Probot

Das gute alte D.I.Y.-Ding

30.01.2004, 16:53, Text: Rebecca Wucherpfennig

»Immer, wenn ich eine Platte mache, will ich gar keine Platte machen, ich will bloß ein paar Songs aufnehmen.«

London, ein sehr teures Hotel in Knightsbridge, schräg gegenüber von Versace. In der Bar hängen ein paar Menschen herum, die so aussehen, als seien sie unlängst von einem Ufo in diesen Distrikt abgeworfen worden: viele Haare, viele Tätowierungen. Ein Mobiltelefon klingelt die ›Halloween‹-Melodie. Dave Grohl trägt schwarze Klamotten und weiße Sportsocken. Ein freundlicher Mann mit halblangen, schwarz gefärbten Haaren und einer sehr starken Brille setzt sich zu ihm an den Tisch.

Lee Dorrian, Gründungsmitglied von Napalm Death, danach bei Cathedral und nebenbei Betreiber von Rise Above Records, einem kleinem Doom-Label. Rockstar versus Underground-Ikone, könnte man denken, wenn da nicht die lange gemeinsame Geschichte der beiden wäre: Sie kennen sich aus der Zeit, in der im Hause Grohl die Wasserhähne noch nicht vergoldet waren.

»Als wir uns kennen gelernt haben, hat Dave noch bei Scream gespielt«, erinnert sich Dorrian. »Er ist auf meinem Fußboden gelandet – und das meine ich wörtlich: Ich hatte damals keinen Teppich. Das waren noch die alten Punk-Tage. Daher kommt ja auch der Geist dieser Platte, das gute alte D.I.Y.-Ding. Jeder kümmert sich um seinen Scheiß selber, und man hilft sich gegenseitig.« Die Platte zum aktuellen D.I.Y.-Ding heißt ›Probot‹ (***Link 1***). Genau wie das Projekt selbst. Die Idee zu einem etwas anderen Album kam Grohl vor ungefähr drei Jahren, als er im Kellerstudio in seinem Haus, in dem auch alle Foo-Fighters-Alben entstehen, mal wieder ein bisschen an Songfragmenten rumprobierte. Am Anfang war es eher ein Spaß denn ein zielgerichtetes Arbeiten, aber plötzlich kristallisierte sich ein 80er-Metal-Sound heraus, und ein Freund brachte ihn auf die Idee, zu den Songs den jeweils passenden Sänger zu suchen. Eine verführerische Idee. Aus der Wunschliste mit den Helden seiner Jugend resultierten recht bald jede Menge E-Mail-Anfragen – und Angst. Angst, dass die Begierde nicht erhört werden könnte: »Oh, darüber hab ich mir wirklich Sorgen gemacht! Die meisten Leute kennen mich ja nur von Nirvana und den Foo Fighters [***Link 2***], die haben ja keine Ahnung, dass ich früher auch in einer Band wie Scream gespielt habe. Ich dachte, dass die alle Nein sagen – aber alle fanden es toll! Natürlich, ein paar von den Jungs kannte ich schon, Mike von C.O.C. und Snake von Voivod zum Beispiel, aber selbst die waren ziemlich überrascht, als sie ihren Track bekommen haben.«

Auf diese unspektakuläre, sich Zeit nehmende Art und Weise ist in den letzten drei Jahren ›Probot‹ entstanden. In druckloser Regelmäßigkeit schickte Grohl den jeweils nächsten Song an den jeweils nächsten Sänger raus – und wartete geduldig auf die Antwortpost. Dann häuften sich allerdings die Anfragen von Leuten, die von dem lustigen Projekt gehört hatten, dass er da im Schrank liegen habe. Es wurde Zeit, konkreter zu werden: »Irgendwann sind wir an einem Punkt angekommen, wo ich dachte: ›Das ist wie mit dieser Guns-N’-Roses-Platte, auf die die Leute seit acht Jahren warten, ich glaube, die gibt es gar nicht!’ Insofern hat das etwas sehr Kathartisches, endlich kann ich rauskommen und sagen: ›Yep, da ist sie, und sie ist toll geworden!‹«

