
Fantômas / Mike Patton
Eine Diktatur
02.02.2004, 15:40, Text:
Carsten Schumacher,
Carsten Schumacher
[10 Kommentare]
»Nein! Ich sehe die Dinge völlig anders als du. Für mich klingt das so, als hättest du deinen Artikel schon geschrieben, bevor du überhaupt das Interview machst.«
Ein Telefonat, an dessen Anfang die Regelung der Machtverhältnisse liegt, hört sich nach dem Beginn einer langen Freundschaft an. Doch Mike Patton, dieser Dr. Frankenstein der Gitarrenmusik, dem einmal zu oft die grausame Invokation des NuMetal-Monsters angedichtet wurde und dessen Rückzug in die Welt der Nischenmusik ihm keinerlei Rettung vor um Reunion bettelnden Faith-No-More-Fans gebracht hat, soll auch von mir nicht in Ruhe gelassen werden: Hier stehe ich, will weichen keinen Millimeter!
Aber wie konnte es zu dieser Konfrontation kommen? Der so called Fehler: Patton mit der unzulässigen Suggestivfrage zu konfrontieren, ob er etwa eingesehen habe, seinen Namen über die letzten zwei, drei Jahre zu stark ausgebeutet zu haben.
Aber das variiert doch sicher von Band zu Band!
Hör mal, wenn du mich fragst, dann lass mich auch erklären, wie ich es tue.
Ja, sicher.
Ist das okay?
Ja, bitte.
Nun, ich hab’s versucht, da hast du angefangen, mit mir zu argumentieren.
Tut mir Leid.
Nun gut. Also, ich hab dir erklärt, wie ich das handhabe; wenn es dich interessiert, ist das fein, wenn nicht, auch.
Natürlich interessiert es mich.
Gut, das wäre dann wohl geklärt.
Mr. Patton und Widerspruch zu seinem Wort leben in zwei verschiedenen Räumen. »Richtig, es ist maßgeblich eine Diktatur«, weiß er stimmigerweise auch über seine Arbeitsweise mit Fantômas (***Link1***) zu erzählen.
Die Familie am Ende?
Das Wichtigste für einen Despoten, nachzuschlagen im kleinen Handbuch der Diktatur, ist es, den Überblick zu behalten. Den Nachweis, dass er seine große Welt noch im Griff und Blick hat, bringt Patton erwartungsgemäß stringent: Maldoror werden vielleicht noch eine Platte machen und sich dann auflösen, Tomahawk haben da schon mehr Zukunft, und Mr. Bungle sind »höchstwahrscheinlich« am Ende. Nach letzterer Aussage wird allerdings selbst der notorische Nach-vorne-Blicker Patton plötzlich nachdenklich. »Das ist schon etwas Seltsames, manche Dinge lässt man einfach offen. Besonders Bands haben die Tendenz zu sagen: Na, es ist vorbei, wenn es vorbei ist; der Trick ist, herauszufinden, wann das genau ist.«
Dass das mit dem Ende bei Mr. Bungle etwas schwieriger in seiner finalen Umsetzung ist, liegt mit daran, dass es die Band ist, mit der alles begann im anderen Leben des Mike Patton, im Nicht-Faith-No-More-Leben. Selbst ein Alleinherrscher wird nostalgisch, wenn es um die Familie geht. Wobei diese selbst bei einem Mr.-Bungle-Ende nicht ganz aus seinem Leben verschwinden würde: Bungle-Bassist Trevor Dunn ist auch bei Fantômas dabei mit seinen wertvollen Diensten. Während Zentralfigur Patton seinen Schlagzeuger Dave Lombardo liebevoll »eine wirklich mächtige Waffe in meinen Händen« nennt, wird er bei Trevor richtig sentimental, nennt ihn gar denjenigen, »der alles zusammenhält«. Durch seine Diplomatie vor allem, denn Dunn kann übersetzen, was Patton mit Ungeduld herausfeuert: »Manchmal weiß er, was ich denke, bevor ich es selber weiß.«
Fahrstuhl versus Folterkammer
