
Phoenix
Vier für den Pop-Olymp
26.02.2004, 12:10, Text:
Thomas Venker
[9 Kommentare]
April 2000. Ich bin neu beim Intro. Gerade angekommen. Zwei Tage einarbeiten, das muss reichen, heißt es. Mehr ist nicht drin. Das ist wohl das tighte Pop-Business, von dem immer die Rede war. Kein Problem für einen Pragmatiker wie mich. Aber das Erste, was es zu hören gibt, sind nicht die erwarteten strukturellen Einführungen in den Laden, sondern ein lapidar hingeworfener Satz. Und der geht so: »Das sind so Franzosen. Ganz okay. Habe ich vergessen zu besetzen. Ist morgen. Mach doch.« Und warum nicht. Seinen Franzosenhass rauslassen macht immer Spaß. Und schreiben sowieso.
Die Band war, hey, wer ahnt es nicht, Phoenix und die vier Jungs (Deck d’Arcy, Laurent Brancowitz, Thomas Mars Jr.
Das Album, ›United‹, war das, was man wohl einen Sleeper nennt. Alle fanden es ganz nett. Dann packte einen die erste Single. Und dann die zweite. Und irgendwann hatten wir alle kapiert, dass es nur Hits waren. Zwölf Songs für die Ewigkeit zwischen Indierock-Disco, Clubnacht, Schmusen mit der Freundin und melancholischem Aus-dem-Fenster-Schauen. Vier Monate später spielten sie in Haldern (xxxKasten1xxx), und alle lächelten glücklich gen Bühne. Die damalige Intro-Story war rückblickend viel zu kurz und arbeitete sich hauptsächlich an all den weirden Gimmicks ab, die Phoenix auf der Platte platziert hatten: seltsam affektierte Gitarrensolos oder aberwitzige Soundübergänge inmitten eines Stücks. Die angstvolle These, dass diese Momente dafür sorgen könnten, dass die Platte falsch abgelegt wird, bewahrheitete sich zum Glück nicht.
Köln, ein trister Tag Anfang Februar. Die Band erkennt mich wieder, erinnert sich an das Interview, erinnert sich aber noch mehr an Haldern, wo wir uns wieder getroffen hatten und wo sie genötigt wurden, am Intro-Meet&Greet-Stand Autogramme zu geben, zu representen. Sich, die Popkultur an sich und, ähm, uns, Intro. Dabei hatten sie doch gar nicht gewollt. Weil sie zu schüchtern sind. Und weil sie diese Star-Inszenierung irgendwie seltsam finden. Und ich hätte doch auch gesagt, sie müssten nicht. Die Entschuldigung, sie ist nicht schwer: »Das war eine übermotivierte Ex-Mitarbeiterin von uns, die euch da hingezogen hat. Ein Mädchen. Ihr wisst doch, Mädchen mögen euch besonders. Schließlich mögen Mädchen französische Jungs immer. Und seltsamerweise selbst dann, wenn man ihnen erzählt, dass ihr immer Frösche esst. Wo doch den Fröschen die Schenkel am lebendigen Leib abgerissen werden [xxxKasten2xxx]. Ach, Mädchen können so grausam sein.«
Schneller Themenwechsel. Passend zur alten Story erzählen sie als Erstes, dass sie auf dem neuen Album all die Gimmicks weggelassen haben. Statt Retro-Stilmix ist das neue Album deutlich geschlossener im Sound. Mehr melancholischer Midtempo-Pop statt des Pop’n’Hysterie-Rocks des Vorgängers wobei die erste Single ›Everything Is Everything‹ noch mal so richtig, ähm, fetzt. Ansonsten regiert aber eine gepflegte Melancholie. Vor allem textlich. Dieser leichte Bruch zu den sonnigen Popsongs ist bewusst, soll der Musik etwas mehr zum Auseinander-Setzen geben. Deswegen auch die nicht gerade vorhandene Eindeutigkeit der Texte. Denn merke: Wo Unklarheiten gelassen werden, kommen die interessantesten Interpretationen heraus.