Schuld an der langen Wartezeit ist allerdings nicht nur der Pony-Express, das hat auch etwas damit zu tun, dass das Probot-Album beim kleinen Label Southern Records erscheint – für das es eine ziemlich große Sache ist, und solche wollen bekanntermaßen gewissenhaft vorbereitet werden. Wobei Grohl die Verzögerungen gerne in Kauf nahm: »Ich hätte die Platte tatsächlich überall herausbringen können, auch bei einem Majorlabel. Ich hatte aber die Befürchtung, dass die Leute sich mehr für mich interessieren als für die Musik und die Vokalisten auf der Platte. Die sind aber viel wichtiger als ich. Ich brauchte also jemanden, der das versteht. Und du kannst nun mal nicht erwarten, dass jemand bei der BMG versteht, was Underground ist. Also sagte ein Freund zu mir: ›Warum bringst du die Platte nicht bei Southern raus, du kennst doch Greg Anderson [Inhaber von Southern Records].‹ Und ich dachte: ›Toll! Das ist es!‹ Außerdem ist nicht damit zu rechnen, dass sich das Ding Millionen Mal verkauft. Es ist etwas ziemlich Spezielles, was wohl nur von einem kleinen Kreis von Leuten verstanden und geschätzt werden wird. Und das ging bei Southern sehr gut, weil ich denen so was nicht erklären muss.«

Es geht bei Probot um den puren Spaß am Musikmachen. Eine schöne Aussage. Wobei Grohl schnell hinterherschiebt, dass es bei den Foo Fighters natürlich auch primär darum gehe und er bei ihnen auch machen könne, was immer er will, ohne sich um die Meinung anderer Leute kümmern zu müssen. Bei Probot kommt dieses Statement aber mit entsprechender Musik im Rücken daher. Und natürlich weiß der Mann sehr wohl, dass sich nicht jeder so etwas leisten kann. »Mir kann das egal sein, richtig. Aber das ist ja das Tolle an meiner Lage, ich mache einfach keine Platten, um Geld zu verdienen. Das klingt bescheuert, aber so ist es, und das verleiht mir eine Art von Freiheit, die ich wirklich jedem wünsche. Aber natürlich sollte all das sowieso total irrelevant sein. Selbst früher, als wir in jedem verdammten Keller auf der Welt gespielt und beispielsweise auf Lees Fußboden gepennt haben, immer bangen mussten, dass genug Geld gemacht wird, um den Bus mal wieder voll tanken zu können, selbst damals ging es nicht ums Geld an sich.« Mittlerweile ist Grohl 35 Jahre alt, solvent, seit knapp einem Jahr verheiratet und entweder ein begnadeter Schauspieler oder tatsächlich so normal, wie seine weißen Sportsocken vermuten lassen. Nun ja, fast. Denn zumindest einen Ausrutscher in dieses Rockstar-Ding gesteht er grinsend: »Letztes Jahr Weihnachten war das. Die Tage vor Weihnachten haben wir bei der Familie meiner Frau verbracht, und danach wollten wir zu meiner Familie. Das ist ziemlich weit voneinander entfernt, und wir hatten alle diese verdammten Geschenke, die wir mitnehmen mussten. Und so dachte ich mir: ›Mein Gott, auf dem Flughafen, das wird der Wahnsinn am 24.‹ Also habe ich einen Lear-Jet besorgt. Wir packten also all diesen Kram in unser Privatflugzeug, meine Frau legte sich hin und schlief, und ich saß da mit einer Weihnachtsmannmütze, trank einen Whiskey und fing zu heulen an – das war echt ‘ne Nummer zu hart, total irrsinnig. Aber ehrlich: Ich beschwere mich nicht. Das habe ich früher nicht getan, und ich werde jetzt nicht damit anfangen!«

