
Monster Magnet / Gluecifer
Under the London Bridge
02.02.2004, 15:49, Text:
Rocco Clein,
Rocco Clein
Ein Freitag in einem Londoner Pub. Monster Magnet laden zur öffentlichen und dennoch geheimen Listening-Session, auf der die Reisegruppe aus 30 europäischen Journalisten ihr neues Album ›Monolithic Baby‹ hören soll. Wie gut, hier zu sein – hatte wegen Vorweihnachtszeitstau den eigentlichen Flug verpasst. In der Tasche etwas mehr als den Lohn vom gestrigen DJ-Job, von dem allerdings die Hälfte für Transfer und Zigaretten draufging. Egal, Gluecifer-Sänger Biff Malibu legt fast dieselben Platten auf wie mein DJ-Team Do The Rock. Außerdem gibt es Biermarken. Und das neue Monster-Magnet-Album läuft durch. Keiner weiß, was kommen wird. Alle sind sehr gespannt.
Sonntagnacht. Eine Heavy-Metal-Bar in der Nähe der Denmark Street
Ein Milchbart-NME-Journalist hat meine Winterjacke geklaut. Wird sie wohl wegen seines schlechten Lohns versetzen. Gluecifer-Schlagzeuger Danny gibt mir seine 20-Jahre-Rock-Hard-Jacke, draußen ist es bitterkalt. Wir trinken Whiskey. Fühlen uns gut. Monster Magnet (***Link1***) und Gluecifer (***Link2***) gehen bald auf gemeinsame Tour. Gluecifer freuen sich auf die Tour, die sie als »a gentlemen’s holiday« bezeichnen. Kurz spielen und viel entspannen ist das ausgegebene Motto. Der Bassist von Gluecifer spielte früher bei den Yum Yums, einer hervorragenden Powerpopband aus Oslo, die seinerzeit bei der norwegischen Grammy-Verleihung mit einem ihrer Videos gegen ›Black Fez‹ von den Euro Boys [ein Clip, an dem der Autor mit rumgebastelt hat] verloren hat. Dave ist natürlich nicht hier, dafür der neue Basser Jim und der neue Schlagzeuger Bob.
Samstag. Hotel. Mittags
Interview mit Biff und Raldo. Ich hatte keine Zeit, ihr neues Album ›Automatic Thrill‹ zu hören. Wir haben kaum geschlafen und verschieben das Gespräch auf morgen. Passt allen gut in den Kram. Keiner weiß, wie wir in dieses Hilton-Hotel kamen, direkt an der Themse. Die anderen wollen »shoppen«, ich mit Gluecifer zu ihrem Konzert fahren. Mache den Roadie und packe den Wagen idiotischerweise so, dass ich nicht mehr reinpasse. Entspanne dafür im Zimmer und höre die neue Platte. Komme mit dem Shuttle-Taxi zu ihrem Konzert in der Carling Academy. Ein Laden wie eine Turnhalle! Kaum jemand ascht auf den Boden. Das Konzert musste verlegt werden, weil es irgendwo einen Wasserschaden gab. 80 Leute tummeln sich, wo sonst 400 reingehen. Das Tolle daran: Gluecifer ist das wurscht. Spielen komplett ihr neues Album. Scheiß auf das Publikum. Den Laden. Die Reisegruppe. Und auf The Darkness, die gerade ihren zweiten Abend von dreien in der Brixton Academy spielen. Fuck! Was für eine Show! Sie sind wieder da! Wie Rock das ist.
