sagen: George Michael geht online. Von seinem Privat-PC wird er fortan hin und wieder komprimierte Musik ins Netz schicken, wann es ihm gerade passt – wenn ihm gerade etwas einfallen sollte. Ab jetzt ist Schluss mit Termindruck und unhappiness, die ihm das Leben nach eigener Aussage immer schwerer gemacht haben. Fuck the industry, I’m rich enough.

Nie wieder wird es ein neues Album des Multi-Millionärs in den Läden zu kaufen geben.

Wohl aber ganz offiziell, legal und kostenlos seine zukünftigen Songs zum Downloaden, Sharen, Brennen, Remixen. So ist es doch für alle gut. Georgie »removes himself from all that negativity«, die ihn in Form von Produktions-, Interview- und Auftrittsterminen immer stärker in der Hand hatte, und tritt – mit mehr Geld, als er je wird verschleudern können – den Weg in die Autonomie an. Wer es braucht, lädt sich was runter, und die Plattenindustrie hat ein paar Euro weniger für Plastikpuppen-Stars und Stripes. Die haben ihn eh so schlecht behandelt in all den Jahren – der eine oder andere erinnert sich vielleicht noch an seinen Kampf. Doch wer erklärt mir, wie man jahrelang gegen Sony kämpfen kann, schließlich aus den Verträgen entlassen wird und am Ende doch wieder dort unterschreibt?

Hach, welch Erlösung! Durchfährt es mich, und ich bin ganz verzückt angesichts gleich so vieler guter Dinge. Georgie, du alter Schlingel, das hätte niemand gedacht! So modern das alles: Nicht nur die angekündigte Wiederaneignung deiner zur Ware verkommenen Kunst, auch das Jay-Z-gleiche Gefühl für den richtigen Zeitpunkt des Abgangs (zugegeben, zwei, drei Jahre früher wären auch okay gewesen). Und wir sehen, Verschleierungstaktik hin oder her:

»Record industry is bad
Fame is no fun
Get 40, get out!«

Das klingt zwar alles etwas nach Michael Jackson, wenn der Charity-Freak George Michael beispielsweise sagt: »I’ll hopefully be a happier man, giving my music and also doing something really positive with my music«, aber wunderlich werden wir alle irgendwann.
Wie auch immer die kommenden Schenkungen an die Welt klingen werden, es sollte nicht auf allzu große Happiness gehofft werden, schließlich war die traurige, dunkle Seite, die in aller Klarheit auf dem Meisterwerk ›Older‹ zum Tragen kam, das Schönste, während die nachfolgenden Songs der letzten Jahre mehr und mehr die Disco bedienten und zunehmend stärker zur immer schon vorhandenen schmierigen, unbeseelten Seite des Ex-Wham-Starlets tendierten. Mit ›Shoot The Dog‹, ›Freek‹ (shoot the engineer – ist das mies produziert!) oder der aktuellen Single ›Amazing‹ lief er seit Jahren den Höhepunkten seiner Karriere – mit Songs wie ›Faith‹, ›Killer‹, ›Freedom‹, ›Fastlove‹ oder der Stevie-Wonder-Coverversion ›AS‹ – hinterher, offensichtlich zunehmend uninspiriert, gelangweilt und von den Routinen eines Lebens als Star ausgelaugt. Genau das bestätigt er dieser Tage im Interview mit Jo Whiley von BBC Radio 1: »I’m not pretending I won’t be famous anymore, but in the modern world if you take yourself out of the financial aspect of things, you’re not making anybody any money, you’re not losing anybody any money.« Und führt mit klarem Realitätsblick hinzu: »I’ll be of very little interest to the press in a certain number of years.«

Genau das ist der angestrebte Zustand des Poeten, dieses immer wieder als billiger Pop-Star missverstandenen großartigen Songschreibers und Sängers – fragen Sie doch einmal Jochen Distelmeyer, was er ohne ›Older‹ wär!

George Michael war wohl der smarteste, intelligenteste und unverstandenste Star, der sich in den letzten Jahren der Industrie hingegeben und von ihr profitiert hat. Viel zu britisch, um in Amerika Fuß fassen zu können, zu beeinflusst von Disco und Funk, um englisch zu sein, zu erfolgreich in der Jugend und viel zu verliebt in Saxophone, um je wirklich ernst genommen werden zu können. Er hat nie den Punkt überschritten, der ihn unsterblich gemacht hätte, hat sein Privatleben geschützt, so gut es ging, seine Sexualität zwar Gewinn bringend exotisch und doch gleichzeitig sehr diskret vermarktet und musikalisch nie das gemacht, was ihm möglich gewesen wäre. Im Endeffekt verabschiedet sich einer der mittelmäßigsten Stars der jüngeren Popgeschichte, der sich jeglichem in ihm angelegten Extrem entschieden verweigert hat, um seine Autonomie zu wahren. Man höre ›Older‹ und erkenne:

»Seems that everybody takes their chances these days
I will not accept this as a part of my life
I will not live in fear of what may be
(And the lessons I have learned ...)
I would rather be alone than watch you spinning Spinning that wheel for me ...«

George Michael war ein einsamer Star. Einsam in seiner Sexualität. Einsam als Musiker nach dem Ende von Wham. Einsam als Engländer in seiner Wahlheimat USA. Allein mit sich und seinem Selbstmitleid.

»It’s a cruel world – I’ve so much to prove
I have no daughters, I have no sons
I’m the only one living in my life.«

Die Süddeutsche Zeitung bezeichnete den Barden dieser Tage zu Recht als den vierten großen Überlebenden der Achtzigerjahre. Michael wälzte sich schon an seinem Last Christmas im Schnee (und zwar in der Prä-Viva/MTV-Ära, bei ›Formel Eins‹), als ein Großteil der Leser nicht mal zwischen Madonna, Prince oder Michael Jackson unterscheiden konnte. Er hat sich bestens geschlagen und tritt ab, bevor Jacko in den Knast wandert, das Material Girl Bob Dylan covert und Roger Nelson seine Provider-Gebühren nicht mehr zahlen kann. Bewertung: Am unpopulärsten, weil alles richtig gemacht, zu pc, um cool zu sein.

»I just want you to know, I won’t go through it again.«
(›Spinning The Wheel‹ auf ›Older‹, 1996)

Vorsicht ist angesichts der jüngsten Ereignisse geboten, und man sollte nicht auf das hereinfallen, was er, der sich seit Jahren von allen Seiten verfolgt Glaubende, da gerade inszeniert. Sein Abtritt ist seit langem geplant, mediengerecht inszeniert und ein letztes Mal aufs höchste verkaufsfördernd. It’s all written there: »Oh god, I’m sorry, I think I’m through, I know I’m through« erklingt es so schön gegen Ende von ›Patience‹, diesem letzten Album des einsamen Trompeten-Sängers, der von nun an hin und wieder ein careless whisper von sich geben wird – wohlgemerkt online.

Alben à gogo für die Flohmarktliste:
Wham:
Fantastic (1983)
Make It Big (1984)
The Final (1986)

George Michael solo:
Faith (1987)
Listen Without Prejudice (1990)
Older (1996)
Ladies & Gentlemen: The Best Of George Michael (1998)
Songs From The Last Century (1999)
Patience (2004)

Wir verlosen 3x George Michael'Face' von George Michael und zweimal die Wham-DVD. E-Mail mit Stichwort 'Schorsch' an verlosung@intro.de



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aus Intro #115 (April 2004)
 
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