Jeans & Frisuren
In drei Phasen
02.02.2004, 11:47, Text:
Cynthia Blasberg,
Cynthia Blasberg
Jeans begleiten (fast) alle durchs Leben. Und in ihnen erlebt man so manche Anekdote. Sozusagen Schoten in Denim. Für uns sinniert Nino von Virginia Jetzt! ein wenig über sein Leben mit und in Jeans.
»Es scheint fast so, als wären die Jeans eines Mannes – und deren Geschichte – unmittelbar verknüpft mit seiner Frisur. Anders als bei Frauen, die in ihrem Leben unzählige Frisuren, Haarlängen und -farben ausprobieren, ohne jemals mit dem Resultat zufrieden zu sein, gibt es im Leben eines Mannes nur drei entscheidende Phasen. Die erste Phase ist natürlich die Prä-Teenager-Zeit. Hier findet bewusstes Leben im Grunde nur im Inneren unserer Playmobil-Figuren statt.
Credit:
Angelo hat eine New 501 Jeans von Levi’s® an. Nino trägt eine Levi’s 100% aus der neuen Frühlingskollektion, deren herausstechendstes Merkmal das Weglassen lieb gewonnener Details ist: Es gibt keine Nieten, Gürtelschlaufe, Uhren-Tasche, aufgesetzten Taschen, keinen Hosenbund und gesticktes Arcuate (für gewöhnlich auf Taschen aufgestickter Bogen). Dafür sind vom Red Tab bis zum Batwing alle Details aufgedruckt. Der neue innere Bundverschluss macht es möglich, die 100% sowohl slim als auch oversized auf der Hüfte zu tragen.
Howies ist eins dieser Brands, über die man eher durch Zufall stolpert. Ein Geheimtipp sozusagen. Man erwartet nicht wirklich, eine Website zu finden, und ist dementsprechend nicht nur von der Existenz überrascht, sondern vor allem von der Verbindung aus stilvoller Produktpräsentation, klarer politischer Message und eloquenter Verweiskultur. Cleanes Edutainment zum Anziehen – und eine längst überfällige Reaktion auf die katastrophalen Arbeitsbedingungen in den so genannten Produktionszonen, in denen so viele aus der textilen Major-League arbeiten lassen. Jene Produktionsstätten, in denen ein bis zwei Dollar Tageslohnsätze, erzwungene Schwangerschaftstests und striktes Gewerkschaftsverbot Usus sind.
Eine E-Mail und eine knappe halbe Stunde später habe ich David Hieatt (***Link 1***) und Clare Urzelle von Howies am Telefon und konfrontiere sie mit geheimnisumwobenen Geschichten, die man sich über Howies erzählt. »Oh, was hat dein Freund gesagt? Englische Waldhippies, die sich ihre Skateboards wahrscheinlich selber schnitzen? Das hört sich großartig an, stimmt aber natürlich nicht wirklich«, schmunzelt David. Derlei Legendenbildungen durch gefährliches Halbwissen scheinen dem 39-Jährigen durchaus Spaß zu bereiten. Die wahre Geschichte hinter dem Label kann es jedoch allemal mit der Version der befreundeten Gerüchteküche aufnehmen.
