
Air
Quand la musique est bonne
30.01.2004, 16:37, Text:
Jürgen Dobelmann
»The art lies in the completion of the task, in the knowledge it has been done. And of course in the satisfaction that some other bugger has ›A smell of sulphur in the wind‹ by Richard Long hanging on their wall, and is wondering what they bought.«
(aus: Bill Drummond ›How To Be An Artist‹, Penkiln Burn 2002)
Sapristi! Warum bloß entdeckt man die dankbarsten Einlassungen eigentlich erst nach der x-ten Intensiv-Abhöre? Der giftige Nachsatz, den Nicolas Godin da bei Minute 12:43 kaum wahrnehmbar gen Mini-Disc absetzte, hätte unserem Gespräch ad hoc eine erfrischend lästerliche Wendung geben können: »Wir haben Musik für ein Ballett gemacht – das ist Musik für richtige Tänzer ...
Confessions of a pop group
»Wir sind wirklich froh, dass dieser French-House-Boom endlich vorüber ist«, gesteht Nicolas Godin. »Schließlich hatten wir uns damals durch ein Hintertürchen mit reingemogelt. Wir haben uns absichtlich dieser Mode bedient. Wir waren Lügner! Es war peinlich. Man kann zu unserer Musik ja auch gar nicht tanzen.« Kein Zweifel: Das einst so emsig beflirtete Genre – im Folgenden als »Dance« bezeichnet – ist für Godin und Dunckel durch. Hatte man 1998 den Air-Style noch als »Popmusik, die nach House-Regeln produziert wird« definiert, kann man im Rahmen des neuen Albums ›Talkie Walkie‹ auf Dance-Charts-taugliche Remixe lange warten, auch der zeitgenössische Brauch des Gast-Vokalistentums bleibt vorsätzlich dem Klischee geschuldet. Statt dessen Hochkultur: Neben ihrer fast schon traditionellen Involvierung beim Sofia-Coppola-Soundtrack (›Alone In Kyoto‹ zu ›Lost In Translation‹) verdingten sich die französischen Akademiker a. D. jüngst als Produzenten exklusiver Hörbuch-Muzak (›Tre Storie‹ / Alessandro Baricco – ***Link 1***) oder – wie eingangs erwähnt – als Komponisten zeitgenössischer Ballett-Begleitung (›Near Life Experience‹ / Angelin Preljocaj – ***Link 2***). Sind die Tage des Popduos Air als überkandidelte Euro-Dandies, als Dons der Selbstinszenierung bzw. Fleisch gewordenen Face-Titelstory nun gezählt? »Nein nein«, versichert Nicolas, »das Popding ist uns weiterhin wichtig. Wir wollen Single-Hits haben, Videoclips drehen und das alles.«
Fegefeuer der Vorbehalte
Es gibt fürwahr einige gute Gründe, einer neuen Air-Platte mit Skepsis zu begegnen. Auch wenn die Herren selbst bisweilen nicht allzu viel dafür können. Siehe 1998: Diejenigen, die das umwerfende erste Air-Album ›Moon Safari‹ sofort nach Release erworben hatten, erinnern sich vermutlich mit Schaudern an die darauf folgenden Monate. Der nicht enden wollende Hype um die Band ließ jedes verbliebene Fünkchen Entdeckerstolz unvermeidlich zu galliger Trendopfer-Schmach gerinnen. Ähnlich wie im Falle des Portishead-Debüts, der ersten (international erhältlichen) Cardigans-LP oder auch des Röyksopp-Albums endete das Hochgefühl angesichts der Pioniertat »Highprice-Tonträgerkauf beim sympathischen, aber an Laufkundschaft armen AMM-Händler« spätestens mit dem Top-30-Chart-Entry, der Musik-TV-Schwerstrotation oder dem aggressiv kundenfreundlich kalkulierten Angebotsstapel im Eingangsbereich der brummenden Elektrofachhandelsketten-Filiale. Air waren plötzlich überall. Spätestens zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Soundtracks zu ›The Virgin Suicide‹ war der für Hipster-Produkte zulässige Sättigungsgrad in Medien und Freundeskreis dann endgültig überschritten.
2001 folgte der erwartete Backlash. Mit dem offiziellen ›Moon Safari‹-Follow-up ›10.000 Hz Legend‹ schossen Godin und Dunckel musikalisch weit über alle bis dato bekannten Zielvorstellungen hinaus. Angesichts der enorm selbstsicher zur Schau gestellten Überambition wollte sich diesmal die gewohnte Euphorie bei den Medien partout nicht einstellen. Musikliebhaber waren überfordert und fühlten sich mehrheitlich gefoppt. Wo waren auf einmal all die angenehmen Klänge und Harmonien abgeblieben, die ›Moon Safari‹ noch zum unbedenklichen, weil verlässlichen Ganztagsfrühstücks-Soundtrack hatten gereichen lassen? Auf die ungebremste Experimentierfreude der Franzosen war schlichtweg niemand gefasst.
