Yeah Yeah Yeahs

Fever To Tell

14.04.2003, 18:04, Text: Kerstin Grether, Kerstin Grether
[6 Kommentare]

Karen, Oh, Oh, Karen. Der erste Impuls, den die CD auslöst, ist: \"Yeah!\" zu rufen, \"Yeah\" auf den Bildschirm zu schreiben, und dann noch mal: \"Yeah\" - denn sie hat ein Fieber zu erzählen. Selten war ein Name so bezeichnend für das Programm einer Band. \"Yeah Yeah Yeahs\" klingt nach vollen Pop-Referenzen und gleichzeitig total leer - und man fragt sich, warum wohl vorher noch keiner auf die Idee gekommen ist, seine Band so zu nennen. Mitte der 80er gab's mal die Yeah Yeah Nohs aus England: Eine schrabbelige Noise-Pop-Band, die sich indie-verkniffen die ganze aufkommende Freude gleich wieder verbieten musste, wie man das halt so von kritischen Lad-Bands kennt.

Aber jetzt sind ja die Yeah Yeah Yeahs da, um den Rock'n'Roll zu retten - auch wenn sie gar keinen Bock haben, irgendetwas zu retten, außer den Abend, oder die gute Laune.

Hier, nimm erst mal eine Dosis Fieber. Denn je länger der Abend und je genauer man Karen O und den Jungs zuhört, desto logischer kommt man zu dem übertriebenen Schluss: Sie befinden sich dauerhaft in einem anderen Zustand als der Rest der Menschheit. Auf der Stelle möchte man auch so draufkommen. So durchdrungen von positiver Aggressions-Energie, die aber immer schon übergeschnappt und over the top bei Spaß, Geilheit und In-die-Luft-springen-vor-Freude angekommen ist. Die Art von Musik, die einem klar macht, dass Musik die tollste Droge von allen sein kann.

Noch vor einem Jahr haben die Yeah Yeah Yeahs in Schuhkartons und Mauselöchern gespielt. War denen egal, die wollten immer nur auf die Bühne rauf und einen Spaß haben, der sie selber überrumpelt. Jetzt sind sie on top of a new hype, der da heißt: scheiß auf Hype, scheiß auf Ikea-Rock, auf all die Kompromiss-Formeln für ein im Sinne der Marktwirtschaft gelungenes Dasein. Wenn die Marktwirtschaft immer schlechter funktioniert, muss auch das Funktionieren andere Formen annehmen. Vor gar nicht langer Zeit war das noch anders. Für alles ab Mittelschicht gab es Coldplay und Travis, für die drunter entweder uncodierten Rock'n'Roll oder NuMetal, jetzt mal in terms of rock gesprochen. Als könnte man auf die Wahrheit der tief drinnen gefühlten Verzweiflung auch einfach verzichten. Wäre ja auch besser, fürs Funktionieren aller gegen alle oder so. Aber, es musste ja so kommen: Rock ist wieder auferstanden, und er riecht nicht mal komisch, einigermaßen parfümiert sogar - vor allem natürlich, wenn er in Form eines modischen Energy&Fashion-Victims daherkommt.

Karen O ist die Rocksängerin, auf die ich gewartet habe, seit Courtney Love nur noch mir und meinen drei Freundinnen Spaß macht. Und was macht es da, dass die Welt weiterhin so schlecht ist wie vorher? Wenn man das Radio anschaltet, kann man jetzt öfters The Libertines, The Hives, The Strokes hören - man kann überhaupt mal wieder Rockmusik hören, und am meisten mag ich natürlich The White Stripes und eben jetzt die Yeah Yeah Yeahs. Es liegt daran, dass ich der Meinung bin, dass Sex und Rock'n'Roll mit Männern UND Frauen zu tun hat: Androgynität ist keine Frage von stylisher Erneuerung, sondern eine Entscheidung für etwas Soziales, das auch nur im Sozialen funktioniert. Aber zurück zur Zukunft des Rock'n'Roll: Schon verrückt, dass auf jeden Trend sofort ein Backlash folgt und umgekehrt, man aber trotzdem das Gefühl hat, dass alles zu seiner Zeit kommt. Denn man kann 2Raumwohnung nur Recht geben, wenn sie in einem Song, der nach einem Werbeslogan klingt, vielleicht so klingen muss, behaupten: \"Apokalypse, auf die ist kein Verlass - morgen stehn bei uns noch alle Bäume, und leise wächst das Gras.\" Verlass dich nicht auf die Apokalypse: Irgendwo gibt's immer irgendwelche, die die Hoffnung für sich gepachtet haben. Aber verlass dich auch nicht auf die Hoffnung - eine Lehre vielleicht, die man daraus ziehen könnte.

Bei den Yeah Yeah Yeahs wächst das Gras mittlerweile gar nicht mehr leise, sondern sehr sehr laut, und die eine oder andere Apokalypse könnten sie wahrscheinlich sogar ganz gut verkraften. Die Bombe fällt, und die Yeah Yeah Yeahs nehmen es freundlich zur Kenntnis und hüpfen einfach weiter auf ihren Trampolinen oder auf der Bühne herum; wenn die schlechte Laune ihnen einflüstert, dass nichts mehr kommen wird, drehen sie erst richtig auf. Und sie drehen viel durch und auf auf ihrem schönen Debüt-Album \"Fever To Tell\".

