Jahresrückblick 2003

Free Rock, Free Folk, Free USA

11.12.2003, 10:34, Text: Olaf Karnik, Olaf Karnik

Ein anderes Amerika wird herbeigespielt in der befreiten Musik von Jackie-O-Motherfucker, Sunburned Hand Of The Man, Tower Recordings, Animal Collective, No-Neck Blues Band oder Six Organs Of Admittance. Die Stücke sind meist so lang wie die Bandnamen, die Platten nur in kleiner Auflage erhältlich. Die Szene ist über die gesamten USA verstreut und über ein Netzwerk aus Festivals und Labels verbunden. Was hier vor allem zählt, ist Haltung. Und das, was der Popmusik in weiten Teilen abhanden gekommen ist: Autonomie, Kollektivität, Unbestimmtheit. Gemeinschaftliches Musizieren in abwechselnden Formationen erscheint hier als kultische Handlung und steht für ein Gegenmodell zum corporate America: soziale Verbindlichkeit, die Sorge um andere sowie das Erstarken einer beweglichen Produzenten- und Austauschkultur.

Die Musik bewegt sich zwischen ziellosen Krautrock-Jams, ausuferndem Psychedelic Folk und erregenden Freak-outs – und klingt dabei so unbekümmert, als habe es entsprechende Pioniere wie Sun Ra, Grateful Dead oder The Incredible String Band nie gegeben. Akustische Gitarren und diverse Percussionklänge, an rituelle Gesänge erinnernde Background-Vocals und ambientöse Drones bestimmen den Sound.

Klassische Songstrukturen spielen ebenso wenig eine Rolle wie die Ambition zu rocken. Improvisation steht hier nicht für das Zusammenspiel individueller Könner, sondern für ein gemeinsames Vortasten und Ausprobieren. Forcierungen finden lediglich statt durch eine Intensivierung einzelner Parameter, immer wieder kontrastiert von unbestimmten Dudeleien, die eine Offenheit des Sounds nach allen Seiten suggerieren. Dabei gleicht dieses allseits anschlussfähige Nicht-auf-den-Punkt-Kommen dem ambivalenten Charakter von Poesie oder wuchernden Diskursen ohne publizistische Repräsentanz. Nur in diesem Umfeld konnte folglich die wahnwitzigste Platte des Jahres entstehen: ›Here Comes The Indian‹ von Animal Collective.



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