HGH

Im Namen des Vaters

03.04.2003, 15:40, Text: Stephan Ossenkopp, Stephan Ossenkopp

Vor zwei Jahren trafen Hakon Gephardt und Martin Hagfors auf der Reeperbahn den Hafenprediger Father Seb, zu dessen Ehren sie nun ein Album [ihr insgesamt drittes] aufgenommen haben, und dessen Botschaften sie auf ihrer derzeit laufenden Tour verkünden wollen. Bei ihren Live-Auftritten sehen sie sich als eine \"Mischung aus Hank Williams und Kurt Weill\" (Martin Hagfors). Hakon Gephardt, der ansonsten Schlagzeug bei Motorpsycho spielt, kann bei HGH mit seinem Banjo und seiner Fahrradklingelorgel mal so richtig aus sich herausgehen: \"Wir sind wie zwei phantasierende Kinder.\"

Ein Abend mit HGH verspricht viele Lacher und eigenwillige Songs im Ragtime/Country-Stil.

Stephan Ossenkopp plauderte mit Martin und Hakon in einem kleinen Trondheimer Pub.

[Hakon Gebhardt = G / Martin Hagfors = M)

M: Weißt du, wir sind auf einer Mission.

Welche ist das?

M: Unsere Mission ist es, den Gospel des Father Seb zu verbreiten.

Father Seb ist nach euren Angaben euer spiritueller Führer. Was für spirituelle Botschaften hat er denn so in petto?

M: Es ist die universelle Botschaft von \"peace, love and happiness\". Eben der ewig selbe Mist, bloß in neuer Verpackung.

G: Er singt über so viele verschiedene Dinge, dass wir die Gesamtbotschaft auch noch nicht überblicken können. Wir wissen nicht, ob er katholisch ist oder ob überhaupt Priester ist. Vielleicht hat er einen Plan, uns für seine Zwecke einzuspannen. Aber wir vertrauen ihm und helfen ihm, wo es nur geht.

M: Wir mögen ihn und machen alles mit. Es ist wie mit den Moonies von diesem Koreaner Sun Myung Moon. Obwohl, ganz so ist es auch wieder nicht. Father Seb ist unser geistlicher Führer, aber er hält keine Massenpredigten.

G: Ich hat uns vermutlich missverstanden, als wir ihn das erste Mal trafen. Wir haben ihn auf der Reeperbahn kennen gelernt, wo wir eine Releaseparty am 24. Januar 2001 machten. Wir spielten in der Prinzenbar, einem unglaublichen Ort. Wir haben uns ziemlich betrunken in jener Nacht, hatten später Hunger und wollten uns einen Kebab holen, fanden aber nicht mehr zum Club zurück. Wir hatten uns total verfranst und suchten uns dann einen Platz zum Pennen. Und jetzt kommt Father Seb ins Spiel. Er hat so ein kleines Hotel in Hafennähe geführt. Er nahm sich unser an und bewirtete uns mit Essen und Wein die ganze Nacht lang. Am nächsten Tag mussten wir nach Berlin, waren aber noch ziemlich verkatert und konnten nicht Autofahren. Wir baten ihn, uns nach Berlin zu fahren. Wir schliefen dann im Bandbus während er seine Messages herunterbetete und dachte, dass wir ihm zuhörten. So fing unsere Freundschaft an. Er fasste Vertrauen zu uns und erzählte uns von seinem Leben als Priester auf Schiffen und in Häfen überall in der Welt.

Eine Art Wanderprediger?

M: Ja. Ich weiß nicht, ob er wirklich jemals ordiniert worden ist. Es ist wahrscheinlich Freiberufler wie du. Im Augenblick ist er in Norditalien und macht Pizza. Er kommt aber irgendwann zurück.

Hat er euren Glauben gestärkt? Und was ist euer eigentlicher Glaube? Seid ihr religiös erzogen worden?

G: Ich bin katholisch aufgewachsen, was für Norwegen eher unnormal ist. Ich habe aber seit Jahren kein Verhältnis mehr dazu, war also einige Jahre eher \"antispirituell\".

M: Oh nein, ich war eigentlich immer \"prospirituell\".

G: Ach was.