Sonntag. Astoria. Abends
Wieder kein Shoppen, die zwei Pfund müssen zum Essen reichen. Im Astoria präsentieren Monster Magnet ihr kommendes Album vor brechend vollem Haus, so knapp unter 2000. Seit Tagen ausverkauft. Schwarzmarktpreise von 45 Pfund. Hänge mich an das TV-Team, schnorre Bier, gehe raus. Das ist die R’n’R-Gegend hier, noch vor den Beatles. Es reicht für einen Burger, die Münzen und ein paar Kippen schiebe ich dem Bettler hin. Ganz frei jetzt. Laufe zur Denmark Street, wo alte Musiker ihre Gitarren verkaufen. Die teuerste, eine Guild von 1960, bringt es auf über 8000 Pfund. Zurück ins Astoria. Im Vorprogramm spielen Danko Jones und Firebird, die so klingen wie eine Star-Club-Band anno 1969. Mit den Original-Saiten, wohl. Während Danko Jones sucht mich Raldo: »Die Turbos sind da!« Alle zusammen – Gluecifer, Turbonegro, Plattenfirma, Groupies und Milchbärte – gucken wir diese gewaltige Monster-Magnet-Rockshow. Ein besonderes Ereignis, hassten sich doch Gluecifer und Turbonegro viel zu lange viel zu heftig. »Dieser Song ist eine Mischung aus Black Sabbath und den Doors«, sagt Turbonegro Euroboy. Was da unten abgeht, ist beeindruckend. Für Monster Magnet hat man zwei Holzkisten an den vorderen Rand der Bühne gestellt. Nur zum Gitarrespielen. Jim, der neue Basser, und Dave, der alte Chef, sind sich am Anfang nicht ganz einig. Am Schluss läuft es ganz rund. Die Leute, auch aus Deutschland, sind eine Welle wie bei Metallica am Nürburgring. Und das bei Songs, die sie gar nicht kennen.
Einige Tage später. In Köln, bei Dave im Hotel
Stichwort Kisten: »In diesem legendären Rockladen ist das eben so.« Und wieso gibt es zwei Neue in seiner Band? »Die anderen hatten es einfach nicht mehr.« Ihr lebt in New Jersey. Das ist nicht gerade das Mekka des Rock’n’Roll. Wo hast du die denn her? »Haha! Der Schlagzeuger kommt aus der Stadt, mit Jim arbeiteten wir im Studio, er war auch als Roadie immer dabei«, sagt er und zündet sich eine Zigarette an. Aha. Während des Konzerts hatten wir uns noch gewundert, als Dave eine Kippe aus dem Publikum nahm. »Der nimmt doch keine Drogen mehr«, schreie ich. »Und nicht mal Zigaretten!« brüllt Euroboy zurück. Doch. Er tut es.
Zurück in London. Sonntagnacht. An der Bar im Hotel
Eigentlich sollte ich dieses Wochenende im Blue-Shell bei der Intro-Indie-Weihnacht auflegen. Aber diese Bands sind wichtiger. Keine Ahnung, woher das neue Bier kommt. Natürlich habe ich auch hier ein paar Platten dabei. Doch die Bar macht dicht – also statt Beatles, Soundtrack Of Our Lives oder Mando Diao Hotelzimmer. Denke an Freitag, als die Aufzugtür aufging und Biff und Raldo zustiegen. So kurz her und doch so weit weg.
Montag
Wegen einer Baustelle auf dem Weg zum Flughafen ist wieder der Flug weg. Das letzte Geld war in der geklauten Jacke. Der Reißverschluss an der neuen ist kaputt. Und die Zigaretten sind alle. Schlafe im Raucherbereich, lese das neue Buch ›Heimweh To Hell‹ von Linus zum Wachwerden und schlurfe durch Läden, in denen ich den Kindern nichts kaufen kann. Samstag war Nikolaus. Wo denn der Nikolaus geblieben sei, fragt mich mein Sohn Julius. Keine Ahnung. War in London. Fast unter der Brücke.
(***Link1***)
Monster Magnet
Monster Magnets ›Monolithic Baby‹ ist nicht die Auferstehung von Dave Wyndorf und seinen Männern – doch das Album geht zurück zu den Wurzeln. Einfache Riffs, dennoch viel Gefrickel und special Sound – dank neuer Rhythmus-Gruppe mit ordentlich Schwung. Die Ideen speisen sich wieder einmal aus psychedelischem US-Garagenpunk, frühem Drogenrock und der Gier nach Frauen. Das hier braucht jeder, der Black Sabbath, Hawkwind und LSD nicht kennt.
(***Link2***)
Gluecifer
Kommen aus Oslo, Norwegen, und prägten mit den schwedischen Hellacopters Ende der 90er den Begriff des Punk’n’Roll. Gemeinsam ging man auch als »Kings Of Rock« auf Tour. Mit ›Basement Apes‹ erschien 2002 das bislang schwächste Album. Das wissen sie selbst und haben jetzt mit ›Automatic Thrill‹ einen echten Kracher rausgehauen und sich – wie man so sagt – neu erfunden.
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