Ich glaube, das ist Rockmusik für Leute, die echt keine Rockmusik mehr hören - also genau das Richtige für mich. Denn das Schönste an \"Fever To Tell\" ist die ausgelassene Stimmung, exile in excitement! Ich versuch es also mal ohne die Reizworte New Wave Garage Revival und sage dazu lieber so was wie: ticky tricky einleuchtender Eklektizismus. Oder schreibe einfach alle Adjektive ab, die der NME für die Yeah Yeah Yeahs gefunden hat, auch wenn ich bei manchen gar nicht weiß, was sie auf Deutsch heißen. Aber: giddy und gutsy sind die Yeah Yeah Yeahs ja wohl schon. So was von giddy und gutsy. Man kann gar nicht fassen, wie sie diesen Sound zu dritt hinkriegen. Aber sie hatten ja auch diesen tollen Produzenten Alan Moulder of JJ72-, Ash- und Marilyn-Manson-Fame. Der Typ hat goldene Ohren, sagt Nick über ihn. Er dürfte diesen durchgeknallten New Yorkern den nötigen Schliff gegeben haben, um das ganze Ding auf Glamour- und Rock-Touren zu bringen. Aber auch Gitarrist Nick hat sicherlich Zauberhände, denn er bringt die Gitarren so perfekt zum Überschnappen. Und zusätzlich haben die Yeah Yeah Yeahs einen Groove-Jet als Schlagzeuger. Mit einem groovenden Schlagzeug kann man sich den ganzen Dancefloor sparen und trotzdem auf den Dancefloor hüpfen.

Und habe ich es schon erwähnt? Sie haben eine Sängerin, die sich die Zukunft des Rock'n'Roll ins Gesicht geschmiert hat - Karen O nimmt es nicht so genau mit dem Dezent-Auftragen des Lippenstifts. Und sie verbreitet auch mehr Sexualität als die meisten anderen sexy Sängerinnen, denn sie macht so tolle Dinge mit ihrer Stimme. Kiekst Lustschreie, nimmt Bögen, überspannt Spannungen, irgendwo zwischen come-on and cum-shot.

Wenn Pop das ist, was die Welt von ihrer Last erlöst, dann sind die Yeah Yeah Yeahs Pop. Sie erlösen uns alle von der angestrengten Pseudo-Sexiness des modernen Pop. Karen O klingt wie Sex unter der Dusche. Aber sie klingt auch nach einem billigen Parfum - ganz teuer versprüht und all over the body. Als dürfte man nur nie genauer darüber nachdenken, was man da eigentlich tut. Denn diese Musik ist schmutzig und glamourös zu selben Zeit, wobei sich Schmutz und Glamour genau andersrum zusammenfügt wie beim R'n'B. Sex nicht als Ich-hab-trainiert-belohn-mich-dafür-Ding, sondern als Energie, mit der man durchs Leben kommt, und der Glamour stellt sich dann von alleine ein - was natürlich auch eine Illusion ist, aber immerhin mal zur Abwechslung die Illusion des Spontanen, wenn auch dieses Album trotz allem ein Kunstwerk und kein Spontanfick ist. Aber es versorgt uns mit der Utopie des schnelleren, tieferen, dunkleren Fühlens und Seins.

Wie man hört, spuckt Karen O auf die Bühne bei ihren Gigs oder tanzt wie besessen. Und man hört ihr an, dass sie sich die Transzendenz nicht nehmen lässt, dass sie sich nicht andauernd bewusst macht, dass sie angeschaut wird usw. So frei können die modernen Frauen nicht sein, wenn Karen O so eine Ausnahmeerscheinung ist, mit ihrer freien Lustschrei-Stimme. Nun könnte man natürlich sagen: Das hat es alles schon mal gegeben: Jon Spencer Blues Explosion, Cramps, Boss Hogg etc. In dieser Tradition sehen sich die Yeah Yeah Yeahs auch. Aber das ändert nichts daran, dass wir immer noch in einer Kultur leben, in der Frauen beigebracht wird, Kontrollverlust als Schande zu empfinden, don't lose yourself, little girl, du könntest es bereuen. Und das ständige Hunger-Gebot perpetuiert diesen Zustand natürlich. Dafür und dagegen wurde die Rockmusik erfunden. Das ist der grundlegende Unterschied zu Pop und Dancefloor. (Jetzt mal HipHop ausgenommen, bleiben wir mal bei der weißen Vorstadt-Welt.) Denn Pop und Dancefloor zeigen, welche Möglichkeiten Jungs und Mädchen innerhalb des patriarchalischen Wertesystems haben - und das sind ja nicht wenige. Aber Rock hat immer noch die Kraft, so richtig geil sexistisch und so richtig geil anti-sexistisch zu agieren, um es mal neutral zu formulieren. Rock hat die Kraft zu zeigen, wie es wäre, wenn man den Schlampen echt mal alles wegnehmen und verbieten könnte, was einem nicht in den Kram passt, aber auf der anderen Seite eben auch, was eigentlich los wäre, wenn Frauen gar keine fadenscheinigen Regeln mehr auferlegt würden. Deshalb ist jede einzelne Frau in der Rockmusik für die Medien - und noch mehr natürlich für die Rock-Community - ein Politikum, während die ganzen Charts voll sein können mit tollen Sängerinnen, und keiner regt sich ernsthaft darüber auf oder verspricht sich davon eine politische Wirkung (die es aber sicherlich auch hat).