Jetzt, wo geklärt ist, wie sie das Neue angegangen sind, muss natürlich die lange Pause zwischen den Alben thematisiert werden. Oder das, was wir ungeduldigen Fans als Pause wahrgenommen haben. Fast genau vier Jahre. Das ist doch nicht normal. Das ist doch fast schon Folter. Nun, wenigstens scheint es das auch für Phoenix gewesen zu sein. Denn genau genommen haben sie immer am Album gearbeitet, wollten sie schon schneller zurückkommen. Dass das nicht hingehauen hat, lag zuallererst an der fixen Idee, dass sie auf Tour keine neuen Songs schreiben könnten, da Toursongs immer gleich Klischee-beladen nach Band auf Tour klingen, vom Riff bis zum Text. Und so mussten sie nach all dem weltweiten Touren erst mal definieren, wohin es gehen soll. Aber das nächste Mal, da gehe es schneller.
Ein Versprechen, das sie locker geben können, haben sie doch bereits schon wieder ein paar neue Songs in petto. Und außerdem haben sie beschlossen, jetzt auch auf Tour an Songs zu arbeiten. Das muss schon sein, denn auch wenn die Plattenfirma gar nicht gedrängelt hat, so ist auch ihnen bewusst, was sich nach ›United‹ da draußen getan hat, dass tanzbarer Indie im Jahr vier nach ›If I Ever Feel Better‹ und ›Too Young‹ hot ist, Bands wie The Rapture, Radio 4 und Franz Ferdinand ideal auf eine Setliste mit ihnen passen. Kurzum: Dass ihr Comeback heftig eingeklagt wird.
Über Geld spricht man ja ungern das bedeutet aber nicht, dass man nicht doch mal fragen muss, wie sie denn die vier Jahre finanziert haben. Dürfte ja auch den einen oder anderen Künstler-Bohemien unter den Intro-Lesern tangieren, die Frage. Schließlich ist das scheiß Geld doch immer viel zu sehr präsent und nötig. Die Antwort überrascht dann doch: Das Album habe so gut verkauft, vor allem international gesehen, dass das kein Problem war. Sie seien halt keine Band, die sich habe ablinken lassen, sondern achten auf alles, und hätten einen Freund für das Geschäft. Auch wenn es sie nicht wirklich interessiere, so wüssten sie doch, wie wichtig das Geschäftliche für ihre künstlerische Freiheit sei. Wobei das mit dem Nicht-Interessieren so auch nicht stimmt. Beim anschließenden gemeinsamen Essen hängen die vier mehr hinter dem Laptop des geschäftsführenden Freundes als in ihren Tellern.
2000 lebten Phoenix ja in einem Haus zusammen.
Zu viel Nähe, das hat schon andere Bands an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht. Und fast möchte ich grinsend »na siehste« sagen, als sie erzählen, dass die gemeinsame Wohngemeinschaft mittlerweile aufgelöst sei. Doch dann ergänzen sie, dass sie irgendwie noch immer existiere, ja eigentlich ver-x-facht wurde, da sie zwar mittlerweile alle eine eigene Wohnungen haben, sich diese allerdings alle in der gleichen Straße finden – und somit einfach nur die Plätze zum gemeinsamen Abhängen potenziert wurden. Klingt gut. Da muss man sich also keine Sorgen machen. Und da sie das mit dem Tempo ja auch in den Griff bekommen haben, dürfte es wohl bereits 2005 weitergehen mit noch mehr Hymnen für den Pop-Olymp.
Haldern
Eines der tollsten, wenn nicht gar das tollste Festival der Welt, im Nirgendwo zwischen Köln und Holland gelegen. Irgendwie gelingt es den Haldernern jahraus, jahrein, die schärfsten Künstler in ihr Dorf zu locken. Dort grillen sie gemeinsam am See, kicken Backstage und mischen sich unter die Leute. Alles sehr familiär, unaufgeregt. Sympathisch ist das Wort.
