Nicht mehr ganz jung, viel zu deutsch und irgendwie auf dem Weg

Episode #2

26.02.2004, 17:20, Text: Pascal Blum, Pascal Blum

›Das Hysterium Schlägt Zurück‹ heißt es bei den Türen. Also kommt hier nun der zweite Teil, die Rache von ›N!M!G!J!V!Z!D!U!I!A!D!W!‹ Die drei Seiten sind ein weiterer Splitter des Kuchens halb- bis brandneuer Indie-Acts hiesiger Gefilde. Kuchen haben keine Splitter? Euch geht’s doch immer noch viel zu gut. Und hier ist der Soundtrack dafür.

Die Türen

Keine ganz neue Geschichte: Drei Jungs aus der Provinz (hier: Münsterland) machen sich auf in die große Stadt (hier: Berlin). Dütschland, shut your mouth, jetzt kommen Die Türen. Als Ramin Bijan, Gunther Osburg und Maurice Summen Ende 2002 beschlossen, ihre jahrelang in verschiedenen Musikprojekten (Pimpie Jackson, Novotny TV, Esel) gesammelten Erfahrungen in ein eigenes Label namens Staatsakt und eine gemeinsame geile Band einfließen zu lassen, wussten womöglich noch nicht einmal sie selbst, dass ihr Debütalbum ›Das Herz War Nihilismus‹ Anfang 2004 endlich das einlösen würde, was International Pony mit ›We Love Music‹ versprochen hatten: Die Türen spielen Disco, Soul, NDW, Elektro, Rock und Schlager mit dem Herzen von Punk.

Ihre Verachtung für die Hipsterszene am Prenzlauerberg, die ihre ›Pose Als Position‹ verkauft und dabei täglich vom Ü-Wagen der überflüssigen Sendung ›Polylux‹ nach neuesten Trends abgeklappert wird, liefert ihnen die Munition für Texte im Geiste von Dada, Beat und Agitrock. Mit Soundbites wie ›Spaß Macht Mir Keine Freude‹ oder ›Ich Spür Den Touch Nicht‹ kann man fix jede Häuserwand besprühen. Aber erst in der Interpretation von Maurice Summen, einem gehetzt wirkenden Shouter in der Tradition von Peter Hein und Schorsch Kamerun, werden sie zu aufpeitschenden Parolen. Da reckt sich die Faust von ganz alleine. Auf der Konzertbühne kochen Die Türen ein Blutgericht aus Trash, Punkrock und Disco. Fehler is King, Formverweigerung als Konzept: Bitte im Ideologieregal zwischen Helge Schneider, Ween und Rosa von Praunheims ›Die Bettwurst‹ einordnen. ›Das Herz War Nihilismus‹ klingt hingegen dank der slicken Produktion und zahlloser schöner Gimmicks (das im Soul-Falsett gesungene »Feeling!« in ›Starkstrom Elektriker‹, das Van-Halen-Gitarrensolo in ›Öde An Die Freude‹ oder der Clash-Dub in ›Ich Touch Me‹) für ein Debütalbum erstaunlich abgeklärt und bunt. Wie viele großartige Bands vor ihnen rollen Die Türen als Trans-Schubladen-Express durch die üppige Musiklandschaft und basteln aus den gesammelten Reiseandenken ein eigenes Pop-Kunstwerk. Hier fügt sich der Disco-Schlager ›Mädchen Meiner Träume‹ ebenso ein wie der rührende Doo-Wop ›Trauriger Skinhead‹ oder der Gitarrenpop-feat.-Handclaps-Hit ›Der Aquaplan‹. Auf die Clubtauglichkeit ihrer Songs können Die Türen als begeisterte Funkateers ohnehin nicht verzichten: Andere machen Tanzmusik, Die Türen haben Groove. Diese Platte swingt – und das selbst in ihren krachigsten Momenten. Keine Atempause, Partybomben werden gezündet, es geht voran.
Die Türen: möglicherweise die wichtige Band zum richtigen Zeitpunkt, ein »Surfbrett für die neue Welle der Kraft«.
Akt. Album: ›Das Herz War Nihilismus‹ (Staatsakt / Indigo)

