Michael Franti

Barfuss nach Bagdad

22.05.2003, 17:43, Text: Hannes Loh, Hannes Loh

Beatniks, Disposable Heroes Of Hiphoprisy, Spearhead. Und jetzt \\"Everyone Deserves Music\\", das neue Album von Michael Franti \\"and his band Spearhead\\". Franti ist kein klassischer HipHop-MC mehr, aber er hat sich eine gewisse Rapper-Egozentrik bewahrt. Im Band-Format wird daraus der dirigierende Gockel, der mit Pathos und viel Gehabe im Mittelpunkt stehen will. Seit fünf Jahren läuft Franti jetzt barfuß durch die Gegend. Ich habe ihn nicht gefragt, warum. Ich bin mir nämlich sicher, dass er es nur tut, um originell zu sein. Das ist die eine Seite. Auf der anderen steht ein Künstler, unermüdlich in seiner Schaffenskraft und seinem Engagement.

Seitdem Franti Texte schreibt, spricht er Themen an, mit denen er sich einen bequemen Platz im Mainstream versaut: \\"Television The Drug Of The Nation\\", AIDS, Polizeigewalt, Todesstrafe etc. Dazu sieht man den Mann auch noch auf jeder Demonstration, und seit zwei Monaten ist seine Band Spearhead sogar ein Fall fürs FBI. In Zivil liefen die Beamten bei der Mutter eines Bandmitglieds auf, nahmen sie ins Verhör und beschlagnahmten die Plattensammlung ihres Sohnes.

Mit \\"Bomb Da World\\" lieferten Spearhead schon im letzten Jahr einen Anti-War-Track, der auf der Homepage der Band zum Downloaden angeboten wurde und der seit dem Angriff der USA auf den Irak bei den alternativen Radioshows der USA rauf und runter läuft. Ob Soli-Konzert oder Unterstützung von NGOs - der barfüßige Franti meint es ernst mit seinem kritischen Blick auf die Welt. Kein Hippie-Gelaber, sondern maximaler Support alternativer Strukturen. Selbst wenn da zum Schluss nicht viel Geld für die eigene Rente bleibt.

Eine Frage zu dem Titel deines neuen Albums \\"Everyone Deserves Music\\": Verdient wirklich jeder Musik? Auch ein Riesenarsch wie George W.?

Du glaubst es vielleicht nicht, aber er war derjenige, der mich zu diesem Album-Titel inspiriert hat. Nach dem 11. September sagte Bush: Wir sind eine Nation voller Mitgefühl, aber nur für diejenigen, die nett zu uns sind. Das ist natürlich lächerlich. Es ist sogar das Gegenteil von dem, was Mitgefühl ausmacht. Mitfühlend bist du, wenn du Liebe zu dir selbst gefunden und begriffen hast, dass dieselbe Liebe allen anderen Menschen auch gebührt. Ich glaube, dass jeder Musik verdient, weil ich glaube, dass Musik die Fähigkeit hat, Menschen zu heilen. Und jeder verdient es, durch Musik geheilt zu werden. Selbst George W. Bush.

Meinst du nicht, dass der privat ganz furchtbare Musik hört? Was, glaubst du, würde die Formation The G.W. Allstars für Musik spielen? Sagen wir Bush (vocals), Colin (bass), Rumsfeld (drums), Cheney (guitar) und Rice (backings)?

Ach du Scheiße ...

Vielleicht negativ Hatecore?

Nein, ich glaube, sie würden eine propagandistisch sehr ausgefeilte Musik machen. Texte, in denen sie sagen würden, dass alles bestens ist. Und dann würden sie hinter deinem Rücken die krassen Dinge abziehen.

Also vielleicht musikalisch eher so im Country-Style?

Nein, ich glaube, es wäre so ein glattes Light-Rock-Format.

Bist du eigentlich überrascht, dass dich nach über zehn Jahren immer noch Leute auf die Disposable Heroes ansprechen?

Es überrascht mich schon. Aber unser Disposable-Album war sehr unique; es ging dort übrigens vor allem um den ersten Golfkrieg. Und jetzt treffen wir uns hier, zwölf Jahre später, und der zweite hat gerade begonnen. Ich habe das Album letzte Woche noch gehört. Du kannst es heute im Radio spielen. Es hat die gleiche Aktualität wie damals.

Auf mich wirkt dein neues Album sehr ruhig, demütig, fast religiös.

Ich folge keiner Religion, aber es ist Spiritualität, die mir sehr wichtig ist. Auf meinen Tourneen um die ganze Welt habe ich so viele Leute kennen gelernt, die in soziale und politische Kämpfe involviert sind, Leute, die gegen den Krieg kämpfen, gegen die Todesstrafe, gegen Polizei-Terror usw. In diesen Kämpfen kommt man oft zu einem Punkt, wo man nicht mehr kann, wo man keine Energie mehr hat. Mit diesem Album möchte ich den Leuten einen Sinn geben, weiterzumachen.

Irgendwie featurest du aber immer nur exklusiv positive Gefühle. Was ist denn mit der dunklen Seite, mit Hass, mit Wut, Zorn, Verzweiflung? Was ist mit dem \\"California Über Alles\\"-Feeling?

Es steckt schon ein wenig in den Lyrics. Aber ich will eben keine Musik machen, die nur zornig ist. Ich will den Leuten aufhelfen, sodass sie ihren Nachbarn in die Augen sehen können und Mitgefühl für sie bekommen. Außerdem lebe ich schon in einem Land, das voll ist mit Hass, Frustration, Angst und Zorn. Meine Musik ist ein Gegengewicht dazu.

Wie wichtig ist dabei ein Gefühl für Humor?

Es ist super wichtig! Es ist mit das wichtigste!

Auf deinem neuen Album kann man eine Nähe feststellen zu Künstlern wie Ben Harper oder dem frühen Lenny Kravitz.

Ich mag beide sehr gerne, und als wir mit Spearhead angefangen haben, sind wir mit Ben Harper und den Fugees über sechs Monate getourt. Ben und ich kennen uns schon sehr lange, und wir haben uns auch gegenseitig beeinflusst - trotz der eigenen Wege, die wir gegangen sind. Auf dieser Platte gibt es z. B. mehr Gitarre als sonst. Ich habe noch nie so viele Rockelemente genutzt wie für \\"Everyone Deserves Music\\".

Man hat den Eindruck, dass du dich von einem mehr an HipHop und Spoken-Word orientierten Künstler hin zu einem klassischen Songwriter entwickelt hast.

Das ist kein falscher Eindruck. In den letzten Jahren hab ich mich in die klassische Form des Pop-Songs verliebt. Ich bewundere die Meister des Pop-Songs wie Bob Marley, Kurt Cobain oder die Beatles. Das sind Leute, die sehr treffend und eloquent Dinge in einem Zeitrahmen von dreieinhalb Minuten ausdrücken können. Das ist eine Form, mit der ich mich in der Vergangenheit nie richtig beschäftigt habe. Ich habe mich in diese Form verliebt und übe mich darin, sie zu beherrschen.



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aus Intro #106 (Juni 2003)
 
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