
Can
Bohlen ist auch ein Punker
25.11.2003, 16:33, Text:
Carsten Schumacher,
Carsten Schumacher
[3 Kommentare]
35 Jahre Can. Muss man noch was zur Geschichte der international künstlerisch einflussreichsten deutschen Rockband verlieren? »Selbst wenn sie nicht wussten, wohin sie gehen, sind sie immer an einem ganz bestimmten Punkt angekommen«, beschrieb Blur-Frontmann Damon Albarn einst die Risikobereitschaft der ewig Suchenden. Da wir das Glück hatten, mit Irmin Schmidt, Holger Czukay und Jaki Liebezeit alle noch lebenden Mitglieder (Michael Karoli verstarb vor zwei Jahren) um das Mikrofon zu scharen, sei auf das journalistische Fleißkärtchen verzichtet und auf unsere im Online-Archiv stets verfügbare, ausführliche Bandbiografie verwiesen.
Was war die größte Niederlage eurer Bandgeschichte?
C: Haben wir jemals eine Niederlage einstecken müssen? Als du mit deinem Messer auf mich losgegangen bist, aber nicht getroffen hast, weil die Klinge nach hinten losgegangen ist.
L: Das war meine Niederlage.
Gab es in dieser Zeit Bands, die ihr richtiggehend gehasst habt?
C: Also, ambitionierte Bands mag ich eigentlich nicht sonderlich, das muss ich sagen. Hassen ist zu viel gesagt, aber es gab mal so Gruppen für die Wohlerzogenen, ... da wurden wir zu Punkern.
Was war denn der mieseste Song, den ihr je aufgenommen habt?
C: Wir haben bestimmt mal was Schlechtes aufgenommen, aber das dann direkt gelöscht danach. Schlimmer waren eigentlich unsere Fernsehauftritte, die fand ich nicht so besonders.
S: Bei dem Risiko, ohne Vorbereitung, also mit ohne Netz zu spielen, riskiert man, dass das manchmal schief geht. Manche Live-Auftritte sind daher hundsmiserabel gewesen. Im Fernsehen ist das weniger der Fall, aber live hat das Publikum immer gespürt, dass etwas nicht oder schlechter als sonst geklappt hat, d. h., die haben eigentlich mitgelitten und waren nie böse oder sauer oder nicht mal enttäuscht. Wir haben mal ein Konzert in Wolfsburg gespielt, und ich hatte so 39 Grad Fieber. Man hat das mal, deswegen bläst man ja ‘ne Tour nicht ab. Und dann hab ich irgendwas genommen, Speed oder so, damit ich das durchhalte, und bin während eines Stückes ohnmächtig geworden, bin einfach über die Orgel gefallen. Und da habe ich einen Riesenbeifall gekriegt, weil die Leute das als Bestandteil der Show sahen. Ich bin wieder zu mir gekommen, hing über der Orgel und hab gesehen, wie sie dort alle standen: Yeahhh!
Als Parallel-Phänomen zu den Beatles: Welcher war der in euren Augen beschissenste Beatle?
L: Ich muss zugeben, einen mochte ich nicht so gerne.
C: Die Yoko Ono?
L: Nee, einer von den Beatles. Der lebt noch. Ich möchte nicht so direkt werden. Es ist nicht der Schlagzeuger.
S: Das Mama-Kind.
L: Eigentlich liegt es ja daran, dass ich Bass-Spieler nicht mag.
Wie klappt das denn in einer Band, wenn der Schlagzeuger seinen Bassisten nicht mag?
C: Hast du schon mal einen Schlagzeuger kennen gelernt, der seinen Bassisten mag?
Normalerweise bilden Schlagzeug und Bass doch die Rhythmuseinheit in der Rock- oder Popmusik.
C: Das ist ja ganz neu, was ich da höre! Eine Rhythmus-Einheit?! Die haben gegeneinander zu kämpfen, die dürfen niemals eine Einheit bilden, nimm z. B. Jaki. Also, als wir anfingen, da meinte er schon: Holger, merk dir mal eins: Überall, wo ich meine Fußtrommel spiele, da spielst du Bass – spiel woanders!
L: Ich muss das bestätigen.
Ihr seid heute anlässlich eurer Doppel-DVD hier. Gibt es Dinge, die euch persönlich darauf fehlen?
C: Also, ich muss sagen, mir fehlt doch was. Der Programmchef des WDR, Werner Höfer, hatte uns mal gebeten, bei einer Veranstaltung des Adolf-Grimme-Preises aufzutreten (nachdem er unseren Sänger Damo vor der Abschiebung nach Japan bewahrt hatte). Das war elf Uhr morgens, da schliefen wir eigentlich alle, und wir hatten unsere Anlage hinter einem Blumenbouquet auf der Bühne versteckt. Ich konnte von dort Bundestagsabgeordnete sehen, alles nur wichtige Menschen aus Kultur und öffentlichem Leben. Und dann legten wir los ... Ich erzähle es jetzt mal, wie ich es selber im Fernsehen gesehen habe. Ich fuhr nämlich später zur Tankstelle und wollte gerade bezahlen, da sah ich unseren Beitrag. Die Leute saßen da, und beim ersten Ton unserer Musik sah es aus, als hätte man in eine Taubenschar hineingeschossen. Die flogen auf, zum Ausgang, alle in Panik, der ganze Saal war plötzlich leer. Die hätten sich fast totgetrampelt. Und ich dachte: Fantastisch! Das ist der beste Fernsehauftritt, den wir je hatten! Das Band wurde vom WDR aber irgendwie gelöscht.