Sie beginnt 1995. Für das Ehepaar Hieatt läuft die Lebens- und Karriereplanung wie am Schnürchen. Er ist Creative Director beim renommierten Londoner Werbeunit Leagas Delaney. Sie ist erfolgreiche Designerin bei der Agentur Imagination. Die beiden verfügen über ausreichend finanzielle Mittel für ein sauber eingerichtetes Leben in der Themse-Metropole. Von ihren Jobs zunehmend gelangweilt, vertreiben sie sich allerdings die Zeit damit, Grafiken für ihr Shirtprojekt Howies zu entwerfen – die experimentellen Shirts verschenken sie an Freunde oder verkaufen sie auf Mountainbike-Rennen. Howies ist anfangs lediglich eine kreative Plattform für alles, was in den festgefahrenen Agenturstrukturen keinen Platz findet – »und war noch nicht mal groß genug, um es ein Hobby zu nennen.«
Doch bald wachsen Anspruch, Aussageabsicht und das Bewusstsein für das Label als gesellschaftlich-politisches Moment. Knapp zwei Jahre nach Projektstart kündigen die beiden ihre Jobs – per Fax aus dem Urlaub. David: »Wir hatten die Nase voll davon, falsche Images für die falschen Leute aufzubauen und den ganzen unbefriedigenden Scheiß zu machen, an den wir nicht glaubten. Je länger und intensiver wir uns mit Howies beschäftigten, desto klarer wurde uns die eigene Position. Wir hatten diesen ›too much work and not enough time to play‹-Print auf T-Shirts gebannt, nichts Besonderes, aber irgendwann hat es klick gemacht, und wir dachten: ›Oh Gott, das ist genau die Situation, in der wir leben.‹ Uns beschlich das Gefühl, ein bizarres Doppelleben zu führen. Nachts mutierten wir zu den geheimnisvollen Shirt-Revoluzzern, die gegen alles anarbeiteten, wofür unsere Jobs standen. Danach haben wir uns geistig immer weiter von unseren Jobs entfernt und schließlich mit der Kündigung einen klaren Schnitt gemacht.«
Es folgt der Umzug nach Cardigan Bay, ein Städtchen irgendwo im Niemandsland der walisischen Küstenregion. Am Anfang wussten David und Clare nicht, wie die Familie (Tochter Stella wurde kurz vor dem Umzug geboren) jemals von Howies würde leben können. »Wir hatten keine wirkliche Ahnung von der Branche, keinen Businessplan, kein Büro, gar nichts. Aber es war für uns einfach ein logischer und konsequenter Schritt, der gegangen werden musste.« Erst einmal in Wales angekommen, gedieh das Label nach den üblichen ersten Anlaufschwierigkeiten prächtig und verwandelte sich in der Folge vom Anti-Boredom-Ventil zu einem Neun-Personen-Betrieb. Das gelang weniger durch streng durchgezogenes Profitstreben als durch klare Statements, konsequentes Handeln und einen stetig wachsenden politisch-philosophischen Überbau.
Wichtige Rahmenbedingungen dabei: das strikte Ablehnen von Sweatshop-Sklavenarbeit, keine Chemie-durchtränkten Trashkultur-Items und kein Destroyed-Look-Wahn. (»Wir machen unsere Jeans nicht kaputt. Das sollen die Käufer selbst besorgen, schließlich kann man Geschichte nicht kaufen.«) Stattdessen umweltfreundliche Waschungen, organisch angebaute Baumwolle und per Shirtdruck, Homepage und Katalog gedroppter Background-Knowledge, immer den finger on the social trigger. Wobei David bewusst ist, dass die richtige politische Position allein keinen Kaufanreiz darstellt: »Ohne einen guten Style wirst du keine Käufer erreichen. Du kannst politisch noch so progressiv sein. Ein smarter Look ist einfach die Basis. Ist diese überzeugend, setzen sich die Menschen auch mit den Ideen hinter dem Label auseinander.«
Mittlerweile umfasst dieser smarte Look 50 Teile. Die Kollektion ist schlicht und mit verschiedenen Denims, Shirts, Sweatern, Jacken, Hosen, Röcken, Taschen und Mützen auf den ersten Blick eher basic, überzeugt jedoch mit durchdachter Funktionalität, immenser Detailliebe und extrem hoher Qualität. Sogar die britische Fashion-Ikone Paul Smith (***Link 2***) lud die Cardigan-Bay-Bagage dazu ein, für seine japanische Kollektion eine eigene Shirt-Linie zu gestalten. Das Konzept funktioniert: gutes Design, hochwertige Materialien und ein überzeugender politischer Überbau. »Die Leute haben die Nase voll, sich einfach nur das Geld aus der Tasche ziehen zu lassen. ›Shoppers have more power than voters‹ ist keine leere Phrase mehr, sondern ein aktiver Prozess. In den letzten fünf Jahren ist im textilen Underground immens viel passiert, und ich glaube, in den kommenden Jahren stehen uns noch einige Überraschungen bevor.«
***Link 1***
David’s all time songs:
01) Radiohead ›The Bends‹
02) Neil Young ›Silver & Gold‹
03) Prodigy ›Firestarter‹
04) Bush ›Little Things‹
05) Sheryl Crow ›Strong Enough‹
06) R.E.M. ›Losing My Religion‹
07) R.H.C.P. ›Under The Bridge‹
08) Style Council ›My Ever Changing Mods‹
09) Nirvana ›Jesus Doesn’t Want Me For A Sunbeam‹
***Link 2***
Paul Smith
Die britische Designer-Legende wollte ursprünglich einmal Radrennfahrer werden. Doch ein Unfall verhinderte sein Vorhaben. Neue Impulse suchend, entdeckte er Kunst und Musik. Ästhetisch inspiriert von Miles Davis und Kokoschka, eröffnete er bald darauf seine erste Modeboutique und lernte nebenbei den Beruf des Herrenschneiders. 1976 konnte man erstmalig seine Kollektion auf den Pariser Schauen sehen. www.paulsmith.co.uk
Die Welt der Musik ist eine Scheibe. In ihrer Mitte ein Loch, und was sich darüber wölbt, ist nicht etwa der Himmel, sondern eine vergleichsweise schnöde Abdeckhaube. Die Form der Erde war jahrhundertelang schwer umstritten, musikalischerdings herrscht indes seit nunmehr 30 Jahren Einigkeit über das richtige Modell: Denn seit 1974 gibt es Technics in Europa.