Erst kürzlich hat Patton seine Kollegen wieder losgekettet und an die Instrumente geführt. »Ich gehe hin und sage: Hier sind die Noten, spielt sie«, erklärt er den fein ausbalancierten Arbeitsprozess. Heraus kam das bislang ruhigste Album ›Delìrium Còrdia‹ – wobei die Beschreibung freilich nur innerhalb der Fantômas-Koordinaten zählt. Für Patton selbst ist das One-Track-Album allerdings schlicht »Atmosphäre, ein Film im Hintergrund, Fahrstuhlmusik«. Man könnte dagegenhalten, dass Brian Eno das Album wahrscheinlich »Musik für Folterkammern« genannt hätte, schließlich wirkt es wie ein Klang gewordener Alptraum, doch davon will Patton nichts wissen. »Halt ein anderer Fahrstuhl«, beharrt der nunmehr 36-Jährige und verrät, dass zeitgleich noch eine zweite Platte aufgenommen wurde. Das zweite Album sei aber völlig unabhängig, gar gegensätzlich. Studio-Album No. vier brächte vielmehr »Cut-up-Cartoonmusik für hyperaktive Kinder, Infantcore und Baby-Rock. Diese Platte lässt Mr. Bungle wie Popmusik klingen.«
Kotzen in der Achterbahn
Genau wie John Zorn sein Avantgarde-Label Tzadik, hat Patton Ipecac (***Link2***) ins Leben gerufen, um ungestört vom Marktgeschehen eigene Interessen verfolgen zu können. Aber auch diese Musik wird im Internet getauscht, wozu Patton allerdings nur mit den Achseln zucken kann: »Let them have their fun.« Er werde nicht vor dem Computer sitzen und Tränen darüber vergießen, seufzt er. Man müsse das positiv sehen. Er z. B. versuche, über besondere Verpackungen Fetischisten anzusprechen, wie er selber einer sei. »Kunst zu vertreiben, ohne den Künstler zu bezahlen, ist falsch!« hatte er schon einmal an anderer Stelle festgestellt, aber diese leidige Diskussion, da ist er ganz sicher, werde ihm nicht die Freude an seiner Musik nehmen. Für 2005 hat er schon mal ein Big-Band-Projekt angekündigt, welches höchstwahrscheinlich seinen eigenen Anspruch an progressive Musik erfüllen wird: »Ich will aus der Achterbahn steigen und kotzen.«
***Link1***
Fantômas
Fantômas ist die Band von Mike Patton, Dave Lombardo (Slayer), Buzz Osborne (Melvins) und Trevor Dunn (Mr. Bungle) und wurde nach dem aus Film und Fernsehen bekannten französischen Schwerverbrecher benannt. 1998 gegründet, traten Fantômas zum ersten Mal auf einem Sampler des renommierten Avantgardisten John Zorn in Erscheinung und haben bislang drei Studio- und ein Live-Album veröffentlicht.
***Link2***
Ipecac
Mike Patton hat das Label 1999 zusammen mit dem ehemaligen Alternative-Tentacles-Manager Greg Werckman gegründet. Der Reigen der Veröffentlichungen begann mit dem selbstbetitelten ersten Fantômas-Album. Derzeit veröffentlicht Ipecac so illustre Künstler wie die Melvins, Isis, den Queens-Of-The-Stone-Age-Ableger Mondo Generator und Patton-Projekte wie Maldoror und Tomahawk.
These Are The Notes, Play Them: Das vollständige Interview-Transkript
Vor zwei Jahren hattest Du noch so viele Projekte: Fantomas, Loveage, Tomahawk, John Zorn, kurz drauf warst Du beim Dillinger Escape Plan eingesprungen und davor noch bei Maldoror und Melt Banana dabei. Dabei hast Du Deine Fans doch irgendwie verwirrt und in 2003 war dann kaum mehr was von Dir zu hören. Kam das, weil Du befürchtet hast, Deinen Namen zu stark auszubeuten?
Ähhhm, nein. Ich sehe die Dinge völlig anders als Du. Für mich klingt das so als hättest Du Deinen Artikel schon geschrieben bevor Du überhaupt das Interview machst. War das jetzt eine Feststellung oder fragst Du mich das?
Nein, das sollte schon eine Frage werden.
