Politronics

Begeisterung als Grundlage politischer Versammlung

25.11.2003, 16:21, Text: Jochen Bonz, Jochen Bonz

Auf die Suche nach dem »Politischen« an elektronischer Musik macht sich die auf Onitor erscheinende Compilation ›Politronics‹. Mit dabei u. a. Schneider TM, Matthew Herbert, Gudrun Gut, Mouse On Mars, Milch, Turner, Stella, Lawrence und Terre Thaemlitz. Gefunden wird jedoch etwas anderes, nämlich die Begeisterung, die Faszination.

Wenn ich Martin Büsser recht verstehe, macht er in seinen Linernotes (im 40-seitigen Booklet, in dem sich auch alle Künstler selbst zum Thema äußern) die folgende Unterscheidung: großartige Musik ist großartige Musik – und wenn sie dann auch noch die richtigen Vorstellungen transportiert, die guten Ideen, dann ist sie perfekt.

An dieser Auffassung leuchtet mir der Vorrang des Fasziniert-Seins gegenüber den Statements sehr ein; aber ich verstehe nicht, wie sich politische Vorstellungen unabhängig von einem solchen Fasziniert-Sein überhaupt denken lassen. Also, wie sich beides voneinander trennen lassen sollte. Mit dieser Trennung ist die Überzeugung verbunden, dass es für jeden möglich ist, sich politisch zu verhalten, man muss es nur wollen. Aber auf diese Weise – so evangelisch, sozialdemokratisch, aufgeklärt ... – geht Politisch-Sein doch nicht. Zum »Politischen« kann man sich nicht überreden, es muss von selbst da sein. Die Ursache für das Verschwinden des Politischen aus unserem Alltag, aus der Popkultur, aus dem Bereich dessen, was uns selbstverständlich ist, besteht doch darin, dass zwischen diesen, also: dem Leben und, sagen wir, der Gesellschaft im Ganzen, eine Verbindung fundamental fehlt. Das heißt nicht, es gäbe da gar keine Verbindung. Aber sie ist nicht lebbar, sie ist nicht an. (Ich meine damit nicht die KünstlerInnen der Compilation, sondern überhaupt ...)

In ›Sexbeat‹ beschreibt Diedrich Diederichsen den Moment, in dem sich die Verbindung als gekappt erweist. Es ist Anfang der Achtzigerjahre. Anstatt, wie die Hippies, immer weiter und immer tiefer liegende Grenzen einreißen zu wollen, hat New Wave einen anderen Modus des Seins etabliert: Epochen und Stile der Pop- und Alltagskulturgeschichte werden wieder aufgegriffen und miteinander kombiniert. Die unterschiedlichen Zeiten und Bedeutungen reiben sich aneinander und erzeugen die Begeisterung des Pop. Eine Energie, die sich auch gegen die Gesellschaft richtet – und damit in bestimmter Weise politisch ist –, weil die Gesellschaft etwas anderes von den New Wavern erwartet. Die Faszination löst sich plötzlich auf, als aus den beschriebenen Bezugnahmen etwas verschwunden ist, das Diederichsen als Verantwortung oder Verpflichtung bezeichnet. Die Zitate werden jetzt unverbindlich gehandhabt. Mit der Verbindlichkeit der Zitate ist aber auch die aus ihrer Reibung gewonnene Energie verschwunden. Der Grund: Wir sind Zeugen eines historischen Einschnittes geworden, der Postmoderne. Postmoderne: Räuber der Verbindlichkeit.

Wie wir alle gut wissen, ist Pop trotzdem weitergegangen. Aber anders. Die Verbindung zum »Politischen« ist seither schwach. Und: Das Faszinierende hat in diesem Vorgang an Glaubwürdigkeit, an Verlässlichkeit eingebüßt. Während ›Politronics‹ deshalb nicht oder nur etwas krampfig (vielleicht: evangelisch) politisch sein können, schaffen sie es im Einzelfall aber sehr wohl, zu faszinieren. Und niemand weiß, was von diesem Punkt aus möglich wird!

Politronics‹ ist auf Onitor (Kompakt / Zomba) erschienen.



Artikel kommentieren
aus Intro #112 (Dezember 2003 / Januar 2004)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Jochen Bonz, Jochen Bonz
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]