Das Londoner Science Museum vereint die wichtigsten Erfindungen der letzten 250 Jahre. Zwischen Raumfahrzeugen und 150 ähnlichen Monstrositäten stehen auch zwei Plattenspieler: ein Paar Technics SL-1210 MK II. 1952 kamen in Deutschland die ersten Vinyl-Schallplatten (***Link 1***) auf den Markt. Doch bedurfte es noch eines ausgewachsenen Wirtschaftswunders und einiger kultureller Umwälzungsprozesse, ehe das irgendwen so richtig interessierte. Entscheidender war zunächst die Erfindung des Transistorradios, das auch für Jugendliche erschwinglich war. Tragbare Geräte ermöglichten das Musikhören abseits elterlicher Kontrolle. In den 60ern entstand so zum ersten Mal eine hermetische Jugendkultur, die sich über das Distinktionsmerkmal Musik definierte und sich eigene kulturelle Räume schuf. Am Ende des Jahrzehnts regierte in Deutschland der so genannte Tanztee: sonntäglich abgehaltene Veranstaltungen mit Musik für junge Leute. In Amerika und Europa kam es zeitgleich zu einem wahren Club-Boom. Plötzlich gab es einen Bedarf für Plattenspieler, die andere Bedürfnisse befriedigen mussten als die Geräte im Wohnzimmer.
1969 kündigte Technics mit dem SP 10 den ersten Plattenspieler mit Direktantrieb an. Das Gerät war eine Sensation. Eigentlich als Hi-Fi-Spieler entwickelt, wurde der SP 10 zum Profi-Standard und blieb es bis zum Erscheinen des MK II etwa zehn Jahre später. Danny Tenaglia hält Technics für den »Rolls Royce unter den Plattenspielern: Qualität, Langlebigkeit, Zuverlässigkeit.« Diese Tugenden spiegeln sich im Design der funktionalen Schönheit und im Gewicht: Elf kg bringen der 1200er und der 1210er jeweils auf die Waage. Dank des Quartz-gesteuerten Direktantriebs läuft der Teller in 0,7 Sekunden an. Die Gleichlaufschwankungen liegen bei 0,025 Prozent, was es ermöglicht, mehrere Decks problemlos synchron laufen zu lassen. Per Pitch-Fader (+/- acht Prozent) lassen sich Songtempi aneinander angleichen.
Schnöde technische Daten, die jedoch das Kunstwerk aus dem Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit gewissermaßen in das Zeitalter seiner technischen Produzierbarkeit überführten. Dass das DJ-tum vor nichts weniger als einer Revolution stand, zeichnete sich ab, als Francis Grasso, Resident in den New Yorker Clubs The Sanctuary und Haven, Ende der 60er entdeckte, welche Vorteile die Slipmat bot: Songs ließen sich durch Drehen der Platte auf dem Teller, ohne zu verrutschen, an eine beliebige musikalische Stelle drehen und dank des starken Drehmoments der Technics-Turntable subito einstarten. Kool Herc ging in den 70ern weiter: Er kaufte von jeder Soul- und R’n’B-Platte gleich zwei Stück, um einzelne Parts, zumeist Groove-betonte Percussionpatterns, wechselweise wiederholt abzuspielen und so bis ins Unendliche zu verlängern. Diese Break-Technik wurde schon bald von jedem Plattendreher, der etwas auf sich hielt, übernommen. Afrika Bambaataa vervollkommnete die Überblende-Methode. Auch Grandmaster Flash, ein Elektronikstudent, fand Gefallen an der ebenso soliden wie einfachen Bauweise der Plattenspieler: Seine Technics schraubte er auf und modifizierte sie (auch heute immer wieder gern genommen: Umbau-Sets, mit denen man die Plattenspieler rückwärts laufen lassen kann etc). Seine Breaks erzielte er durch geschwindes und kunstfertiges Needle-Dropping, eine Art des manuellen Copy & Paste. Er erfand das Scratchen ebenso wie das Punch Phasing, bei dem in einem laufenden Track Songteile einer anderen Platte eingespielt werden. Backspin, Cutting, Scratching – zunächst nichts weiter als auf die Erfordernisse einer guten Party angepasste Techniken des DJing, die aber konstituierend für gänzlich neue Musikstile werden sollten: HipHop und Techno. Und alles nur wegen eines Plattenspielers mit Direktantrieb, statisch balanciertem S-Tonarm mit leicht austauschbaren Kontergewichten und beleuchteter Nadel.