Ok, das sind alles Projekte, die ich gemacht habe. Nicht weniger, nicht mehr.
Und was ist das faszinierende an Projekten im Gegensatz zu einer Band?
Das eine zieht sich über Jahre, das andere eine kürzere Affäre.
Und was ist dann Fantomas?
Beides. Es begann mit einer Affäre und wurde zu einer festen Sache.
Also ist das nun Deine Frau im Gegensatz zu all den vielen Geliebten.
Eine von vielen Frauen.
Und ist das Ende bei Projekten stets absehbar oder ist man sich nie sicher, ob die Sache nicht irgendwann fortgesetzt wird?
Das kommt darauf an. Manchmal weiß ich schon wenn ich eine Sache anfange, dass es sich nun um ein paar Platten handeln wird. Maldoror ist so ein Beispiel, da machen wir vielleicht noch eine Platte und dann war's das. Bei Tomahawk könnten es dann schon ein paar mehr werden. Mr. Bungle ist höchstwahrscheinlich am Ende. Das ist schon etwas Seltsames, manche Dinge lässt man einfach offen. Besonders Bands haben die Tendenz zu sagen: Na, es ist vorbei, wenn es vorbei ist, aber der Trick ist, herauszufinden, wann das genau ist. Und gewöhnlich ist das einfach so ein Gefühl. Wenn Du keine Kompromisse eingehen willst gegenüber dem, was Du schon geleistet hast, ist das ein guter Punkt, den Stecker zu ziehen.
Das würde so wahrscheinlich für Faith No More gelten?
Nun eine FNM-Reunion wäre schlicht undenkbar. Das würde alle guten Gedanken verramschen, die wir je hatten. Ich glaube einfach, dass man nach vorne schauen sollte. Ich denke einfach nicht, dass ich entweder mit Mr. Bungle oder Faith No More noch etwas musikalisch Wertvolles schaffen könnte, deswegen sind sie auch Geschichte für mich.
Kommen wir nun zu Fantomas. Warum ist es eigentlich immer so eine düstere Atmosphäre, die Fantomas so stark prägt?
Ich hab keine Ahnung. Warum ist Deine Lieblingsfarbe Blau? Was ist Deine Lieblingsfarbe?
Ich hab keine.
Gut, also warum liebst Du es, Deine Frau zu schlagen?
Äh, tu ich gar nicht. Ich bin nicht verheiratet.
Also weißt Du, ich denke nicht lange über die Dinge nach, die mich antreiben. Ich tu sie einfach, sie fühlen sich natürlich an. Manches davon mag düster klingen, anderes verspielt und fröhlich.
Gut, aber gehst Du hin und gibst die Stimmungen innerhalb Deiner Projekte als Maßgabe?
Neinnein, ich gehe hin und sage: Hier sind die Noten, spielt sie. Das ist so nicht richtig, spiel das höher, oder so. Der kreative Prozess ist einfach weniger romantisch als viele denken mögen. Da sitzt man nicht am Lagerfeuer und liest Baudelaire. Da vertieft man sich nicht in eine dunkle Welt und lässt es geschehen, das ist alles viel zynischer.
Aber das variiert doch von Band zu Band.
Hör mal, wenn Du mich fragst, dann lass mich auch erklären, wie ich es tue.
Ja, sicher.
Ist das ok?
Ja, bitte.
Nun, ich hab's versucht, da hast Du angefangen mit mir zu argumentieren.
Tut mir leid.
Nun gut. Also ich hab Dir erklärt, wie ich das handhabe, wenn es Dich interessiert ist das fein, wenn nicht, auch.
Natürlich interessiert es mich. (Pause) Hallo?
Äh, es ist ein sehr trockener, klinischer Prozess und es ist genau wie ich erklärt habe, ich sage ihnen, sie sollen xyz tun und sie tun's und manchmal klingt das gut und manchmal nicht. Wir verfahren da nach Versuch und Irrtum.
Also ist das sehr programmatisch. Du sagst einfach, was zu tun ist.
Richtig, es ist maßgeblich eine Diktatur.
Und gefällt Dir das oder fühlst Du Dich so für alles verantwortlich, dass es manchmal nervt?
