Game Art

Video Killed The Factory Star

02.02.2004, 14:28, Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Die Völklinger Hütte im Saarland, ein großes, stillgelegtes Fabrikgelände, das einst der Eisenerz-Erzeugung diente, gehört zu den wenigen deutschen Industrieanlagen, die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurden. Als musealer Ort strahlt das Gelände eine beinahe surreale Atmosphäre aus, wirkt wie ein »space-iges Raumschiff« (Meinrad Grewenig) oder wie eine »fette Skulptur« (Tobias Rehberger). Eine Ausstellung zum Thema ›Game Art‹, also die Thematisierung von Videospielen in der zeitgenössischen Kunst, scheint hier erst einmal deplatziert. Auch wenn die physische Arbeit verschwunden ist, wirkt sie doch nach, ist den architektonischen Dimensionen eingeschrieben und steht so in bizarrem Kontrast zu flackernden Bildschirmen oder auch clean leuchtenden Kästen, die eine Welt jenseits herkömmlicher körperlicher Belastung verheißen.

Genau dieser Kontrast sorgt jedoch dafür, dass jener historische Umbruch besonders deutlich zu Tage tritt, der zwischen der so genannten industriellen Revolution des 19.

und der elektronischen des 20. Jahrhunderts liegt. Nicht ohne Grund sprachen Marxisten einst von entfremdeter Fabrikarbeit – und genau dieser Begriff hallt auch in Bezug auf die virtuellen Versprechen der Videowelt nach. Etwa bei Paul Virilio, der befürchtet, dass wir bald nur noch als »Prothesen-Wesen« existieren, uns also von unserem Körper entfremden werden. Diese Problematik, ob uns die virtuelle Game/Reality-Durchmischung, vor der Kulturkritiker warnen, tatsächlich »freier« gemacht und »weiter« gebracht hat oder aber nur alte Abhängigkeitsverhältnisse spielerisch reproduziert, steht in der Völklinger Hütte geradezu physisch im Raum. Sowohl die Kuratoren wie auch die vertretenen Künstlerinnen und Künstler – darunter Sylvie Fleury, Kristin Lucas und Bill Viola – stellen sich der grundlegenden Frage, inwieweit Videospiele unsere Wahrnehmung von der Welt verändert haben, verfallen aber selten dem ebenso gängigen wie bequemen Kulturpessimismus. Die Künstlergruppe fur////art entertainment interfaces hat beispielsweise einen Raum eingerichtet, in dem der Besucher durch gezielte Schläge auf einen Boxsack Musik erzeugen, also Aggression kreativ umwandeln kann. Gegenüber überstrapazierten Gewalt-Debatten im Zusammenhang mit Videospielen legt ›Game Art‹ einen angenehm unaufgeregten Schwerpunkt auf die künstlerisch-fiktiven Möglichkeiten und Chancen des Mediums und erinnert damit indirekt daran, dass es auch mal eine Zeit gab, zu der begeistertes Roman-Lesen – vor allem bei Frauen – als Auslöser für Realitätsverlust und Irrsinn galt.

›Cruel And Tender. Fotografie Und Das Wirkliche‹, Museum Ludwig Köln bis 18.02.2004. Zur Ausstellung ist ein Katalog im Hatje Cantz Verlag erschienen, er kostet 32 Euro.

Game Art‹, Völklinger Hütte bei Saarbrücken, findet noch bis zum 28.03. statt.



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aus Intro #113 (Februar 2004)
 
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