
Vorsprung durch 30 Jahre
Technics
02.02.2004, 11:53, Text:
Boris Fust,
Boris Fust
Die Welt der Musik ist eine Scheibe. In ihrer Mitte ein Loch, und was sich darüber wölbt, ist nicht etwa der Himmel, sondern eine vergleichsweise schnöde Abdeckhaube. Die Form der Erde war jahrhundertelang schwer umstritten, musikalischerdings herrscht indes seit nunmehr 30 Jahren Einigkeit über das richtige Modell: Denn seit 1974 gibt es Technics in Europa.
Das Londoner Science Museum vereint die wichtigsten Erfindungen der letzten 250 Jahre. Zwischen Raumfahrzeugen und 150 ähnlichen Monstrositäten stehen auch zwei Plattenspieler: ein Paar Technics SL-1210 MK II. 1952 kamen in Deutschland die ersten Vinyl-Schallplatten (***Link 1***) auf den Markt.
1969 kündigte Technics mit dem SP 10 den ersten Plattenspieler mit Direktantrieb an. Das Gerät war eine Sensation. Eigentlich als Hi-Fi-Spieler entwickelt, wurde der SP 10 zum Profi-Standard und blieb es bis zum Erscheinen des MK II etwa zehn Jahre später. Danny Tenaglia hält Technics für den »Rolls Royce unter den Plattenspielern: Qualität, Langlebigkeit, Zuverlässigkeit.« Diese Tugenden spiegeln sich im Design der funktionalen Schönheit und im Gewicht: Elf kg bringen der 1200er und der 1210er jeweils auf die Waage. Dank des Quartz-gesteuerten Direktantriebs läuft der Teller in 0,7 Sekunden an. Die Gleichlaufschwankungen liegen bei 0,025 Prozent, was es ermöglicht, mehrere Decks problemlos synchron laufen zu lassen. Per Pitch-Fader (+/- acht Prozent) lassen sich Songtempi aneinander angleichen.
Schnöde technische Daten, die jedoch das Kunstwerk aus dem Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit gewissermaßen in das Zeitalter seiner technischen Produzierbarkeit überführten. Dass das DJ-tum vor nichts weniger als einer Revolution stand, zeichnete sich ab, als Francis Grasso, Resident in den New Yorker Clubs The Sanctuary und Haven, Ende der 60er entdeckte, welche Vorteile die Slipmat bot: Songs ließen sich durch Drehen der Platte auf dem Teller, ohne zu verrutschen, an eine beliebige musikalische Stelle drehen und dank des starken Drehmoments der Technics-Turntable subito einstarten. Kool Herc ging in den 70ern weiter: Er kaufte von jeder Soul- und R’n’B-Platte gleich zwei Stück, um einzelne Parts, zumeist Groove-betonte Percussionpatterns, wechselweise wiederholt abzuspielen und so bis ins Unendliche zu verlängern. Diese Break-Technik wurde schon bald von jedem Plattendreher, der etwas auf sich hielt, übernommen. Afrika Bambaataa vervollkommnete die Überblende-Methode. Auch Grandmaster Flash, ein Elektronikstudent, fand Gefallen an der ebenso soliden wie einfachen Bauweise der Plattenspieler: Seine Technics schraubte er auf und modifizierte sie (auch heute immer wieder gern genommen: Umbau-Sets, mit denen man die Plattenspieler rückwärts laufen lassen kann etc). Seine Breaks erzielte er durch geschwindes und kunstfertiges Needle-Dropping, eine Art des manuellen Copy & Paste. Er erfand das Scratchen ebenso wie das Punch Phasing, bei dem in einem laufenden Track Songteile einer anderen Platte eingespielt werden. Backspin, Cutting, Scratching – zunächst nichts weiter als auf die Erfordernisse einer guten Party angepasste Techniken des DJing, die aber konstituierend für gänzlich neue Musikstile werden sollten: HipHop und Techno. Und alles nur wegen eines Plattenspielers mit Direktantrieb, statisch balanciertem S-Tonarm mit leicht austauschbaren Kontergewichten und beleuchteter Nadel.
Klar, dass es in der Folge zur Hauptbeschäftigung zahlloser Hersteller werden sollte, den 1200er und den 1210er zu kopieren. Das gelang und gelingt mal mehr, mal weniger gut, mal mehr, mal weniger preiswert. Auch Technics selbst kopierte sich mit dem M3D und dem M5GE: Es gab bessere Cinch-Kabel, bessere Kabel im Tonarm, einen größeren Pitch-Bereich (umschaltbar von +/- acht auf 16 Prozent) und eine Nadellampe mit zur Abwechslung blauer LED statt des ärmlichen 18-Volt-Birnchens. Demnächst wirft Technics den für DJs gedachten CD-Player SL-DZ 1200 auf den Markt – mit Direktantrieb. Der kann dann MP3 und soll die vom Vinyl bekannten Gestaltungsmöglichkeiten in die Welt des Digitalen übertragen. Seinen MK II sollte man deswegen trotzdem nicht verkaufen – schon des geringen Wertverlustes wegen. Außerdem hat man so ein Exponat des Londoner Science Museum daheim ...
***Link 1***
Die Schallplatte
Die eigentliche Erfindung der Schallplatte geht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Emil Berliner war ein bis dato erfolgloser Erfinder von diversen Mixgetränken und eines Telefon-Mikros. Wegweisend war jedoch das Jahr 1887. In dem experimentierte Emil Berliner nämlich mit spiralförmig zur Seite hin ausgelenkten, in Zinkblech geätzten Rillen. Nach transistorischen Stadien mit Hartgummi und Schellack machte eine Mischung aus Polyvinylchlorid und Polyvinylacetat Schluss mit Störgeräuschen: Die Vinyl-Schallplatte war geboren.
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