Electric Soft Parade

Fatboys Kinder

30.01.2004, 15:48, Text: Christian Steinbrink, Christian Steinbrink

Im Frühjahr 2003 kam das zweite Album von The Coral heraus. Und es mutete wie ein Rätsel an, dass eine solch junge Band ein so wissendes, erwachsenes Album veröffentlichen konnte. Diese Ignoranz resultierte aus der irrigen Annahme, dass man sich heute als junger, an Popmusik interessierter Mensch erst mal durch eine Menge von kurzlebigen, aber vermeintlich ansprechenden Trends und verheißungsvollen Marketingkampagnen arbeiten muss, bevor man an das Wahre, das Gute gerät. Popmusik mit Substanz, deren Schönheit sich nicht sofort erschließt, konnte meiner Schlussfolgerung nach auf junge Leute nur altmodisch wirken.

›The American Adventure‹, das zweite Album der Electric Soft Parade (ESP), belehrt nun erneut eines Besseren.

Deren erste Platte ›Holes In The Wall‹ hatte ich äußerst wohlwollend wahrgenommen, allerdings ohne zu bemerken, dass die Protagonisten Tom und Alex White zum Zeitpunkt der Aufnahmen erst 18 und 20 Jahre alt waren. Jetzt, zwei Jahre später, sind die Brüder somit immer noch sehr jung, und sie gehen ihren Weg konsequent weiter. Die beiden speisen ihre Songs erneut mit einer Fülle von Zitaten aus mehr oder weniger bekannten Pop-Juwelen. Diese arrangieren sie innerhalb ihrer Stücke mit einer Leichtigkeit, zu der nur diejenigen in der Lage sein können, die selbst die Ideen und Kniffe in sich tragen, welche Pop erst so richtig erhaben machen. The Coral sprachen im Intro-Interview mit großer Hochachtung von ESP, und auch Alex fällt auf die Frage nach seelenverwandten Bands auf die Schnelle nur die Gruppe aus Hoylake ein – nachdem sich diese gegenseitige Wertschätzung auflöst, beugt sich Alex zu seinem Bruder herüber, um ihm das gleich mitzuteilen. Beide sind stolz und leicht irritiert.

Erwachsene Musik, was ist das? In mir gärt die Ahnung, dass man damit die Art von Musik meint, die sich mit der Erfahrung vieler intensiv mit Trends und Moden verlebter Jahre über eben diese hinwegsetzt. Musik, die sich jeder mühelos wahrnehmbaren Catchiness verwehrt. Wenn man den Gedanken weiterführt, kommt man eigentlich an die Grenzen von Pop. Man kann nicht umhin, ›The American Adventure‹ trotz Hooklines und klassischer Songstrukturen genau diese Intentionen zeitloser Musik zu unterstellen, die eigentlich kruden und experimentelleren Entwürfen vorbehalten sind. Denn die Platte klingt so reif, ohne dass sich die Gebrüder White solche Wege und Limitierungen je bewusst gemacht hätten. Und das nennt man vermutlich Talent. Denn von Herkunft und Herangehensweise her unterscheiden sich ESP nicht von Hunderten von Altersgenossen: Geboren im englischen Küstenstädtchen Brighton, wuchsen sie mit Musik auf und in die lokale Szene hinein. Zeitgenossen auf ihrem Weg waren Bands wie British Sea Power, Clearlake und der in dieser Stadt allgegenwärtige Fatboy Slim. Inmitten dieser Szene, angespornt durch verschiedenste Reaktionen auf ihr Debütalbum, die laut Alex von Hochachtung über Neid bis hin zu den üblichen Sell-out-Vorwürfen reichten, spielten sie das neue Album ein und liefern damit ihr vorläufiges Meisterstück. Vorläufig, wohlgemerkt, denn ihre Geschichte ist noch lange nicht zu Ende geschrieben.



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aus Intro #113 (Februar 2004)
 
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