FSK / Anthony »Shake« Shakir

Zwischenfälle des Grooves

27.11.2003, 10:42, Text: Jochen Bonz, Jochen Bonz

Über eine deutsche Band, eine Band aus München, die es bald 25 Jahre gibt, ließe sich eine Menge erzählen. Bei FSK ist allerdings nicht klar, von welchem Ort eine Betrachtung ausgehen müsste. Denn im Gegensatz zu anderen Gruppen ihrer Generation, Fehlfarben etwa, lässt sich bei ihnen nicht der eine Rahmen ausmachen, in dem sich die ganze Geschichte abspielt. Diese verläuft stark in Phasen, welche sich etwa an unterschiedlichen musikalischen Ästhetiken festmachen oder auch an Generationen von Fans, die mit einer, aber in der Regel auch nur einer Phase verbunden sind. Feststellungen wie »FSK sind heute nicht mehr die New-Wave-Band von 1980« oder »FSK um 1990 war so ein German-American-Ding, das Nachspielen von GI-Liedern über den Rhein, wie er durch München fließt« oder »Seit ihrem Album ›Tel Aviv‹, von 1998, sind FSK eine Art Postrock-Band, die an ihren Band-Instrumenten House Music und Techno spielt« haben deshalb mit ontologischen Brüchen zu tun.

Der Ort, von dem aus hier FSK betrachtet werden, lässt keine Geschichte sichtbar werden, die genau der Selbstbeschreibung von FSK entspräche.

Dort wäre Ideologie ein zentrales Konzept, hier geht es um Bedeutung. Denn was mir als Erstes an den Brüchen innerhalb dieser Bandgeschichte auffällt, ist, dass sie einen gemeinsamen Effekt besitzen: Sie sorgen für den Erhalt einer Intensität; sie bringen Bedeutung hervor. Die Frage ist, wie dieser Effekt entsteht, und ob es hinsichtlich des entsprechenden Mechanismus’ signifikante Veränderungen gibt. Mit FSK eine solche Geschichte zu beschreiben braucht neben einer Fragestellung auch Informationen. Das Bescheid-Wissen. Das habe ich aber so wenig wie die anderen, die – zu bestimmten Zeiten – in dieser ungewöhnlichen Band das gefunden haben, was hier mit Intensität und Bedeutung gemeint ist. Auch die Geschichtsschreibung braucht also einen Ausgangspunkt. In diesem Fall liegt er in einer Studio-Situation, wie sie Mitte September in der Nähe Weilheims im Uphon-Studio Mario Thalers bestand: Anthony »Shake« Shakir, Technomusiker aus Detroit, ist für eine Woche in Bayern, um das elfte FSK-Album zu produzieren. Dabei schaue ich ihm einen Tag lang zu, wie er bereits fertig aufgenommene neue Stücke der Band durchhört, aus diesen oder von anderen Klangquellen Sounds ausschneidet und sie verwendet, um am Sampler Drumpatterns einzuspielen, durch die er schließlich bestehende Elemente der Stücke ersetzt. Im Mittelpunkt steht dabei ein Stück, dessen ursprünglicher Titel ›The Farm Of Bubba Sparxxx‹ war und das am Abend in ›Incident With Dogs‹ umbenannt sein wird. Shake erstellt dazu eine ganze Reihe von Drumloops, was ihm schnell von der Hand geht. Hat er einen fertig gestellt, hört er ihn sich zusammen mit den anderen an. Dabei scheint er auf das zu stoßen, was den Drumpatterns als Ganzem noch abgeht; und er setzt sich wieder an den Sampler und produziert noch einen weiteren Loop. Während dieses Arbeiten im Grunde fluppt, nimmt die Arbeit an einem bestimmten Loop mehr Zeit in Anspruch. Es geht dabei um das Sample von einem Jazzalbum aus den Siebzigerjahren, irgendetwas Ungewöhnliches, das Shake am Abend zuvor bei den FSK-Mitgliedern Thomas Meinecke und Michaela Melián, bei denen er für die Dauer seines Aufenthalts wohnt, in deren Schallplattensammlung gefunden hat. Im Studio überspielt er sich nun einen Ausschnitt des Jazzstücks von seinem Laptop auf den Sampler. Was zunächst ein mindestens eintaktiger Groove ist, wird dabei nach und nach auf einen kurzen Bläsersound reduziert. Ein Tröten, von dem wir Anwesenden, als die Loops schließlich am Computer in das FSK-Stück eingebaut wurden, in dem es nun eine zwar wahrnehmbare, aber unspektakuläre Existenz führt, überzeugt sind, es habe das Stück gewissermaßen: gemacht.

Zwei weitere Beobachtungen dieses Tages, die der besonderen Bedeutung eines einzelnen musikalischen Elementes vergleichbar sind: Shake lässt sämtliche Drumloops an einer Stelle im Stück mit Wucht einsetzen. Dafür nimmt er das Hundegebell, das dem Track nun seinen Namen gibt und in der FSK-Rohfassung in das Stück hereinbrach, weitgehend raus und rückt den Rest irgendwo mitten in das neu entstandene Percussionsmassiv hinein. Als ob die Überraschungen, die von diesen besonderen Elementen ausgehen, zwingend stattfinden müssten, ihre Effektivität aber auch nur hervorbrächten, wenn ihre Betonung nicht überstrapaziert würde. Dieses Spannungsverhältnis lässt sich vielleicht so einkreisen: Einzelne Elemente, die dem Ganzen erst einen Sinn geben, müssen vom Rest abweichen, dürfen aber nicht aus ihm herausfallen. Sie müssen etwas anderes bewirken, als lächerlich zu erscheinen. Und natürlich waren die Hunde zunächst das: ein Witz. Jetzt sind sie: ein incident, ein Zwischenfall.

