
Sarah Khan
Blaue deutsche Flecken
02.02.2004, 14:31, Text:
Sonja Eismann,
Sonja Eismann
Nachdem man die mittlerweile 32-jährige Hamburgerin Sarah Khan nach ihren ersten zwei Romanen, ›Gogo Girl‹ und ›Dein Film‹, schon bequem unter »intelligente, poppige Jungautorin, die auch Hamburger-Schule-Musik und Episoden-Filme mag« abgeheftet hatte, mischt sie die angestaubten Personalakten mit ihrem neuen Buch ›Eine Romantische Maßnahme‹ noch mal auf. Geradliniger, aber nicht minder salopp erzählend, rückt sie das romantisch-urdeutsche Heidelberg in den Mittelpunkt des Textes und lässt die nachhaltigsten blauen und schwarzen Flecken der deutschen Geschichte frisch anlaufen.
Der Protagonist der ›Maßnahme‹, William Moore, ist ein junger Ostküstenamerikaner, der zur Zeit der deutschen Wiedervereinigung im pittoresken Heidelberg studiert, das im Zweiten Weltkrieg bekanntlich von Bomben verschont und später zum Headquarters der amerikanischen Armee gemacht wurde.
Wieso hast du die Handlung in die Zeit der Wiedervereinigung rückverlegt?
Der Zeitpunkt der Handlung – 1989/1990 – hatte erst mal ganz praktische Gründe: Anfang der 90er war es noch möglich, mit Altnazis direkten Kontakt zu haben. Die lebten noch, theoretisch zumindest. Eine Konstellation junger Mann / alte Nazisse ist gerade noch möglich. Außerdem waren sich die Deutschen damals selbst noch wahnsinnig unheimlich. Die Angst vor der Wiedervereinigung fasste diese Selbst-Angst ein allerletztes Mal zusammen. Dass die deutsche Bestie wieder ausbricht, sobald das Gebiet größer ist. Was historisch verständlich ist, aber im Nachhinein auch eine totale Anmaßung und Selbstüberschätzung war.
Die Akteure des Buches weichen allesamt von einem mono-ethnischen, hetero-normativen Deutschlandbild ab: Da gibt es z. B. die beiden Amis William und Gordon, aber auch den taiwanesischen Musicaltänzer Wolfgang Cheng, dessen Vater Mozart-Spezialist ist. Hast du deren Perspektiven gewählt, um einen distanzierteren Blick auf das deutsche Seelenpanorama werfen zu können?
Ein Amerikaner ist der einzig denkbare Ausländer, dem hier nicht die unangenehmen Konnotationen von Ausländer anhaften. Im Zweifel ist er Befreier, manchmal Vorbild, er steht hierarchisch über dem Deutschen. Das wurde jedenfalls damals, Anfang der 90er, weitgehend anerkannt. Ich selbst bin bei eindeutig erkennbaren Ausländern aufgewachsen – Pakistanern –, habe aber die Sprache und Kultur nicht angenommen und sehe auch nicht besonders pakistanisch aus. Ich brauchte für die Geschichte einen Ausländer, der intellektuell und physisch diesen Deutschen begegnen kann und den Nazikomplex ironisch bedient. Ein bisschen so, wie ich es selbst kenne. Es musste ein junger Amerikaner wie William sein, einer von der Ostküste. Gordon Vakil, der andere Ami, der im Roman zuerst Kontakt mit der Nazitante Ines Kochenrath hat, bricht den Kontakt ja schnell und panisch ab. Wieso? Er ist Kalifornier, er hat indische Vorfahren, er ist braunhäutig. Er wird nicht akzeptiert. Er hält’s nicht aus.
Wie bist du konkret auf Heidelberg gekommen?
Ich war Anfang der 90er-Jahre öfter in Heidelberg und war absolut fasziniert von der Koexistenz von amerikanischer und deutscher Bevölkerung, plus Asiaten, plus Burschenschaften. Das alles in dieser wahnsinnigen Stadtkulisse, die so tat, als hätte es den 2. Weltkrieg nie gegeben, als wäre das Schloss erst vor kurzem von einer Horde Drachentöter verwüstet worden. Außerdem liefen da Leute rum, die Albert Speer, Gadamer, amerikanische Spione und chinesische Wissenschaftler zu ihren Nachbarn zählten. Damals hätte ich das nie so beschreiben können. Etwa zehn Jahre später erinnerte ich mich wieder an diesen Ort und reiste, mittlerweile zur Schriftstellerin geworden, mit einem fiebernden Blick nach Heidelberg.
Woher hattest du dein Insider-Wissen über Burschenschaften, das Eingang in sehr amüsante Beschreibungen von grotesken Sauf-, Piss- und Kotzritualen findet?
Ich hatte das Glück, den Altherren-Schatzwart einer Verbindung kennen zu lernen, der mir die gesamte Burschenschaft zeigte und mir alle Zimmer öffnete. Und weil viele Burschen noch Schulden bei ihm hatten, beschwerte sich keiner, dass ich mich so genau umguckte, Gespräche führte, Fotos machte. Außerdem kann dir jeder, der mal in der Heidelberger Altstadt gewohnt hat, mindestens eine Geschichte zum Thema Burschen erzählen. Wo sie kotzen, wie sie singen, was sie feiern, warum sie so drauf sind. Ich musste nur fragen.
Was hältst du von der vermeintlichen Neubewertung deutschen Patriotismus’, wie ihn z. B. Bands wie Mia. gerade vorantreiben?
Eine Strategie der Mittelmäßigen, die nach Weltruhm gieren und ihn nicht kriegen werden, denn die Power kommt aus der Zuwanderung und aus Osteuropa. Ansonsten schätze ich Brauchtum in der gehobenen Gastronomie. Mit viel Senf.
Pop-ups (wenn zu viel, bitte zwei auswählen)
Welche Bücher haben dich beim Schreiben von ›Maßnahme‹ am meisten beeinflusst?
1. Arnold Stadler ›Der Tod Und Ich, Wir Zwei‹
2. Leni Riefenstahl ›Memoiren‹
3. Shirley Jackson ›Spuk In Hill House‹
4. Bronislaw Malinowski ›Ein Tagebuch Im Strikten Sinn Des Wortes,
Neuguinea 1914-1918‹
5. Christopher Isherwood ›Leb’ Wohl Berlin‹
Welche Platten hast du beim Schreiben des Buchs gehört?
1. Minnie Riperton ›Come Into My Garden‹
2. Bertrand Burgalat ›Sssound Of Music‹
3. Lee Hazlewood ›Cowboy In Sweden‹
4. Richard Hawley ›Late Night Final‹
5. ?uestlove ›Babies Makin’ Babies‹
Was kaufst du an einem grauen Wintertag, um wieder gute Laune zu bekommen?
1. Karstadt-Schnäppchen
2. Bücher, besonders Kinderbücher von Philip Pullman, Roddy Doyle und Philip Ardagh
3. Vitamin-C-Energising-Facial-Spritz (Body-Shop)
4. Mal wieder Schuhe?
5. Ein Designer-Holzfällerhemd für mein Baby
Welchen Ort suchst du auf, um neue Ideen für deine Texte zu bekommen?
1. Karstadt-Restaurant am Leopoldplatz in Berlin-Wedding
2. Cross-Walker im Frauen-Fitnessstudio
3. Wildschweingehege im Park Rehberge, Berlin-Wedding
4. Stadtteilbücherei
5. Mein Bett
Sarah Khan ›Eine Romantische Maßnahme‹ (Eichborn Berlin, 248 S., € 19,50)
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