Aqualung

Die Gnade der frühen Geburt

02.02.2004, 14:37, Text: Thomas Markus, Thomas Markus

Obwohl sein letztes Jahr geprägt war von Zeitverschiebungen und unregelmäßiger Nahrungsaufnahme, gleicht Matt Hales Teint immer noch dem Strahlemann auf den Brandt-Zwieback-Packungen. Bedenkt man, dass sich das Debüt über 200.000 Mal verkauft hat und die unverhoffte Publicity des Songs ›Strange&Beautiful‹ durch einen VW-Werbespot sogar eine Top-Ten-Platzierung in den UK-Charts zur Folge hatte, könnte man bei dem knapp 30-Jährigen wenigstens einen dunklen Schatten unter dem linken Auge erwarten. Nach einer bis Mitte letzten Jahres dauernden Tour und der im direkten Anschluss beginnenden Produktionsphase zum neuen Album ›Still Life‹ wäre doch zumindest ein Pickel drin gewesen.

Aber manche sind halt gesegnet. Liegt das am Ende doch weniger an anti-aging Cremes als an Hales’ Attitüde? Der studierte Komponist mit Abschluss an der London City University lässt sich so leicht nicht verunsichern. Er weiß, was ihm wichtig ist. »Ich habe mich immer für die emotionale Seite, für das Bewegen von Menschen interessiert.«

Zusammen mit seiner Frau Kim Oliver, mit der Hales das Gros der Songs schreibt, versucht er diese Bewegung im Hörer durch eine sehr Piano-lastige Herangehensweise zu erzielen. Piano-lastig wegen der Instrumentierung und aufgrund der Tempi der Songs. Das war auch schon beim Erstling der Fall, nur schafft er es diesmal durch die Ausgewogenheit aus Anspruchsvollem und leicht Greifbarem, an Intensität zu gewinnen. Genau das macht Aqualung aus. Matts Ausbildung erlaubt es ihm, eine »moderne, minimale Streicher-Orchestrierung, wie sie typisch ist für das späte 20. Jahrhundert« in einen simplen Pop-Song einzubauen. Aber: Aqualung ist weit entfernt von einer intellektuellen Modern-Classic-Chose – es ist und bleibt Pop: »Ich weiß einiges über Musik, aber ich brauch es nicht. Es geht um Gefühle und Emotion, da beginnt es erst.« Sehr Gentleman, sehr englisch und sehr fein. Sehr sympathisch. Selbiges lässt sich auch zu seiner geradezu kindlichen Experimentierfreudigkeit anmerken, die sich hinter seinem Perfektionismus versteckt: »Ich habe einen alten 70er-Jahre-Synthesizer. Er macht Geräusche, die allerdings schwer zu kontrollieren sind. Er surrt und knarzt, aber das ist brillant, man kann diese Geräusche auf keine andere Art erzeugen.« Man glaubt ihm seine Leidenschaft zur Musik. Er lebt sie. Mit Sicherheit anders als Lemmy, aber ebenso ehrlich.



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aus Intro #113 (Februar 2004)
 
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