Dani Siciliano

Miss Construction

30.01.2004, 15:45, Text: Christoph Büscher, Christoph Büscher

Es gibt Leute, in deren Gegenwart man sich einfach gut aufgehoben fühlt. Dani Siciliano gehört mit ihrer positiven Ausstrahlung, die Tage retten kann, definitiv dazu. Besonders an einem grauen Novembermorgen wie diesem. Wir sitzen mit frischem Milchkaffee auf den bequemen Ledersofas im Berliner K7-Headquarter, und es scheint tatsächlich so, als strahlte Dani selbst diese Ruhe und Gelassenheit aus, die auch ihr jüngstes Solodebüt ›Likes ...‹ prägt. Vielleicht liegt das aber auch nur an ihren handtellergroßen, mit weißem Strass behängten Perlmuttohrringen, die ihren dezenten, aber nicht zu verleugnenden Glam-Faktor unterstreichen, der jedoch nichts Divenhaftes an sich hat und so selbstverständlich rüberkommt, dass man ihn ganz einfach als Teil einer außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeit wahrnehmen muss.

Dani Sicilianos Stimme kennt man natürlich schon (***Link 1***).

Ihre einzigartigen, leicht jazzig gehauchten Vocals verliehen Matthew Herberts Meisterwerk ›Bodily Functions‹ den samtigen Glanz. Ihr Gesang ergänzt durch seine unnachahmliche Wärme, die sich gut mit dem elektronischen Minimalismus und kühlem Funk des Herbert’schen Mikro-Sample-House’ verträgt, auch dessen Live-Shows – nicht zuletzt aktuell im Rahmen der Matthew Herbert Big Band. Bei all diesen Aktivitäten könnte man meinen, die gute Frau habe einen restlos ausgebuchten Terminkalender. Aber irgendwie fand sie in den letzten zwei Jahren sogar noch die Zeit, ihre eigenen musikalischen Ideen umzusetzen, die jetzt auf ›Likes ...‹ erscheinen.

Dani lebt ihre Vorlieben für sparsame, jazzige Arrangements, den Variationsreichtum ihres Gesangs und ihre ersten Gehversuche in Sachen Sampling und elektronische Musikproduktion in einer funkelnd klaren, immer am Song orientierten Art und Weise aus. Dafür hat ihr Herbert ein eigenes Mini-Homestudio zusammengestöpselt, dessen technische Limitiertheit vielleicht gerade zur Originalität der Tracks beigetragen hat. Jedes Stück besitzt seinen ganz eigenen Charakter: die Single ›Walk The Line‹ mit ihren scharfkantigen Funk- und Dancehall-inspirierten Wummer-Basslines, das nervöse Stepptanz-Klackern von ›Canes & Trains‹ oder die aufs Sparsamste von Jazz-Flöten und Bläsern umrahmte Stimme beim wunderbaren ›Remember To Forget‹. Ein Höhepunkt in Sachen Tagträumerei ist sicher auch ›All The Above‹, ein Duett mit dem isländischen Sänger Ornelias Mugison (***Link 2***), in dessen Verlauf auch Herbert mit seinem Akkordeon auftaucht und das Ganze in ein futureskes Astor-Piazzolla-Tango-Paralleluniversum beamt. Und dann ist da natürlich noch ›Come As You Are‹, Danis Jazz-Interpretation des Nirvana-Klassikers.

Bevor du vor einigen Jahren nach London gezogen bist, warst du DJ in San Francisco. In was für einer Szene hast du dich da bewegt?

Ich habe vor allem House aufgelegt, in einem Club namens The End, aber ich bin kein Purist, was Styles angeht. Ich habe auch Disco, Funk, HipHop oder Soul-Sachen gespielt. Als ich wegging, gab es schon so was wie eine kleine Techno- und Elektronik-Gemeinde, Kit Clayton hatte grade angefangen, seine eher experimentelle Definition von Techno und Elektro zu promoten. Aber die House-Szene ist durch die stark ausgeprägte Gay-Kultur in San Francisco immer schon lebendig gewesen.

Woher kommt deine Liebe zum Jazz, besonders, was den Gesang angeht? Hast du mal eine klassische Ausbildung gehabt?

