Múm

Gefundene Musik

24.03.2004, 18:03, Text: Eric Leimann, Eric Leimann

Isländische Klangwunder wie Sigur Rós oder Múm scheinen einem Geheimbund anzugehören. Journalisten flüstern, dass es auch einen schottischen Arm dieser Bewegung gebe, der auf den Namen Mogwai hört. Ziel der Vereinigung ist das Schweigen. Eine Art Schweigepflicht zum Schutz der geheimnisvollen Klanglandschaft. Man spricht nicht gerne über die eigene Musik. Schon gar nicht, wenn Metaphern dem Analytischen Platz machen sollen. Auch Örvar Dóreyjarson Smárason von Múm lässt allzu bodenständige Fragen zu Konzept oder Entstehung seiner Musik charmant unbeantwortet. Elektronisch versus akustisch, modern versus nostalgisch, Sound versus Song – es gebe so viele Koordinaten zu diesem flirrenden Klang Múms, über die man sprechen könne.

»Das Wichtigste jedoch«, betet Örvar sein Mantra, »ist die Schönheit unserer Musik. Bloß nicht analysieren! Das könnte gefährlich werden. Wir tun es auch nicht unter uns. Nur wenn wir Interviews geben.«
Ach, wenn es doch so wäre! Immerhin widerspricht Örvar nicht der Einschätzung, dass es sich beim neuen Album ›Summer Make Good‹ um das bisher akustischste Instrumentarium und auch um das gesangsreichste Werk der zum Dreier geschrumpften Band handelt. Örvars Freundin Kristin haucht bei diesem summenden Elektronik-Folk ihren Mädchengesang weitaus häufiger ins Mikrofon als bisher. Dazu hat sie das Akkordeon als neues Lieblingsinstrument entdeckt. Ihre Zwillingsschwester Gyda hingegen hat die Band für ein Cello-Studium verlassen. »Es war klar, dass sie es irgendwann tun würde«, gibt sich Örvar gefasst. »Gyda ist zum Cellospielen geboren. Nun besucht sie das Konservatorium in Reykjavík.« Aus Kindern werden Leute, muss ich klischeehaft denken. Wie lange ist es her, dass die auf seltsame Art schönen Schwestern das Cover des Belle&Sebastian-Albums ›Fold Your Hands Like A Child‹ zierten? Als alle Welt raunte, dass dies die unglaublich jungen Zwillingsschwestern des unglaublich guten Island-Acts Múm wären? Es war im Jahr 2000, Gyda und Kristin waren süße 18. Nun sind sie erwachsene 22 – ein Geburtstag, der übrigens laut Örvar mit einem Fußballturnier (!) in Berlin gefeiert wurde.
Irgendwie erwachsener klingt auch die neue Musik von Múm. Sofern erwachsener wie so oft in diesen Tagen in der ehemals elektronischen Szene mit analoger übersetzt wird. ›Summer Make Good‹ klingt wie zeitloser populärer Folk aus einem slawischen Fantasie-Staat oder eine Konservatoriumsarbeit aus der Feder eines zeitgenössischen Partitur-Wizards. Örvar taut auf und ist begeistert von der Idee: »Es ist doch faszinierend, dass diese Platte ebenso aus einem obskuren polnischen Secondhand-Laden stammen könnte. Dass man sie nur wegen ihres schönen Covers gekauft hat. Vielleicht ein Bild mit einem Schiff drauf. Musik, die so klingt, als hätte man sie irgendwo einfach gefunden!«



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aus Intro #115 (April 2004)
 
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