Ja klar, es gibt Tage an denen Du zweifelst, dass Du es bringst. Aber wenn es Dir wichtig ist, findest Du Zeit und Energie, es zu tun. Bei Fantomas haben wir mit einer sehr klaren Idee begonnen, die ich hatte. Es begann alles mit einem Studioprojekt, bei dem ich die Leute hier gebeten habe, die Musik zu spielen, die ich in meinem Kopf gehört habe. Danach wurde es eine Band und nun ist es lockerer, die anderen können sich mehr einbringen, aber es beginnt doch immer mit einer Idee von MIR. ‚Ok, lasst uns eine Platte machen, die so klingt…'
So macht die neue Platte für mich mehr Sinn, denn sie klingt so komplex wie ein Traum, ein Film, der nie existiert hat. Hattest Du denn nie Interesse an einer Filmmusik zu einem Film, der wirklich existiert?
Das würde ich wirklich sehr gerne, aber bisher hat mich niemand gefragt.
Oh, das überrascht mich.
Kennst Du irgendwelche Regisseure?
Nicht wirklich. Fühlst Du Dich in Deiner Arbeit mit Fantomas von John Zorn beeinflusst?
Er ist ein wirklich guter Freund von mir und hat mich auf vielerlei Weise inspiriert und beeinflusst. Als ich mit Fantomas angefangen habe, hab ich ihm auch erstmal ein paar Songs vorgespielt und nach seiner Meinung gefragt. Und er sagte: ‚Mein Gott, ich hab noch nie etwas Vergleichbares gehört. Coole Nummer, du hast meinen Segen.
Wie verhält es sich denn mit Dave Lombardo. Musst du ihn als Slayer-Drummer oft zügeln bei dieser Art von Musik?
Nicht grundsätzlich. Er ist schon ein komischer Vogel. Er kann eigentlich alles, ist ein sehr talentierter Typ. Als ich das erste Mal mit ihm gespielt hab, war ich sehr überrascht, wie aufgeschlossen er ist. Er will immer noch dazulernen und ist dabei eine ziemliche Naturgewalt.
Hat das dein Bild vom Heavy-Metal-Musiker verändert?
Nun Du weißt, dass es da draußen solche Typen gibt. Es gibt nicht viele, aber ich hatte das Glück, einen zu treffen. In meiner Vorstellung hat das viel bei Fantomas verändert, denn plötzlich wusste ich, dass ich eine wirklich mächtige Waffe in meinen Händen hatte. Also hab ich begonnen, wirklich verrückte harte Sachen zu schreiben und zu sagen: ‚Spiel mir das.' Das war dann kein Problem, er ist wirklich unglaublich, ein echter Magier.
Also ist er eine Art Geheimwaffe?
Ich weiß nicht, ob er wirklich eine Geheimwaffe ist. Er ist eigentlich sehr offensichtlich und es macht Spaß, ihm zuzusehen. Wenn wir live spielen ist er vorne bei mir, eine Art Drummer-Frontmann.
Gut, dann ist er halt die offensichtliche Waffe. Mit wem in der Band lässt es sich denn am schwierigsten arbeiten?
Ich weiß nicht, ob mit irgendwem schwierig zu arbeiten ist. Manche sind vielleicht komplizierter als andere. Also Trevor ist mit Sicherheit eher unsere Geheimwaffe, denn er sitzt die meiste Zeit ruhig im Hintergrund, macht seinen Job und hilft mir, die Dinge den anderen zu übersetzen. Wir schreiben die Sachen ja nicht auf, deshalb kann das schon mal sein als würden drei Leute drei verschiedene Sprachen sprechen. Deswegen ist Trevor derjenige, der alles zusammenhält. Er ist sehr diplomatisch. Er kennt mich sehr gut, eigentlich kennt er mich mein halbes Leben lang und manchmal weiß er, was ich denke, bevor ich es selber weiß.
Aber warum braucht ein Diktator Diplomatie?
Nun, manchmal sag ich einfach ‚spiel es, Mutterficker', aber das kommt halt nicht immer so gut an. Stattdessen sagt er also: ‚Bring da mehr Swing rein, spiel es als wäre es ein Musical' oder was auch immer er benutzt, Formulierungen, auf die ich manchmal selber nicht gekommen wäre.
