
The Twilight Singers
Another man’s clarity
30.01.2004, 16:18, Text:
Christian Wessels,
Christian Wessels
›Blackberry Belle‹ ist ein ausuferndes und aufgewühltes Album, ein Clicktrack-Tagebuch. Jeder Song, jede Sekunde schreit »Drama«. Nicht dass man von Greg Dulli etwas anderes erwartet hätte. Drei Jahre sind vergangen seit dem Split der Afghan Whigs. Sub Pops Anzug-Pionier und seine Kollegen hatten sich voneinander entfernt. Musikalisch und räumlich: Los Angeles, New Orleans und Cincinnati verhinderten nach einer Hand voll brillanter Alben und 1.500 Konzerten einen gemeinsamen Nenner. Schon im Jahr 2000 hatte Dulli mit den Twilight Singers, einer losen Zusammenstellung von Musikern, jenseits von starren Bandgefügen ein Album aufgenommen. ›Twilight‹ war eher fragmentarisch, eine Richtungssuche, das Abklopfen von Möglichkeiten.
Nun ist Dulli zurückgekehrt zu den großen Melodiebögen. »Nach dem Ende der Afghan Whigs konnte ich bestimmte Aspekte, die vorher gewissermaßen reserviert waren, auch bei den Twilight Singers einfließen lassen«, erklärt er. Man kann wieder hören, wie die Äderchen in seinen Augen platzen, wie seine Stimmbänder miteinander kämpfen, wie er Soul und Rock verheiratet. »Won’t you come inside, see what I see?« singt Dulli im dem Stück ›St. Gregory‹. Er möchte teilhaben lassen. An seinem Lebensentwurf, an seinem Schmerz. Er schaut in den Abgrund, erkennt aber auch Grautöne. Alles dreht sich um ihn selbst, um sein Leben, seine Halbwelt, um winzige Nuancen und große Beben. Während der Arbeiten an ›Blackberry Belle‹ starb mit Regisseur Ted Demme (›Blow‹) ein enger Freund von ihm an einem Herzanfall – und für Dulli »gingen die Lichter aus. Alles veränderte sich, die Unschuld verschwand.« Und zurück blieb nur Dulli selbst, und seine Zerrissenheit: »I feel cool, alive, aware that I’m sinking« (›Esta Noche‹). Verstörend mag man das atmosphärische Konstrukt finden, an dem zwei Dutzend Musiker (u. a. Ex-Screaming-Tree-Frontmann und langjähriger Dulli-Weggefährte Mark Lanegan) beteiligt waren. Wegen scheinbarer Unvereinbarkeiten, wegen der Pole, der Zweideutigkeiten: »I’m no good and I like it and the end is comin’ soon«, schreit er auf ›Decatur St.‹ »One man’s ambiguity is another man’s clarity«, sagt er. Das bedeutet alles und nichts, ist umfassend und trivial, eine kleine Wahrheit in einer großen Geste. Seine Rolle in diesem Spiel? »Ich bin der Dirigent einer Bohemian-Sinfonie.« Und dann freut er sich über eine weitere catchy Phrase, die er aus dem Ärmel geschüttelt hat, die so ist wie er, die sich nicht kümmert um Wahrheit oder Pflicht: »Black out the windows, it’s party time« (›Martin Eden‹).
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
MEIST GEKLICKT
- 01 Wes Anderson / Moonrise Kingdom...
- 02 Light Asylum - im South by Southwe...
- 03 The Hives - Größenwahn als Inszenierung
- 04 Woodkid / Yoann Lemoine - Vom Kind...
- 05 Best Coast - Coverstory
- 06 Damon Albarn - Ich habe immer das ...
- 07 Friends - Live is life
- 08 Im Koffer der... - Scissor Sisters
- 09 Auf Reisen mit... - Ladyhawke
- 10 Hot Chip - Auf dem Laufsteg
- ... mehr
INTRO-TV
- » ESC 2011: Unsere Favoriten...
- » SXSW / South By Southwest 2011...
- » In Bed With Kreator - Videobl...
- » So wars bei der Gamescom - In...




