Basement Jaxx

Viele Stimmen, überall

27.10.2003, 18:27, Text: Eric Leimann, Eric Leimann
[17 Kommentare]

House Music ist heute eines der langweiligsten Genres der Popmusik. Irgendwann, kurz nach Mitte der Neunziger, passierte es: als Fitnessstudios erfolgreich eigene House-Compilations herausbrachten. Als Anwälte und Assistenzärzte Anfang dreißig noch schnell an ihrer Biografie in Sachen Clubkultur arbeiteten. Immer mehr alte Freunde kamen um das willkürlich gefühlte Erweckungsjahr 1997 auf mich zu und fragten, ob ich ihnen nicht mal was in Sachen House empfehlen oder aufnehmen könne. Warum nicht, freute ich mich. Kurze Zeit später tanzte man auf Betriebsfeiern im Krankenhaus lieber auf Daft Punk statt zu Gloria Gaynor. Doch wie fing das an, was ist passiert? Der Stil, der einst als Kind des Wahnsinns in der schwulen Subkultur Chicagos und New Yorks begann – weil man Disco nicht sterben lassen wollte und sie deshalb einfach maßlos übertrieb –, diese Idee ist heute ein Fall fürs Sanatorium.

Wie konnte diese zu Musik verdichtete Ekstase nur so langweilig werden?

Gutes Tool, schlechtes Tool

1999 brachte das Londoner DJ-Duo Basement Jaxx sein erstes Album ›Remedy‹ heraus. Felix Buxton, eine Hälfte der Jaxx, machte sich schon damals Gedanken über die drohende Formelhaftigkeit der gerade auf dem Höhepunkt ihrer Mainstream-Popularität schwebenden Dancekultur. In einem Interview sagte er: »Für Dance ist nun der Zeitpunkt gekommen, wo sich dieses Genre locker machen und verändern muss. Unser Album versucht das, es erzählt eine Geschichte. Es ist nicht nur eine Sammlung von Tracks, die wir zusammengeschraubt haben.« Worauf Buxton anspielt? Das Tool-Denken in Richtung Tanzboden. Für die meisten professionellen DJs ist es vor allem wichtig, dass ein Track im Club funktioniert. Bewegt das Stück den Arsch der Leute, oder nicht? Irgendwie fällt mir dazu folgende Szene ein: Schnell bilden sich im DJ-Laden auf dem Tresen an der 1210er-Konsole zwei Stapel Platten. Nach links sortieren kahl rasierte und nervös rauchende House-DJs die guten Tools, nach rechts wandert der Ausschuss. Dass der rechte Stapel in den letzten Jahren immer höher wird, ist auch an den Gesichtern der mittlerweile oft schlecht gelaunten und zunehmend nervöser den Kopfhörer ans Ohr drückenden DJs in diesen Läden abzulesen. Das Grundproblem ist: Tools sind keine absolute Musik. Und – sie nutzen sich ab. Aus Musik, die nur aus Werkzeug, Gimmicks und Trends besteht, lässt sich

Vorsicht Punk

›Remedy‹ aber, das Debütalbum von Felix Buxton und seinem Partner Simon Ratcliffe, es war ein extrem erfolgreiches Album zweier DJs. Vor allem in England, aber auch in den USA. Merkwürdigerweise nicht in Deutschland. Wenn damals von ›Remedy‹ gesprochen wurde, war fast immer von Grenzüberschreitung die Rede. Das wilde Stilgemisch, das die britischen Boys bretthart zusammennagelten, wurde immer wieder gern als Zukunft der Dance Music bezeichnet. Über teilweise wild gepitchte Housebeats gab es alles von Ragga, Samba, Wave, Kinderlieder bis hin zu vertracktem R’n’B der neuen US-Schule. Und selbst das im House-Kontext wahrscheinlich seltenst gebrauchte Wort machte immer wieder die Runde: Punk. Basement Jaxx waren die Punks des House. Immer auf die Zwölf. Ob Schweinerock oder übersteuertes Soul-Shouting. Nichts, was Ekstase verursacht, wurde ausgelassen im wilden Brixtoner Kellerstudio, das den Jaxx ihren Namen verlieh. »Hysterie rules okay«, nannte Gregor Wildermann diesen Stil treffend in seinem Artikel über das zweite Basement-Jaxx-Album ›Rooty‹. Das war im Jahr 2001, als House Music längst nur noch in ihren Nischen halbwegs interessant war.