Und obwohl die Platte hierzulande noch ganz ordentlich lief, sah es anderorts weit finsterer aus. »In Holland hat sie praktisch keiner gekauft«, stöhnt Nicolas, »auch in Frankreich, wo wir mit dem ›The Virgin Suicides‹-Soundtrack massiv erfolgreich gewesen waren, wollte niemand das Album haben.« Selbst in Großbritannien, ihrem traditionell größten Markt, muss das ambitionierte Werk in der Rückbetrachtung als ernüchternder kommerzieller Flop verbucht werden. Dabei hatten die beiden nach Abschluss der Aufnahmen keinerlei Zweifel an der Großartigkeit ihres Tuns. »Wir waren uns hundertprozentig sicher, dass wir die absolut beste Musik erschaffen hatten, die Menschen zu kreieren in der Lage sind«, erinnert sich Godin.
2003: fucked by rock
Das vergangene Jahr war nicht das allerbeste für Pop. Post-dekonstruktivistische, gender-bending Rock-Derivate dominierten neben studentischem Novelty-Folk und WG-R’n’B mal wieder die Jahrespolls. Rock haute rein. Und zwar in alle Lebensbereiche. Als Tätigkeitswort längst allgegenwärtiges Synonym für den erreichten Grad an Hemmungslosigkeit jugendlicher Abendveranstaltungen; als Ausdrucksform konsensfähige Legitimation vermeintlich gesellschaftsunbequemer Retro-Posen ohne Erläuterungszwang. DJs rockten Discos, MCs rockten Mics und Crowds, und jeder halbwüchsige VJ schwörte öffentlich auf frühe Stones-Alben. Junge Bands weltweit flüchteten sich wie selbstverständlich in Lautstärke, unreflektierte Ungezügeltheit und Kritikergunst sicherstellende Rückgriffe auf die traditionellen Stilelemente des Rock’n’Roll. Weit mühsamere Tugenden wie etwa das gute alte Sich-in-Frage-Stellen und Erörterungen von Stilfragen vor dem Verstärker-Einstöpseln umwehte hingegen der ungeile Dünkel der verspießten Schlafmützigkeit.
Angesichts dieser Weltlage dürstet der ausgezehrte Befürworter großer Popsongs und -momente zu Jahresbeginn 2004 (das famose Ragazzi-Album nach wie vor beschützend ans Revers gepresst) nach dem Ende der Dürreperiode. Und obwohl Nicolas versichert, bei der Musikproduktion zu keinem Zeitpunkt an den Konsumenten der von ihm (in nahezu telepathischem Einklang mit Kamerad JB Dunckel) kreierten Komposition gedacht zu haben, ist wie durch Geisterhand ein nahezu mustergültiges Ambient-Pop-Album für jedermann entstanden, das so gar nicht in seine VÖ-Zeit passen mag. Zehn Qualitätskompositionen von rauschhafter Catchiness, zehn Lektionen in beispielhafter Unaufdringlichkeit. Doch damit nicht genug: Mit weltmännischer Selbstverständlichkeit befreit sich das Duo auf ›Talkie Walkie‹ vom anstrengenden Soundrevoluzzergeist des Vorgängers und findet ohne Umschweife zurück zu den Tugenden, die Air ursprünglich so populär machten. Es scheint fast so, als wolle die Band die inhaltliche Überforderung ihrer Klientel ungeschehen machen und mit ›Talkie Walkie‹ die notwendigen kleinen Entwicklungsschritte zwischen ›Moon Safari‹ und ›10.000 Hz Legends‹ nachholen. Als habe sie den Vorsatz gefasst, das Air’sche Oeuvre wieder für alle zugänglich und begreifbar zu machen.
Liest man dies, ohne das neue Material gehört zu haben, möchte man vermutlich die Nase rümpfen. Man könnte versucht sein, den Künstlern Feigheit und Sicherheitsdenken angesichts international sinkender Akzeptanz und Abverkaufszahlen zu unterstellen. Doch um eine Rückführung in den gewünschten Popkontext zu gewährleisten, konnte die primäre Zielsetzung des neuen Albums weder musikalische Weiterentwicklung noch Avantgardismus lauten. Vielmehr galt es zu beweisen, dass das Duo tatsächlich den eigenen, vor Jahren aufgestellten Maßstäben gerecht werden kann, wenn es nur will. Und auch wenn Godin beteuert, man werde mit jeder Veröffentlichung besser und entwickle sich weiter – Air haben mit ›Talkie Walkie‹ genau das Album abgeliefert, das man bereits vor drei Jahren von ihnen erhofft, mit Kenntnisstand Herbst 2003 allerdings nicht mehr zu erwarten gewagt hatte.