Tenfold Loadstar

First we take Braunschweig, then we take Hamburg und morgen hoffentlich die ganze Welt. Mittlerweile aus der Jägermeister-Metropole nach Hamburg verzogen und die Projekte Bata Express bzw. Hi Ho Silver hinter sich gelassen, sind Felix Wiesner, Caro Garske und Björn Matthias nun beim Label-Klassenprimus Lado aufgeschlagen. Eine beidseitig gute Wahl, denn die Lados haben in jüngster Vergangenheit – von dem mir nicht reinlaufenden Aussetzer Spillsbury mal abgesehen – mit Robocop Kraus und Von Spar ein formidables Händchen für keimende Superstars bewiesen. Zeit für die nächsten: Tenfold Loadstar! Entstand das erste (selbstbetitelte) Album noch unter Lo-Fi-Bedingungen, so waren bei der Produktion (u. a. durch O.L.A.F. Opal) von ›Mellow Garden‹ Soundbedingungen am Start, die eine schon beim Vorgänger erahnbare Melodiengröße und harmonische Brillanz auf ein höheres Niveau katapultierten. »Eine Weiterentwicklung mit besseren Mitteln«, nennt das Felix Wiesner. Noch weiter: Zwei Aspekte dürfen in keiner Betrachtung der Band fehlen: zum einen die unglaublich ausgereift wirkende Songstruktur, zum anderen die Stimme Caro Garskes. Diese beiden Punkte drehen sich umeinander und ineinander, bis am Ende Song-Perlen von universeller Anziehung in ihrer ganzen Frische einfach nur so dastehen: »Die Stücke sollen etwas ausstrahlen, auf das sich viele Leute einigen können. Es ist für mich ein Kompliment, wenn gesagt wird, dass die Songs nicht typisch deutsch klingen.« Da können auch gerne mal Country-Referenzen durchschimmern, ohne dass Peinlichkeit entsteht. Neil Young ist ein Bezugspunkt, und alles macht Sinn. Wenn man sich auf solche Größen bezieht, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man will sein eigenes Werk mit dem Querverweis erhöhen und gibt sich aufgrund fehlenden Contents der Lächerlichkeit preis, oder aber der Inhalt ist stark genug, mit dem Bezug eine Treppenstufe höher zu bestehen. Es misslingt so häufig, doch hier nicht. Für Menschen, denen Kategorisierungen die Ordnung erhalten: Electro-Indie-Country-Emotionen mit Rasanz, Pausen und Pathos. Denn eines sollte noch klargestellt werden: »Ich mag es, einen übertrieben emotionalen Effekt zu erzeugen«, sagt Felix Wiesner, und das Wörtchen »übertrieben« klingt wie eine Entschuldigung. Muss es nicht, denn eine große Pop-Platte kommt ohne den Widerhaken im Herzen nicht aus. Ab Mitte April kann man sich auf siebzehn Gigs – verstärkt durch Lars Horl (Go Plus) und Gundi Voigt (Die Piloten) – von dem internationalen Pop-Appeal der Tenfold Loadstars persönlich überzeugen.
Akt. Album: ›Mellow Garden‹ (Lado / Rough Trade)