Wenn wir den Zwischenfall als etwas wahrnehmen, das durch das Moment der Abweichung bestimmt ist, schließt sich an ihn eine ganze Reihe synonymer Begriffe an, die neben dieser Bedeutung noch gemeinsam haben, heute als interessante, aussagekräftige Begriffe stark im Gebrauch zu sein. Das Unverständliche, Unpassende, Nicht-Intelligible, Inkommensurable, Fremde. Das Andere. Für die Frage, wie mit den Brüchen in der Geschichte FSKs Veränderungen im Mechanismus der Hervorbringung von Intensität und Bedeutung zusammenhängen, ist das Unbekannte das, woran wir uns halten können. Weil es immer da ist; als Bestandteil einer Beziehungskonstellation. Innerhalb dieser wechselt allerdings seine Position. Und aus Wechseln dieser Art besteht meine FSK-Geschichte, aus der ich drei alte Phasen und die aktuelle skizziere.

Bis Mitte der Neunzigerjahre gehen FSK mit dem Inkommensurablen ein Bündnis ein; d. h., sie bilden zusammen eine Partei, die permanent einer anderen gegenübersteht, für die das Bündnis von FSK mit dem Fremden als Abweichung erscheint. Für FSK selbst ist das Abweichende nicht das Fremde, sondern ihres; erst im Blick der Angehörigen der Gegenpartei sehen sie sich als das Abweichende. Wer ist die Gegenpartei? Das ändert sich genauso wie das, was die Position des Fremden einnimmt. Situation #1: FSK als New-Wave-Band; ein treffendes Beispiel für das Abweichende ist die RAF; was die Gegenpartei entsprechend definiert als: die Gesellschaft der BRD. Situation #2: Die German-American-Jahre. FSK jodeln wie US-Südstaatler. Die Position des Abweichenden nimmt das national oder ethnisch Hybride ein. Die Position der Gegenpartei: eine Vorstellung von nationaler oder ethnischer Homogenität. Der Zeitpunkt: um 1990. Situation #3: FSK spielen House und Techno. Im Zuge dieser Entwicklung wird das Singen zuerst reduziert und dann ganz eingestellt. Möglicher Grund: In der Vorstellung von Thomas Meinecke entspricht Techno einem Zustand der Sprache, in dem diese Bedeutungen erst an sich zieht. Gegenpartei: die Sprache als Gefängnis bzw. als hegemonialer Diskurs. Auf der Position der Abweichung: die Dekonstruktion [der Signifyin(g) Monkey]. Und Heute? Der bedeutungsstiftende Mechanismus selbst hat sich verwandelt. An die Stelle der Dichotomie FSK und dessen, was für die Gegenpartei fremd ist, ist der Mechanismus des Grooves getreten – um mich an eine Bestimmung des Grooves durch Diedrich Diederichsen anzulehnen. Wie bereits oben über das Tröten gesagt: Der Groove ist eine offene ontologische Formation, eine dynamische; zu ihrer Aufrechterhaltung bedarf es der Aufrechterhaltung ihrer Dynamik oder Offenheit. D. h., es müssen immer wieder fremde Elemente hinzukommen, Abweichungen sich ereignen, Zwischenfälle passieren, sonst zerfällt der gesamte Mechanismus. [Zwei aktuelle House-Alben artikulieren schon im Titel den Zwischenfall mit Metaphern aus der Pflanzenwelt. Lawrence spricht von »Blight«, vom Mehltau, der die Rosen angreift und verwandelt. Villalobos von der Artischocke, in der sich das Unbestimmte im Blatt-für-Blatt, in den hintereinander versteckten Schichten ausdrückt.]

Was die neue Position des Anderen angeht, lässt sich zusammenfassend sagen, dass seine Fremdheit nicht mehr im Zusammenhang mit einem übermächtigen Gegenüber stehen muss und auch nicht mehr eins ist mit FSK. Aber FSK lassen es stattfinden. Natürlich meine ich damit nicht Anthony Shakir als Person, als US-Amerikaner, als Schwarzen, Detroiter und Technoproduzenten. Aber als Haltung; als die Effekte seiner ästhetischen Vorstellungen. Dazu noch ein Beispiel: Nachdem die Drumloops und alles am Sampler eingespielt sind, machen sich Shake und Mario Thaler ans Arrangement der Sequenzen. Hier produziert Shake den Auftritt des Percussionsmassivs und sorgt dafür, dass das Hundegebell auf das Maß eines Zwischenfalls beschränkt wird. Abgesehen davon – und die Band war selbst nicht glücklich über die Hunde! – hatten FSK einen harmonischen, ausgefeilten, eben: Postrock-Mix angefertigt; die einzelnen Spuren waren schön im Verhältnis zueinander angeordnet. Dagegen bringt Shake den Groove. Gegen Ende des Arrangements fordert er Mario Thaler auf, jetzt die einzelnen Spuren nach und nach auszuschalten, das Stück abzubauen. Und Mario fragt, welche und wann, und Anthony antwortet, das solle er dem Zufall überlassen.

Das elfte Album von FSK erscheint im Februar.



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