Muse

Der Defekt: Rettung

21.08.2003, 18:25, Text: Digital Jockey, Digital Jockey
[3 Kommentare]

Muse sind zur Zeit die beste Rockband der Welt! Obwohl Rockmusik tot und begraben ist - wie die Indianer. Michael Stipe von R.E.M. meint, dass das Rocktrio Muse \"brillant\" sei und den \"Rock der Zukunft\" mache. Wollen wir das hoffen? Rock war Anfang der Neunziger mit dem symphonischen Gitarrenlärm des \"Shoegazer\"-Styles von My Bloody Valentine, Slowdive und Co. schon einmal in der Zukunft und wurde damals von Nirvana und deren Nachahmern per Gitarrenmagazin und Massengeschmack glatt hinweggefegt. Matthew Bellamy (Sänger, Gitarrist, Pianist), Dominic Howard (Schlagzeug) und Chris Wolstenholme (Bass) waren zu der Zeit ebenfalls Nirvana-Verehrer.

Aber das kann man auf ihrem dritten Album \"Absolution\" zum Glück nicht mehr heraushören.

Blutjunge siebzehn Jahre alt waren sie vor vier Jahren, als ihr erstes Album \"Showbiz\" erschien. Es war extraklasse für das Alter der Jungs, aber es rockte nirvanesische Vergangenheit vor sich her: vergebliche Intensität. Eine Intensität, die jedoch immer noch besser war als die von Bush, Silverchair und den blöden Foo Fighters (mit ihrem schlechten Sänger, der nicht Nicht-Gitarre spielen kann). Das neue Album \"Absolution\" ist erfrischend europäisch, abwechslungsreich in Klang, Rhythmus und Stilistik und beseelt von klassischer Musik. Ja, klassischer Musik! Nur so kann man die beste Rockband der Welt sein: entweder symphonischer Gitarrenlärm oder Rocktrio-Kompositionen, die an all die Ordnungen von Kleinstadtwelten erinnern, diese verstehen, theoretisieren und dann verlärmen (sprich: instrumental reorganisieren), indem blutjunge Südengländer ihren musikalischen Erfahrungsschatz komplett und nicht nur reduziert auf amerikanische Vorbilder aus Seattle, die die Evolution der Rockmusik begraben haben anwenden.

EVOLUTION MUSIKER

Matthew: Ich habe von Kind auf Musik gehört. Als ich noch gar kein Instrument spielen konnte, habe ich so getan als ob. Seit meinem sechsten Lebensjahr wollte ich eines spielen. Ich denke, dass es mir durch das Musizieren seit Kindesbeinen gelingt, Dinge zu verstehen, die ich sonst nicht verstehen könnte. Es ist ein Weg, die verschiedenen Elemente im Leben zu kombinieren, deine Weltanschauung und Wahrnehmung und die Dinge, die sich verändern, das alles zusammenzufügen und dem Ganzen eine besondere Bedeutung zu verleihen. Musik gibt meinem Leben einen Sinn. Mit der Gitarre habe ich angefangen, als ich Bands wie Sonic Youth und die frühen Nirvana gesehen habe - und natürlich Jimi Hendrix! Das war ja zum größten Teil furchtbarer Krach von den Gitarren. Als Teenager war ich aber vor allem von der ganzen unmelodischen Art, Gitarre zu spielen, fasziniert; Leute mit unbändigem Krach zu überfordern brachte mich zur Gitarre. Das Klavier-Spielen habe ich schon früher angefangen, als kleiner Junge im englischen Devon. Hauptsächlich Ray Charles und einfach akkordierten Blues. Aber das habe ich dann aufgegeben und sechs Jahre lang kein Klavier angefasst. Ich habe erst bei den Aufnahmen zu unseren ersten beiden Alben wieder angefangen, Klavier zu spielen. Es schien inspirierter und ungewöhnlicher, die Gitarren mit den Pianos zu kombinieren; und so begriffen wir das Klavier als festen Bestandteil der Band. Inspiriert wurde mein Klavierspiel seitdem durch das moderne romantische Spiel Rachmaninows, Chopins oder Prokofjews. Klassische Musik - und die Intelligenz hinter den Kompositionen - ist gewaltig. Ich kann nicht begreifen, wie ein einziger Mensch all diese Details designen kann. Für uns ist das sehr weit entfernt, und deswegen sind wir davon angezogen. Klassische Musik ist die ultimative Kombination von extremer Intelligenz und emotionaler Tiefe. Das ist es, was sie von all der Musik der letzten 50 Jahre abhebt. Wir verstehen Gesang als instrumentalen Sound. In den meisten Fällen haben wir zuerst die Musik, und dann nehmen wir die Stimmung der Musik, um einen Songtext dazu zu finden. Die Produzenten unseres neuen Albums sind älter als wir. Sie sind große My-Bloody-Valentine-Fans und haben uns viel von dieser Band erzählt. Wir kannten My Bloody Valentine bis dahin nicht. Ich denke, dass wir auf diesem Album einige Sachen, die wir früher auch schon mal gemacht haben, aufgreifen, auf einem höheren Level ergänzen, aber auch völlig neues Terrain beschreiten. Wir haben zwei Songs mit einer kompletten Orchestrierung aufgenommen und bei einem mit diversen Loops experimentiert. Das sind Dinge, die wir nie zuvor getan haben. Aber wir haben immer versucht, die Energie aus den ursprünglichen Songstrukturen zu bewahren. Du lässt dich durch die verschiedenen Denkmuster, Philosophien und Einsichten der Musikgeschichte beeinflussen, und ich denke, dass sich eine Originalität nur dann ergeben kann, wenn man die alten Erkenntnisse annimmt und in die moderne Zeit interpretiert.