Froschschenkel
Nationalgericht der Franzosen mit den cremigen Saucen. Und eine ziemlich unappetitliche Angelegenheit. Zumindest für zivilisierte Menschen. Die Frösche werden bei lebendigem Leib so lange um ihre eigene Achse gedreht, bis die Schenkel rausbrechen. Tja, und der Rest der Tiere ist dann: Abfall. Die Schenkel hingegen werden als Delikatesse angebraten. Unbedingt Greenpeace anrufen, wenn das jemand neben euch bestellt.
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alex gopher 02.03.2004 | 18:20:57
" Keine bourgeoisen Langweiler à la Air, keine Möchtegern-Künstlertypen wie Daft Punk"
was soll denn das? warum müssen irgendwelche künstlerisch unbegabte autoren immer irgendwelche seitenhiebe auf andere musiker/elektroniker machen?
ja klar weil, da rezensionen schreiben der subjektivität unterliegt und der autor die betreffenden "möchtegernkünstler" warscheinlich nicht leiden kann.
oder da der autor mangels lyrischer begabung in seinen texten provozieren muß um aufzufallen (polarisierung).
zum teufel, was ist an air bourgeoise und warum sollten daft punk möchtegernkünstler sein??
das möchte ich gern erklärt haben.
ps.:im übrigen spielte bangalter auf der united platte mit.
falk 02.03.2004 | 18:41:24
Ich denke das war mehr darauf bezogen wie sich Daft Punk in der Öffentlichkeit geben...also keine vendetta gegen eine Platte die der Autor nicht mag.
Danke an Sonja, die ja im Artikel erwähnt wird..das war ein gutes Festival.
Schlüter Zwei 02.03.2004 | 21:17:41
ich denke, dass die Zuschreibungen für Air/Daft Punk überspitzt gewählt wurden, um das Bild von Phoenix ein bißchen einzukreisen. Ist ja ein altbekanntes Prinzip. Da sollte sich niemand auf den Schlips getreten fühlen. Das man sowohl Air als auch Daft Punk in diesem Heft respektiert und mit einigen ihrer VÖ's etwas anzufangen weiß, sollte klar sein. Beide fanden ja auch großflächig in Intro statt.
Soundbwoy 02.03.2004 | 23:26:49
Und der Phoenix-Sänger hat manchen Song für Air mitgeschrieben (Virgin Suicides)...ich freue mich auf Phoenix bei Melt!
2001 beim Haldern waren sie auch schon toll.
nicoletta 03.03.2004 | 09:52:11
zum glueck lese ich intro nicht. der artikel haette mich womoeglich in eine alberne protesthaltung getrieben, so dass ich beim "mtv-pick of the week" sofort abgeschaltet haette. und dann haette ich schoene musik verpasst. "everything is everything" gefaellt mir ausgesprochen gut.
Reverend 03.03.2004 | 10:20:00
war immer aufrichtig
Ich sehe das wie Schlüter Zwei. Ist halt so ein Journaillending, das Neue immer irgendwie vom Anderen abgrenzen zu müssen. Das bedeutet noch nicht zwangsläufig eine Herabsetzung. Wobei er mit Air natürlich trotzdem Recht hat.
alex gopher 04.03.2004 | 13:38:36
"Wobei er mit Air natürlich trotzdem Recht hat"
Wohl den Rolling Stone gelesen?
frettchen 08.03.2004 | 15:04:47
run run run
mann, mann, mann...
http://special.the-raft.com/vidplayer/windows.html?&stream=http://mcms-delivery.virtuebroadcasting.com/deliverMedia.asp?id=F3E3E08A-33BB-44AD-9049-F299351E706D&end&network
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