Aber zurück zu den Yeah Yeah Yeahs: Sie strahlen Selbstvergessenheit aus. Beim Hören fragt man sich: Dürfen die das? Darf Karen O das? So zu singen, als müsse sie Aggressionen ablassen, um zu lächeln? Haltet mich nicht für pathetisch, aber ich habe noch nie eine Sängerin gehört, die so singt wie Karen O. Da kommen doch die blöden Cramps und die Effekt heischerischen Boss Hogg nicht mit. Wie Karen O z. B. in \"Rich\" zehnmal hintereinander dasselbe Wort singt: \"Richrichrichrichrichrichrichrichrichrich.\" So wie Daisy Chainsaw, wenn die Sängerin bei Kräften wäre. Jedes \"Rich\" mit einem anderen Gefühl gegenüber dem \"Rich\" danach. Auch so, als würde sie das Reich-Sein zur Disposition stellen und es trotzdem genießen. Reich sind die Yeah Yeah Yeahs bislang nicht geworden. Sie haben wohl ganz schön viel Kohle von der Plattenfirma abgelehnt. Aber reich werden sie natürlich trotzdem, denn sie sind richtig und wichtig.

Außerdem hat Karen O schon Doppelgänger, die auf Konzerten dieselben Handschuhe wie sie tragen. Und Karen O sieht gut aus und kommt aus der richtigen Stadt. Und trotzdem spürt man irgendwie, dass die Engländer diese Band besser kapieren, und clickt automatisch auf die Reviews im NME, um sich über sie zu informieren.

\"Fever To Tell\" endet mit einem Song, der \"Modern Romance\" heißt und mit Pavement-Gitarren das Fieber auschillen lässt. Ein wunderschönes Liebeslied, verletzlich und wahr singt Karen ein fast verlegenes \"I love you\". Denn man hört ihr komischerweise alle Gefühle in der Stimme an, und trotzdem hat es noch etwas Konstruiertes, Künstliches.

Und mir fällt ein, dass irgendwer Mitte der 90er über Hole geschrieben hat, sie seien nicht nur die beste Rock'n'Roll-Band der Stunde, sondern die einzige überhaupt. Das könnte man auch über die Yeah Yeah Yeahs sagen.

(Polydor)



Artikel kommentieren
aus Intro #105 (Mai 2003)
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 
  • User: peix
  • peix 24.04.2003 | 14:25:26

    so blödes palaver kann wirklich nur hier stehen. weil retter des rochen'roll. weil gender-bla. weil rock für nicht-rocker. und dann auch noch courtney. au backe! kerstin, denk doch mal kim gordon. z.b. und hör mal wieder mehr rock.

  • norman 28.04.2003 | 23:14:38

    Im Gegensatz zum UhlmannGeschwafel und alles andere was Rock angeht, ist das ein cooler Artikel. Fans schreiben lassen kann also auch gut gehen. und ein bischen leidenschaft schadet der intro bestimmt nicht.

  • User: Reverend
  • Reverend 29.04.2003 | 09:49:45
    war immer aufrichtig
    Ich habe ein bisschen die naheliegenden Vergleiche mit der frühen PJ Harvey oder mit Patti Smith vermisst, aber ansonsten schließe ich mich an: Sehr schöner Artikel. Zu einer Super Platte.
    "Machine" ist zwar nicht auf dem Album, aber auf jeden Fall seit Äonen der beste versiffte Rocksong, zu dem man klasse tanzen kann.

  • Erzkanzler 29.04.2003 | 09:58:37

    Puh, dachte schon, jetzt geht hier die gleiche Debatte wie bei Madonna los - schöner Artikel, tolle Platte. Und ich finde es schön, wenn einem Rezensenten / einer Rezensentin vor lauter Begeisterung die Pferde durchgehen. Ich bekam eine Rezi mal mit dem Kommentar zurück: Zu enthusiastisch. Alberner Scheiß!

  • User: Reverend
  • Reverend 06.05.2003 | 19:55:35
    war immer aufrichtig
    "Date With The Night" ist wieder eine hervorragende Single. Tolle Band, großartige Frau.

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 

Platten vor Gericht: Highlights

Platten vor Gericht: Highlights

Die wichtigsten Alben des Monats - und die härteste Jury der Welt. Jetzt mitmachen! [...mehr].

 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]