The Texas Chainsaw Massacre
Haus Der 1000 Leichen. Die Rückkehr des harten Horrorfilms
30.01.2004, 16:11, Text:
Jörg Buttgereit,
Jörg Buttgereit
Denkt man heute zurück an das Amerika der Siebzigerjahre, erscheinen vor dem geistigen Auge Bilder von klebrigen Discotänzern in weißen John-Travolta-Anzügen, von glitzernden Plateauschuhen und Schlaghosen. Doch diese unbeschwert anmutenden Erinnerungsfetzen sind trügerisch. Denn auch in den Siebzigern war das Böse am Werk. Ich denke da nicht nur an Alice Cooper oder Kiss, sondern an unabhängig produzierte, blutige und verstörende Filme wie ›Texas Chainsaw Massacre‹ (1974, Tobe Hooper) oder ›Dawn Of The Dead‹ (1977, George R. Romero), die mit ihrer Radikalität die Grenzen des Horrorgenres sprengten und weltweit ihre Zuschauer verunsicherten.
Geschichten aus der Heimat des Präsidenten
Wenn sich nun ein verwöhnter Erfolgsregisseur wie Michael Bay (›Pearl Harbor‹, ›The Rock‹) als Produzent an einem 30 Jahre alten bösen Indie-Horror-Klassiker wie ›The Texas Chainsaw Massacre‹ vergreift, kann das nur bedeuten, dass nach relativ harmlosen Teenie-Slashern wie ›Scream‹ nun auch der seit Jahrzehnten geächtete harte Horrorfilm salonfähig geworden ist. Unter der Regie des Videoclip-Regisseurs Marcus Nispel wird erneut eine Gruppe von fünf jungen Leuten von Leatherface und dessen Schlachterfamilie mit der Kettensäge verstümmelt und an Fleischerhaken aufgehängt. Hinter der Gesichtshautfratze von Leatherface verbirgt sich das scheue, unterdrückte Wesen eines Muttersöhnchens, dessen unterdrückten Triebe mit der Kettensäge als rotierendem Phallussymbol in einem Befreiungsakt von brachialer Gewalt hervorbrechen. Genau wie im Original findet in diesem Remake die tatsächliche Gewalteinwirkung der Kettensäge auf den Opferkörper nicht auf der Leinwand statt. Freunde expliziter Wundästhetik kommen nur bedingt auf ihre Kosten. Es ist vielmehr die bedrückende Atmosphäre des Films, die diesen zu einer sehenswerten Tortur macht. Im Gegensatz zum Original und seinen drei Fortsetzungen (›The Texas Chainsaw Massacre 2‹, ›TCM 3: Leatherface‹ und ›The New Texas Chainsaw Massacre‹) ist es in diesem Remake – politisch völlig korrekt – ein männliches Opfer, das, symbolisch durch das Abtrennen eines Beines entmannt, den langsamen Tod am Fleischerhaken stirbt. Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn sich der heute hoch bezahlte Werbe- und Videoclip-Kameramann Daniel Pearl mit einem technischen Großaufgebot daran macht, die grobe Ästhetik des von ihm vor 30 Jahren auf 16 mm gedrehten Horrorschmalfilms zu imitieren. Nahezu perfekt ist seine Kopie. Die grobkörnigen Bilder der Tierkadaver und Menschenhäute im Schlachterkeller stinken zum Himmel, gehen an die Substanz.
Tobe Hoopers ›TCM‹ ist inzwischen in die Sammlung künstlerisch wertvoller Werke des Museum of Modern Art in New York aufgenommen worden. Eine Ehrung, die Nispels durchaus imposanter Kopie sicher nicht zuteil werden wird, fehlt es seinem Remake doch zwangsläufig an der Authentizität und Radikalität des Originals.
Geschichten aus dem Kopf eines Fans
Zu den erklärten Fans von ›TCM‹ gehört auch der Metal-Musiker Rob Zombie. Seine liebevolle filmische Huldigung an die guten alten Splatterzeiten mit dem lyrischen Titel ›Haus Der 1000 Leichen‹ läuft jetzt nach vielen Querelen und Verspätungen auch bei uns in den Kinos an. Die traditionsreiche, in den 30er Jahren mit Horror-Klassikern wie ›Frankenstein‹ groß gewordene Produktionsfirma Universal Studios finanzierte im Jahre 2000 Rob Zombies Regiedebüt, nachdem er zuvor eine Horror-Attraktion für die Universal-Vergnügungsparks entworfen hatte. Nach ersten Sichtungen von ›House Of 1000 Corpses‹ wollte Universal den Film allerdings nicht mehr in die Kinos bringen. Er wurde von der Chefetage als zu verstörend empfunden. Eigentlich ein gutes Zeichen. Zombie erwarb die Rechte an seinem Werk und musste den Film schließlich mehrmals kürzen, um ein R-Rating (freigegeben ab 17 Jahren) für einen US-Kinostart über die Firma Lions Gate zu bekommen. Der Deal ging auf, der Film lief gut.