Saalschutz

Es gibt Phasen im Leben, in denen alles stinkt. Die kann man aussitzen, oder man versucht, das Elend durch Bewegung weit hinter sich zu lassen. Als es vor gut 24 Monaten mehr als schlecht aussah, entschieden sich Saalschutz für Möglichkeit zwei und verzogen sich in eine hoch gelegene Hütte fernab vom Basislager Zürich. Wochenlang schraubten DJ Flumroc und DJ M T Dancefloor an alten Synthies herum, schrieben Stücke und stiegen schließlich wie Moses vom Berg, neugierig, ob die Ergebnisse im Tal ankommen würden – im Gegensatz zu den Zehn Geboten super.
Und mit Electroclash als Hype der Stunde rockten die zwei schnell Partys in besetzten Häusern, auch schon mal als Roboter ausstaffiert oder in Goldanzügen. Das brachte Mundpropaganda und Kontakte wie den zum Label Desert Engine, das die bald erscheinende Vinylversion ihres Longplayers feilhält (getestet und für widerspenstig befunden in Intro #113). Damit auf Flyern kein Vertun aufkommen konnte, wurde anfänglich die musikalische Einordnung mitgereicht: »Saalschutz: Technopunk«. Klingt nach Konfrontationskurs, und gibt man was auf im Internet herumfliegende Infoschnipsel, kann der Eindruck aufkommen, die Band habe sich für ihre Auftritte zum Ziel gesetzt, jede Form von Tanzen zu vereiteln. Das stimmte so nur bei den ersten Konzerten. Man ließ alles, was an Geräten da war, unkoordiniert laufen und lotete die Leistungsgrenzen der Hausanlagen aus. Im Interview erzählen die beiden, dass die Veranstalter teilweise angesickt waren. »Einer hat uns nachher gefragt, ob wir das lustig fänden, seine Party leer zu spielen.« Nee, bei näherer Betrachtung nicht. Seitdem tun Saalschutz ihr Bestes, dass außer ihnen auch das Publikum steil geht. Gleich bei Dutzenden anderer Bands von A wie Ach Keine Ahnung bis Z wie Zoot Woman bedienen sich die Schweizer sowie in der Asservatenkammer der 80er und 90er, aber so, dass jenseits des Sounds kein Vanillahosen-Effekt aufkommt. Das Gedränge an der Baustelle ist ihnen ohnehin egal: »Wir wissen, wir sind nicht die Ersten und sind auch nicht dazu da, das Rad neu zu erfinden.« Trotzdem lauern da irgendwo Ambitionen, denn der Mehrwert des Duos ist ein in Text und Musik ständig ablaufendes Reflektieren über das, was man da gerade macht. Weil das unüberhörbar ist, wurden Flumroc und M T Dancefloor kürzlich vom Magazin 31 des Schweizer Instituts für Theorie der Gestaltung und Kunst in ihrer Eigenschaft als Praktiker befragt, wie man damit umgehe, dass alles schon mal da war. Am besten wie auf dem Album: ganz locker.
Akt. Album: ›Das Ist Nicht Mein Problem‹ (WSFA / Indigo)

Garish

Was schreibt jemand, der ständig den Ort wechselt, in das Absenderfeld seiner Post? fragte sich Thomas Jarmer. ›Absender Auf Achse‹ lauten die Antwort und der Titel des neuen, mittlerweile dritten Albums von garish. Bandname klein geschrieben, weil schließlich ein Adjektiv und mithin das einzige englische Wort, das im zunehmend formenreichen Pop-Kosmos des österreichischen Quintetts überdauern konnte. »Ich habe immer mehr ein Faible für eine eher altertümliche und gepflegtere Sprache entwickelt, eine blumigere und ausgeschmücktere, fantasievolle«, erklärt Thomas manieriert anmutende Sätze wie »Jetzt bist du hier, fürwahr« und die Vielzahl lyrischer, der Alltäglichkeit abhanden gekommener Bilder in garishs Texten. Das klingt romantisch und ist es auch, allerdings nicht im Sinne von Zweisamkeiten bei gedimmtem Licht, sondern »verbunden mit dieser Fernfahrer-Romantik, mit dem Alleinsein, mit dem Sonnenaufgang aus der Fahrerkabine um fünf Uhr morgens.« Dass Sehnsüchte hier gut aufgehoben sind, davon kündet schon die aktuelle Single ›Noch Auf See‹, deren einsätziger, über den wogenden Horizont gerufener Refrain nicht mehr aus dem Ohr zu kratzen ist. Scheint es erst absurd, dass Binnenländler ein maritimes Bild verwenden, klärt Thomas über die Inspirationsquelle auf: »Wir waren in Kiel und zum ersten Mal an der Ostsee.« Auf Achse war die Band aus Mattersburg, Burgenland – dort, wo Österreich zum Neusiedler See hin flaches Land wird – weiß Gott. Sie rockten mit Slut, JJ72 und auf vielen Festivals; die leisere Variante ihrer Musik brachten sie bei einer Tour mit Tom Liwa in »eher bedächtigeren Arrangements« auf die Bühne. Da war es wohl an der Zeit, dass garish bei den Aufnahmen in der Seelenruhe des Kulturzentrums Cselley-Mühle im Dörfchen Oslip ihr ganzes musikalisches Besteck herauskramten: Beschwingte Pop-Songs, ein Walzer, beklemmender Stop-&-Go-Rock, Kinderchor und Streicher illustrieren eine allegorische Reise hin zum eigenen Standpunkt, der sich immer wieder als vorläufig erweist. Bewegung, permanent. »Wir wollten uns wirklich erlauben, jetzt alle Register zu ziehen. Und dementsprechend auch kitschig zu werden.« Ehrfurcht erfüllte Thomas, als die Streicher loslegten, die die Band auch bei der ausverkauften Albumpräsentation im Wiener Theater Rabenhof aufbot. Ein ungewohnter Luxus, auf den garish bei der Tournee im März allerdings verzichten. Ein gewisser Prunk darf dennoch sein. Das sind sie ihrem Namen ja auch schuldig.
Akt. Album: ›Absender Auf Achse‹ (Tapete / Indigo)

