Final Scratch in action
Mike Shannon
30.01.2004, 16:56, Text:
Thomas Venker / Jörg Koch,
Thomas Venker / Jörg Koch
Software-Besprechungen sind ja hilfreich, wenn es daran geht, den schwer durchschaubaren Produkt-Dschungel zu lichten, dummerweise reicht die Zeit oft für nicht mehr als eine kurze Beschäftigung mit dem Objekt der Rezension. Was her muss, ist die Feldanalyse. Der ideale Mann für einen intensiven Straßentest der Analog-Digital-Wunderkiste ›Final Scratch‹ (›FS‹) ist Mike Shannon (***Link 1***). Wir haben den Exilkanadier ins Kreuzverhör genommen, um die Ergebnisse unserer ›FS‹-Besprechung aus Intro #109 zu hinterfragen.
Was wäre ein besserer Zeitpunkt für einen intensiven Check als das Mutek in Chile. Der Januar ist down under der wärmste Monat des Jahres, und eine ganze Horde von Produzenten, DJs und sonstigen Slackern überwintert deshalb zwischen den Anden und der Pazifikküste.
Eine Hitze, wie man sie seinem größten Feind nicht gönnt, prägt Chile im Januar (die Tiefsttemperaturen an der Pazifikküste mit deren Kaltwasserstrom aus der Antarktis sind aber auch nicht ohne). Und jede Menge Staub ist in der Luft. Obwohl man viel über die Anfälligkeit von ›FS‹ bei extrem stickigen Bedingungen gehört hat, wirkt sich das Wetter nicht negativ auf Shannons Einsatz bei der Silvesterparty an einem Strand in Mittelchile aus, bei der sich 2000 Leute versammelt haben, um mit Blick auf den Pazifischen Ozean und mit Minimal TechHouse (okay, zugegeben, ein bisschen Latin und HipHop kann man auf den anderen Floors auch hören) auf 2004 zuzuraven.
Auch beim Mutek in Valparaiso (nach Mexiko das zweite Auswärtsspiel des kanadischen Festivals in Südamerika in diesem Winter, siehe Nachlese im nächsten Intro) funktioniert das System gut – was neben der mittlerweile deutlich verringerten Anfälligkeit von ›FS‹ auch an Shannons Erfahrung mit dem System liegt: »Mittlerweile habe ich entdeckt, welches Betriebssystem sich am besten eignet. Am Anfang ist es mir oft abgestürzt, aber das lag wohl auch daran, dass es noch recht neu für Macintosh war und erst noch optimiert werden musste. Ich habe es seit September, als es rauskam – netterweise konnte ich es von Native Instruments zum Musikerpreis bekommen –, und witzigerweise läuft es jetzt mit dem Panthersystem (***Link 2***) perfekt, von dem sie mir auf der Suche nach den Ursachen für die Systemcrashs eigentlich abgeraten hatten.« Auf einem Windowssystem kann ›FS‹ übrigens nicht direkt eingesetzt werden, entweder man lässt es auf seiner Linuxpartition laufen oder bootet gleich von der Installations-CD, auf der sich eine eigene kleine, direkt nutzbare Linuxdistribution befindet. Shannon hat sich ›FS‹ vor allem wegen seines Umzugs nach Chile zugelegt, da er seine Plattensammlung unmöglich für einen achtmonatigen Aufenthalt mit nach Südamerika nehmen konnte. Da er aber natürlich trotzdem viel Musik braucht, digitalisierte er einen großen Teil seiner Sammlung. (»Ich habe über einen Monat jeden Tag vier Stunden Sachen eingespielt.«) Trotzdem nutzt er ›Final Scratch‹ nicht ausschließlich, sondern als sinnvolle Unterstützung seiner normalen DJ-Sets.
Die Gründe für den Einsatz von ›FS‹ sind für ihn mannigfaltig: »Das fängt beim ganz banalen Schleppen an. Wenn man auf eine lange Tour geht, braucht man unterschiedliches Material im Case. Man muss für alle Eventualitäten gewappnet sein. Es macht aber natürlich keinen Sinn, für vielleicht einen eher ruhigen Set im Laufe der Tour unendlich viele Ambient-Platten mitzuschleppen – da ist es sehr praktisch, das Powerbook dabei zu haben.« Angenehmer Nebeneffekt für Shannon: Je weniger Platten er durch die Welt fliegt, desto größer die Chance, dass ihn der Zoll in Ruhe lässt. Besonders für einen Kanadier, der regelmäßig in den Staaten auflegt, ein nicht unwichtiger Aspekt: »Das wurde von den Amis ja schon immer argwöhnisch beobachtet mit den Platten, da uns ja unterstellt wird, dass wir in den Staaten arbeiten. Was ja irgendwie auch stimmt. Haha. Und seit dem Golfkrieg, gegen den wir Kanadier uns kritisch geäußert hatten, ist es richtig heftig geworden mit den Kontrollen. Wobei es ja leider nicht so ist, dass ich ganz ohne Platten auskomme. Für den Notfall schleppe ich immer welche mit. Und die neuen Whitelabels wollen ja auch gespielt werden.«
Damit kommen wir zu einem weiteren Vorteil, mit dem die Musik von Festplatte auftrumpfen kann: Nicht nur Whitelabels oder Dubplates können eingesetzt werden, auch taufrische Tracks von Freunden und befreundeten Produzenten, auf deren »heiß ersehnten Einsatz« Shannon sonst noch ewig warten müsste, kann er dank ›FS‹ schon spielen, ebenso die Klassiker, die auf Platte längst schon runtergespielt sind. »Und natürlich kann ich auch meine eigenen Arbeiten der letzten Nacht mal eben auflegen und checken, ob das Material taugt.« Selbiges gilt selbstredend auch für Demos, die er zugeschickt bekommt – schließlich versteht er Revolver und Cynosure als DJ-Labels, auch wenn Revolver mit seinem eklektischen Minimalsound in seinem Dancefloor-Ansatz deutlich spezieller ist. Wie sieht es aber mit den kritischen Erfahrungen im Alltagstest aus? »Einige Leute haben mir schon von Problemen mit alten Nadeln erzählt. Das kann ich nicht bestätigen, ich habe eben immer eigene dabei, und da ist, toi toi toi, noch nie was schief gegangen.« Die regelmäßigen Auftritte Shannons in den stickigen Clubs in Mexiko City, 2300 Meter über dem Meeresspiegel und mit einer unerträglichen Luftverschmutzung, die Freiluft-Performances in Chile, Touren in ganz Südamerika zwischen sengender Sonne und kühler Meeresbrise – alles gut gelaufen. Womit unsere Einschätzung aus der Besprechung als bestätigt gelten dürfte.
***Link 1***
Mike Shannon
Shannon hat sich nicht nur als hervorragender Technoproduzent (u. a. mit Veröffentlichungen auf Force Inc. und Background) einen Namen gemacht, sondern auch als Labelbetreiber von Cynosure und (gemeinsam mit Jeff Milligan) von Revolver. Zu den von ihm releasten Künstlern, hauptsächlich Kanadier, gehören u. a. Akufen und Jay Hundsberger.
***Link 2***
Panther
Dahinter verbirgt sich nicht die Raubkatze und auch keine nerdige Linux-mäßige Betriebssoftware für den Mac. Apple spricht in Codewörtern, und somit haben die Updates des Betriebssystems OS X mit jeder Version einen anderen Alias. Sie sind inzwischen bei OS X.3 (a.k.a. Panther) angelangt. Der Vorgänger trug übrigens den bescheidenen Namen Jaguar. Na dann.
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