Was gab dir in deiner musikalischen Karriere denn selber den größten Vorschub als Musiker?
Wahrscheinlich, weil ich im Sport immer ein Versager war. Als Teenager war ich darin einfach nicht gut und das ließ mich nach anderen Dingen Ausschau halten.
Würdest du denn sagen, dass John Zorn eine Art musikalischer Vater für dich war?
Eher ein Freund, ein wirklich guter Freund. Jemand, den ich traf als ich sehr neugierig und offen war, möglichst viele Dinge lernen wollte. Und ich habe viel von ihm gelernt.
Jemand, der dir die Augen geöffnet hat?
Absolut.
Und wie siehst du nach all deinen Erfahrungen mit Faith No More auf die Musikindustrie von heute?
Von außen nach innen. Der Fakt, dass ich jetzt ein eigenes Label besitze und wir es auch in völlig eigener Art und nach eigenen Regeln strukturiert haben war ein notwendiger Schritt, um außerhalb existieren zu können. Wir können jetzt unser eigenes Ding machen, unsere eigenen Interessen vorantreiben, das ist ein befreiendes Gefühl.
Und was denkst du aus dieser Position über illegale Downloads und Tauschbörsen.
Nun, lass sie halt ihren Spaß haben.
Aber es betrifft dich auch, oder?
Ja, das kann es durchaus. Aber ich kann hier an meinem Computer sitzen und dicke Tränen darüber vergießen oder ich kann meine Möglichkeiten nutzen, um etwas dagegen zu tun. Und meine Art das Thema anzugehen ist z.B. die möglichst speziellsten Verpackungen zu verwenden, um Fetischisten anzusprechen, wie ich selbst einer bin. Und dann macht mir mein Job noch mehr Spaß. Man muss das positiv sehen.
Siehst du darin eine Gefahr für die Musik?
Nein, nicht wirklich. Zumeist sind es die Majors, die sich darüber beklagen. Denen tut das richtig weh. Und weißt du was? Mein Herz hängt wirklich nicht an diesen Leuten.
Deshalb fragte ich eben, ob das Thema nicht auch auf die kleineren übergreift?
Nicht besonders. Vielleicht weil Labels wie wir eher den Nischenmarkt bedienen, unsere Kunden sind eher die Freaks. Vielleicht sind auch selber alles Musiker, ich hab da keine wirklich klare Vorstellung, wer unsere Käufer sind, aber aus irgendeinem Grund läuft die Sache noch ganz gut.
Spielst du denn immer noch gerne live, macht dir das immer noch Spaß?
Ich liebe es. Es ist immer noch ungeheuer spannend, da man nie weiß, was einen erwartet, wenn man die Bühne betritt.
Und gibt es da Unterschiede zwischen deinen Fans? Stellst du andere Erwartungen an ein europäisches Publikum im Gegensatz zu einem amerikanischen Publikum?
Amerikaner sind wahrscheinlich zynischer.
Zynischer?
Sie führen sich auf als hätten sie alles schon mal gehört. Europäer scheinen da ein wenig neugieriger zu sein. Sie hören etwas mehr zu. Amerikaner schreien zuerst und hören vielleicht später zu.
Viele Musiker erzählen so was. Manche fühlen sich wie auf klassischen Konzert, wo ausschließlich zwischen den Sätzen geklatscht wird.
Ganz so ist es auch nicht, aber ich war schon an Orten, an denen das so war, Japan z.B. Da findest du das zurückhaltendste und höflichste Publikum überhaupt. Wir haben da mit Fantomas gespielt - ruhiges, kompliziertes Zeug. Wir waren so daran gewöhnt, dass währenddessen immer irgendwelcher Lärm aufkam, ‚ey, bring mir ein Bier', ‚spielt was anderes' und so. Leute, die sich irgendwie gebärden, nur, um sich selber zu hören. Als wir aber nach Japan kamen, fielen wir fast vom Glauben ab, denn die Leute waren einfach komplett still und haben zugehört. Du hättest eine Stecknadel fallen hören können, das war absolut beängstigend.