Eclecticism rules okay

Das neue Basement-Jaxx-Album ›Kish Kash‹ nun als House Music zu bezeichnen ist fast schon ein wenig verwegen. Fast alle Tracks besitzen eine klassische Songstruktur. Das Ding mit Strophen und Refrains. Der stilistische Eklektizismus, für den die Jaxx seit langem stehen, ist hier auf die Spitze getrieben. Abzulesen unter anderem am beeindruckenden Line-up der Gastsänger: Punk-Ikone Siouxsie Sioux singt das Titelstück ›Kish Kash‹, Diffizil-Funkerin Meshell Ndegeocello gibt ein Gastspiel auf zwei der beeindruckendsten Tracks: auf dem besten Prince-Gedächtnistrack des Jahres 2003, ›Right Here’s The Spot‹, und dem trippigen ›Feels Like Home‹. Außerdem dabei: der neue britische MC-Gott und Mercury-Award-Winner Dizzee Rascal, N’Syncs JC Chasez, die alte Jazzdiva Totlyn Jackson und die kalifornische Rock-Shouterin Lisa Kekaula von der Band Bellrays. Der eklektische Ansatz allein lockt heute natürlich keinen noch so verspäteten Trendspürhund mehr hinter dem Ofen hervor. Was jedoch die Meisterschaft dieses bisher besten Basement-Jaxx-Albums ausmacht, ist allein seine musikalische Klasse. Viel Erfahrung, eingefangen in einer großartigen Produktion. Die komplette Abkehr von so etwas wie Trackhaftigkeit. Ein Fest der Songs und vor allem ein Fest der menschlichen Stimmen, die auf diesem Album aus jeder Ritze des Mehrspurgerätes jauchzen, ächzen, schreien. Ein Gespräch mit Simon Ratcliffe:

Dance, Pop, Punk – mittlerweile regt sich niemand mehr darüber auf, wenn man auf einem Album alle Stile zusammenschmeißt und es am Ende Tanzmusik nennt. Ist die Tatsache, dass alles erlaubt ist, nicht langsam auch ein wenig langweilig?

Wir machen uns über so etwas keine Gedanken. Wir konzentrieren uns so sehr auf unser eigenes Ding, dass wir eigentlich ein bisschen außen vor sind. Aber ich höre nicht viel Musik, die sich so anhört wie unsere. Richtig ist allerdings, dass dieses all mixed up im Moment sehr hip ist. Wenn du früher in eine Londoner Bar gegangen bist, dann lief immer nur entweder Drum’n’Bass, House oder etwas anderes. Heute ist es ziemlich trendy, wenn du sehr offen bist. Auf ein Country&Western-Stück folgt ein HipHop-Track – und dann am besten eine Mainstream-Popnummer. Aber das kommt uns ja sehr entgegen.

Wofür steht dieser Trend, popkulturell betrachtet?

Wahrscheinlich dafür, dass es im Moment keine Alternative dazu gibt. Dance hat ziemlich an Kraft verloren. Für House gilt das im Besonderen. Das haben wir zwar schon vor vier oder fünf Jahren gesagt. Aber so ist es eben.

Auf ›Kisk Kash‹ begeistert mich besonders, dass es ein Album voller toller Stimmen ist. Ich meine, sie kommen von überall ...