Am Halloweenabend des Jahres 1977 verirren sich zwei junge Paare und landen bei der abgelegenen Tankstelle des Redneck-Clowns Captain Spaulding (Sid Haig aus dem Kultklassiker ›Spider Baby‹), der ein makaberes Horrormuseum samt Geisterbahn sein Eigen nennt. »Gas. Food. Murder«, steht da in blinkenden Neonbuchstaben über Spauldings Paradies. Schon bald finden sich die vier hilflosen Jugendlichen in der Gewalt der obligatorischen bizarren Mörderfamilie wieder und treffen schließlich den Serienkiller Dr. Satan, der sich auf Hirnoperationen spezialisiert hat. Sicher wollte Rob Zombie mit seiner karnevalistischen Rockoper zurück zur Gefährlichkeit der groben Splatterklassiker. Der Mann kennt sich aus und hat die richtigen Vorbilder. Sehr stilbewusst verweist er auf Sideshow-Characters, lässt schöne Damen in burlesker Anmut mit dem Messer tanzen und an blutigen Klingen schlecken. Doch wirkt das Spiel seiner überagierenden Darsteller zu theaterhaft, als dass diese bösen Irren als eine Bedrohung empfunden werden könnten. Das Fehlen richtig derber Splatter-Einlagen ist sicher zensurbedingt zu erklären, lässt den Film aber zu einer völlig harmlos verspielten Schulaufführung verkommen. ›Haus Der 1000 Leichen‹ ist wie eine Geisterbahnfahrt, es macht Spaß, immer wieder mitzufahren, gruseln tut man sich jedoch nie. Irgendwie kommt man sich immer auch verarscht vor. Hoffen wir auf eine baldige DVD-Veröffentlichung mit Rob Zombies Director’s Cut, der uns die blutigen Details nicht erspart.
Die Geschichten des Ed Gein
Inspirierend sowohl für ›TCM‹ als auch für Rob Zombies Loblied an das Horrorkino war die längst zum Mythos gewordene Geschichte des zweifachen Mörders und Grabräubers Edward Theodore Gein. Am 16. November 1957 wurde in dem friedlichen, 642 Seelen zählenden Dorf Plainfield, Wisconsin der unscheinbare, 51-jährige Junggeselle Ed Gein verhaftet. Die Polizei fand ihn bei seinen Nachbarn, bei denen er regelmäßig zum Abendessen eingeladen war. Gein galt als schüchtern und äußerst hilfsbereit, aber auch als etwas einfältig und zurückgeblieben. Er leistete keinerlei Widerstand und ließ sich abführen. In Geins Schuppen hatte man einige Stunden zuvor die geköpfte und ausgeweidete Leiche einer knapp 60-jährigen Frau, Bernice Worden, von der Decke hängend aufgefunden. Bei der Durchsuchung von Geins Haus, in dem er seit dem Tod seiner Mutter ganz alleine lebte, machten die Polizeibeamten weitere grausame Funde: Schrumpfköpfe, Möbel und Haushaltsgegenstände aus Knochen und mit menschlicher Haut bespannt, selbst gefertigte Kleidungsstücke aus der Haut von Toten, ein menschliches Herz in einer Pfanne auf dem Herd ...
Ed Gein, der »Schlachter von Plainfield«, litt an einer schweren Psychose, die teilweise durch die extrem strenge und religiös verkorkste Erziehung seiner Mutter Augusta Gein hervorgerufen worden war. Anstatt sich nach dem Tod seiner hassgeliebten Mutter mit anderen Menschen anzufreunden, entwickelte er eine fetischistische Beziehung zu Körperteilen. Sex im herkömmlichen Sinne war ihm fremd. Zudem fühlte er sich nur zu Frauen hingezogen, die ihn an seine Mutter erinnerten und ihn so gleichzeitig auch davon abhielten, diese Liebe auszudrücken. Je näher er diesen Frauen kam, desto stärker wurde auch der Hass, den seine Mutter noch immer in ihm auslöste.
Des Nachts, bei Mondschein, pflegte Gein mit einer Gesichtshautmaske und aus der Haut exhumierter Frauenleichen geschneiderten Kleidung zu tanzen. Mit seinen Taten hat Gein die amerikanische Nation zutiefst schockiert, gleichzeitig aber auch die Populärkultur entscheidend beeinflusst. Auf seinem bizarren Fall basieren auch Filmklassiker wie Alfred Hitchcocks ›Psycho‹ oder gediegene Mainstream-Horrorfilme wie ›Das Schweigen Der Lämmer‹. Gein hat den Horror gewissermaßen amerikanisiert. Denn zuvor kam das Böse – wie in den Universal-Filmen ›Die Mumie‹, ›Dracula‹ oder ›Frankenstein‹ – immer aus anderen Ländern. Die Mumien waren aus Ägypten, die Vampire aus Transsilvanien, und Tentakelmonster kamen mit Invasionsplänen von anderen Planeten, um Amerika mit so schrecklichen Dingen wie dem Kommunismus zu bedrohen.
Illusion und Wirklichkeit
Über die politische Relevanz der aktuellen Horrorwelle aus Amerika sprechen wir dann am besten in 30 Jahren noch mal. Bis dahin hoffen wir, dass sich die deutschen Jugendschützer und Zensurbehörden den neuen Filmperlen gegenüber gnädig zeigen und sich weiterhin mehr auf sozialethisch desorientierende Videospiele konzentrieren. Der kanadische Filmregisseur David Cronenberg, der durch seine sensiblen Körper-Horror-Filme bekannt geworden ist, sagte einst in einem Interview: »Zensoren neigen dazu, das zu tun, was sonst nur psychisch gestörte Menschen tun, sie verwechseln die Illusion mit der Wirklichkeit.«
Zum Filmstart von ›Haus Der 1000 Leichen‹ verlosen wir fünf Poster, fünf Soundtracks und 5x2 Freikarten. Schickt einfach eine Mail an verlosung@intro.de mit der Angabe Eures Wunschgewinns nebst Name und Adresse.
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