Raketenjungs

Genre: Powerchord-Rock mit deutschen Texten.
Akt. Album: ›Darf Ich Um Diesen Tanz Bitten?‹ (Love At 1st Sight)
Geschichte: Drei Jungs aus Hamburg, die glauben, zwischen allen Stühlen zu sitzen. Fühliger als Tomte, rockiger als Astra Kid, verspielter als Kettcar und schöner als deine Mutter. In echt allerdings ist ihr Gitarrenkram feinstes Mittelmaß mit Typen-Narzissmus in den Texten und viel zu vielen falschen Tönen im Gesang.
Komm, zitier mich: »Ob du wirklich richtig stehst, siehst du, wenn das Licht angeht.«
Celeb-Faktor: Schon live vor Wir Sind Helden und Virginia Jetzt! gespielt. Und im Info werden Links gedroppt wie maketradefair.com, indymedia.org, frauenrechte.de. ›No Logo‹ wurde also gelesen – und das ist doch nicht schlecht.
Schönheit der Chance: Rom wurde auch nicht an einem Tag zerstört. Raketenjungs brauchen in jedem Fall noch Zeit, bis es zu mehr reicht.

Princess Him

Genre: Electroclash, wenn man es gut meint.
Akt. Album: ›More Equal Than Others‹ (Klein Records)
Geschichte: Bitte erst mal um Verständnis bei allen österreichischen und Schweizer Bands in diesem Artikel, dass das »deutsch« in der Überschrift für sie nicht extra geändert wird. Princess Him kommen aus Wien. Und Musiker Andreas Pils verpflichtete sogar eine Exil-Tschechin, um seine cheapo datet Electro-Pop-Songs (gähn) mit Sex-Appeal und Stimme aufzuwerten.
Komm, zitier mich: Aus dem Info: »Peaches muss sich wohl sehr warm anziehen, meint ein Typ im Publikum zu seinem Begleiter. Der nickt zustimmend und lässt die Augen nicht von der Bühne. Er ist nicht der einzige Mann, der sich [...] in einen Voyeur verwandelt [...]« und »Lapdance statt Laptops«.
Celeb-Faktor: Absolut keiner.
Schönheit der Chance: Schön, dass an solch chauvinistischem Pin-up-Müll, der sich dreisterweise an Peaches dranhängen will, noch irgendwo Anstoß genommen wird. Und zwar hier. Pech für Princess Him, die zudem auch noch kack unterdurchschnittlichen Dance-Pop machen. Hier steht’s jetzt. Zieht euch doch selbst warm an. Ach nee, dann fällt ja der Voyeurismus weg, und übrig bleibt gar nichts.

Anajo

Genre: Stylisher Indie-Pop.
Akt. EP: ›Vorhang Auf‹ (Pingpop)
Geschichte: Ist auch schon fast vier Jahre her, dass irgendwer Anajo piepsig als nächstes kleines Indie-Pop-Inferno ausgerufen hat. Im Rahmen der nett holprigen Platte ›Pop Und Die Welt‹. Passiert ist im Großen aber – natürlich – dann doch nix. Ihre neueste EP aber ist ganz fantastisch und bescheinigt der Band einen geschmeidigen Sprung nach vorne.
Komm, zitier mich: »Ich nutze alle Kanäle / denn Kontakte sind Trumpf / und ich / ich hol dich hier raus.«
Celeb-Faktor: Der Titeltrack ist kongenial angelehnt an die Erkennungsmelodie von ›Ein Fall Für Zwei‹. Komponiert seinerzeit von Klaus Doldinger. Das Ergebnis wie gesagt sexiestes Sloganeering. Das selfmade Video ist runterzuladen auf anajo.de.
Schönheit der Chance: Wenn’s die ganzen Nerds zur Kenntnis nehmen und sich davon erzählen, gibt’s sicher ein fröhliches Movement. Verdient hätten sie’s jetzt allemal.