Das ist ein natürliches Ergebnis unserer Arbeitsweise. Oft passiert es uns, dass wir wie beim Song ›Plug It In‹ sehr viele verschiedene Sänger ausprobieren, bis es dann mal mit einem hinhaut. Aber wir werfen die anderen Sachen nicht weg, weil immer wieder Teile davon sehr gut sind. Vielleicht ist es nur ein Schrei, den jemand irgendwo in der Mitte des Songs loslässt. Wenn er gut ist, dann bleibt dieser Schrei genau an dieser Stelle, und wir bauen diesen Schnipsel in den Song ein. So sind dann doch viele Sänger, mit denen wir an dem Track herumprobierten, irgendwie repräsentiert.

Wo habt ihr eigentlich Siouxsie Sioux ausgegraben?

Wir hatten diesen Track ›Kish Kash‹, und irgendjemand schlug vor, wir sollten darauf einen punkigen Gesang à la Siouxsie Sioux ausprobieren. Da sagten wir: »Na ja, warum fragen wir dann nicht Siouxsie Sioux selbst?« Sie lebt in Frankreich, wir haben sie auch nie getroffen. Wir kontaktierten sie und schickten ihr den Track. Sie schickte uns den Gesang per Post zurück. ›Kish Kash‹ war der erste Song, den wir fertig bekamen. Zu dieser Zeit hatten wir etwa 15 unfertige Tracks herumliegen, und wir waren uns so verdammt unsicher damit. Ich glaube, dass von diesem Punkt an, wo ihr Song in der Post war, alles schneller und besser lief. Der Gesang ist großartig.

Wie kam der Kontakt zu Meshell Ndegeocello zustande?

Felix ist seit vielen Jahren ein Fan von ihr. Sie war in London. Sie tourte und spielte fünf Abende im Jazz Cafe. Außerdem arbeitete sie dort an einem Soundtrack. Sie ist unglaublich busy. Wir schickten ihr eine CD mit der Musik von ›Right Here’s The Spot‹ und ›Feels Like Home‹. Sie mochte beide Stücke, vor allem das letztere. Dann kam sie ins Studio am Abend, bevor sie nach Amerika zurückflog. Sie war total erschöpft und extrem müde. Aber sie kam trotzdem und hatte sich sogar vorbereitet, was wir sehr nett fanden. Wir machten also ›Right Here’s The Spot‹ und am nächsten Morgen ›Feels Like Home‹. Doch nach einigen Stunden war sie total am Ende und dabei, krank zu werden. Sie hatte nur noch zwei Stunden Zeit, bevor sie zum Flughafen musste. Trotzdem, sagte sie, könne sie nicht mehr weitermachen. Wir haben ihr dann ein Bett gebaut in der Gesangskabine – aus Dämmmaterial. Wir haben das Licht ausgeschaltet, und sie schlief zwei Stunden in der Kabine. Wir saßen derweil mit ihrem Manager auf dem Sofa und warteten darauf, dass sie aufwachte. Und dann ging sie zurück nach Amerika.

Ihr habt einmal gesagt, dass Deutschland ein besonders hartes Pflaster für euch ist?

Wir haben vor zwei Jahren eine Live-Show in Hamburg gemacht, die war wirklich gut. Aber es ist schon wahr: Deutschland ist nicht gerade das Land, in dem man uns am meisten liebt. Wir haben einige Gigs hier gespielt, bei denen jeweils nur ein Typ getanzt hat. Und der sah dann auch noch so aus, als ob er eigentlich zum Judas-Priest-Konzert wolle. Das war, glaub ich, in Köln. Aber so etwas ist ja auch okay. Weil du dich an diese Gigs viel besser erinnerst. Du kommst aus England, und deine Sachen laufen dort die ganze Zeit im Radio. Dann gehst du in ein anderes Land, und niemand kennt dich dort. Das ist interessant fürs Selbstbild. Aber wir würden uns natürlich über mehr Erfolg in Deutschland freuen.