M: Ich finde es immer interessant und eindrucksvoll. Ich habe eine ganze Menge Sachen in der Richtung ausprobiert. Ich war bei den Baptisten, wo sie mit dem Heiligen Geist sprechen, ich war bei Ananda Marga, einer kleinen Sekte. Alle haben eine andere Art, die Welt und die Schöpfung zu betrachten. Sehr interessantes Zeug.

M: Father Seb ist für uns ein lebender Heiliger. Ein Schutzheiliger für Musiker auf Wanderschaft, für Banjospieler, die unterwegs sind. Darum geht es auch in dem Song über ihn.

G: Als wir im Forum Enger in Bielefeld auftraten haben wir seinen Geburtstag gefeiert und anschließend bei viel Wein im Hotelzimmer den Song über ihn geschrieben. Father Seb bekam ein Tape, das er mit nach Hamburg nahm. Ein Jahr später hat er den Song auf CD gebrannt und uns erneut geschickt. Da haben wir sofort gemerkt, dass wir ihm zu Ehren ein ganzes Album machen müssen.

M: Uns da er ja ein Schutzheiliger fahrender Musiker ist, hatten wir die Idee, dass wir das Album während einer Tour aufnehmen, in verschiedenen Hotelzimmern.

Wie habt ihr nach den Gigs noch die Zeit und Kraft dazu?

M: Haben wir eigentlich nicht, aber wir haben es gemacht. Wir haben einfach nicht geschlafen. Wir haben einen kleinen Mischer, drei Mikrofone und diesen Taperekorder, der auch im Booklet abgebildet ist. Wir saßen uns gegenüber und spielten ziemlich leise, denn wir wollten keinen aufwecken. Deswegen haben wir mit Kopfhörern gespielt. Ein Mikro war im Badezimmer, damit wir ein bisschen mehr Raum in der Aufnahme hatten.

G: In meinem kleinen Heimstudio haben wir noch ein paar minimale Dinge hinzugefügt. Insgesamt haben wir aber nie mehr als vier Spuren benutzt.

Klingt schön minimalistisch.

M: Das erste Album haben wir nur mit einem einzigen Mikrofon aufgenommen in Mono. Wir waren damals drei Leute und haben um das Mikro herumgesessen. Das ist die ursprüngliche Art der Aufnahme. Beim zweiten Album hatte der dritte keine Zeit mehr und wir haben es zu zweit in Gephardts Wohnzimmer aufgenommen. Wir hatten wie gehabt die Monospur und fügten noch eine Overdubspur hinzu, also maximal zwei in dem Fall. Wir haben also eine Entwicklung von 1-Track über 2-Track bis zu 4-Track. Wir schießen also steil nach oben.

G: So wie die Beatles, als sie Sgt. Pepper´s aufgenommen haben.

Ich fühlte mich den Skiffle-Jazz erinnert, mit dem ich teilweise aufgewachsen bin, weil mein Vater in einer solchen Band gespielt hat. Wenn man sich kein Schlagzug leisten konnte, hat man eben auf einem Waschbrett herumgerasselt. Aus der Begrenzung entsteht eben oft Phantastisches.

M: Was die technischen Begrenzungen bei HGH angeht, hat das bei uns den Klang mitgeformt. Wir spielen beide sonst in Bands, die sich aktuelle moderne Studiotechnik leisten, aber wenn wir eine Platte so schnell aufnehmen wie wir es tun, dann formen die sich ergebenden Einschränkungen einen bestimmten Sound mit. Bei unseren Live-Performances können wir eine Menge theatralische Elemente einbringen. Wir sehen uns irgendwo in der Mitte zwischen Hank Williams und Kurt Weill. Es ist Country-Musik, aber von vielen verschiedenen Countries.

Was für Soundideen schweben euch für kommende Alben vor?

M: Dieses Album haben wir ja unterwegs in verschiedenen Hotelzimmern aufgenommen, wobei wir uns die Songs gesucht haben, die zu den jeweiligen Hotelzimmern passten. Eine weitere Idee wäre, an verschiedenen Orten aufzunehmen, wie beispielsweise der Straßenecke dort drüben. Oder bei einem Wasserfall oder im Wald oder in einem großen Gebäude. So würde jeder Song sein eigenes typisches Ambiente haben.

G: Eigentlich wollten wir das schon mit dieser so machen, mussten es aus Zeitgründen aber verschieben. Es sollte eigentlich auch eine Doppel-10\" werden, mit vier unterschiedlichen Seiten. Eine im Studio, eine unter Wasser, eine im Wald. Und für Seite vier hatten wir uns vorgenommen, dann keine Freunde mehr zu sein. Ich hätte auf dem linken Kanal aufgenommen und er auf dem rechten.