Würdest du sagen, dass das eher so ein Jazz-Auditorium war? Die haben ja auch eine sehr abgefahrende Hardcore-Szene…
Yep, dieselben Leute. Sie hören einfach anders zu, haben einen anderen Verhaltenskodex. Die können auch brüllen und Dinge zerschlagen, aber eben nicht bei Konzerten.
Improvisierst du viel, wenn du live spielst?
Nicht besonders viel, nicht mit Fantomas. Es gibt zwar kleinere Sektionen, wo das möglich ist, aber generell ist dafür in dieser Musik kein Raum, es ist alles sehr dicht. Wir brauchen da keine Joker-Elemente.
Was ist das wichtigste, das man für Improvisationen lernen muss?
Ich weiß nicht, ob du da je aufhörst zu lernen. Das ändert sich schließlich jedes Mal, wenn du mit jemand anderem spielst. Das ist schon verrückt, sehr riskant und sehr chancenreich. Oft kommt dabei auch nur Scheiße raus. Also ich denke, dass es großen Spaß macht, aber auch sehr schwer ist, am richtigen Punkt aufzuhören.
Würdest du es je in Erwägung ziehen, eine ganze Show mit Improvisationen zu füllen?
Ich habe das schon viele Male gemacht. Das kann schon großartig sein, wie ich halt sagte. Wenn du halt mit Leuten spielst, mit denen du wirklich kommunizierst, wenn du den selben Film fährst und man sich die Bälle zuspielt, um daraus Musik zu machen, gibt es kaum etwas besseres, denn es ist so spontan, nur für den Moment geschaffen und du wirst es nie wieder reproduzieren können. Das macht es so besonders. Aber wenn du da oben stehst und krampfhaft nach einer Idee suchst oder irgendwie herumflatterst, kann das schon recht schmerzhaft werden. Besonders für den Zuhörer.
Braucht man dafür eine spezielle Verbindung zu seinen Mitmusikern? Kann man so was z.B. mit seiner Band machen, mit einem Projekt aber nicht?
Neinnein, es hat vielmehr mit der Person selber zu tun, mit der du spielst. Warum hörst du ihr zu, warum hört sie dir zu? Ich hab schon mit einer Menge Leute gespielt, die einfach vor sich auf den Boden starren und vor sich hinspielen, das macht keinen Spaß. Es kommt darauf an, zuzuhören und mit Ideen zu überraschen, es hat nichts damit zu tun, ob man der Person, nahe steht oder mit ihr geschlafen hat. Es geht vielmehr um eine Beziehung auf einer tief kreativen Ebene.
Can waren ja ein Beispiel für eine Band, die viel mit Improvisationen gearbeitet hat. Hat dich ihre Musik in irgendeiner Weise inspiriert?
Ich denke ja, ich mag Can doch schon. Es hat mich jetzt nicht tiefgreifend und auf mannigfaltige Weise affektiert. Aber ich glaube, die Band Faust improvisiert auch sehr viel.
Ja, die haben auch hinterher viel mit Cut-up gemacht und die ersten Loops gebastelt.
Oder The Axe ist noch so eine europäische Band, die viel improvisiert.
Was ist denn dein größtes Idol so als Musiker?
Oh Gott, ich glaub, ich habe da gar keins. Mh, Tony Bennett, wie wär's mit dem?
Nun, vielleicht war das ne blöde Frage.
Ich mag Tony Bennett aber wirklich. Ich weiß, dass das jetzt wie ein Witz klingt.
Was für einen Sound würdest du denn als nächsten für dich entdecken wollen?
Ich würde sehr gerne eine Big-Band-Platte machen, vielleicht in 2005.
In dem klassischen Swing der Hochphase dieser Formationen?
Ich weiß nicht so recht, ob es Swing sein wird, aber es wird eine Big Band geben.
Eine verstörende oder eine eher klassische?
Eine Mischung eher. Es wird wahrscheinlich Songs geben, aber auch so extrem arrangiertes Zeug. Es gibt da in Belgien eine Band namens The Flat Earth Society, mit der ich gerade über eine Zusammenarbeit nachdenke.