Ähnlich wie die Pet Shop Boys, denen es 1993 bravourös gelang, das eigene Schaffen in Form des vor Eingängigkeit strotzenden High-Energy-Nummer-eins-Albums ›Very‹ in bis dato einzigartiger Art und Weise auf den Punkt zu bringen, haben Air die Scheu vor dem eigenen Klischee abgelegt, sich den Drang nach musikalischer Umwälzung (bis auf weiteres) verkniffen, um einen Genre-Klassiker zu ermöglichen.
Apathy for the music industry
Ganz abgesehen von der Befriedigung (bzw. Zügelung) des eigenen Künstler-Egos hat eine Band wie Air natürlich stets auch das Ziel, eine Menge Platten zu verkaufen. Und daraus macht Nicolas Godin auch nicht den geringsten Hehl. Eine Veröffentlichung bei einem winzigen Indie-Label käme für ihn jedenfalls nicht in Frage. »Ich könnte nicht damit zufrieden sein, lediglich ein paar tausend Einheiten zu verkaufen«, stellt er klar. »Wenn du Musik machst, möchtest du schließlich, dass es so viele Menschen wie möglich hören. Wenn man hart arbeitet und gute Musik produziert, möchte man Erfolg haben – es wäre ja sonst ziemliche Zeitverschwendung, oder?«
Dass man dafür mit Emi einen starken, weltweit operierenden Major-Partner hinter sich weiß, ist da natürlich nicht von Nachteil. Den von vielen Künstlern oft beklagten Zwängen einer solchen Business-Liaison scheint die Band derweil nicht zu unterliegen. »Solange wir unsere komplette künstlerische Freiheit haben, ist uns der Rest eigentlich egal«, erklärt Nicolas. »Hauptsache, wir müssen keinen Vertreter der Plattenfirma bei uns im Studio sehen. Die bekommen das Master, und das war’s.« Für eine vertragliche Fixierung dieser hundertprozentigen Eigenverantwortlichkeit sieht er keine Notwendigkeit: »Schließlich steht das Gegenteil ja auch nicht im Vertrag.«
Die grundsätzliche Zukunftsprognose des ihn ernährenden Wirtschaftszweigs fällt derweil recht trist aus: »Möglicherweise gibt es in zwei Jahren überhaupt keine Plattenfirmen mehr – ich werde aber nach wie vor Songs schreiben. Dann muss das Geld eben woanders herkommen.« So wie im Falle des bereits mehrfach angesprochenen Ballett-Projekts ›Near Life Experience‹. »Um die Sache finanzieren zu können, bat ich nicht nur meine Plattenfirma um ein Budget – Angelin [Preljocaj, Choreograf] beschaffte sich seinerseits einen Teil der erforderlichen Geldmittel vom französischen Kultusministerium«, berichtet Nicolas. Eine gangbare Vision für die Zukunft? Für Godin jedenfalls kein Schreckensszenario: »Vielleicht wird Musik dann ähnlich funktionieren wie heute z. B. das Theater«, vermutet er. »Man kann damit dann zwar nicht so viel Geld verdienen, aber möglicherweise wird alles wesentlich kultureller.«
Ein übersteigertes Interesse an der Erhaltung des Apparates, der ihn zur Zeit des Interviews immerhin von einer Luxus-Absteige zur nächsten quer durch Europa chauffiert und mit einer Crew freundlichster Promotion-Betreuer vorbildlich umsorgt, kann man dem ehemals angehenden Architekten allerdings nicht unterstellen: »Die Welt ändert sich ständig, und gerade verändert sich eben der Musikbereich: Vor den Sixties gab es keine Schallplatten, jetzt verschwindet der klassische Tonträger eben wieder.«
Den einzigen augenblicklichen Nutzen einer Plattenfirma sieht er im monetären Bereich. »Früher gab es noch kreative Leute bei den Plattenfirmen«, sagt er, »heute sind es nur noch money people.« Und dass diese auf die Idee kämen, eine Band während des Entstehungsprozesses eines Albums im Studio zu besuchen, hält er für relativ unwahrscheinlich. »Die würden nie vorbeikommen – weil sie uns nicht verstehen. Sie denken, wir sind verrückt, und haben Angst vor uns.«
(Stop Press: Die unterkühlte Sicht der Dinge wird möglicherweise durch eine Branchen-Meldung vom 9. Januar verständlich. Dort wird über die Nicht-Verlängerung des auslaufenden Emi-Deals und die diesbezügliche Unzufriedenheit der Band spekuliert, die diese im Gespräch mit dem US-Branchenblatt Billboard zum Ausdruck gebracht habe ...)