200Sachen

Genre: Beat-Pop.
Akt. Album: ›200Sachen‹ (Oh My Sweet / Eigenvertrieb)
Geschichte: Zuerst ging es los auf Englisch, schnell aber der Schwenk auf deutsche Texte. Die jetzt erschienene EP wurde in wenigen Tagen eingespielt. Rock sollte man eben auch als unmittelbares Ding verstehen.
Komm, zitier mich: »Heute Nacht im Roten Salon / Du hast gesagt, der wär so groß wie ein Karton.«
Celeb-Faktor: 200Sachen klingen ein bisschen wie die überdrehte Version von Jawoll, den Kult-Spacken aus den Achtzigern.
Schönheit der Chance: Neben Jawoll denkt man noch an Blondie, und eine Rockabillyhaftigkeit steht hinter der Hektik der Songs. Abseits der klassischen Indie-Pfade besitzen 200Sachen einen hohen Wiedererkennungswert. Ist doch schon mal einiges.

Zugabe, Zugabe!

Jens Friebe macht gedankenvollen Glitzer-Pop, gespickt mit Erweckungsmomenten. Hochpoetisch, sanft politisch – wild in Szene gesetzt von der herrlichen Schnapsdrossel von Milch. Und mitunter von Tobias Levin. Melodiebesessen und glamourös, wohnhaft in Berlin mittlerweile! Das Album ›Vorher Nachher Bilder‹ erscheint im April auf WSFA.
Urlaub In Polen sind längst kein Geheimtipp mehr. Deshalb an dieser Stelle nur der Form halber mal gedroppt. Immerhin ist gerade ihr neues Album auf Rakete Musik erschienen.
Roman Fischer ist in der Lage, ein Falsett wie sonst nur Maxi Hecker zu bedienen. Eine fabelhafte Platte ist für den Frühling angekündigt. Erstes Reinhören zeugt von epischen Momenten und fast hochkulturellem Wide-Screen-Pop. Auf dem Münchner Label Blickpunkt Pop.
Die Innung kommt aus Dortmund. Sänger und Sympath Lloyd war vor über zwei Jahrzehnten mal zusammen mit Junge von EA80 bei einer Band namens Die Autos. Mittlerweile hat er noch so einiges mehr bewegt. Und legt mit ›Da Sein Wo Was Los Ist‹ (Killer Release / Flight 13) das Longplay-Debüt seiner auch schon ewig existenten Innung vor. Chords- und Chorus-lastiger Power-Pop, den man nicht mehr Punk nennen kann. Zu schöngeistig und frisiert ist er. Erinnert an die einstigen Am I Jesus oder auch die Terrorgruppe.
Tchi aus Braunschweig veröffentlichen demnächst eine Split-Single mit grafzahl aus Siegen. Wenn die Info hier nicht hin passt, dann weiß ich auch nicht.
Turbostaat sind Punk. Covern auf ihrer neuen und zweiten Platte ›Schwan‹ einen Song des Slime-Ablegers Torpedo Moskau. Und befinden sich auf dem legendären Schiffen-Label (u. a. Oma Hans, Dackelblut, Kommando Sonne-nmilch). Machen allerdings nicht ganz so abgebrühten Kram wie Genannte, sondern ziehen die eher klassischere Variante des Genres ab. Aber akkurat.
Shy aus Österreich veröffentlichen ›35 Sommer‹ auf Paul. Darauf findet sich sehr vitaler Pop, der durch Bläsersätze und die Art des Sängers zu intonieren natürlich an die Aeronauten denken lässt. Shy sind aber rockiger und nicht so hintergründig abgründig in den Texten. Angenehm solide und voll der Linzer Schmäh im Gesang.
Die Schwarzen Quadrate, das neue Projekt von Mark Kowarsch (Ex-Sharon-Stoned) und Jasmin Lütz (Klitpop). Köln. Von ihnen stammt u. a. auch der zu tragischen Ehren gekommene, letztes Jahr eingespielte Song ›Rocco Clein, You Are So Posh‹, der allerdings nur vier Sekunden lang ist.
Winson? Nie gehört? Via V2 gerade eine Single bekommen mit dem astreinen NDW-Titel ›Wovon Lebt Eigentlich Peter?‹ Uff Balinerisch. Musikalisch: Kasperig cool zwischen Nichts und Fil und einer schicken nicht-larmoyanten Emo-Band. Nicht schlecht. Mal besoffen hören ...
10 Meter Feldweg haben ihre Toco-Initiation zugunsten von variantenreichem Studi-Indie abgelegt. Nur bei den Frisuren liegt noch einiges im Argen. Lasst das nicht schleifen, Jungs. Ich sag’s euch im Guten. Neues Album der Hamburger: ›10 Meter Feldweg Und Der Komische Komet Im Kornfeld‹.
Jona ist ein fleißiger junger Mann mit Band aus Köln. Stark Tomte-beeinflusster Post-Punk, der in guten Momenten tatsächlich voll zu Herzen geht. Aber auf der ersten Platte eben auch noch lange nicht durchgängig.
Räuberhöhle. Krawalla aus Ostberlin mag Randale und ihre unordentliche Wohnung in Ostberlin, die ihrem One-Grrrl-Riot-Pop-Projekt den Namen gab: Räuberhöhle. Seit 1999 verschanzt sie sich dort mit ihren Synthies, antiken Nerd-Rechnern und Spielzeug-Instrumenten und komponiert aufrüttelnde Krawall-Hymnen, in denen sie z. B. »I want to go out and destroy. This casio is not just a toy. It’s a riot beat and a growing seed ...« schreit und die sie live gerne in halsbrecherischen Kuschelbär-Drag-Performances wiedergibt.