ROCK THA HOUSE?

\"Time Is Running Out\" heißt die Single. Sie rockt wie bekloppt und ist - wie große Teile des Albums - nach mehrmaligem Hören ein Ohrwurm, dessen Refrain mit einem anschwellenden pizzicato forte der E-Gitarre beginnt. Der ganze Track wird mit einem waschechten House-Beat des Schlagzeugers begonnen. Ja, zwei von den 13 Songs des Albums sind House-Beat-basierte Nummern, und das auf einem Rockalbum - gehen die Jungs am Wochenende in House-Clubs und spielen werktags Rockmusik?

Matthew: Ich mache so was ab und an. Obwohl ich kein großer Tänzer bin. Ich weiß nicht, wie diese Musik gemacht wird, und finde es sehr mysteriös, eine Person zu sehen und den unglaublichen Lärm zu spüren, der von nur dieser einen Person auszugehen scheint. Dies ist ein Bereich in der Musik, mit dem wir uns überhaupt nicht auskennen, und das zieht uns an.
Dominic: Ein paar Tracks haben diesen Four-to-the-floor-Hi-Hat-Disco-Beat. Als wir das Album vorbereitet haben, hatten wir viel Zeit, um eine ganze Menge an Ideen auszufeilen. Wir experimentierten in einem Londoner Zimmer mit den Songs, nahmen sie spartanisch auf und probierten verschiedene Soundideen und Stile aus. Wir haben einfach ein paar Akkorde gespielt, und ich habe mich nach einer Weile auf einen minimalistisch-geradlinigen Beat eingelassen. Das entwickelt dann irgendwann eine Eigendynamik. In der Vergangenheit haben Chris und ich immer versucht, tight zusammenzuspielen. Vor allem, was die Synchronität der Bassdrum und der Bassline betrifft. Dieses Mal waren wir Groove-orientierter, ich hab irgendwann begonnen, den Beat geradliniger zu spielen. Ich denke, das verleiht den Songs mit den hektischen Gitarren und dem Bassspiel eine Konstante und mehr Groove.
Chris: Nichts schlägt einen geradlinigen Beat. Er bewegt sich elegant durch die Musik und führt sie. Inzwischen denke ich, dass es möglich ist, tight zu sein und doch völlig verschiedene Muster zu spielen, die sich umso besser ergänzen. Dies ist eine große Veränderung gegenüber unseren vorherigen Alben.
Matthew: Wir wollten den Bass und das Schlagzeug auf dem neuen Album stärker akzentuieren und für sich selbst stehen lassen. Was uns nervt, sind die Bands, die ihre Gitarren so laut spielen, dass man den Rest nicht mehr richtig wahrnehmen kann. Groove ist etwas, über das wir uns bei dem neuen Album sehr viel Gedanken gemacht haben.

Das kann man auf dem neuen Album sehr gut hören. Die Jungs spielen seit acht Jahren zusammen und sind live einfach ein funktionierender Organismus. Rocktrios haben eine lange Tradition in der Rockgeschichte, besonders wenn es um Anleihen bei und Erfahrungen mit klassischer Musik geht - und vor allem um die Ausarbeitung der Rhythmusgruppe Bass/Schlagzeug. Weniger muss bei Trios mehr sein und bestenfalls eine eigene, ganz besondere, wieder erkennbare Stilistik hervorbringen. Darüber ist sich die Band im Klaren.

Matthew: Ich denke, die Rhythmusarbeit ist eine Herausforderung als Musiker, weil du dich instrumental weiterentwickeln musst, um voranzukommen. Rage Against The Machine zum Beispiel. Ich mag es, wie die Gitarre und das Schlagzeug in den energetischen Teilen kombiniert werden. Sie spielen zwar das Gleiche, aber es erzeugt eine unglaubliche Energie und einen ganz besonderen Groove. Nirvana spielen die ganze Zeit fast ausschließlich power chords. Das lässt die Musik ein bisschen fülliger erscheinen. Und dann gibt's da als Gegenbeispiel, aber trotzdem funktionierendes, noch die Jimi Hendrix Experience, bei der Gitarrist, Bassist und Schlagzeuger getrennt voneinander in anderen Welten spielen. Es gibt so viele verschiedene Wege, die man als Trio bestreiten kann. Police, Cream oder Yes haben wir definitiv unsere Aufmerksamkeit geschenkt, um zu sehen, welche Wege man gehen kann. Und ich denke, es ist eine große Herausforderung, drei Alben aufzunehmen und sich immer noch weiterzuentwickeln. Das ist eine größere Herausforderung, als eine weitere Person in die Band zu nehmen. Nach jedem Album überlegen wir uns, einen vierten Mann an Bord zu holen, aber wenn wir für eine Tour proben, arrangieren wir die Songs leicht um, und es funktioniert doch!