***Link 1***
Probot: Die Gäste
Mehr oder weniger alle Protagonisten kommen aus der Underground-Metal-Szene der späten 70er- bis frühen 90er-Jahre, einige der Vokalisten sind auch aktuell mit ihren jetzigen Bands aktiv:
Cronos (Venom)
Max Cavalera (Sepultura, Soulfly)
Lemmy (Motörhead)
Mike Dean (Corrosion Of Conformity)
Kurt Brecht (DRI)
Lee Dorrian (Cathedral, Napalm Death)
Wino (St. Vitus, Obsessed, Spirit Caravan, Place Of Skulls)
Tom G. Warrior (Celtic Frost, Apollyon Sun)
Snake (Voivod)
Eric Wagner (Trouble)
King Diamond (Mercyful Fate)

***Link 2***
Foo Fighters
5. April 1995: Kurt Cobain erschießt sich mit einer Schrotflinte – und Nirvana-Schlagzeuger Dave Grohl schließt sich zu Hause ein. Aus Trauer wird verdrängende Produktivität. Noch im selben Jahr wird ›Foo Fighters‹ veröffentlicht. Und obwohl das Album von Dave allein geschrieben wurde, erscheint es als Produkt einer Band mit Dave als Sänger und Gitarrist. Mittlerweile sind die Foo Fighters eine echte Band. Und Rockstars.



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aus Intro #113 (Februar 2004)
 
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---HIGHHOLYDISCOMASS comes to town--- Dass Punk und Disco weit mehr verbindet, als nur der Zeitpunkt ihres Entstehens, steht außer Frage. Wem Punk mehr bedeutet als tote Hose und für wen Disco alles andere als ein Schimpfwort ist, der weiß um die Schnittmenge dieser beiden Musikstile, die gleichzeitig beide auch Lebensgefühl waren und sind. Wunderbar beschrieben hat das gerade der englische „NME“ in einer Rezension zu Gossips neuem Album „Music for Men“. “Teenage Jesus and the Jerks crashing Studio 54“, so der Rezensent, vor dessen geistigem Auge beim Genuss von „Music for Men“ die genialen New Yorker No Wave-Dilettanten die wohl bekannteste Disco der Welt aufmischen. Und auch Gossips dralle Gallionsfigur Beth Ditto selbst, eine Punk-Ikone des 21. Jahrhunderts, bringt es auf den Punkt sprich auf die Tanzfläche, wenn sie „For Keeps“ so erklärt: „I wanted it to be the ‚Don’t You Want Me’ of this record“. „Don’t You Want Me“ war bekanntlich der größte Dancefloor-Filler der Electro-Pioniere Human League. Auch Arte erinnert sich gerade an die Zeit, als „Don’t You Want Me’ aus jeden Punkschuppen schallte und zu Nummer 25 der meistverkauften Singles aller Zeiten im UK wurde. So propagiert der TV-Sender den „Summer of the 80s“ und unternimmt eine Zeitreise in das Jahrzehnt, das uns Joy Division und New Order bescherte, Style Council und Prince, Duran Duran und Chic. Grund genug für „HighHolyDiscoMass“. „HighHolyDiscoMass“ (übrigens ein Songtitel der ebenso wie Human League aus Sheffield stammenden Industrial-Avantgardisten Clock DVA) bittet nun mit Bands wie Cabaret Voltaire, Heaven 17, Shriekback, 400 Blows oder Gang of Four (just to name a few) einerseits die Creme de la Creme der 80er Jahre und der damaligen Post-Punk-Ära zum Tanz und schlägt andererseits mit neuen Helden wie Junior Boys, MGMT, Hercules and Love Affair oder White Lies (again just to name a few) die Brücke auf den Tanzboden des dritten Jahrtausends. Da bleibt dann mit David Bowie nur noch eins zu sagen: „Let’s dance!“

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