Was bedeutet das Wort ‚progressiv' für dich, wenn es sich um Musik dreht?
[lange Pause] mh, etwas, dass dich mit über den Regenbogen nimmt und sich am Ende auszahlt.
Aber wo ist der Unterschied zu Musik, die du einfach magst?
Manche Musik, die ich mag, ist nicht im Geringsten progressiv. Geschmack ist schon etwas Seltsames. Manchmal wache ich lachend auf und will etwas hören, was nicht besonders fordert, also höre ich Martin Danny und das ist aus einem völlig anderen Grund total erstaunlich, denn es führt nirgendwohin. Das ist statisch wie ein Bild an der Wand. Das kann aber genauso perfekt, erstaunlich und herausfordernd sein, halt auf eine eigene Weise. Aber wenn ich normalerweise das Wort ‚progressiv' höre, denke ich an etwas, das mich auf eine lange Reise nimmt. Und wenn es mich irgendwohin bringt und mir etwas zeigt, dann mache ich das mit. Sowas nenne ich halt eine angenehme Erfahrung. Ich will aus der Achterbahn steigen und kotzen. Ich will aus dieser Achterbahn steigen und ein Bild von mir selber sehen wie ich schreie.
Ein bewegendes Moment.
Sowas, ja. Es kommt halt auf den Hörer an. Manchmal gehst du halt auch mit auf eine Reise und denkst, ‚oh, komm schon, ihr hättet das besser hinkriegen können'.
Wenn du eben erwähntest, dass du mit Musik aufstehst, nehme ich an, dass du auch mit Musik einschläfst. Füllt Musik dein ganzes Leben oder gibt es da noch etwas anderes?
Eigentlich schon, da ist nicht viel Platz für irgendetwas anderes.
Würdest du dich selber als passionierten Workaholic sehen?
Ja, aber das lustige daran ist, dass ich es noch nicht mal als Arbeit betrachte, also glaube ich, dass es einfach instinktiv ist. Es bedeutet für mich einfach, zu leben. Es fühlt gut und richtig an. So wie andere Leute im Zähneputzen eine tägliche Routine gefunden haben, stehe ich morgens auch und schreibe Musik.
Gab es da bei dir schon mal Krisen, in denen du das Gefühl hattest, schon alles gesagt zu haben und alles satt zu haben?
Noch nicht, klopf auf Holz. Aber es könnte schon kommen, vielleicht schon morgen, ich weiß es nicht. Deshalb will halt auch jeden Tag nutzen.
Wenn wir jetzt auf die neue Fantomas-Platte zurückkommen, so wird diese ja an einem Stück, ganz wie ein Film präsentiert. Ist das ein Film, den du gerne sehen würdest oder ist das ein Film, den du zuvor erlebt hast?
Ich glaube, dass es einfach ein Film im Hintergrund ist, als würde man den Fernseher anstellen und stumm schalten, ein Bild, das einfach da ist. Es soll halt eine Stimmung sein, wie Fahrstuhlmusik, für mich ist das einfach Atmosphäre.
Aber es ist doch nicht sehr bequeme Musik. Sollte dir Fahrstuhlmusik nicht ein eher angenehmes Gefühl vermitteln?
Nicht notwendigerweise. Es ist dann halt ein anderer Fahrstuhl. Es ist ein statisches Stück Hintergrundmusik, ich wollte es nicht zu fordernd. Das hat nichts mit verstörend oder düster zu tun. Ich wollte es einfach von anderen Platten abheben und es sollte ein Kontrast zu dem sein, was wir normalerweise tun, also diese Hochgeschwindigkeits-Eskapaden, die so viel von dir abverlangen.
Aber das ist doch nur der erste Teil des ganzen, oder?
Nein, das wird die einzige Platte dieser Art. Ich denke, dass die Presse-Informationen da missverständlich waren. Wir haben zwar gleichzeitig zwei Platten aufgenommen, aber diese beiden sind völlig unabhängig voneinander zu sehen.
Und wie klingt die andere?
Nun, so eine Art Cut-up-Cartoonmusik für hyperaktive Kinder.
So eine Art Happy Grindcore?
