Andrej Tarkowskij

Solaris & Stalker

30.01.2004, 16:08, Text: Martin Büsser, Martin Büsser
[8 Kommentare]

. TEXT: MARTIN BÜSSER

Tarkowskij war ein Meister in Sachen Langsamkeit. In seinem 1972 entstandenen, auf einer Romanvorlage von Stanislaw Lem basierenden ›Solaris‹ dauert es etwa anderthalb Stunden, also die komplette Länge eines konventionellen Spielfilms, bis sich der Protagonist überhaupt erst in der Raumstation einfindet. Daher werden die längst zu Klassikern avancierten Filme ›Solaris‹ und ›Stalker‹ gerne als europäisches Gegenstück zu Hollywood gehandelt, als künstlerisch hochwertiger Anti-Mainstream.

Ein solches Image vom besonderen Ernst verbaut jedoch die Lust, sich mit diesen Filmen zu beschäftigen. Falsch ist zudem, dass es einen solchen filmischen Ansatz im Hollywood-Kontext nie gegeben habe.

Die Langsamkeit von ›Solaris‹, der Einsatz von psychedelischen Elementen und die Umsetzung philosophischer Fragen im Science-Fiction-Gewand waren vielmehr Tarkowskijs direkte, würdigende Antwort auf Kubricks ›2001‹.

Und doch hat Tarkowskij eine ganz eigene Ästhetik entwickelt. Wohl nicht zuletzt aufgrund finanzieller Einschränkungen gelang es ihm, mit einem Minimum an Tricktechnik und Requisiten ein Maximum an Atmosphäre zu schaffen. Wer sich darauf einlässt, wird bemerken, dass Langsamkeit hier nicht Langeweile meint, sondern einen mitreißenden, rauschhaften Sog. Vor allem der 1979 uraufgeführte ›Stalker‹ fasziniert bis heute durch eine bedrohliche Atmosphäre, die sich ganz ohne Effekte nur aus den Bildern heraus ergibt. Drei Männer brechen in eine verbotene Zone auf, ein mysteriöses, menschenleeres Terrain. Obwohl es sich bei dem, was der Betrachter in der Zone zu sehen bekommt, um ganz normales Brachland handelt, entsteht eine Spannung, die ›Blair Witch Project‹ in die hinteren Reihen verweist.

Und doch handelt es sich bei den beiden mehrstündigen Epen nicht um Genre-Filme. Es sind vielmehr abstrakte Umsetzungen existenzieller Befindlichkeiten, die vielleicht einzig gelungenen Kafka-Pendants auf Zelluloid. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges beschäftigte sich Tarkowskij (ohne direkte politische Anspielungen) mit einer rationalen, durch und durch männlichen, der Wissenschaft hörigen und zugleich doch vereinsamten Gesellschaft. Das Elementare macht seine Filme trotz einer gewissen schwermütigen 70er-Jahre-Ästhetik so zeitlos.

Solaris
(DVD, 159 Minuten, Spielfilm plus Bonus-Material, Icestorm Entertainment GmbH)

Stalker
(DVD, 154 Minuten, Spielfilm plus Bonus-Material, Icestorm Entertainment GmbH)



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aus Intro #113 (Februar 2004)
 
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  • Gero von Goell 05.02.2004 | 16:40:43

    sehr schöne dvds. rundum empfehlenswert. besonders gut, dass für die deutsche dvd die DEFA synchro verwendet wurde und nicht diese bescheuerte tv klangspur. sehr angenehm. und "nostalghia" gibt's in england auf dvd. zwar "nur" mit engl. UT aber immerhin...

  • User: babsie
  • babsie 05.02.2004 | 16:49:31
    ich bin nicht kerstin grether.
    wenn nostalghia mit ner deutschen tonspur rauskommt, schmeiss ich eine party! seit irgendwann in den 80ern will ich den wieder sehen...

  • User: Misname
  • Misname 05.02.2004 | 16:55:13

    ja gemein - england setzt viel mehr auf so tolle arthouse cinema serien - da gibt es nicht nur alle tarkovskis.....

  • Timo Chan 05.02.2004 | 19:02:22

    ein bisschen mehr pommes hätte der büsser in punkto substanz (ist aber vielleicht auch einfach ne platzfrage) schon bei seinem text ins fett werfen können

  • Gero von Goell 05.02.2004 | 19:24:28

    ja, der büsser hat sich angenehm kurz gehalten. den "blair witch" vergleich finde ich süss (den mit kafka weniger). steht aber genug gehaltvolles drin in dem text, um den novizen an die materie zu locken, hoff ich doch...

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