Klar, dass es in der Folge zur Hauptbeschäftigung zahlloser Hersteller werden sollte, den 1200er und den 1210er zu kopieren. Das gelang und gelingt mal mehr, mal weniger gut, mal mehr, mal weniger preiswert. Auch Technics selbst kopierte sich mit dem M3D und dem M5GE: Es gab bessere Cinch-Kabel, bessere Kabel im Tonarm, einen größeren Pitch-Bereich (umschaltbar von +/- acht auf 16 Prozent) und eine Nadellampe mit zur Abwechslung blauer LED statt des ärmlichen 18-Volt-Birnchens. Demnächst wirft Technics den für DJs gedachten CD-Player SL-DZ 1200 auf den Markt – mit Direktantrieb. Der kann dann MP3 und soll die vom Vinyl bekannten Gestaltungsmöglichkeiten in die Welt des Digitalen übertragen. Seinen MK II sollte man deswegen trotzdem nicht verkaufen – schon des geringen Wertverlustes wegen. Außerdem hat man so ein Exponat des Londoner Science Museum daheim ...
***Link 1***
Die Schallplatte
Die eigentliche Erfindung der Schallplatte geht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Emil Berliner war ein bis dato erfolgloser Erfinder von diversen Mixgetränken und eines Telefon-Mikros. Wegweisend war jedoch das Jahr 1887. In dem experimentierte Emil Berliner nämlich mit spiralförmig zur Seite hin ausgelenkten, in Zinkblech geätzten Rillen. Nach transistorischen Stadien mit Hartgummi und Schellack machte eine Mischung aus Polyvinylchlorid und Polyvinylacetat Schluss mit Störgeräuschen: Die Vinyl-Schallplatte war geboren.
Was ist in einem Namen angelegt? Kämen Paris aus dem Land, nach dessen Hauptstadt sie sich benannt haben, würden sie French-House machen – so eindeutig klingt ihr Debüt ›Yellow Eden‹ nach der einzig vorstellbaren Variante von schwedischem New-Wave-Power-Pop. Für hiesige Bilder über skandinavische Popkultur können Annika, Emma, Matthias und Johan – die Mädchen singen und spielen Gitarre und Keyboards, die Jungs Bass und Schlagzeug – allerdings erst mal nichts. Ihr Weg ist eher der von Wir Sind Helden in leicht: Über selbst gemachte Demos, die sich angeblich über 2000-mal verkauft haben, haben sie den Weg zu V2 Records gefunden, die sie nun nach dem Durchbruch in der Heimat in Europa für Interviews und Showcases herumreichen. Dabei stellen sich die vier so, ich hasse dieses Wort, sympathisch an, dass man ihnen den dezent geglätteten Blondie- und GoGos-Aufguss nicht wirklich übel nehmen kann. Und mit der Großtat, Michael Jacksons Metamorphosen in einem Song einmal nicht als billige Lachnummer einzubauen, haben sie sich schon jetzt einen ewigen Platz in meinem Herzen erobert. Auch wenn das jetzt grundsätzlich klingt: Die schönste Jugend bleibt eben doch diejenige, die nicht Casting-Shows entspringt, sondern sich an den Luxusgütern Band gründen und Songs schreiben versucht und dabei nicht irgendeine Form von Rand oder – machen wir es deutlicher – Alternative abbilden muss. Das hat Identifikationspotenzial für die Teenager in uns, und Popmusik ist immer noch dort am besten aufgehoben, wo man sich darüber im Klaren wird, dass MTV das wirkliche Leben stiehlt und das Nachtleben die einzige mögliche Vorstellung von Ausstieg ist. Die Poppunk-Kids im Berliner Karrera-Klub tanzen dazu. Auch wenn die Musik, leider, nicht Disco ist. Aber ich wurde ja auch schon alt geboren.
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