Welche Künstler tragen denn heute den Spirit von Can weiter?
S: Also, ich hab vor zwei Jahren ein Konzert von Sonic Youth in Barcelona gesehen, und das fand ich hervorragend. Das war aufregend, stark.
C: Also, ich kenne jetzt nur noch einen, der dieses Buch geschrieben hat. Wie hieß der noch mal? Der jetzt da auch die Bands immer so, bei RTL ... Dieter Bohlen! Und Dieter Bohlen, möchte ich sagen ... Wie war die Frage noch gleich?
Welcher Künstler den Geist von Can weiterträgt.
C: Der!
Weil?
C: Bohlen ist auch ein Punker. Das ist mir am Anfang nur nicht aufgefallen. Aber dann habe ich ihn bei der Echo-Verleihung auf der Bühne gesehen. Und da habe ich gedacht: Siehst du, es ist doch ein Bruder, der nur abgefallen ist. Ich kann das auch begründen. Als diese ganze Geschichte da kam: ›Deutschland sucht einen Superstar‹, da gab es den Alexander, das war so ein totaler Milchzahn, und dann einen, den ich eigentlich gar nicht so mochte, der hieß Küblböck. Und dieser Küblböck, der ist eine Art gecasteter Punker in dieser ganzen Szene. Also eigentlich etwas, das man gar nicht erwartet hätte. Und damit hatte Bohlen auch einen richtigen Anteil daran. Ich find den Küblböck richtig toll. Der ist genau wie wir, wir konnten am Anfang ja auch nix. Der ist total schlagfertig, und das gefällt mir.
Also, wenn wir jetzt über ›DsdS‹ reden, das speziell eine Plattenfirma finanziell vor Schaden bewahren konnte, sollten wir doch gleich mal über die Krise reden, die sonst omnipräsent ist und eine Branche betrifft, deren klassische Einstellung ihr sehr gut kennen gelernt habt. Wie steht ihr denn dazu? Wo seht ihr neue Lösungsansätze?
S: Also, grundsätzlich sind Krisen immer sehr produktiv, das ist schon mal der Anfang von etwas Neuem. Je mehr in einer Krise, desto mehr müssen Leute sich anstrengen, da wieder herauszukommen. Und ganz gewiss kommt man mit der ›Superstar‹-Scheiße nicht aus der Krise. Aber das muss man gar nicht uns fragen, wir sind ja nicht Industrie. Und ›Superstar‹ ist ja nur der Endpunkt der Industrialisierung. Etwas, wogegen wir ja eigentlich angegangen sind. Aber man kann ja die Major-Firmen, die sich gerade gegenseitig aufzukaufen versuchen, nicht als einzige Musikindustrie nennen. Es gibt ja noch eine ganze Menge im Entstehen Begriffenes. Auch über das Internet entsteht ja einiges, obwohl ich darin jetzt weniger als Holger die große Chance sehe. Die Krise war nötig und wird sehr heilsam sein. Wie Fieber: Je höher es steigt, desto größer sind auch die Heilkräfte.
C: Ich kann das im Moment eigentlich auch nur positiv sehen. Denn es zeigt erst mal, welche Bands von der Musikindustrie überhaupt nur wahrgenommen werden. Da würde ich z. B. gar nicht mehr reinpassen. Diese ganze Medienlandschaft gestaltet sich ja um, ganz speziell über das Internet, das habe ich ganz früh erkannt. Ich bin mal mit Damon Albarn ins Sixpack gegangen. Wir hatten ein langes Gespräch, und er fragte mich: Was würdest du mir raten, was kann ich tun, um noch mal was ganz Neues anzufangen? Da sagte ich zu ihm: Mach doch das, was ich gemacht habe, und gründe eine virtuelle Band mit Leuten, die du gar nicht kennst. Daraus entstanden dann die Gorillaz, eine Sache, die ohne Internet nicht möglich gewesen wäre.
Lasst uns zum Schluss noch mal auf euer Studio hier in Weilerswist kommen, das jetzt abgebaut wird, um ins Museum von Gronau zu kommen. Was für Gefühle steigen da in euch hoch, wenn der Ort, an dem ihr euch so leidenschaftlich mit Musik auseinander gesetzt habt, ins Museum kommt?
S: Ich finde das wunderbar. Es gibt ja auch Leute, wunderbare, noch lebende Maler, die ihre Bilder auch ins Museum bringen. Daran ist eigentlich nichts falsch, der Begriff ist eher falsch belegt. Und in gewisser Weise ist jede Platte, wenn sie einmal gemacht worden ist, ein Museumsstück.
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resurrection heresy 07.12.2003 | 10:43:56
-
otic 07.12.2003 | 17:45:10
You can call me John!
Nun ja, der Holger war immer schon
etwas eigenartig in seinen
Ansichten...
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