N.E.R.D. & Justin Timberlake

Flyin’ High

02.02.2004, 14:18, Text: Vina Yun, Vina Yun

09.11. – London, Brixton Academy

Vor der Londoner Brixton Academy steht eine verdammt lange Schlange – so lang, dass sie ganze zwei Straßen weiterreicht. N.E.R.D. a.k.a. Superproduzenten-Duo Neptunes a.k.a. Pharrell Williams und Chad Hugo (plus MC Shay) geben sich die Ehre. Während die Menge langsam in das Innere der BA hereintröpfelt, bestreitet die Gitarren-Pop-Band Spymob aus Minneapolis das Warm-up, abwechselnd mit einigen local MCs und einem HipHop-DJ, der allerdings auch (ganz in Einstimmung auf N.E.R.D.) Rockiges erklingen lässt. Ein weiteres Mal stellt sich White Stripes’ ›Seven Nation Army‹ als der Crossover-Hit des Jahres dar, als alle kräftig zu wippen anfangen.

Nochmals besetzen Spymob die Bühne – und verbreiten dezente Langeweile. »I mean – this is pop!« beschwert sich eine junge Frau neben mir, offensichtlich den HipHop-Aspekt des Abends einmahnend. Angesichts der Tatsache, dass gerade N.E.R.D. die Genre-Grenzen zwischen HipHop, Funk und Rock niederbrechen und mit ihren Produktionen für Britney & Justin den Pop-Mainstream beherrschen (oder eigentlich, wie im Falle Justin Timberlake, ihm überhaupt erst die notwendige Credibility verleihen), ein etwas seltsamer Kommentar. Doch die Ungeduld des N.E.R.D.-Fans ist verständlich. Auch wenn Spymob N.E.R.D.s Live- und Backing-Band sind (mit ihnen spielten N.E.R.D. auch ihr erstes Album ›In Search Of ...‹ neu ein) und sie auf dem Star-Trak-Label der Neptunes gesignt wurden – hier und jetzt stoßen sie auf wenig Interesse. Der superbe Human-Beatbox-Meister Killa Kela betritt die Bühne und heizt mit seiner Version von ›Mama Said Knock You Out‹ ein. Die Atmosphäre verdichtet sich.

Dann endlich: N.E.R.D. übernehmen. Auf die Bühne laufen Pharrell Williams und MC Shay und noch ein paar Kumpanen und ... kein Chad Hugo. »Where’s Chad?« sorgen sich auch die zwei Kids, die sich vor mich gedrängt haben. Desperately seeking Mr. Hugo. Doch er taucht auch später nicht auf, bleibt verschollen. Keine Zeit für Diskussionen, denn schon donnert der Track ›Brain‹ mit seinen fetten Gitarrenriffs über den Saal. Obwohl der Sound etwas indifferent und Pharrell nur schlecht zu verstehen ist, tut dies der Begeisterung in der Brixton Academy keinerlei Abbruch – im Gegenteil. Die deutliche Mehrheit im Publikum scheint die Lyrics dieses (sowie aller darauf folgenden) Songs gewissenhaft studiert zu haben und schreit enthusiastisch mit. Was für ein großartiger Empfang.

Die N.E.R.D.-Show läuft vielleicht gerade mal fünfzehn Minuten, da wirft Pharrell die Frage ins Publikum: »Hey, do you mind if I bring my little bro’ in?« Plötzlich geht ein aufgeregtes Kreischen durch die Menge, und im Saal beginnt es zu tosen. Und tatsächlich, da steht er leibhaftig: Justin Timberlake, der in ein Meer von Handykameras lächelt. And he’s here to stay. Justin gibt fast alle seine Hits zum Besten, von ›Rock Your Body‹ bis ›Señorita‹ – und stiehlt Pharrell beinahe die Show. Erst wenige Tage zuvor konnten Pharrell und Chad ihrem Justin bei den ›MTV Europe Music Awards‹ in Edinburgh eine von drei Auszeichnungen (Best Male, Best Pop, Best Album für ›Justified‹) überreichen. Und offensichtlich überschneidet sich die Menge der Justin- und N.E.R.D.-Fans stärker, als ich dachte – denn auch bei Justin singen alle kräftig mit. Auch nachdem er wieder an Pharrell übergeben hat, bleibt Justin bis zum Konzertende auf der Bühne und macht sich zwischendurch als Human-Beatbox nützlich. Etwas ungläubig starre ich nach vorne, auf diesen weißen Jungen, der es durch kräftige Unterstützung der Neptunes sowie systematische Aneignung schwarzer Attribute auch ohne Boyband ganz raufgeschafft hat.

Zweite Halbzeit. Neues funky Material aus dem kommenden N.E.R.D.-Album ›Fly Or Die‹ wird präsentiert, alle sind bester Laune. Eine Hand voll weiblicher Fans – gerade mal aus dem Pflichtschulalter raus – wird auf die Bühne manövriert. Eine von ihnen ist so aufgeregt, dass sie ihr Gesicht in den Händen vergräbt und fast die Tränen zu kullern beginnen. Sie hat die größte Sympathie vom Publikum, alle lächeln sie ermutigend an. Die anderen versuchen sich zaghaft als Tänzerinnen. Spätestens hier sollte klar werden, dass all die ass’n’tits wackelnden, prallen Bikini-Tanga-Mädchen in den gängigen HipHop- und R’n’B-Videos nichts anderes sind als eine effektvolle Inszenierung. Die Girls, die da gerade auf der Bühne stehen, sind scheu, versuchen hier ein paar Tanzschritte, da einige Hüftbewegungen, aber sie wirken ein wenig verloren und naiv, so ganz ohne professionelle Choreografie. Nur ein Mädchen macht auf Hardcore-Bitch und schiebt ihr kreisendes Hinterteil dem Publikum entgegen, aber es wirkt eher peinlich, die Leute lachen.

Pharrell sitzt am Keyboard und stimmt mit seiner Falsettstimme an: »It’s gettin’ hot in here ...«, und die Fans brüllen zurück: »So take off all your clothes.« Es bleibt bei einem topless Pharrell, aber es reicht, um schon wieder eine Begeisterungswelle auszulösen. Nachdem die süßen Töne von ›Frontin’‹ den Saal erhellt haben, ist bei ›Rock Star‹ stilechtes Stagediving angesagt. Schließlich erklingt ›Lapdance‹, dessen Refrain unisono aus dem Publikum schallt. Der Saal tobt. Fly or die – an diesem Abend fiel die Entscheidung wirklich nicht schwer.



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aus Intro #113 (Februar 2004)
 
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