M: Wir wären beide in verschiedenen Studios und unterschiedlichen Räumen. So wie die Rolling Stones zehn Jahre lang zwar nicht miteinander gesprochen haben, aber trotzdem Alben aufgenommen haben, wo einer in Paris, der andere wiederum in New York war. Da wir ja Sinn für Humor haben dachten wir, dass das witzig sein würde. Ich könnte in einem Raum sein mit einem großen Klangvolumen, und er wäre in einem anderen Raum mit ganz anderen Klangeigenschaften. Beide würden wir denselben Song spielen, die aber aus unterschiedlichen Lautsprechern kommen.

G: Klingt nach einer guten Idee. Wir spielen auch gerne mit Klischees, die wir über andere Bands lesen und packen das in unsere Welt.

M: Die meisten unserer Texte sind so tragisch, dass wir all unseren Humor Drumherum brauchen, um nicht wir eine typisch depressive skandinavische Band zu klingen. Man muss eine Menge Selbstironie haben.

G: Wir gebrauchen Humor auch auf der Bühne, wobei wir viel reden und mit dem Publikum reden. Wenn wir die Songs einfach nur ernst herunterspielen würden, wäre es vielleicht nicht Besonderes, aber wir erzählen Geschichten zu den Songs, was die Texte und die darin vorkommenden Personen bedeuten. Die HGH-Society ist eine Welt für sich.

M: Eigentlich könnten wir eine dritte Person als Erzähler gebrauchen, die an der Seite sitzt und die jeweiligen Geschichten erzählt.

Erinnert mich an die Bänkelsänger…

G: Ja, daran lehnt sich as ein bisschen an. Wir sitzen oft nachts im Bett und können nicht schlafen, weil der Adrenalinspiegel noch so hoch ist, reden und erfinden Geschichten, kreieren Ideen und Personen, die in die Songs hineinkommen. Ein Mix aus Realität und Fiktion. Wir sind wie zwei phantasierende Kinder.

M: Für uns ist HGH eine Abladestelle für verrückte Ideen, die wir in unseren Bands nicht bringen können. Alles ist möglich.

G: Mit Motorpsycho ist alles viel ernster. Die Projekte sind größer und verschlingen viel mehr Geld. Ich schreibe aber eine Menge Material, dass überhaupt nicht zu Motorpsycho passen würde. Ich habe vor Jahren auch ein Solo-Album aufgenommen namens \"Gephardt plays with himself\" mit vielen naiven Instrumentals.

M: Sie haben ihn anschließend festgenommen, weil man dachte, es wäre der Soundtrack für einen Pornofilm.

G: Wir hatten eine Release-Party in einem kleinen Pub, und sie kamen und nahmen mich für eineinhalb Stunden mit. Dann haben sie mich zurückgefahren. Es war also nicht besonders dramatisch.

Über einen Song schreibt ihr, dass ihr euch nicht mehr daran erinnern könnt, dass ihr ihn überhaupt aufgenommen habt. Was ist denn da passiert?

M: Du weißt doch wie das auf Tour ist. Wir trinken gewöhnlich Wein während der Auftritte. Es muss sich also um eine dieser langen Nächte gehandelt haben. Wir können uns einfach nicht mehr dran erinnern. Manchmal finde ich Texte von mir und weiß nicht, wann ich die geschrieben haben soll. Ich identifiziere aber meine Handschrift. So ist da auch mit musikalischen Ideen. Ich habe stapelweise Kassetten und Ideen. An manche Aufnahmen erinnere ich mich und an manche nicht. Vielleicht waren wir im Halbschlaf. Wir sind während der Aufnahmen zu diesem Album oft eingepennt. Nach einer langen Fahrt und dem Gig haben wir oft erst gegen 2:30 Uhr angefangen aufzunehmen. Da fängt man dann an zu halluzinieren oder ist schon halb im Traumland.

G: Wenn du einfach nur schlafen willst, der Nachbar schon gegen die Wand donnert, der Take aber noch nicht der Beste war, dann muss man einfach weitermachen, denn man hat ja nicht umsonst das zeug aufgebaut. Man wartet bis sich alles beruhigt hat und macht weiter.



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