St. Thomas

Versteckspiel mit dem Anstaltspersonal

22.05.2003, 18:06, Text: Martin Riemann, Martin Riemann

In Norwegen kann man die neue Platte dieses Mannes bereits an Tankstellen erwerben, Klingeltöne für Mobiltelefone pfeifen seine Songs von den Dächern, er tritt in Talkshows auf und wird von kleinen Kindern auf der Straße wegen seines neuen Videos angesprochen. So was nennt man wohl ein Phänomen. Man könnte es aber auch einfach als wunderbar bezeichnen.

St. Thomas, ein Name wie eine Autobahnkirche. Eine moderne Pilgerstätte. Und ich bin auf dem Weg dorthin. In meinem Kopf: battle of the Ohrwürmer. Es kämpfen zwei Songs darum, von mir gesummt zu werden. Und, welcher Zufall, beide sind von diesem St. Thomas.

Der Sieger wechselt im Zwei-Minuten-Takt, wobei ich die beiden Kontrahenten nahtlos ineinander summe. Vom Text habe ich nicht viel behalten, aber ich muss die Instrumente ja auch noch mitsummen, da kommt sich zwangsläufig was ins Gehege! Ich rede hier von einer Art Infektion. Dauernd schwirrt mir diese komische Stimme durchs Gehirn, dieser seltsame Gesang, den Thomas Hansen draufhat. Eine Mischung aus Volks- und Kinderlied, gewöhnungsbedürftig, aber immer catchy und auf den Punkt. Warum singt der so? Der gut gekleidete Wonderboy, brauner Anzug, Krawatte, hellblaues Bob-Dylan-Badge, gibt gerne Auskunft: \"Ich will, dass man meine Lieder mitsingen kann, die Songs sollen catchy sein, meine Stimme sehe ich dabei eher als humoristisches Element. So habe ich als Kind schon immer vor mich hin gesungen. Wenn ich in Norwegen auftrete, hat das Partycharakter, alle trinken Bier und singen mit. Meine Musik ist sehr einladend und offen, man soll sich aufeinander einlassen können.\"

Die neue Platte hat St. Thomas mit Musikern der lebenden Legende Lambchop aufgenommen, die er auf einer gemeinsamen Tour (ein perfektes Billing übrigens) kennen lernte und mit denen er, gegenläufig zu den mir an der Kaffeetafel von Klatschtante Volkmann überlieferten Gerüchten, freundschaftlich verbunden ist. Die Songs selbst entstanden aber andernorts. Nämlich in Berlin. Da hat St. Thomas ein Jahr lang gelebt, und er muss die Zeit wohl sehr genossen haben, wenn man sich die Platte so anhört, auf der sich nach Angaben des Künstlers einige stark Spacecake-beeinflusste Songs befinden. \"Die neue Platte ist sehr optimistisch, weil ich in Berlin ein neues Lebensgefühl kennen lernen konnte. Man bekommt den Eindruck, dass dort niemand ans Arbeiten denkt. Es war mehr oder weniger eine einzige Party. Diese Unbeschwertheit ist es, die ich ausdrücken wollte.\"

Ein Song allerdings, \"Institution\", passt nicht wirklich zu den anderen und offenbart Hansens schwere Kindheit, in der er mit seiner Schwester, wohl zur Entlastung der Eltern, jeden Sommer in einer Art Krankenhaus untergebracht wurde. Ich erwähne das, weil es auch zum Image des Künstlers gehört, ein wenig verhaltensgestört zu sein, was auch das Video zu \"Long Long Time\" aufgreift, in dem St. Thomas sich in einer Art Gummizelle befindet, umgeben von, in Tierkostüme gehüllten, Bandmitgliedern, die in den endlosen Gängen einer Anstalt Verstecken spielen. \"In dem Video kann man auch sehen, wie ich zu meiner Musik tanze. Ich tanze ziemlich seltsam, glaube ich. Es ist ein bisschen wie Kinderprogramm. Die Kinder in Norwegen lieben es deswegen.\"

Betrachtet man das Video, bekommt man ein Gefühl dafür, dass St. Thomas' Performances etwas sehr Besonderes sein müssen, eine Art G.G. Allin in lieb kommt einem in den Sinn. Ein Künstler, der die Anstrengung riskiert, alles von sich zu präsentieren, auch auf die Gefahr hin, dass man ihn für bescheuert erklärt. Und nur solche Leute gehören wirklich auf eine Bühne.



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aus Intro #106 (Juni 2003)
 
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