Ja, so eine Art Infantcore, Baby-Rock.
Also das komplette Gegenteil?
Sehr unterschiedlich, ja. Diese andere Platte klingt unserer ersten Fantomas-Platte sehr verwandt, aber die Klang-Quellen, Samples und Arrangements liegen eher im Upbeat, sind verspielt und fröhlich.
Aber es klingt ganz anders als Mr. Bungle?
Ja, sehr. Diese Platte lässt Mr. Bungle wie Popmusik klingen.
Das klingt spannend. Ganz kurz noch die letzte Frage: Ich weiß nicht, ob du ein Fan von Black Sabbath bist, aber du hast sie ja mal mit Faith No More gecovert. Es ist nun schwer zu sagen, ob du sie verehrst oder einfach nur mit ihrer Musik spielst, aber interessiert es dich, was mit Ozzy dieser Tage geschehen ist?
Ich denke, er hat sich komplett zum Idioten gemacht ohne dass irgendjemand dazwischen gegangen wäre außer seiner Frau. Er ist einfach erbärmlich. Seine Frau holt ihn immer wieder aus dem Sarg, richtet ihn auf und pumpt ihn voller Drogen, damit er rausgeht und Geld verdient wie eine verdammte Prostituierte. Die ganze Sache ist ekelhaft, was soll man schon darüber denken? Ob ich viel auf Black Sabbath gebe? Ein wenig, nicht viel. Ich kannte Leute, die absolut in diese Band verliebt waren, Autos geklaut haben, um sie zu sehen, aber ich gehörte nie dazu.
Also hast du das eher dem Publikum zuliebe getan?
Völlig. Und vielleicht war es so, wie es immer gewesen ist: Pure Unterhaltung. Die Kids hat das nicht gestört. Aber ich habe mit einem Typen gespielt, der jetzt in Ozzys verdammter Band spielt, weißt du.
Apropos Kinder, möchtest du mal Kinder haben?
Nein, danke.
Vielen Dank für das Gespräch.
Ich danke dir. Vielleicht sehen wir uns im Mai, wahrscheinlich kommen wir dann für ein paar Shows rüber.
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Kommentare
Artikel kommentieren [10]- Mehr Forumsdiskussionen
Nebelherz 13.02.2004 | 02:41:26
flitzmaster piep
wo bleibt es denn nun, das ungeschnittene interview???
naur 14.02.2004 | 12:12:09
das hab ich mich grad auch gefragt.
ich warte......
Carsten Schumacher 14.02.2004 | 16:00:41
§$%&$§!!!! Da war doch was. Ähm, ok, Nebelherz, naur, meldet Euch bei der nächsten Logintro-Party in Köln bei mir. Ich geb Euch ein Bier aus. Das Interview kommt am Montag, versprochen.
Nebelherz 15.02.2004 | 17:28:58
flitzmaster piep
na, so schlimm ists nicht, wenns denn noch kommt... :-)
und um dann mal was mit bisschen mehr ä bezug zum text zu schreiben: schöner artikel, herzlichen dank. auch das bild, was aber im heft schon bisschen fescher aussieht, gell?
(und das album gibts nirgends, jedenfalls in paderborn nicht.)
47 16.02.2004 | 17:45:20
welchen montag meist du?
Nebelherz 16.02.2004 | 19:39:47
flitzmaster piep
dachte ich auch eben, aber es ist ja noch nicht null uhr.
übrigens dachte ich gerade: wieso sind denn die links im text nicht einfach richtige links? sieht bisschen komisch aus so, finde ich.
Carsten Schumacher 16.02.2004 | 20:04:58
Ok, versprochen ist versprochen. Hatte gerade noch Schwierigkeiten mit dem Redaktionssystem und konnte keinen neuen Eintrag erzeugen, aber wenn Ihr doch schon die ganze Zeit drauf wartet, muss ich das natürlich jetzt online stellen. Also, sorry, dass es jetzt so einfach angehängt wurde. Ab morgen dann hoffentlich ein Extra-Eintrag.
Nebelherz 16.02.2004 | 20:49:03
flitzmaster piep
*applaudier*
herzlichsten dank!
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