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aus Intro #111 (November 2003)
 
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  • User: distl
  • distl 20.11.2003 | 13:32:23

    Warum stellt Herr Leimann in dem Interview Deutschland als so hartes Pflaster für Basement Jaxx dar? Es gibt auch hier begeisterte Anhänger, die diese Musik seit 1997 lieben. Wenn Basement Jaxx-Tracks in (guten) Clubs gespielt werden, bebt in der Regel die gesamte Tanzfläche! Schon klar, daß der Erfolg in Deutschland nicht ganz so groß ist, wie der in UK, aber bei welchem britischen Dance-Act ist das denn nicht so? Also bitte nicht die Beliebtheit von Basement Jaxx in Deutschland herunterspielen, denn Ihr habt mich damit mitten ins Herz getroffen!
    PS.: Das neue Album ist ebenso mal wieder der Hammer!!!

  • User: Misname
  • Misname 20.11.2003 | 13:56:30

    basement jaxx sind in ihrer zunft die größten. den erfolg in deutschland als etwas kleiner darzustellen ist noch untertrieben...die verkaufszahlenbewegen sich unter dem 5stelligen bereich....was sehr schade ist....

  • User: everpure
  • everpure 20.11.2003 | 13:57:33

    wirklich? ich habe im wesentlichen 870 styles in elf liedern gehört, was mir eindeutig zu viel ist.

  • User: babsie
  • babsie 20.11.2003 | 14:03:08
    ich bin nicht kerstin grether.
    @everpure
    genau DAS macht sie zumindest für mich gross. ja, das ist... gigantendancefloor wie weiland pink floyd für jungs, die zu feige zum kiffen waren.

  • User: Soundbwoy
  • Soundbwoy 20.11.2003 | 14:49:16

    @babsie: JETZT weiß ich warum ich Basement Jaxx so mag :)

    Ich bin zu feige zum kiffen *lach*

  • User: everpure
  • everpure 20.11.2003 | 16:47:42

    dann kiffe ich lieber...

  • User: Herrbert
  • Herrbert 20.11.2003 | 16:49:45

    Basement Jaxx hör ich am liebsten bekifft

  • User: Reverend
  • Reverend 20.11.2003 | 17:29:54
    war immer aufrichtig
    Basement Jaxx kicken Arsch. "Rooty" ist ihr Meisterwerk. Und im Gegensatz zu everpure finde ich nicht, dass sie es mit dem Genre-Crossing übertreiben. Das ist und bleibt funkiger House, so oder so.
    Dass sie in Deutschland eher ein Geheimtipp sind, macht sie für uns arrogante Indie-Freaks doch nur noch begehrenswerter, oder nicht?

  • User: Burkhard Welz
  • Burkhard Welz 20.11.2003 | 17:43:11

    Geil, also House für House-Hasser. Ihr feaks.. Wieso schreibt Kollege Leimann, dass das Genre House tot sei? Kann mich noch an seinen schönen German Deep House Artikel erinnern. Vielleicht weil er auf irgendeiner Party-ab-30-After-Chill-Out-Veranstaltung Daft Punk gehört hat? Das geht natürlich nicht. Wenn man nicht alles selber macht. *g*

  • User: Mas
  • Mas 24.11.2003 | 00:32:59
    ”Thank you very many.“
    Mir gefiel ja der Satz von Michael Krumbein: "Ginge ich noch in die Disse, ich würde mir wünschen, dort diese Platte zu hören."

    In die Discos in die ich gehe, wird so Musik leider gar nicht gespielt.

  • User: morus
  • morus 24.11.2003 | 08:52:00

    Ich mag auf jeder Platte nur zwei
    Songs.

  • schunkel 24.11.2003 | 10:18:04

    House ist nicht tot.
    Mit oder ohne Basement Jaxx.

  • User: Soundbwoy
  • Soundbwoy 24.11.2003 | 11:00:39

    Auf keinen Fall...

    Ich find's ja spannend, daß soviele House-Procucer derzeit sich stark dem Techno, und so viele Techno-Leute dem House annähern.

    Na, vor fünfzehn Jahren war's ja auch noch fast EINE Musik...weiter so.

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