Liars

Weniger Rock

18.02.2004, 20:03, Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Eine Whiskeyflasche kreist, getrunken wird aus Wassergläsern. An diesem Abend im Dezember, drei Stunden vor ihrem Konzert im Kölner Gebäude 9 und drei Monate vor Veröffentlichung ihrer neuen Platte, scheinen die Liars vor allem gegen die Kälte anzutrinken. Dabei ist es draußen noch mild, fast spätsommerlich. Und doch sitzen mir drei Musiker in Wollpullovern und dicken Steppjacken gegenüber. Wer will, kann aus dieser Mischung aus Alkohol und Verfrorenheit einen Rock’n’Roll-Mythos knüpfen. Es gibt allerdings zwei Dinge, wie ich im Gespräch erfahre, auf welche die Liars ganz und gar nicht gut zu sprechen sind: New York und Rock’n’Roll.

»Der Hype um diese Stadt wird ganz schnell vorbei sein. Er schadet den Musikern nur, so wie er einst der Szene in Seattle geschadet hat«, erklärt Aaron und fügt hinzu: »Die Leute begegnen uns immer wieder mit großen Augen: ›Wow, eine Band aus New York.‹ Aber zum Glück sind wir die meiste Zeit auf Tour und kriegen von der Stadt nichts mit. Die paar Monate, die ich im Jahr zu Hause bin, kümmere ich mich um meine Katze und verlasse kaum die Wohnung.«

Immer wieder im Windschatten von The Strokes und The Rapture genannt zu werden nervt die Liars (ohne The) und könnte Anlass dafür gewesen sein, Rock auf ihrer neuen Platte noch stärker zu deformieren, mit Breaks, Dissonanzen und zerrenden Electronics geradezu zu zerreißen. »Unsere Musik entwickelt sich permanent weiter«, erklärt Angus, »und sie entwickelt sich von Rock fort. Natürlich sind wir dabei auch von anderen Künstlern beeinflusst, von unseren Freunden Black Dice zum Beispiel, aber auch von This Heat, einer Band, die in diesem Wave-Revival immer vergessen wird – aber das, was wir machen, findet jenseits dieser ganzen Retro- und Garagen-Schiene statt.«

Auf ›They Were Wrong‹ geht es nicht mehr darum, dass die Instrumente zusammenfinden, es geht nicht einmal um Power im herkömmlichen Sinne, sondern darum, ständig Reibeflächen zu erzeugen, innerhalb derer Noise um so stärker wirkt, weil er nicht mehr wie auf dem Debüt dauerhaft eingesetzt wird. Retro sind diesbezüglich lediglich die Texte: eine Umsetzung der Walpurgisnacht (der Deutsch-Leistungskurs wird sich erinnern: Goethe, ›Faust‹), wobei ständig die Täter- und Opfer-Perspektive gewechselt werden. Ein solches Good- und Evil-Szenario im schrägen, zwischen Steve-Albini-Kratzigkeit und Errase-Erata-Wave pendelnden Abstract-Gewand kann im Grunde nur ironisch gelesen werden. Bedenkt man, dass die Liars auch im Rahmen der »Bands Against Bush«-Kampagne auftreten, erscheint ihr Hexen-Szenario eher wie ein bissiger, durch die Brille von Arthur Millers ›Hexenjagd‹ gelesener Kommentar zum neu erstarkten politischen Irrationalismus der USA. All das ist viel zu eigenweltlich und sympathisch abgedreht, um noch –trotz New York – als Hype gelten zu können.



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