
Kochen mit
Kool & The Gang
02.02.2004, 15:52, Text:
Joachim Schaake,
Joachim Schaake
»Cookin’? Whenever my wife don’t cook, I go to Burger King!« Oldschool-Funker (›Jungle Boogie‹) und Schmuse-Souler (›Cherish‹) Robert »Kool« Bell, 53, Bassist und einer der Köpfe der legendären Kool & The Gang, ist down mit dem Funk, nicht allerdings mit dem Konzept dieser beliebten Zeitschriften-Rubrik, die ihn zum Chefkoch ernennen möchte. Gut, dass ihm der Wein wenigstens schmeckt. Das hält den Künstler bei Laune und gibt dem Rest der Küchencrew Gelegenheit, erst einmal das Rezept zu studieren. Dieses wurde, wie sich schnell herausstellt, nicht wie üblich vom Gast persönlich aus dem heimischen Rezeptbuch herausgerissen und in der Redaktion eingereicht, sondern von der Mitarbeiterin einer Londoner Plattenfirma aus dem Internet gefischt.
Es gibt Seezunge in Zitronengrasbutter. Vielleicht das Feinste, was im Auftrag dieses Heftes jemals gekocht wurde [das denkt aber auch nur der Autor; die Redaktion erinnert beispielsweise an Master P, den alten Haudegen aus South Orleans]. Sollte ›Kochen mit ...‹ ab der nächsten Ausgabe eingestellt werden, so liegt das sicherlich an den nicht unerheblichen Kosten für die Beschaffung der Zutaten. Und einen Pinot Grigio von Aldi möchte man schließlich auch nicht dazu trinken. Robert Kool ist eben nicht Alexa Hennig von Lange und gibt sich nicht mit Rührei und Kartoffeln zufrieden. Obwohl Kartoffeln auch zum Rezept gehören. Ebenso als Beilage wurde Tomate-Mozzarella gewünscht, was natürlich nicht gerade für die Kreativität in Londoner Plattenfirmen spricht. Ich bin da nun wirklich kein Experte, aber diese Kombination hätten wahrscheinlich sogar die in Single-Haushalten lebenden Surferfreunde von Jamie Oliver als unpassend empfunden.
Doch zurück zu den Vorbereitungen. Auf der Arbeitsplatte der Küche liegen sechs ganze Fische, denen bis jetzt lediglich die Augen fehlen. Ratlosigkeit macht sich breit. Experten in der eigenen Verwandtschaft werden telefonisch zu erreichen versucht. Vielleicht hat ja der Fischhändler noch offen? Währenddessen öffnet sich auf einem Apple-Powerbook die Internetseite seigott.com, mit einer knappen Anleitung zum Ausnehmen und Schuppen von Fischen. Mr. Kool wird langsam ein wenig unruhig, tippt eine Nummer in sein Mobiltelefon und runzelt die Stirn. »No, it’s the whole fish, with all the guts still in it.« Seine Frau weiß anscheinend auch keinen Rat. Ein Bekannter der Fotografin, glücklicherweise Fischhändler, gibt Anweisungen übers Telefon: »Am Schwanz festhalten und mit dem Messer die Bauchseite aufschneiden ...« Auf der Website ist nachzulesen: »So wird geschuppt: Packen Sie den Fisch mit einem Tuch am Schwanz, und schaben Sie vom Schwanz zum Kopf hin mit einem flach gehaltenen Küchenmesser oder einem Spezial-Fischschupper, den Sie im Fachgeschäft erhalten, die Schuppen ab. Kleiner Trick: Machen Sie’s unter Wasser, dann spritzen die Schuppen nicht in der Küche umher.«
Auch mit weniger geeigneten Küchenutensilien gelingt es nahezu perfekt, und nur anfangs mit unterdrücktem Würgereiz. Der »don’t try this at home«-Warnhinweis ist trotzdem angemessen. Als dann während der Zubereitung der Zitronengrasbutter auch noch die Küchenmaschine ausfällt, zeigt sich, dass es sich für Intro bewährt, ausschließlich mit den ausgebufftesten Vollprofis zusammenzuarbeiten. Es wird eben weiter gefreestylt. Der Inhaber des Studios, in dessen Küche die Veranstaltung stattfindet, war eigentlich nur gekommen, um sich später an den gedeckten Tisch zu setzen. Selbstverständlich muss er nun auch mit anpacken, organisiert allerlei Gerätschaften, schuppt Seezungen unter laufendem Wasser ab und heizt den Backofen vor. Ganz nebenbei nimmt ein Mitarbeiter des Norddeutschen Rundfunks noch ein paar O-Töne für eine Radioreportage auf. Es werden typische Kochgeräusche simuliert, kommentiert von Robert Kool. Die perfekte Illusion. Der Plattenfirmen-Promoter muss neben Kräuterhacken und Obstschälen schnell noch einige Termine koordinieren. Die Fotografin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und zieht das Shooting mit dem Gast unbeirrt durch: Robert Kool putzt Kartoffeln, schneidet Tomaten und darf das Dressing abschmecken. Hier zeigt sich die wahre Klasse eines Stars der alten Schule. Der verrückte Daniel, Sarah Connor oder Moby hätten längst einen Nervenzusammenbruch vorgetäuscht, den Promoter angewiesen, ein Taxi zu bestellen, oder einen Termin bei Charlotte Roche erfunden, um sich aus dem Staub zu machen. Robert Kool lässt sich ganz einfach entspannt herumkommandieren. Die Jacke seines Armani-Anzugs hängt bereits über dem Stuhl, ansonsten bleibt er cool wie seine Gang beim Performen des Bläsersatzes von ›Hollywood Swinging‹. Mit einem »It’s fresh« auf den Lippen schiebt er schließlich – nun mit Küchentuch um die Lenden, ganz Chefkoch – den Rost mit den Fischen in den vorgeheizten Ofen.