Colombier & Godrich
Weit beliebtere Gäste bei den Air’schen Aufnahmen waren dagegen Arrangeur-Legende Michel Colombier (***Link 3***) und Klang-Guru Nigel Godrich, der nach entgangenen Travis- und Strokes-Aufträgen im vergangenen Jahr nun also das französische Duo als Neuzugang in seiner Referenzliste führen kann. Und Godrich war es schließlich auch, der die Herren nachdrücklich ermutigte, auf Fremdstimmen zu verzichten. »Nigel sagte uns: ›Das ist eure Musik, das sind eure Stimmen. Keiner weiß besser als ihr, wie es klingen soll‹«, erklärt Nicolas nicht ohne Stolz. »›Und wenn du ein gutes Mikrofon und ein gutes Mischpult hast – dann kannst du so ziemlich alles machen.‹ Früher haben wir unsere Stimmen extrem verfremdet, mit Filtern und Vocodern. Das brauchen wir jetzt nicht mehr.«
Angesichts der wichtigsten Albumveröffentlichung und der umfangreichsten Tour ihrer Karriere scheinen Air für die kommenden Aufgaben bestens gerüstet. In neu entdecktem Einklang mit den eigenen musikalischen Ressourcen, ausgestattet mit dem unumstößlichen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten als Songwriter, besessen von dem Willen, den anstehenden Umwälzungen des Musikgeschäfts mit kreativen Finanzierungsmodellen zu begegnen (plus je eine abgeschlossene Berufsausbildung in der Tasche), muss Nicolas Godin und JB Dunckel um den bevorstehenden Lebensweg nicht bange sein. Godin setzt auf einen smarten Mix aus existenzieller Resignation und trotzigem Optimismus: »Das Einzige, was JB und ich tun können, ist, weiterhin gute Songs zu schreiben, damit wir auch in Zukunft unseren Platz in der Welt haben.«
***Link 1***
Alessandro Baricco
Alessandro Baricco wurde 1958 in Turin geboren. Der Durchbruch als Schriftsteller gelang ihm 1997 mit dem Sensationserfolg ›Seta‹ (›Seide‹). Baricco hatte seine Karriere als Musik-Rezensent einer großen italienischen Tageszeitung begonnen und später die literarische TV-Show ›Pickwick‹ geleitet. Im vergangenen März erschien unter dem Titel ›City Reading (Tre Storie Western)‹ ein Hörbuch mit achtzehn exklusiven Air-Kompositionen.
***Link 2***
Angelin Preljocaj
Angelin Preljocaj ist eine der prägendsten Persönlichkeiten des neuen französischen Tanzes der 80er-Jahre. ›Near Life Experiences‹ wurde im Mai 2003 uraufgeführt und Ende vergangenen Jahres im österreichischen St. Pölten und Paris nochmals aufgeführt. Das Stück ist von so genannten Out-of-the-body-Erlebnissen inspiriert und enthält insgesamt neunzehn Air-Kompositionen.
***Link 3***
Michel Colombier
Michel Colombier steuerte insgesamt drei Streicher-Arrangements zum neuen Air-Album bei. Der 64-Jährige arbeitete in seiner langen Karriere u. a. als Musical Director für Petula Clark, stand beim Herb-Albert-Label A&M unter Vertrag, schrieb Songs mit Serge Gainsbourg, schuf gemeinsam mit Prince ›Purple Rain‹ und komponierte zahlreiche Soundtracks (u. a. zu ›Une Chambre En Ville‹ von Jacques Demy). 2003 arrangierte er Streicher für Madonnas ›American Life‹-Album.
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Heavy Load heißt die Punkband. Sie bricht alle Regeln, denn sie kennt keine Regeln. +++ Stay Up Late! heißt ihre Kampagne, mit der sie das Recht für Behinderte fordern, nachts so lange ausgehen zu dürfen, wie andere auch. http://stayuplate.org
Ihr Konzert ist am So 25. Okt um 21.30 Uhr in der No Limits Lounge/Kulturbrauerei
http://www.no-limits-festival.de/infos.html#fuenfundzwanzig