Nein, vor der Zusammenarbeit mit Matt habe ich nur mal was mit Freunden von der Jazz-Fakultät meiner Universität gemacht, aber ich habe das nie ordentlich studiert. Ich habe in London mal ein paar Stunden genommen, bei Ian Shaw, einem sehr bekannten Jazz-Vokalisten, aber es war für uns beide mehr ein Spaß, weil wir beide so beschäftigt sind. Ich würde gerne mal ein ganzes Jahr nur meiner Stimmausbildung widmen, aber es ist schwer, sich die Zeit zu nehmen.

Die Platte ist die Realisation früher Demosongs von dir. Wie alt sind die Stücke?

Einige der Ideen existierten schon vor der Arbeit mit Matthew, Sachen, die ich mal auf meiner Klarinette geschrieben habe. Die meisten Ideen sind aber bei der Arbeit mit einem Mini-Studio entstanden, das Matthew mir zusammengestellt hat. Ich wollte selbst lernen, wie man mit Sequencer und Sampler umgeht. Es war ein sehr einfaches Equipment – ein alter Casio FZ-1, ein Akai S612 und ein Sequencer –, aber so konnte ich Sounds aufnehmen und re-samplen.

So eine Beschränkung auf minimale Technik kann ja kreativ gesehen sehr nützlich sein.

Es war sehr gut zum Lernen, einfach zu handhaben und schnell zu begreifen. Der Track ›One String‹, bei dem ich eine Gitarrensaite gesampelt und dann mehrfach geloopt und geschnitten habe, ist zum Beispiel komplett damit entstanden. Bei den meisten Tracks habe ich aber die Skizzen nachher im Studio noch mal mit professioneller Hilfe umgesetzt. Dabei konnte ich mir auch die vielen Jazz-Gastmusiker ausleihen, die Matthew teilweise für die Big-Band-Sessions eingeladen hatte.

Das Album klingt trotz der unterschiedlichen Stile sehr homogen. Liegt das daran, wie du deine Stimme einsetzt?

Der rote Faden entsteht vielleicht dadurch, wie ich Sachen erzähle. Ich bin ein wenig stolz auf den durchgehenden Fluss des Albums, die Stücke besitzen Beziehungen untereinander, die sich nach mehrmaligem Hören erschließen. Es ist wie ein kleines Puzzle. Allerdings habe ich versucht, einerseits mit Sounds zu experimentieren, aber nicht zu experimentell zu werden, d. h., auch großen Wert auf klassisches Songwriting zu legen. Ich finde, moderne elektronische Musik bietet für beides genug Platz.

Jetzt musst du natürlich noch was zu deiner Version von Nirvanas ›Come As You Are‹ sagen. Ein Freund, dem ich das vorgespielt habe, hat das Stück erst gar nicht erkannt. Aber in deiner Version kommt der Text viel besser raus.

Ich liebe das Original. Kurt Cobain war ein mindestens genauso großer Texter wie Musiker. Seit ich den Song zum ersten Mal gehört habe, wollte ich eine Coverversion machen. In meinem Kopf hörte sich das immer schon anders an, so eine Art Jazz-Standard mit gezupftem Kontrabass und Swing-Schlagzeug. Ich war damals ungefähr achtzehn und stand eigentlich bereits mehr auf House und Dancemusic als auf Seattle-Grunge, aber dieser Song hat mich immer fasziniert. Ich habe ihn auf das mir Wesentliche runtergebrochen, und es ist etwa ganz Anderes entstanden.

Links:

***1***
Dani Siciliano ist zum ersten Mal 1998 auf dem Herbert-Album ›Around The House‹ zu hören, das, genau wie die 99er-12-Inch ›So Now‹, noch deutlich House-orientierter klingt. Auf dem 2001 erschienenen Album ›Bodily Functions‹ kommt dann das Jazzhafte ihres Gesangs erstmals voll zur Geltung. Eine legendäre Fotostrecke im Intro inszeniert die beiden, wie sie gemeinsam Kabelsalat und Instrumente verspeisen. Auch an ›Goodbye Swingtime‹, dem aktuellen Album der Matthew Herbert Big Band, war Dani beteiligt.

***2***
Der Isländer Onelias Mugison ist die zweite Stimme auf ›All The Above‹, einem der schönsten Songs des Albums. Sein Debüt ›Lonely Mountain‹ erschien im Oktober auf Herberts Lifelike-Label und begeistert mit einer persönlichen Mischung aus Gitarren-Songwriting, Lo-Fi-Drones, Click-Electronica und aufregenden Geräuschlandschaften. Begeistertes Probehören geht auf www.mugison.com.



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aus Intro #113 (Februar 2004)
 
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