Kashmir

Muse der Tragödie

20.06.2003, 15:37, Text: Christian Wessels, Christian Wessels

Kasper und Mads haben hervorragende Laune. Sie haben gerade einen prima Gig gespielt. Finden sie, finde ich, und fand auch die Festival-Crowd. Stockholm war gut zu ihnen, ist gut zu uns allen. Malerisches Ambiente, Wasser um uns, Sonne über uns. Wir sitzen in Kashmirs Tourvehikel, einem nicht mehr ganz taufrischen, leicht modifizierten Linienbus. Hier und da wurden Bänke rausgerissen, da und dort ein paar Kojen installiert, ein neuer Tisch eingebaut. Ein Kühlschrank steht bereit für zwischendurch und nachher.

Kashmir sind big in Denmark. 1991 haben sich die vier Kopenhagener gefunden, 94 ihr erstes Album veröffentlicht, das direkt vergoldet wurde.

25.000 verkaufte Exemplare heißt das in Dänemark, sensationell für ein Indie-Release, für eine wimpy Gitarrenband. Die nächsten beiden Platten, veröffentlicht von Sony, waren nicht minder erfolgreich. Dänemark stand Kopf. und Resteuropa begann langsam, aber sicher, sich zu interessieren. Und doch ging es irgendwie nicht weiter, mussten Kashmir Ende der Neunziger alles eine Weile hinter sich lassen. \"Wir brauchten eine Pause\", sagt Sänger, Gitarrist und Songschreiber Kasper Eistrup. \"Eine Pause voneinander, von der Musik.\" Vier Jahre liegen deshalb zwischen den beiden letzten Alben. \"Wir haben gemerkt, dass Erfolg allein nicht inspirierend ist\", erzählt Bassist Mads Tinebjerg. \"Wir wollten und mussten uns neu definieren.\"

Das Resultat ist \"Zitilites\": \"Eine urbane Platte\", erklärt Mads. \"Die Lieder sind wie kleine Lichter, manche kaum sichtbar, manche sehr hell. Die Lichter der Stadt, um die wir uns drehen.\" Ein ganzes Jahr hat das Quartett im eigenen Studio aufgenommen, Gewohnheiten über Bord geworfen, neue Blickwinkel gesucht, Stücke mitunter rückwärts aufgenommen, um mit den Bändern Anfang dieses Jahres nach England zu fliegen. John Cornfield (Stone Roses, Oasis, Verve ...) sollte mischen und hat's getan. Die Referenzen lassen es erahnen: Das Resultat ist eine emphatische Produktion, Gitarrenmusik in manchmal barockem Gewand, großes Kino. Mehr ist meistens mehr bei diesen 14 Songs.

Textlich gibt Kasper Eistrup sich traurig, unsicher und verletzlich. \"Ich kann negative Energie gut umsetzen\", sagt er. \"Zwar kann ich auch schreiben, wenn ich glücklich bin. Aber Traurigkeit und Melancholie inspirieren mich mehr. Diese Gefühle sprechen zu mir.\" Solche Dialoge bringen Zeilen hervor wie: \"You might call it existential crisis / I simply call it the bravery of emptiness / It's up to you, cause I'm absolutely numb\" (\"Surfing The Warm Industry\"). Onkel Pathos lässt grüßen, und Onkel Pathos bewegt. \"Genauso habe ich mich zu der Zeit gefühlt\", erinnert sich Kasper. \"Ich dachte, ich werde immer tauber. Ich hatte keine Ideen, fühlte mich nicht wohl.\" Nicht umsonst haben Kashmir einen Song Melpomene gewidmet, der Muse der Tragödie. \"Wir haben in Austin gespielt, auf dem South By Southwest Festival, sind ein bisschen herumgefahren\", erzählt Kasper von der ersten Begegnung mit der griechischen Dame. \"Auf einmal waren wir auf dieser Straße, 'Melpomene'. Es passte so gut zum Song.\" Und es passt so gut zur Band.

Ende des Sommers kommt mit \"Rocket Brothers\" eine Dokumentation über Kashmir in die dänischen Kinos. Filmemacher Kaspar Trosting hat die Band vier Jahre lang begleitet. \"Recht nüchtern, nicht zu privat\" sei das Resultat, so Mads. \"Ein ehrliches Portrait von vier Männern und ihrer gemeinsamen Leidenschaft.\" Zum Preview in Cannes hat die Band ein Konzert gegeben. Auf einem Dach, drum herum eine Gartenparty und einige Senioren, die sich heftig wunderten. \"Das war ziemlich dekadent\", freut sich Kasper. \"Aber wir hatten einen tollen Blick über die Bucht.\"



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aus Intro #107 (Juli 2003)
 
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