Rhythmus und Groove in Zeiten von Schlagzeugmaschinen und Sequenzern, noch dazu bei einem Interview in der elektronischen Hauptstadt Köln - das wirft die Frage nach dem Einsatz von elektronischem Equipment bei der Album-Herstellung auf.

Matthew: Wir spielen einen alten Vintage-Synthesizer. Die meisten Schlagzeuge sind, abgesehen von ein paar Bass Drums, live eingespielt.
Dominic: Wir haben uns Gedanken um Drum Machines und Loops gemacht, wir haben das auch ausgetestet, aber am Ende haben wir alles live eingespielt, außer ein paar Shaker, Tips und andere Schlagwerkzeuge. Es klingt einfach organischer.
Matthew: Wir haben im Studio einige Synthies und Plug-ins probiert, und viele der Sounds waren so gewaltig, dass es unglaublich klang. Der Kontrast zwischen extrem klaren High-End-Sounds und organischeren Sounds eines echten Drum Kits waren aber eher kontraproduktiv. Wir haben außerdem eine Opernsängerin gesampelt und ihren Gesang mit meinem kombiniert. Das Ergebnis klang dann, als ob ich mit einer hohen Frauenstimme sänge. Wir haben also viele organische Sounds mit dem Computer kombiniert und auf diese Weise neue generiert. Außerdem haben wir festgestellt, dass die alten Vintage-Synthesizer, speziell im Bassbereich, besser zu Rockmusik passen.

Die Balladen sind das Highlight auf dem Album. Jede Rockband steht oder fällt mit ihren Balladen. Sie umgürten das Gesamtwerk und teilen das Meer des Klanglärms inselgleich in gut oder schlecht, schön und hässlich, interessant und uninteressant oder - formal gesehen - in Gegensatzbegriffe und Differenzen, die das jeweils andere erst wahrnehmbar / hörbar machen. Und deshalb hat Rock zum Glück nichts mit Punk zu tun! Supersüß und bisweilen sogar herrlich schmalzig klingen die Balladen des Trios, und im besten Fall sind sie mit andalusisch-maurischen Streicherharmonien unterlegt, wie man sie nur von Debussy oder Miles Davis' \"Sketches Of Spain\" kennt.

Matthew: Wir haben keine Angst mehr davor, oberflächlich oder schmalzig zu sein. Das bedeutet, dass du dich gegenüber Dingen öffnest, die vielleicht zuerst ein wenig trivial wirken. \"Blackout\" wurde zum Beispiel mit einem 18-köpfigen Orchester und sehr langsamen Streichern und italienischen Mandolinen eingespielt. Die Arrangeurin Audrey Wiley hat es mit mir zusammen aufgenommen. Ich hab ihr das Klavier vorgespielt und angedeutet, wie es klingen könnte; und sie hat es in einen für Streichorchester realistischen Kontext umarrangiert.
Dominic: Wir haben keine Angst davor, keine harte Rockband zu sein! Wir waren immer offen für neuartige Ideen.
Matthew: Wir versuchen, ehrlich zu sein. Für uns ist dieses Album eine Möglichkeit, unsere Gefühle durch Musik auszudrücken, und diese weichen Songs spiegeln eben die soften Momente im Leben.

Der Autor ist Teil des Kölner Elektronikprojekts Computerjockeys und veröffentlicht unter dem Pseudonym Guitar auf Morr Music.



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aus Intro #109 (September 2003)
 
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  • User: Luckyjim
  • Luckyjim 22.08.2003 | 20:44:43

    "...dass das Rocktrio Muse "brillant" sei und den "Rock der Zukunft" mache. Wollen wir das hoffen? Rock war Anfang der Neunziger mit dem symphonischen Gitarrenlärm des "Shoegazer"-Styles von My Bloody Valentine, Slowdive und Co. schon einmal in der Zukunft und wurde damals von Nirvana und deren Nachahmern per Gitarrenmagazin und Massengeschmack glatt hinweggefegt."

    AAHJAAAH!
    "Nirvana & der Massengeschmack"! Stimmt!
    Mann, war Cobain's Tod wirklich total umsonst??

    "Matthew Bellamy (Sänger, Gitarrist, Pianist), Dominic Howard (Schlagzeug) und Chris Wolstenholme (Bass) waren zu der Zeit ebenfalls Nirvana-Verehrer. Aber das kann man auf ihrem dritten Album "Absolution" zum Glück nicht mehr heraushören."

    Zum Glück! Und das ganz bestimmt!

    Übler Artikel!
    Mal ganz abgesehen davon, was man jetzt von Muse hält.

  • kingadora 23.08.2003 | 09:00:06

    Rockmusik tot und begraben ist,
    Rock der Zukunft,
    aber es rockte nirvanesische Vergangenheit vor sich her,
    erfrischend europäisch,
    instrumental reorganisieren,

    Wie bistn Du drauf ?

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