Zeit, sich für einige Momente hinzusetzen, um über alte Zeiten zu plaudern. Aufgewachsen in Jersey City, die Liebe zum Jazz, die Robert Bell und seinen Bruder Ronald dazu brachte, 1964 die Jazziacs, eine Art Motown-Coverband, zu gründen, aus denen dann später Kool & The Gang entstanden. Man plaudert über den Niedergang der Disco-Ära, John Travolta, die Bee Gees und den Grammy, den Kool & The Gang für ›Open Sesame‹, ihren Beitrag zum ›Saturday Night Fever‹-Soundtrack, erhielten. Und natürlich auch über den ›Jungle Boogie‹, den Quentin Tarantino mit ›Pulp Fiction‹ erneut bekannt machte. Klingt nach »alter Mann trauert besseren Zeiten nach«, wird dennoch würdevoll über die Bühne gebracht. Immerhin spielt seine Band dieser Tage in kalifornischen Kasinos oder auf einer Neujahrsfeier in Budapest statt auf deutschen Oldie-Zeltfestivals. Robert Kool freut sich einfach über den Respekt der New School, über das Musikmachen und hoffentlich auch auf das Essen.
Wenig später erlebt die nur mit dem kometenhaften Aufstieg der Band Kool & The Gang in den 80er-Jahren vergleichbare Erfolgsgeschichte ihren Höhepunkt: Das Essen wird serviert. »Viel besser als der Fisch heute Mittag im Hotel!« Auch der Chef ist sichtlich beeindruckt, ja, fast gerührt. Die Stimmung in der Runde lässt sich mit dem Ende des Films ›Breakfast Club‹ vergleichen. Ein Ereignis, von dem man seinen Kindern und Enkeln erzählen kann. Während im Hintergrund ›Ladies Night‹ in der Version von Atomic Kitten läuft, lädt Robert Kool die gesamte Runde für den kommenden Sommer nach Jersey City zum Barbecue ein.
Rezept
Gegrillte Seezunge mit Zitronengrasbutter, Kartoffeln und Tomate-Mozzarella-Salat (für sechs Personen)
6 Seezungen (à 350-450 g – und bitte bereits ausgenommen!)
ca. 150 g Butter
2 Strunk Zitronengras (die äußeren Blätter entfernen und sehr fein hacken)
Geriebene Schale und Saft einer Limette
Ein kleines Stück Ingwer, fein gehackt
¼ Bund gehackte Petersilie
2 TL Thai Fish Sauce (Nampla)
Internetseite www.seigott.com
Bandhistory
Street-Funk-Band der 70er, gegründet von Robert und Ronald »Kool« Bell, die mit ›Jungle Boogie‹ und ›Hollywood Swinging‹ 1973 ihre ersten beiden Top-10-Hits landeten. Für ›Open Sesame‹, ihren Beitrag zum ›Saturday Night Fever‹-Soundtrack, erhielt die Band einen Grammy. Ihr Album ›Ladies Night‹ erreichte 1979 die Spitze der US-Charts. Die größten Erfolge feierten sie mit Hits wie ›Celebration‹, ›Cherish‹ oder ›Get Down On It‹ in den 80er-Jahren. Im März veröffentlichen Kool & The Gang ein Tribute-Album, auf dem sie mit der Unterstützung von Jimmy Cliff, Jean Paul, Lisa Stansfield, Jamiroquai, Atomic Kitten und anderen alte Hits neu eingespielt haben. Der Name ›Odyssey‹.
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