Und wer bringt mir jetzt all das Zeug?

Nach dem Ende von Viva Zwei scheint mir bezüglich des Begegnens mit neuer hiesiger Musik das Format Compilation wieder stark aufgewertet worden zu sein. Neben den Hörproben, die viele Bands auf ihrer jeweiligen Homepage fast schon standardmäßig anbieten, gerät man eben über Zusammenstellungen auf neue Bands. Ein paar Serien seien hier exemplarisch hervorgehoben:
Natürlich ›Müssen Alle Mit‹ von Tapete Records. Sehr ausgesuchte Acts. Das Who’s who der kontemporären Szene widerspiegelnd. Neben der Tatsache, dass Tapete sich ja diverseste gute, neue und alte Bands (Tele, Erdmöbel, Mon)Tag, garish, Begemann etc.) geholt haben und die auch auf die Sampler packen, bemüht man sich ebenfalls um Labelfremdes, das gut passt. Bald erscheint die zweite Ausgabe ›Müssen Auch Alle Mit‹. Empfohlen von Intro.
Etwas heterogener in der Zusammenstellung ist die ›Partisanen‹-Reihe von Day-Glo Records. Bereits bei Laufnummer #6 angelangt, mischt man kunterbunt Proberaum-Punk (Massendefekt, Fehlstart) mit Big Playern wie Farin Urlaub oder Wir Sind Hosen, pardon Helden. Dadurch ergibt sich Streuverlust, aber, wie sich das gehört für eine Compilation, es sind immer ein paar überraschende Treffer dabei. Ebenfalls eine große Spannbreite (von Astra Kid, 200Sachen, VJ!, Anajo bis hin zu Mia. und Wolfsheim sowie von Electro-Pop bis hin zu Schrammelrock) bietet die Doppel-CD-Reihe ›Aufnahmezustand‹ von Zyx. Ausgabe Nummer drei ist für April angesetzt. Ist doch schön.
Voll lieb, Lo-Fi, D.I.Y. und trotzdem nicht marginal sind die Kontraphon- oder Lolila-Sampler. Auf kleinster Ebene begegnet man hier mitunter Acts zum allerersten Mal, die aber bereits auf dem Weg sind. Hier ging schon einiges los. Vielleicht nicht Liquido oder Nova International, aber dafür eben die Karrieren von guten glaubwürdigen Bands, die sich die Anerkennung tatsächlich im protestantischen Sinne verdient, weil erarbeitet haben. Auch erwähnenswert ist die vor allem die süddeutsche Szene pushende Sampler-Reihe ›Pop You Like A Hurricane‹ des Pitti-Platsch-Fanzines. Die letzte VÖ wurde aber eingefroren. Das Erscheinen des legendären Songs der Kölner Band Katzentod lässt damit leider auf sich warten.

Texte: Rolf Daumen (Die Türen) / Wolfgang A. Müller (Garish) / Carsten Bitzhenner (Saalschutz) / Marco Fuchs (Tenfold Loadster) / Sonja Eismann (Räuberhöhle) / Linus Volkmann (des Weiteren)



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aus Intro #114 (März 2004)
 
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