Intro Intim in der Kölner Christuskirche

Kirchenmusik

02.02.2004, 12:44, Text: Intro Allstars, Intro Allstars

06.12. – Experimental Pop Band, Virginia Jetzt!, Wir Sind Helden &

14.12. – Lamb &

09.01. – Can-Special mit Irmin Schmidt und Kumo, Can-DVD

Das letzte Jahr klang, intim gesehen, äußerst besinnlich aus, und genauso stimmungsvoll wurde ins neue gerutscht, denn die traute Kölner Christuskirche wurde vom Intro-Event-Team im Dezember und Januar für drei ganz besondere Events gebucht: Zuerst gab es die Indie- und Elektro-Weihnacht, dann folgte im neuen Jahr das Can-Special.

Der Indie-Abend beginnt zeitig wie ein samstäglicher Gottesdienst. Schlag 19:30h nimmt die Experimental Pop Band vor den Bänken Aufstellung, in denen sich die Intro-Gemeinde bereits versammelt hat.

Ein Quartett in Duo-Besetzung, das ist der Trend des Abends. Keith und Davey setzen zum Akustik-Set an und stoßen damit auf atemlose Aufmerksamkeit – auch das ist typisch für diesen Abend, denn ermahnt durch das harte Stuhlwerk und befangen durch den Sakralbau, wird der Zimtsternabend noch besinnlicher, als es die Adventszeit ohnehin schon nahe legt.

Virginia Jetzt! lassen sich zu Beginn ihres Sets von einer charmanten Cellistin unterstützen, überlegen jedoch bald, in Zukunft häufiger auf die andere Bandhälfte zu verzichten, um so die Gewinnspanne zu erhöhen. Dazu passt auch der saisonale Hit, den sie mitgebracht haben, um von ›Weihnachten In Berlin‹ zu singen. Nino und Thomas bringen das Kirchenschiff zwar nicht zum Tanz auf der Orgel, halten die ob des Settings verständliche Nervosität allerdings professionell in Schach, liefern die unterhaltsamsten Zwischenansagen des Abends und spielen sich mit ihrem Tribut an die Regierung (›Das Mädchen, Das Jeder Will‹) gar in die Herzen des Kirchenvorstands.

Dann eine Spannung wie kurz vor der Predigt: der Überraschungsgast. Aufmerksame Gotteskinder hatten sie schon durch die Wandelhalle stiefeln sehen – Wir Sind Helden kommen (zur Hälfte, bewährtes Prinzip, nur Judith und Pola) und kündigen sich mit einem Akustik-Set von drei Songs an, erhöhen dann jedoch auf fünf (inkl. des spontanen Reiser-Covers ›Halt Dich An Deiner Liebe Fest‹) und spielen zum furiosen Abschluss noch mit bravouröser Unterstützung von Virginia Jetzt! im grande finale de kikeriki.

Dann die Elektro-Variante vom Nikolo: Ausverkauft ist auf den Schildern an der Kirchentür zu lesen, und unzählige Lamb-Fans müssen bei diesem einzigen Deutschland-Gig leider tatsächlich draußen bleiben. Innen stehen auf dem verhüllten Altar Grablichter, die Apsis ist durch weiße Strahler ausgeleuchtet, an der Rückwand hängt überdimensional das Kreuz. Auf diese spezielle Situation kommt Sängerin Louise Rhodes auch direkt zu sprechen. Ein sehr spezieller Abend sei es für sie, für den man sich bewusst auf den Verzicht von Elektronika geeinigt habe. Man wolle einen Querschnitt des Materials der mittlerweile fast zehnjährigen Bandgeschichte, so weit möglich, analog umsetzen.

›Heaven‹ heißt der Opener des Albums ›What Sounds‹ von 2001, den Lou zum Besten gibt, noch eingepackt in einen langen Wintermantel und mit dicken Schnee-Boots an den Füßen. Das wirkt erst mal verwunderlich, da der Rest der Band in T-Shirt und barfuß erschienen ist. Doch bereits beim zweiten Song ›Stronger‹ von der im November veröffentlichten Platte ›Between Wonder & Darkness‹ entledigt sie sich ihres Schuhwerks und fordert »stand up – and dance«, um diesem spirituellen Ort Tribut zu zollen. Das lassen sich die Anwesenden nicht zweimal sagen und versammeln sich direkt vor der Band, um bei den mit Bongo-Passagen adaptierten Songs ›Softly‹ und ›Sun‹ mal das Tanzbein auf geistlichem Boden zu schwingen. Höhepunkt ist das abschließende Stück ›Gabriel‹. Jazzige Passagen in der Rhythmussektion, kombiniert mit warmen Keyboard-Sounds, akzentuierten Akustik-Gitarrenriffs und der sehr vollen, zarten, aber niemals piepsigen Stimme von Louise, untermalen das Umfeld aufs Angenehmste und lassen den Abend zu einem sehr stimmigen, gelungenen Ereignis werden.

Im neuen Jahr richten wir ein Heimspiel für den Wahl-Franzosen Irmin Schmidt plus Schwiegersohn Kumo aus. Schmidt, 66, Meisterschüler, Viertel-Legende und Ex-Backenbartträger, ist wieder zurück in der Stadt, in der alles begann. Nach der Vorführung der Can-DVD wird ein monströses Ungetüm von einem pechschwarzen Flügel sichtbar, neben dem sich die Beatfabriken von Jono Podmore alias Kumo türmen. Auf dem Flügel liegt klein und verloren ein weiteres Keyboard, das im direkten Größenvergleich eher wie die Steuereinheit des Flügeldeckels erscheint.

Es beginnt der Ritt im sportlichen PingPong-Verfahren durch verschiedenste Klangwelten. Irmin Schmidt springt ins Elfenbein, während sein jüngerer Duett-Partner mit Rhythmen und Flächen kleine Brände legt, in deren Rauch beide wieder zueinander finden, um erneut Einheit zu beschwören. Der Himmel ist die Grenze, und im musikalischen Rahmen zwischen Neuer Musik und ›Café Del Mar‹ wird ausgelotet, was der Moment hergibt. So entsteht ein expressives, zuweilen sphärisches oder hypnotisches Klangkonstrukt, das in seiner Spielfreude, Virtuosität, Dogmenlosigkeit und Unberechenbarkeit wie eine Filmmusik wirkt.



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aus Intro #113 (Februar 2004)
 
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